15.11.2007

Collin Benjamin über seine Reise nach Hamburg

»Du bist so lucky, Mann!«

Mit 21 brach Collin Benjamin sein Studium in Namibia ab und machte sich auf den Weg. Sein Ziel: Die Bundesliga. Im Gepäck hatte er nichts als die Telefonnummer eines Bekannten. Der erste Schritt eines erstaunlichen Weges.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago
Doch ohne Fußball ging es nicht. Sie sind dann bei dem Verbandsligisten Germania Schnelsen gelandet.

Ja, bei Schnelsen habe ich einige Spiele gemacht, das war ganz okay, aber auch nicht das, was ich mir erhofft hatte. Eigentlich wollte ich ja höher spielen. Ich wollte Profi werden. Doch eines Abends, als ich mich auf den Weg nach Hause machen wollte, hielt mich der Trainer fest und sagte: »Hey Collin, bleib noch ein bisschen in Hamburg, ich gehe nächste Saison zu einem Oberligisten und nehme dich mit.« Ich wollte mir das dann mal angucken.

Sie haben in der Oberliga für Rasensport Elmshorn gespielt, einem Klub aus dem »Hamburger Speckgürtel«. Waren Sie zu der Zeit immer noch der schmächtige Junge aus Namibia?


Nein, ich habe mehr trainiert, bin zusätzlich viel Fahrrad gefahren und habe ein bisschen Krafttraining gemacht. Meine Spielweise wurde etwas robuster. Und ich habe langsam realisiert, dass meine Karriere anläuft – auch wenn das nur kleine Schritte waren. Als wir dann mit Elmshorn gegen die favorisierte zweite Mannschaft des HSV spielten, war ich richtig gut drauf. Das Spiel endete 2:2, ich schoss ein Tor und bereitete das andere vor. Und Stephan Böger, der damals Trainer der zweiten HSV-Mannschaft war, meinte danach: »Hey, den Schwarzen dort, den will ich haben.«

Es hätte ja alles ganz anders kommen können. Sie waren nach den schlechten ersten Erfahrungen fast auf dem Rückflug.

Genau, wenn sich alles noch um zwei Wochen verschoben hätte, würde ich heute nicht beim HSV spielen, sondern vermutlich in Windhoek einen gewöhnlichen Job haben. Die Verbandsliga war zu deprimierend, jedenfalls für mich, der ja mit dem großen Ziel Bundesliga nach Deutschland gekommen war. Plötzlich hing ich den ganzen Tag in meiner 15-Quadratmeter-Wohnung rum und fieberte auf das Training am Abend hin. Und dann läufst du da ein bisschen umher, daddelst etwas mit dem Ball und nach dem Training steht eine Kiste Bier vor der Kabine. Und du denkst: »Das kann es doch nicht sein!«

Nachdem Stephan Böger Sie zum HSV geholt hatte, schafften Sie recht bald den Sprung in die erste Mannschaft. Erinnern Sie sich an Ihre ersten Begegnungen mit den gestandenen HSV-Profis?

Es war ähnlich wie in der Kabine vom FC St. Pauli. Beim HSV waren damals noch viele ältere Spieler. Vor mir war zuletzt Salihamidzic von den Amateuren zu den Profis gekommen - fünf Jahre zuvor. Insofern haben mich die gestandenen HSV-Spieler anfangs nicht wirklich ernst genommen. Als ich mein erstes Training absolvierte, zog ich mich in einer Kabine um, die für gewöhnlich den Probespielern zugedacht ist. Ich war der einzige in der Kabine, alle anderen Spieler saßen in der Hauptkabine, dort wo sich die Profis umziehen. Es war eine merkwürdige Situation, aber ich dachte: »Scheiß drauf, du bist jetzt so nah dran an der ersten Mannschaft, jetzt zieh bloß nicht den Schwanz ein.«

Die Spieler haben Sie ignoriert?

Nein, es war nur bei diesem ersten Training so. Es kamen dann ja auch einige, die mich begrüßten. Anfangs haben mir vor allem Bernd Hollerbach, Anthony Yeboah und Rodolfo Cardoso geholfen. Mit Rodolfo bin ich immer noch sehr gut befreundet. Und auch mit Sergej Barbarez – der war immer cool.

Kannten Sie den HSV eigentlich, als Sie noch in Namibia lebten?


Ganz ehrlich: Nicht gut. Ich war Dortmund-Fan. Gerade 1997, als sie die Champions League gewannen. Wir haben ja auch in Windhoek viel Bundesliga geguckt, der BVB war damals immer mein Team: Jürgen Kohler, Chapuisat, Ricken. Die fand ich super. Eine zeitlang bin ich sogar mit einem selbst gemalten BVB-Trikot durch die Straßen von Windhoek gerannt – hinten hatte ich Andi Möller drauf geschrieben, darunter die Nummer »10« gemalt.

Welche Vorstellungen hatten Sie damals von Deutschland?


Ich wusste vorher nur, dass es kalt ist. Und dass die Leute viel Bratwurst essen und gerne Bier trinken.

Hat sich das Bild bestätigt?


Na ja, schon, es wird gern Bratwurst gegessen. (lacht) Und auch oft viel Bier getrunken. Ich kenne ja auch einige Jungs, die in den diversen Hamburger Amateurmannschaften spielen, und wenn ich zu den Spielen gehe, dann esse ich auch eine Bratwurst. Das macht man einfach beim Fußball.

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