15.11.2007

Collin Benjamin über seine Reise nach Hamburg

»Du bist so lucky, Mann!«

Mit 21 brach Collin Benjamin sein Studium in Namibia ab und machte sich auf den Weg. Sein Ziel: Die Bundesliga. Im Gepäck hatte er nichts als die Telefonnummer eines Bekannten. Der erste Schritt eines erstaunlichen Weges.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago
Collin Benjamin, wann träumten Sie zum ersten Mal davon, Fußballprofi zu werden?

Ich war zehn Jahre alt, wir wohnten in Katutura, einem ehemaligen Township in der namibischen Hauptstadt Windhoek. In diesen so genannten Townships lebten zu Zeiten der Apartheid nur Schwarze oder Mischlinge. Wir kickten damals auf der Straße, auf Bolzplätzen, oftmals ohne Schuhe. Eines Tages spielte eine U12-Mannschaft in der Nähe unserer Schule, ich saß am Rand und schaute zu. Nach dem Spiel bin ich zum Trainer der Mannschaft gegangen und fragte ihn, ob ich mal mittrainieren könnte – einfach so. Und er lud mich ein. Ich war wohl ganz gut und durfte auch weiterhin mitmachen.



Ein jähes Ende der Straßenfußballerzeit...


Nein, nein. Meine Jungs und ich spielten auch weiterhin auf der Straße. Doch als ich in dieser U12-Mannschaft spielte, wusste ich, dass ich irgendwann im Ausland spielen werde. Nun, zumindest hoffte ich es. Wir fuhren mit der Mannschaft noch im Sommer nach Südafrika. In Durban fand ein kleines Turnier für Nachwuchsmannschaften statt. Ich war vollkommen aus dem Häuschen: Meine erste große Reise, und all das wegen Fußball. Ich spann den Traum immer weiter. Und ich sah diese ganzen afrikanischen Fußballer, die in Europa ihr Geld verdienten. Vielleicht, dachte ich mir, vielleicht wirst du eines Tages genauso sein, und vielleicht wirst du wieder weggehen – für den Fußball.

Und so kam es ja auch. Sie sind 1999, mit 21 Jahren, nach Deutschland gegangen. War das eine Fahrt ins Ungewisse?


Absolut. Doch ich hegte ja schon immer den Wunsch, nach Europa zu gehen. Ich wartete nur die ganzen Jahre auf die passende Gelegenheit. Als ich mit der Schule fertig war, dachte ich mir, dass die große Chance bald kommen würde. Doch sie kam nicht, genauso wenig die Scouts. Nach Namibia kommt einfach niemand. Das Land ist einfach viel zu klein, im Fußball zu unwichtig. Ich schrieb mich an der Universität ein und fing an, BWL zu studieren. In den Semesterferien 1999 fasste ich dann den Entschluss, nach Deutschland zu reisen. Ein Bekannter aus Namibia gab mir noch den Kontakt zu einem Mann aus Hamburg. Er sagte zu mir: »Du kannst natürlich auch nach München gehen, doch da kenne ich niemanden, versuch es lieber mal in Hamburg.«

Und Sie haben Ihr Studium geschmissen?

Ja. Als ich meinen Eltern sagte, dass ich nach Deutschland gehen wollte, waren sie nicht sehr erfreut. Die hofften natürlich, dass ich zu Ende studiere. Doch für mich war die Sache damals klar: Mein Geist wird nicht so schnell altern wie mein Körper. Wenn es eine Chance gibt, Fußballprofi zu werden, dann ist sie jetzt. Ich wollte versuchen, sie zu nutzen.

Sie hatten also Angst, Ihr ganzes Leben über verpasste Chancen nachzudenken?

Genau so war es. Dann hätte ich mir ständig diese »Wenn«-Frage gestellt: »Was wäre wohl passiert, wenn ich nach Deutschland gegangen wäre?« Ich wollte wenigstens sagen können: »Collin, Du hast es versucht!« Und wenn es nicht geklappt hätte, wäre ich halt wieder zurückgegangen und hätte zu Ende studiert.

Sie haben dann in Hamburg Ihren Kontaktmann Heinz-Josef Franken getroffen, der als PR-Manager arbeitete. Wie wichtig war diese Begegnung?

Sehr wichtig. Joe hat unglaublich viel für mich getan. Ich habe zunächst bei ihm gewohnt. Währenddessen hat er mir einige Probetrainings bei Regionalligaclubs vermittelt, in Norderstedt und auch beim FC St. Pauli.

An den FC St. Pauli haben Sie ja nicht die besten Erinnerungen...

Richtig. Ich kam in die Kabine und – Totenstille. Alle guckten mich an, ich grüßte nett und niemand grüßte zurück. Ich dachte mir noch: »Scheiße, wo bist du denn hier gelandet?« Doch ich kam mit einigen Spielern auch ganz gut aus. Etwa mit Berkan Algan, der ja auch lange bei Altona 93 spielte. Heute hat er in Altona eine Bar, wo man Fußball gucken kann. Er hat sich wirklich um mich gekümmert. Das fand ich richtig stark, deswegen sind wir auch heute noch befreundet.

Lief es in Norderstedt besser?


Nein. Anfangs war es ganz schwierig für mich. Ich habe 70 Kilo gewogen, war echt ein schmächtiges Kerlchen. Und dann kam ich bei diesen Probetrainings an und da waren alle schneller und kräftiger. Zunächst habe ich resigniert und mir gedacht, das war sie, die Chance. Und du hast sie verpasst. Ich hatte noch drei weitere Wochen Semesterferien und wollte die Zeit in Hamburg einfach so genießen – ohne Fußball.

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