10.12.2012

Clemens Tönnies über das neue Schalke

»Schalke-Boss zu sein, ist das Allereinfachste«

Für die große Reportage in der neuen 11FREUNDE #134 reisten wir Ende November nach Gelsenkirchen und sprachen mit den Köpfen des Klubs über das neue Schalke 04. Clemens Tönnies spricht hier über schwarze Löcher, dunkle Stunden und Huub Stevens.

Interview: Tim Jürgens und Benjamin Kuhlhoff Bild: Imago

HINWEIS: Dieses Interview wurde bereits Ende November geführt. Die aktuellen Entwicklungen haben einige Dinge grundlegend verändert. Deswegen bitten wir dich, zur Einordnung des Gesagten vorab diesen Text zu lesen.

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Clemens Tönnies, seit 1994 sind Sie Mitglied des FC Schalke 04 und seither fast immer in führender Position. In welcher Phase befindet sich der Klub derzeit?
Momentan sind wir in einer positiven Phase, aber wir heben nicht ab. Sportlicher Erfolg und ein vernünftiges Miteinander im Klub sind ein Zeichen für gute Arbeit, das zeigt sich jetzt. Aber ich habe alles mitgemacht, ich weiß, dass sich alles wieder schnell verändern kann.

Bevor im Jahr 2009 Felix Magath zum FC Schalke 04 kam, hat der Klub einen Neuanfang ausgerufen. Was hat Sie damals bewogen, einen Mann wie Magath zu holen?
Es war das dritte Mal, dass wir den Verein im großen Stil aufgefangen haben. Das erste Mal war nach der Kirch-Pleite, als man merkte, dass sich die Rahmenbedingungen für die Klubs extrem verändern. In dieser Phase habe ich massiv geholfen. Nach dem Weggang von Fred Rutten und Andreas Müller lag der Verein ein paar Jahre später erneut am Boden. Die sportlichen Erwartungen wurden bei Weitem nicht erfüllt und Personalkosten waren, gelinde gesagt, euphorisch gerechnet. Der Verein war in einer echten Notsituation. In dieser Phase der Depression war Felix Magath genau der richtige Mann.

Dabei bleiben Sie auch im Rückblick?
Natürlich. Diese Entscheidung haben wir mit bestem Wissen gefällt und ich habe alles daran gesetzt, dass Felix Magath kommt. An seiner Kompetenz, nicht nur im sportlichen Bereich, habe ich nie gezweifelt. Was dann alles abseits des Platzes vorgefallen ist, damit konnte niemand rechnen.

Magath sollte mit dem Klub einen wirtschaftlichen Konsolidierungskurs fahren und gleichzeitig Erfolg haben.
Wir wussten, dass er mit seiner Persönlichkeit eine ganze Menge Druck von der Mannschaft und vom Verein nehmen kann. Das hat im ersten Jahr auch hervorragend gemacht. Und als er nach dem letzten Heimspiel gegen Werder Bremen von den Fans mit Standing Ovations aus dem Stadion verabschiedet wurde, habe ich oben gestanden und gesagt: »Jetzt ist Felix endgültig angekommen.«

Sie wussten aber, dass Magaths Erfolg in Wolfsburg auch mithilfe von sehr viel Geld möglich gemacht wurde.
Er wusste wiederum, dass er das bei uns zunächst einmal nicht hat. Und er hat sich darauf eingelassen und im ersten Jahr bewiesen, dass er mit diesem Umstand umgehen kann. Er hat es geschafft den Verein zu beruhigen, wichtige Dinge von unwichtigen zu trennen und trotzdem sportlichen Erfolg zu haben. Man muss sich das vergegenwärtigen: Wir sind haarscharf an der Meisterschaft vorbei geschrammt. Diese Leistung ist ihm bis heute nicht hoch genug anzurechnen.

Haben Sie sich nie gefragt: Wann kommt das andere Gesicht des Herrn Magath zum Vorschein?
Warum? Der Verein war zu der Zeit im Grunde ein Sanierungsfall. Felix Magath hat sich der Sache angenommen und mitgeholfen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Rückblickend kann man sagen: In Magaths erstem Jahr war nahezu alles spitze, im zweiten Jahr hat die Zusammenarbeit einfach nicht mehr funktioniert.

Magath äußerte sich bald nach seiner Amtsübernahme jedoch verwundert darüber, wie groß der Sanierungsfall Schalke 04 war.
Was soll ich dazu sagen? Felix Magath wusste alles. Er kannte jedes schwarze Loch des Vereins.

Ist die Causa Magath eine menschliche Enttäuschung für Sie?
Jeder Mensch ist, wie er ist. Für mich muss das keine Enttäuschung sein, aber vielleicht für ihn. Magath hat in seinen knapp zwei Jahren nicht verstanden, was der FC Schalke 04 eigentlich ist, was den Verein ausmacht. Für mich ist Schalke 04 das Größte, was es gibt. Bestandteil dieses Klubs zu sein, sollte für jeden eine Ehre sein.

Warum konnten Sie Magath nicht beibringen, was Schalke 04 ist?
Das muss jeder selbst empfinden. Wenn ich unsere Hymne höre, dann stellen sich mir vor Aufregung die Nackenhaare hoch. Wenn ich die Menschen sehe, für die der Verein alles ist, die ihr eigenes Ich gegen den Klub eintauschen, dann weiß ich, warum ich so viel in diesen Klub investiere. In meiner Position könnte ich mich um hundert Sachen kümmern, aber ich will nur Schalke. Da können die Lüdenscheider noch so oft Meister werden, Schalke steht emotional in der Bundesliga über allem.

Braucht dieser Verein Leuchttürme wie Sie, die die Klubphilosophie repräsentieren?
Boss von Schalke 04 zu sein, ist doch das Allereinfachste. Wer mir erzählen will, dass das eine Belastung ist, der hat keine Ahnung. Es geht doch nur darum, dass man ist, wie man ist. Wenn ich anfange linkisch zu werden, dann merken die 115.000 Schalker Mitglieder das ganz schnell.

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