Clemens Tönnies über das neue Schalke

»Schalke-Boss zu sein, ist das Allereinfachste«

Für die große Reportage in der neuen 11FREUNDE #134 reisten wir Ende November nach Gelsenkirchen und sprachen mit den Köpfen des Klubs über das neue Schalke 04. Clemens Tönnies spricht hier über schwarze Löcher, dunkle Stunden und Huub Stevens.

HINWEIS: Dieses Interview wurde bereits Ende November geführt. Die aktuellen Entwicklungen haben einige Dinge grundlegend verändert. Deswegen bitten wir dich, zur Einordnung des Gesagten vorab diesen Text zu lesen.

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Clemens Tönnies, seit 1994 sind Sie Mitglied des FC Schalke 04 und seither fast immer in führender Position. In welcher Phase befindet sich der Klub derzeit?
Momentan sind wir in einer positiven Phase, aber wir heben nicht ab. Sportlicher Erfolg und ein vernünftiges Miteinander im Klub sind ein Zeichen für gute Arbeit, das zeigt sich jetzt. Aber ich habe alles mitgemacht, ich weiß, dass sich alles wieder schnell verändern kann.

Bevor im Jahr 2009 Felix Magath zum FC Schalke 04 kam, hat der Klub einen Neuanfang ausgerufen. Was hat Sie damals bewogen, einen Mann wie Magath zu holen?
Es war das dritte Mal, dass wir den Verein im großen Stil aufgefangen haben. Das erste Mal war nach der Kirch-Pleite, als man merkte, dass sich die Rahmenbedingungen für die Klubs extrem verändern. In dieser Phase habe ich massiv geholfen. Nach dem Weggang von Fred Rutten und Andreas Müller lag der Verein ein paar Jahre später erneut am Boden. Die sportlichen Erwartungen wurden bei Weitem nicht erfüllt und Personalkosten waren, gelinde gesagt, euphorisch gerechnet. Der Verein war in einer echten Notsituation. In dieser Phase der Depression war Felix Magath genau der richtige Mann.

Dabei bleiben Sie auch im Rückblick?
Natürlich. Diese Entscheidung haben wir mit bestem Wissen gefällt und ich habe alles daran gesetzt, dass Felix Magath kommt. An seiner Kompetenz, nicht nur im sportlichen Bereich, habe ich nie gezweifelt. Was dann alles abseits des Platzes vorgefallen ist, damit konnte niemand rechnen.

Magath sollte mit dem Klub einen wirtschaftlichen Konsolidierungskurs fahren und gleichzeitig Erfolg haben.
Wir wussten, dass er mit seiner Persönlichkeit eine ganze Menge Druck von der Mannschaft und vom Verein nehmen kann. Das hat im ersten Jahr auch hervorragend gemacht. Und als er nach dem letzten Heimspiel gegen Werder Bremen von den Fans mit Standing Ovations aus dem Stadion verabschiedet wurde, habe ich oben gestanden und gesagt: »Jetzt ist Felix endgültig angekommen.«

Sie wussten aber, dass Magaths Erfolg in Wolfsburg auch mithilfe von sehr viel Geld möglich gemacht wurde.
Er wusste wiederum, dass er das bei uns zunächst einmal nicht hat. Und er hat sich darauf eingelassen und im ersten Jahr bewiesen, dass er mit diesem Umstand umgehen kann. Er hat es geschafft den Verein zu beruhigen, wichtige Dinge von unwichtigen zu trennen und trotzdem sportlichen Erfolg zu haben. Man muss sich das vergegenwärtigen: Wir sind haarscharf an der Meisterschaft vorbei geschrammt. Diese Leistung ist ihm bis heute nicht hoch genug anzurechnen.

Haben Sie sich nie gefragt: Wann kommt das andere Gesicht des Herrn Magath zum Vorschein?
Warum? Der Verein war zu der Zeit im Grunde ein Sanierungsfall. Felix Magath hat sich der Sache angenommen und mitgeholfen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Rückblickend kann man sagen: In Magaths erstem Jahr war nahezu alles spitze, im zweiten Jahr hat die Zusammenarbeit einfach nicht mehr funktioniert.

