Collin Benjamin über seine Reise nach Hamburg

»Du bist so lucky, Mann!«

Mit 21 brach Collin Benjamin sein Studium in Namibia ab und machte sich auf den Weg. Sein Ziel: Die Bundesliga. Im Gepäck hatte er nichts als die Telefonnummer eines Bekannten. Der erste Schritt eines erstaunlichen Weges. Collin Benjamin über seine Reise nach HamburgImago

Collin Benjamin, wann träumten Sie zum ersten Mal davon, Fußballprofi zu werden?

Ich war zehn Jahre alt, wir wohnten in Katutura, einem ehemaligen Township in der namibischen Hauptstadt Windhoek. In diesen so genannten Townships lebten zu Zeiten der Apartheid nur Schwarze oder Mischlinge. Wir kickten damals auf der Straße, auf Bolzplätzen, oftmals ohne Schuhe. Eines Tages spielte eine U12-Mannschaft in der Nähe unserer Schule, ich saß am Rand und schaute zu. Nach dem Spiel bin ich zum Trainer der Mannschaft gegangen und fragte ihn, ob ich mal mittrainieren könnte – einfach so. Und er lud mich ein. Ich war wohl ganz gut und durfte auch weiterhin mitmachen.

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Ein jähes Ende der Straßenfußballerzeit...


Nein, nein. Meine Jungs und ich spielten auch weiterhin auf der Straße. Doch als ich in dieser U12-Mannschaft spielte, wusste ich, dass ich irgendwann im Ausland spielen werde. Nun, zumindest hoffte ich es. Wir fuhren mit der Mannschaft noch im Sommer nach Südafrika. In Durban fand ein kleines Turnier für Nachwuchsmannschaften statt. Ich war vollkommen aus dem Häuschen: Meine erste große Reise, und all das wegen Fußball. Ich spann den Traum immer weiter. Und ich sah diese ganzen afrikanischen Fußballer, die in Europa ihr Geld verdienten. Vielleicht, dachte ich mir, vielleicht wirst du eines Tages genauso sein, und vielleicht wirst du wieder weggehen – für den Fußball.

Und so kam es ja auch. Sie sind 1999, mit 21 Jahren, nach Deutschland gegangen. War das eine Fahrt ins Ungewisse?


Absolut. Doch ich hegte ja schon immer den Wunsch, nach Europa zu gehen. Ich wartete nur die ganzen Jahre auf die passende Gelegenheit. Als ich mit der Schule fertig war, dachte ich mir, dass die große Chance bald kommen würde. Doch sie kam nicht, genauso wenig die Scouts. Nach Namibia kommt einfach niemand. Das Land ist einfach viel zu klein, im Fußball zu unwichtig. Ich schrieb mich an der Universität ein und fing an, BWL zu studieren. In den Semesterferien 1999 fasste ich dann den Entschluss, nach Deutschland zu reisen. Ein Bekannter aus Namibia gab mir noch den Kontakt zu einem Mann aus Hamburg. Er sagte zu mir: »Du kannst natürlich auch nach München gehen, doch da kenne ich niemanden, versuch es lieber mal in Hamburg.«

Und Sie haben Ihr Studium geschmissen?

Ja. Als ich meinen Eltern sagte, dass ich nach Deutschland gehen wollte, waren sie nicht sehr erfreut. Die hofften natürlich, dass ich zu Ende studiere. Doch für mich war die Sache damals klar: Mein Geist wird nicht so schnell altern wie mein Körper. Wenn es eine Chance gibt, Fußballprofi zu werden, dann ist sie jetzt. Ich wollte versuchen, sie zu nutzen.

Sie hatten also Angst, Ihr ganzes Leben über verpasste Chancen nachzudenken?

Genau so war es. Dann hätte ich mir ständig diese »Wenn«-Frage gestellt: »Was wäre wohl passiert, wenn ich nach Deutschland gegangen wäre?« Ich wollte wenigstens sagen können: »Collin, Du hast es versucht!« Und wenn es nicht geklappt hätte, wäre ich halt wieder zurückgegangen und hätte zu Ende studiert.

Sie haben dann in Hamburg Ihren Kontaktmann Heinz-Josef Franken getroffen, der als PR-Manager arbeitete. Wie wichtig war diese Begegnung?

Sehr wichtig. Joe hat unglaublich viel für mich getan. Ich habe zunächst bei ihm gewohnt. Währenddessen hat er mir einige Probetrainings bei Regionalligaclubs vermittelt, in Norderstedt und auch beim FC St. Pauli.

An den FC St. Pauli haben Sie ja nicht die besten Erinnerungen...

