10.12.2012

Clemens Tönnies über das neue Schalke

»Schalke-Boss zu sein, ist das Allereinfachste«

Für die große Reportage in der neuen 11FREUNDE #134 reisten wir Ende November nach Gelsenkirchen und sprachen mit den Köpfen des Klubs über das neue Schalke 04. Clemens Tönnies spricht hier über schwarze Löcher, dunkle Stunden und Huub Stevens.

Interview: Tim Jürgens und Benjamin Kuhlhoff Bild: Imago

Haben Sie sich mit der Verpflichtung von Magath verzockt?
Zocken ist, wenn man eine Karte zieht und nicht weiß, was kommt. Ich wusste, dass Felix unsere Anforderungen erfüllen kann. Deswegen bin ich ihm hinterhergerannt. Es gab zu diesem Zeitpunkt nur den einen! Wir waren im ersten Jahr eine Einheit. Deswegen war ich ja nach der Jahreshauptversammlung im Mai 2010 so irritiert.

Auf jener Versammlung lehnten die Mitglieder seinen Antrag auf Satzungsänderung ab, der ihm erlaubt hätte, auch oberhalb von 300 000 Euro selbstständig und ohne Rücksprache mit dem Aufsichtsrat Ausgaben zu verfügen.
Wir haben diese Satzungsänderung auf Wunsch von Magath selbst eingebracht, die Mitglieder haben sich eingehend damit auseinandergesetzt und sich nach einer sehr ernsthaften Diskussion mit vielen lobenden Worten für Magath dagegen entschieden. Das war eine demokratische Entscheidung. Nach dieser Versammlung ist Felix Magath wortlos weggefahren. Ich hab mich noch gefragt: »Was ist denn mit dem los?« Und als er aus dem Urlaub wiederkam, war er ein komplett anderer Mensch.

Im zweiten Magath-Jahr kam es zunehmend zu einer Entfremdung zwischen dem Aufsichtsrat und Felix Magath. Auch mit einigen Fangruppierungen legte sich der Trainer an. Selbst die Geschäftsstelle fiel in zwei Lager: pro und contra Magath. Das Ende wirkte wie Kampf zwischen Machtmensch Tönnies gegen Machtmensch Magath.
Dazu kann ich nur sagen: Jeder Machtmensch braucht jemanden, der ihn berät. Magath ist ein nur gedachter Machtmensch, weil er mit seiner Macht nicht umgehen kann. Macht und Souveränität gehören doch zusammen! Wenn ich diese Verbindung nicht herstellen kann, dann verbrenne ich Menschen.

Sie steuern ein Milliarden-Unternehmen. Hat Sie die Endphase der Ära Magath dennoch schocken können?
Natürlich hat mich das gestresst. Ich hatte teilweise schlaflose Nächte. Wenn sie die Verantwortung haben, dann müssen sie die auch leben. Ich habe mit Felix Magath einige Einzelgespräche geführt. Ich habe ihm Vorschläge gemacht, was er ändern könnte und er war immer sehr einsichtig. Nur geändert hat er nichts.

Mitten in der Ära Magath holten Sie Horst Heldt, offiziell als »Vorstand Sport, Marketing und Spielbetrieb«.
Ursprünglich hatte ich vor gehabt, Felix Magath und Horst von Anfang an zusammen zu holen. Aber Stuttgart machte zunächst Probleme. Also hat Magath gesagt, er macht es alleine. Das war auch ein Problem: Magath hat sich einfach zu viel aufgehalst. Der hätte auch noch im Laden Trikots verkauft, wenn Not am Mann gewesen wäre. Deswegen war es wichtig, dass Horst nach einem Jahr als Ergänzung kam, um ihn zu entlasten. Magath fand die Idee auch gut.

Magath war aus Ihrer Sicht also schlicht mit seiner Ämterhäufung überfordert?
Er war vollkommen überlastet. Heute weiß ich, dass er überfordert war. Diesen Klub kann nicht ein Mann alleine führen.

Doch die Zusammenarbeit mit Heldt klappte überhaupt nicht.
Ich brauchte ein paar Wochen, um das mitzubekommen. Ich bin am Tag nach der Vorstellung von Horst nach Hause gefahren und hatte einen Haken unter die Sache gemacht. Ich war mir sicher, dass wir jetzt die ideale Lösung gefunden hatten. Aber da fingen die Probleme erst an. Horst Heldt wurde ja noch nicht einmal mitgeteilt, wann es wohin ins Trainingslager geht. Magath und seine Leute haben ihn schlicht vom Kontakt zur Mannschaft abgeschnitten.

Als Felix Magath im März 2011 den FC Schalke 04 verließ, übernahm Heldt über Nacht alle Kompetenzen. Hat er Ralf Rangnick als Nachfolger ins Spiel gebracht?
Er hat Rangnick vorgeschlagen, aber eine so wichtige Entscheidung treffen wir gemeinsam. Wir haben uns bei mir privat getroffen, um abgeschottet über die Personalie zu diskutieren. Es gab keinen Zweifel, dass er der richtige Mann ist. Ein Trainer mit einem Konzept, der sich um junge Spieler besonders bemüht und modernen Angriffsfußball spielt. Nach dem Weggang von Felix Magath und der damit einhergehenden Spaltung innerhalb des Vereins, war Ralf Rangnick ein Glücksfall für alle.

Und der Mann ist gerade mal ein halbes Jahr im Amt, als er mit einem Burn-Out um die Freistellung bittet. Ein einzigartiger Vorgang in der Bundesligageschichte – und ein schwarzer Tag in der Geschichte von Schalke 04.
Mich traf die Bekanntgabe nicht gänzlich unvorbereitet. Schon beim Heimspiel gegen den FC Bayern sah ich von meinem Platz im Stadion Ralf Rangnick, wie ich ihn nicht kannte. Der saß vollkommen unberührt auf der Trainerbank. Da habe ich zu Horst gesagt: »Mit dem stimmt was nicht.« Ein paar Tage später war ich an der Ostsee in meinem Jagdrevier, als Horst anrief und sagte, dass Ralf Rangnick aufhören will. Da habe ich alles stehen und liegen lassen.

In was für einer Verfassung fanden Sie Rangnick vor?
Ich habe ein gutes Gespür dafür, ob man Leute noch einmal umstimmen kann oder ob Schluss ist. Bei Ralf gab es damals keine Chance. Das war auch eine Erfahrung, die ich so noch nie gemacht hatte.
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