Magath äußerte sich bald nach seiner Amtsübernahme jedoch verwundert darüber, wie groß der Sanierungsfall Schalke 04 war.
Was soll ich dazu sagen? Felix Magath wusste alles. Er kannte jedes schwarze Loch des Vereins.

Ist die Causa Magath eine menschliche Enttäuschung für Sie?
Jeder Mensch ist, wie er ist. Für mich muss das keine Enttäuschung sein, aber vielleicht für ihn. Magath hat in seinen knapp zwei Jahren nicht verstanden, was der FC Schalke 04 eigentlich ist, was den Verein ausmacht. Für mich ist Schalke 04 das Größte, was es gibt. Bestandteil dieses Klubs zu sein, sollte für jeden eine Ehre sein.

Warum konnten Sie Magath nicht beibringen, was Schalke 04 ist?
Das muss jeder selbst empfinden. Wenn ich unsere Hymne höre, dann stellen sich mir vor Aufregung die Nackenhaare hoch. Wenn ich die Menschen sehe, für die der Verein alles ist, die ihr eigenes Ich gegen den Klub eintauschen, dann weiß ich, warum ich so viel in diesen Klub investiere. In meiner Position könnte ich mich um hundert Sachen kümmern, aber ich will nur Schalke. Da können die Lüdenscheider noch so oft Meister werden, Schalke steht emotional in der Bundesliga über allem.

Braucht dieser Verein Leuchttürme wie Sie, die die Klubphilosophie repräsentieren?
Boss von Schalke 04 zu sein, ist doch das Allereinfachste. Wer mir erzählen will, dass das eine Belastung ist, der hat keine Ahnung. Es geht doch nur darum, dass man ist, wie man ist. Wenn ich anfange linkisch zu werden, dann merken die 115.000 Schalker Mitglieder das ganz schnell.

Haben Sie sich mit der Verpflichtung von Magath verzockt?
Zocken ist, wenn man eine Karte zieht und nicht weiß, was kommt. Ich wusste, dass Felix unsere Anforderungen erfüllen kann. Deswegen bin ich ihm hinterhergerannt. Es gab zu diesem Zeitpunkt nur den einen! Wir waren im ersten Jahr eine Einheit. Deswegen war ich ja nach der Jahreshauptversammlung im Mai 2010 so irritiert.

Auf jener Versammlung lehnten die Mitglieder seinen Antrag auf Satzungsänderung ab, der ihm erlaubt hätte, auch oberhalb von 300 000 Euro selbstständig und ohne Rücksprache mit dem Aufsichtsrat Ausgaben zu verfügen.
Wir haben diese Satzungsänderung auf Wunsch von Magath selbst eingebracht, die Mitglieder haben sich eingehend damit auseinandergesetzt und sich nach einer sehr ernsthaften Diskussion mit vielen lobenden Worten für Magath dagegen entschieden. Das war eine demokratische Entscheidung. Nach dieser Versammlung ist Felix Magath wortlos weggefahren. Ich hab mich noch gefragt: »Was ist denn mit dem los?« Und als er aus dem Urlaub wiederkam, war er ein komplett anderer Mensch.

Im zweiten Magath-Jahr kam es zunehmend zu einer Entfremdung zwischen dem Aufsichtsrat und Felix Magath. Auch mit einigen Fangruppierungen legte sich der Trainer an. Selbst die Geschäftsstelle fiel in zwei Lager: pro und contra Magath. Das Ende wirkte wie Kampf zwischen Machtmensch Tönnies gegen Machtmensch Magath.
Dazu kann ich nur sagen: Jeder Machtmensch braucht jemanden, der ihn berät. Magath ist ein nur gedachter Machtmensch, weil er mit seiner Macht nicht umgehen kann. Macht und Souveränität gehören doch zusammen! Wenn ich diese Verbindung nicht herstellen kann, dann verbrenne ich Menschen.