Richtig. Ich kam in die Kabine und – Totenstille. Alle guckten mich an, ich grüßte nett und niemand grüßte zurück. Ich dachte mir noch: »Scheiße, wo bist du denn hier gelandet?« Doch ich kam mit einigen Spielern auch ganz gut aus. Etwa mit Berkan Algan, der ja auch lange bei Altona 93 spielte. Heute hat er in Altona eine Bar, wo man Fußball gucken kann. Er hat sich wirklich um mich gekümmert. Das fand ich richtig stark, deswegen sind wir auch heute noch befreundet.

Lief es in Norderstedt besser?


Nein. Anfangs war es ganz schwierig für mich. Ich habe 70 Kilo gewogen, war echt ein schmächtiges Kerlchen. Und dann kam ich bei diesen Probetrainings an und da waren alle schneller und kräftiger. Zunächst habe ich resigniert und mir gedacht, das war sie, die Chance. Und du hast sie verpasst. Ich hatte noch drei weitere Wochen Semesterferien und wollte die Zeit in Hamburg einfach so genießen – ohne Fußball.

Doch ohne Fußball ging es nicht. Sie sind dann bei dem Verbandsligisten Germania Schnelsen gelandet.

Ja, bei Schnelsen habe ich einige Spiele gemacht, das war ganz okay, aber auch nicht das, was ich mir erhofft hatte. Eigentlich wollte ich ja höher spielen. Ich wollte Profi werden. Doch eines Abends, als ich mich auf den Weg nach Hause machen wollte, hielt mich der Trainer fest und sagte: »Hey Collin, bleib noch ein bisschen in Hamburg, ich gehe nächste Saison zu einem Oberligisten und nehme dich mit.« Ich wollte mir das dann mal angucken.

Sie haben in der Oberliga für Rasensport Elmshorn gespielt, einem Klub aus dem »Hamburger Speckgürtel«. Waren Sie zu der Zeit immer noch der schmächtige Junge aus Namibia?


Nein, ich habe mehr trainiert, bin zusätzlich viel Fahrrad gefahren und habe ein bisschen Krafttraining gemacht. Meine Spielweise wurde etwas robuster. Und ich habe langsam realisiert, dass meine Karriere anläuft – auch wenn das nur kleine Schritte waren. Als wir dann mit Elmshorn gegen die favorisierte zweite Mannschaft des HSV spielten, war ich richtig gut drauf. Das Spiel endete 2:2, ich schoss ein Tor und bereitete das andere vor. Und Stephan Böger, der damals Trainer der zweiten HSV-Mannschaft war, meinte danach: »Hey, den Schwarzen dort, den will ich haben.«

Es hätte ja alles ganz anders kommen können. Sie waren nach den schlechten ersten Erfahrungen fast auf dem Rückflug.

Genau, wenn sich alles noch um zwei Wochen verschoben hätte, würde ich heute nicht beim HSV spielen, sondern vermutlich in Windhoek einen gewöhnlichen Job haben. Die Verbandsliga war zu deprimierend, jedenfalls für mich, der ja mit dem großen Ziel Bundesliga nach Deutschland gekommen war. Plötzlich hing ich den ganzen Tag in meiner 15-Quadratmeter-Wohnung rum und fieberte auf das Training am Abend hin. Und dann läufst du da ein bisschen umher, daddelst etwas mit dem Ball und nach dem Training steht eine Kiste Bier vor der Kabine. Und du denkst: »Das kann es doch nicht sein!«

Nachdem Stephan Böger Sie zum HSV geholt hatte, schafften Sie recht bald den Sprung in die erste Mannschaft. Erinnern Sie sich an Ihre ersten Begegnungen mit den gestandenen HSV-Profis?

Es war ähnlich wie in der Kabine vom FC St. Pauli. Beim HSV waren damals noch viele ältere Spieler. Vor mir war zuletzt Salihamidzic von den Amateuren zu den Profis gekommen - fünf Jahre zuvor. Insofern haben mich die gestandenen HSV-Spieler anfangs nicht wirklich ernst genommen. Als ich mein erstes Training absolvierte, zog ich mich in einer Kabine um, die für gewöhnlich den Probespielern zugedacht ist. Ich war der einzige in der Kabine, alle anderen Spieler saßen in der Hauptkabine, dort wo sich die Profis umziehen. Es war eine merkwürdige Situation, aber ich dachte: »Scheiß drauf, du bist jetzt so nah dran an der ersten Mannschaft, jetzt zieh bloß nicht den Schwanz ein.«

Die Spieler haben Sie ignoriert?