Sie steuern ein Milliarden-Unternehmen. Hat Sie die Endphase der Ära Magath dennoch schocken können?
Natürlich hat mich das gestresst. Ich hatte teilweise schlaflose Nächte. Wenn sie die Verantwortung haben, dann müssen sie die auch leben. Ich habe mit Felix Magath einige Einzelgespräche geführt. Ich habe ihm Vorschläge gemacht, was er ändern könnte und er war immer sehr einsichtig. Nur geändert hat er nichts.

Mitten in der Ära Magath holten Sie Horst Heldt, offiziell als »Vorstand Sport, Marketing und Spielbetrieb«.
Ursprünglich hatte ich vor gehabt, Felix Magath und Horst von Anfang an zusammen zu holen. Aber Stuttgart machte zunächst Probleme. Also hat Magath gesagt, er macht es alleine. Das war auch ein Problem: Magath hat sich einfach zu viel aufgehalst. Der hätte auch noch im Laden Trikots verkauft, wenn Not am Mann gewesen wäre. Deswegen war es wichtig, dass Horst nach einem Jahr als Ergänzung kam, um ihn zu entlasten. Magath fand die Idee auch gut.

Magath war aus Ihrer Sicht also schlicht mit seiner Ämterhäufung überfordert?
Er war vollkommen überlastet. Heute weiß ich, dass er überfordert war. Diesen Klub kann nicht ein Mann alleine führen.

Doch die Zusammenarbeit mit Heldt klappte überhaupt nicht.
Ich brauchte ein paar Wochen, um das mitzubekommen. Ich bin am Tag nach der Vorstellung von Horst nach Hause gefahren und hatte einen Haken unter die Sache gemacht. Ich war mir sicher, dass wir jetzt die ideale Lösung gefunden hatten. Aber da fingen die Probleme erst an. Horst Heldt wurde ja noch nicht einmal mitgeteilt, wann es wohin ins Trainingslager geht. Magath und seine Leute haben ihn schlicht vom Kontakt zur Mannschaft abgeschnitten.

Als Felix Magath im März 2011 den FC Schalke 04 verließ, übernahm Heldt über Nacht alle Kompetenzen. Hat er Ralf Rangnick als Nachfolger ins Spiel gebracht?
Er hat Rangnick vorgeschlagen, aber eine so wichtige Entscheidung treffen wir gemeinsam. Wir haben uns bei mir privat getroffen, um abgeschottet über die Personalie zu diskutieren. Es gab keinen Zweifel, dass er der richtige Mann ist. Ein Trainer mit einem Konzept, der sich um junge Spieler besonders bemüht und modernen Angriffsfußball spielt. Nach dem Weggang von Felix Magath und der damit einhergehenden Spaltung innerhalb des Vereins, war Ralf Rangnick ein Glücksfall für alle.

Und der Mann ist gerade mal ein halbes Jahr im Amt, als er mit einem Burn-Out um die Freistellung bittet. Ein einzigartiger Vorgang in der Bundesligageschichte – und ein schwarzer Tag in der Geschichte von Schalke 04.
Mich traf die Bekanntgabe nicht gänzlich unvorbereitet. Schon beim Heimspiel gegen den FC Bayern sah ich von meinem Platz im Stadion Ralf Rangnick, wie ich ihn nicht kannte. Der saß vollkommen unberührt auf der Trainerbank. Da habe ich zu Horst gesagt: »Mit dem stimmt was nicht.« Ein paar Tage später war ich an der Ostsee in meinem Jagdrevier, als Horst anrief und sagte, dass Ralf Rangnick aufhören will. Da habe ich alles stehen und liegen lassen.

In was für einer Verfassung fanden Sie Rangnick vor?
Ich habe ein gutes Gespür dafür, ob man Leute noch einmal umstimmen kann oder ob Schluss ist. Bei Ralf gab es damals keine Chance. Das war auch eine Erfahrung, die ich so noch nie gemacht hatte.
Ihr Verhältnis zu Huub Stevens soll am Anfang ja ein wenig getrübt gewesen sein.
Unsinn, das war längst erledigt.

Was war denn gewesen?
Olle Kamellen. Er hatte Jahre vorher mal in einem Fernsehinterview einen überflüssigen Kommentar zur Entlassung von Rudi Assauer abgegeben. Das fand ich nicht in Ordnung und habe ihm das auch gesagt. Und dann war eine Zeitlang Funkstille. Aber wir haben ihn dann zum Pokalfinale 2011 nach Berlin eingeladen. Ich traf ihn zufällig vorm Hotel, wir sahen uns an, nahmen uns in den Arm und die Sache war gegessen.

An welche Auflagen waren an Stevens‘ Verpflichtung gebunden?
Erst mal fand ich es großartig, dass er dem HSV nicht sofort zugesagt hat, nachdem wir mit ihm Kontakt aufgenommen hatten. Das ist doch ein Statement. Aber wir haben ihm ein paar Anforderungen mitgegeben. Er soll jedes Jahr zwei Spieler aus der Jugend hochziehen und das Motto »Die Null muss stehen« vergessen.

Nach dem »Sanierungstrainer« Magath, dem »Konzepttrainer« Rangnick kam der Schalker »Jahrhunderttrainer« Stevens. Der wirkte allerdings am Anfang wie eine Übergangslösung. Gab es auch einen Plan B – oder war Stevens der Plan B?
Horst Heldt und mich kann man nicht so schnell überraschen. Ich habe gerne bei Verhandlungen ein As im Ärmel. Ohne dieses  fange ich das Verhandeln nicht an.

Clemens Tönnies, der FC Schalke 04 verdankt Ihnen sehr viel. Vor einigen Jahren lösten Sie die »Schechter-Anleihe« ab, weil das Konsortium zunehmend Mitspracherecht im Klub einforderte.
Wir waren damals in sehr großer Gefahr, sind lange von denen drangsaliert worden. Da ging es um konkrete Einflussnahme. Dann habe ich gesagt: Niemand schreibt Schalke 04 vor, was es zu tun und zu lassen hat. Also raus aus unserem Haus. Kurz: Wir sind mit der Ablösung der Shareholder viel freier geworden.

Sind Sie dadurch näher an den Verein gerückt?
Das war ein Schlüsselmoment, denn dadurch hat sich mein persönliches Engagement stark verändert. Ich habe mir gesagt: Ab jetzt kümmere ich mich intensiv um die Sicherung eines weiterhin unabhängigen FC Schalke 04.

Was möchten Sie mittelfristig mit dem Klub erreichen. Von außen hat man den Eindruck, das Einzige was hier zählt, ist so lange unerfüllte Sehnsucht nach der Meisterschaft.
Ich möchte Schalke 04 im europäischen Fußball etablieren. Wir müssen eine Nummer sein. Überall sollen die Leute sagen: »Schalke? Kenn ich!« Da sind wir heute schon viel weiter als noch vor fünf Jahren.

Der düsterste Moment, den Sie in den letzten Jahren auf Schalke erlebt haben?
Der Tag, an dem vor dem Stadion T-Shirts mit dem Aufdruck »Clemens, Du Wurst!« verteilt wurden. Da habe ich gedacht: Ist der Riss durch diesen Verein wirklich so groß? Die Shirts aber hatte ein Mitarbeiter von Herrn Magath bestellt. Wir konnten nachweisen, dass er auf hinterhältigste Art und Weise intrigiert hat.

Und Ihr größter Glücksmoment mit dem Klub?
Das Pokalfinale 2011 nur ein paar Wochen später. Der gesperrte Ku'damm. Die ganze Stadt in blau und weiß. Unser Triumph. Die Party danach. Wahnsinn. Da sind wir beim Thema: Für wen macht man das alles? Wenn die Nordkurve tobt, dann weiß man, dass sich jede Sekunde Arbeit gelohnt hat.

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