Nein, es war nur bei diesem ersten Training so. Es kamen dann ja auch einige, die mich begrüßten. Anfangs haben mir vor allem Bernd Hollerbach, Anthony Yeboah und Rodolfo Cardoso geholfen. Mit Rodolfo bin ich immer noch sehr gut befreundet. Und auch mit Sergej Barbarez – der war immer cool.

Kannten Sie den HSV eigentlich, als Sie noch in Namibia lebten?


Ganz ehrlich: Nicht gut. Ich war Dortmund-Fan. Gerade 1997, als sie die Champions League gewannen. Wir haben ja auch in Windhoek viel Bundesliga geguckt, der BVB war damals immer mein Team: Jürgen Kohler, Chapuisat, Ricken. Die fand ich super. Eine zeitlang bin ich sogar mit einem selbst gemalten BVB-Trikot durch die Straßen von Windhoek gerannt – hinten hatte ich Andi Möller drauf geschrieben, darunter die Nummer »10« gemalt.

Welche Vorstellungen hatten Sie damals von Deutschland?


Ich wusste vorher nur, dass es kalt ist. Und dass die Leute viel Bratwurst essen und gerne Bier trinken.

Hat sich das Bild bestätigt?


Na ja, schon, es wird gern Bratwurst gegessen. (lacht) Und auch oft viel Bier getrunken. Ich kenne ja auch einige Jungs, die in den diversen Hamburger Amateurmannschaften spielen, und wenn ich zu den Spielen gehe, dann esse ich auch eine Bratwurst. Das macht man einfach beim Fußball.

Sprechen wir über die aktuelle Situation beim HSV. Sie stehen momentan auf Platz 3, punktgleich mit Werder Bremen, einen Punkt hinter München. Ist der HSV wirklich der große Bayern-Jäger, zu dem er gemacht wird?

Ach, darüber mache ich mir nicht so viele Gedanken. Wir nehmen das, was die Presse dazu schreibt, auch nicht allzu ernst. Klar, momentan sind wir gut drauf, und natürlich versuchen wir die Form zu konservieren, doch jetzt von Meisterschaft und Bayern-Jäger zu reden, ist etwas voreilig. Wir haben ja erst 13 Spieltage hinter uns. Wir sehen die Tabelle als schöne Momentaufnahme. Nicht mehr und nicht weniger.

Gerade in einer Medienstadt wie Hamburg ist die Presse ja ständig präsent. Jubelt sie heute, verreißt sie in der nächsten Woche alles. Wie gehen Sie mit diesem ständigen Druck um?

Ich verstehe das eigentlich nicht als Druck. Aber natürlich gibt es einige Spieler, die solch mediale Stimmungsschwankungen schon verwirren – gerade junge ausländische Spieler, die können das vielleicht in den falschen Hals bekommen. Da ist man an dem einen Tag der Held, am nächsten der Depp. Die älteren und erfahrenen Spieler erklären den Jungs dann, dass man die Ruhe bewahren soll, dass man clever damit umgehen soll.

Wie gehen Sie eigentlich damit um, dass Sie nur selten in der Startelf stehen? Für einen Spieler, der stets hoch motiviert ist, muss es doch ernüchternd sein, wenn der Trainer einen nur ab und zu für die erste Elf berücksichtigt.

Ich bin glücklich, so wie es ist. Ich finde es schon außergewöhnlich, wie ich nach Deutschland gekommen bin. Ich ging nicht den Weg, den alle gehen, wurde nicht gescoutet oder ähnliches. Ich habe mein Schicksal selbst in die Hand genommen. Und dass ich damit so weit gekommen bin, das macht mich froh. Ich weiß, dass es ein Privileg ist, hier zu sein, es ist nicht selbstverständlich. Deshalb sauge ich hier alles auf, genieße jeden Moment, in dem ich bei der Mannschaft bin, egal ob ich spiele oder nicht. Und wenn ich dann eingewechselt werde oder auch mal von Anfang an spielen kann, dann gebe ich Gas. Aber richtig!

Huub Stevens ist ja ein Freund von Fußballern, die ehrliche Arbeit verrichten, er legt Wert auf Disziplin und wünscht sich ein schnörkelloses Spiel. Kommt Ihnen diese Einstellung entgegen?

Vielleicht. Auf mich kann er auf jeden Fall immer bauen – und ich glaube, das weiß er. Ich bin so einer, den man gemeinhin einen ehrlichen Arbeiter nennt. Ich will direkt ans Ziel, nicht über Dribblings, Übersteiger, Tricks, ich wähle immer den kürzesten Weg.

Als Spielzerstörer kann man Sie aber nicht bezeichnen, Sie spielen ja durchaus auch mal fürs Auge – vor allem jubeln Sie so. Ist Ihr Spiel eine Mischung aus harter Arbeit und leichtfüßiger Eleganz?

Ja, so würde ich das auch nennen. Vielleicht ist es auch so, dass ich die Freude, die ich an meinem Job habe, auch auf dem Spielfeld ausstrahle. Ich vergesse nie, dass ich einfach den geilsten Job habe. Die Jungs aus meinem Viertel sagen mir immer wieder: »Ey Collin, du bist so lucky, Mann! Du hast es geschafft, spielst in der Bundesliga.« Und es stimmt ja, ich muss mich manchmal schütteln, ich spiele in einer der besten Ligen der Welt. Doch ich habe die Bodenhaftung nicht verloren, ich habe immer noch meine Freunde aus dem Viertel. Wenn meine Jungs am Wochenende im Stadion sind oder auf der Tribüne, versuche ich ihnen etwas zurück zu geben, dann gibt es nach Toren auch mal die neueste Tanzeinlage, die wir zu Hause oder am Wochenende zuvor erfunden haben.

Sie sind ein klassischer Allrounder, der vor allem in der Defensive seine Qualitäten hat. Außer im Sturm und im Tor haben Sie beim HSV fast überall gespielt. Welche ist denn Ihre Lieblingsposition?

Gegen Berlin habe ich auf der »6« gespielt. Und ich muss zugeben, dass ich anfangs ein paar Probleme hatte. Aber diese Position liebe ich, man ist mitten drin im Geschehen, immer in Bewegung. Die letzten drei Jahre habe ich aber zumeist auf der Außenbahn gespielt. Die Position mag ich auch. Da kann man sich klammheimlich von hinten anschleichen, ohne dass die Gegner es merken und dann – zack – schießt man ein Tor. (lacht) Mir gefällt beides. In der namibischen Nationalmannschaft spiele ich übrigens Stürmer. Fast alle Qualifikationsrunden zum Afrika-Cup habe ich im Sturm gespielt.

Waren Sie erfolgreich?

Ich glaube, ich habe drei Tore gemacht.

Ende 2006 wurde Ihr Vertrag beim HSV zwischenzeitlich aufgelöst, um die Verpflichtung von Ailton zu ermöglichen, da zu diesem Zeitpunkt maximal vier Ausländer aus Nicht-UEFA-Ländern zugelassen waren. Haben Sie damals nicht überlegt, Hamburg zu verlassen?

Klar, da habe ich schon mal mit dem Gedanken gespielt. Auch in Zeiten, in denen es nicht so gut lief. Ich hatte ja auch große Probleme, als der Klaus Toppmöller in Hamburg war. Da habe ich schon gedacht, dass ein Tapetenwechsel vielleicht ganz gut täte. Doch ich verdanke dem HSV einfach alles. Auch bin ich mit meiner Familie hier heimisch geworden, meine Kinder sind hier geboren.

Was haben Sie denn gemacht, als Sie plötzlich ohne Vertrag da standen?

Ich habe viel Zeit mit meiner Tochter verbracht, die 2006 zu Welt kam. Und wir sind nach Namibia geflogen, und ich habe ein bisschen Zeit mit der Familie verbracht. Normalerweise bin ich ja nur vier Wochen pro Jahr zu Hause, zwei Wochen im Sommer und zwei im Winter. Als ich in Namibia war, habe ich wieder gesehen, dass die Leute dort Probleme haben, die man in Deutschland gar nicht kennt. Da gehst du durch die Dörfer und siehst Menschen, die ohne Strom und Wasser leben. Ich bin in der Zeit ein bisschen auf den Teppich zurückgeholt worden. Da habe ich wieder schätzen gelernt, was ich in Hamburg habe.

Wird in Deutschland zu viel genörgelt?

Vielleicht. Klar, ich kann mich nicht in die Lage eines Hartz IV-Empfängers hineinversetzen, doch ich denke immer: Es geht uns doch eigentlich gut in Deutschland. Richtig gut. In Afrika gibt es Menschen, die mit weniger als zehn Euro im Monat auskommen müssen.

Spürt man aufgrund dieser Ungleichheit in den afrikanischen Townships eigentlich eine stete Aversion gegen alles Europäische, gegen die ehemaligen Kolonialherren?


Natürlich bleibt da immer ein Rest Wut. Doch es ist nicht so stark, wie man denken könnte. Ich glaube, die Leute in Afrika sind bereit zur Versöhnung. Als ich geheiratet habe, lud ich zwei deutsche Freunde ein, nach Windhoek zu kommen. In Katutura konnten sie sich zu jeder Zeit frei bewegen, auch ohne mich. Die wurden von allen Einheimischen herzlich aufgenommen. Und die waren dann überrascht, wie herzlich und ungezwungen das bei uns zugeht. Auf unserer Hochzeit waren so viele Menschen, auch ganz viele, die ich gar nicht kannte. (lacht) Da guckt man nach links und dann nach rechts und überall sieht man bekannte und auch völlig fremde Gesichter. Da kamen einfach so viele Menschen, einfach weil sie sich so sehr über die Hochzeit gefreut haben. Ganz spontan standen die dann vor unserer Tür, und wir haben sie hereingelassen.

Als Sie in Deutschland ankamen, gab es plötzlich fixe Termine und strenge Gästelisten. Vermissen Sie manchmal diese Ungezwungenheit aus Ihrer Heimat?


Auf jeden Fall. In Deutschland hat man immer Pläne. In Deutschland gehe ich um acht Uhr zur Arbeit, und um zehn Uhr packe ich mein Brötchen aus, um zwölf Uhr ist Mittagspause. Es ist alles zeitlich geplant – das ganze Leben, jeder Schritt. Wenn mir ein Kumpel in Namibia sagt, dass wir uns um zehn Uhr treffen, dann ist er vielleicht um zehn Uhr da, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht geht er erst um zehn Uhr zu Hause los. Ich nehme es ihm nicht übel – ich rechne damit. In Deutschland ist es nicht so spontan. Wenn man plötzlich vor der Tür eines Kumpels steht, fragt der: Wieso hast du vorher nicht angerufen?

Wie ist es eigentlich, wenn Sie nach Windhoek zurückkommen? Erkennt man Sie auf der Straße?


Klar. Fußball ist ja die Sportart der Schwarzen, Rugby ist die der Weißen. Die Schwarzen sind aber in der Mehrheit, also ist es der beliebteste Sport. Und die Leute gucken natürlich die deutschen und englischen Ligen, die kennen viele europäische Spieler. Und die finden das total aufregend, wenn jemand aus ihrem Umfeld, aus ihrem Viertel in Europa spielt. Wenn ich nach Hause komme und auf der Straße einen Nachbarsjungen treffe, läuft das ungefähr so ab:

Er: Ey Collin, gib mir mal dein blaues Trikot und besorg mir das weiße Trikot von van der Vaart.

Beim nächsten Mal, steht er dann wieder vor mir, eine Handvoll Freunde im Schlepptau:

Er: Ey, wo ist mein Trikot?
Ich: Hä?
Er: Letztes Mal habe ich dich gefragt.
Ich: Und habe ich zugestimmt?
Er: Nein, aber du schuldest mir eins.


Und beim nächsten Mal begleichen Sie Ihre
»Schulden«?

Ja, ich bringe schon gelegentlich Trikots oder Schuhe mit. Die Jungs aus dem Viertel, die freuen sich riesig. Dass sie überhaupt Trikots anhaben... Und dann noch welche vom HSV. Das ist schon cool.

Und dann träumen die Kids – ähnlich wie Sie damals – von der Bundesliga, von 50.000 Fans im Stadion und der Reise ins ferne Europa.

Wahrscheinlich. Wissen Sie, ich habe zwar Vorbilder im Fußball – zum Beispiel Delron Buckley oder Benni Mc Carthy, die es ja beide aus Südafrika nach Europa geschafft haben. Aber mein größtes Vorbild ist kein Fußballer. Es ist der Basketballspieler Michael Jordan. Der kommt auch aus einfachen Verhältnissen und hat es nach ganz oben geschafft. Der hat sich nie zufrieden gegeben. Und genau so habe ich bis heute auch gelebt. Ich habe wie die Kids in Katutura immer diesen Wunsch und diesen Traum gehabt, es irgendwann zu schaffen. Als ich damals bei der U12-Mannschaft spielte, dachte ich: Vielleicht schaffst du es noch weiter, vielleicht spielst du irgendwann mal in einem richtigen Profiteam in Europa. Und dann bin mit 21 nach Deutschland und dachte: Vielleicht schaffst du es ja in die Regionalliga. Und dann war ich plötzlich beim HSV und dachte: Vielleicht spielst du mal zehn Minuten. Und das nächste Mal vielleicht 30 Minuten. Und dann hoffte ich, dass ich eines Tages mein 100. Bundesligaspiel absolvieren werde. Heute habe ich 105, doch ich lehne mich jetzt nicht zurück. Zufrieden will ich nicht sein.

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