14.07.2011

Claus Reitmaier und Lutz Pfannenstiel im Interview

»Brasilien hat die besten Torhüter«

Vergangenes Wochenende fand in Köln der vierte »International Goalkepper Congress« statt. Wir sprachen vor Ort mit Claus Reitmaier und Lutz Pfannenstiel über modernes Torwartspiel, antiquierte Trainingsmethoden und das Problem der Engländer.

Interview: Karol Herrmann und Thorsten Schaar Bild: Imago
Claus Reitmaier, in der Bundesliga gibt es einen neuen Trend: Die Stammtorhüter werden immer jünger. Wie gut waren Sie in jungen Jahren ausgebildet?

Claus Reitmaier: Bei den Würzburger Kickers hatte ich als Jugendlicher wenig Torwarttraining – zweimal pro Jahr. Ich habe tatsächlich erst mit 34 Jahren in Wolfsburg meinen ersten Torwarttrainer bekommen. Das meiste habe ich mir selbst beigebracht, indem ich mir Bundesliga-Spiele mit dem Videorekorder aufgenommen habe. So konnte ich Toni Schumacher genau studieren.



Was ist Ihnen an seinem Spiel aufgefallen?

Claus Reitmaier: Ich habe schon nach kurzer Zeit bemerkt, dass Schumacher nie auf dem ganzen Fuß stand, sondern immer auf dem Ballen. So war die Ferse vom Boden abgehoben. Diese Technik habe ich anschließend kopiert. Mein eigenes Torwartspiel hat dadurch einen entscheidenden Schub bekommen. 

Lutz Pfannenstiel, wie sahen typische Trainingseinheiten ohne Torwarttrainer aus?

Lutz Pfannenstiel: Die beiden Torhüter haben sich zuerst gegenseitig die Bälle zugeschossen. Nach einer Viertelstunde wurde man dann zur Mannschaft geholt und stand einfach nur bei den Trainingsspielen im Tor. Drei Mal pro Woche gab es dann Torschusstraining, in dem man sich etwas auszeichnen konnte.

Claus Reitmaier: Nach den Einheiten sind oft noch Spieler da geblieben, die aufs Tor geschossen haben. Das war im Grunde das beste Training. Beim KSC der neunziger Jahre war das immer Thomas Häßler. Dass er die Extraschichten mit mir absolviert hat, half allerdings auch ihm. Deshalb konnte er hinterher so gute Freistöße schießen.

Herr Reitmaier, Sie haben beim Karlsruher SC Oliver Kahn beerbt. Haben Sie dort auch seine Infrastruktur übernommen?

Claus Reitmaier: Nein. Mit Winnie Schäfer habe ich besprochen, dass ich gerne Torwarttraining haben würde. Wenigstens einmal pro Woche. Ich habe also selbst einen Trainer eingestellt: Peter Gadinger, der bis heute beim KSC tätig ist. Wer in der Bundesliga vor 15 Jahren Torwarttraining haben wollte, musste das selbst initiieren.

Wann haben Sie gemerkt, dass die Torwartposition an Bedeutung gewinnt?

Claus Reitmaier: Dass der Torwart die wichtigste Position in der Mannschaft ist, darüber waren sich schon immer alle einig. Nur wollte früher kein Verein Ablösesummen bezahlen für einen Keeper. So gesehen waren Torhüter zu dieser Zeit das Stiefkind des Fußballs. Erst als für Oliver Kahn 1994 bei seinem Wechsel von Karlsruhe nach München eine hohe Summe gezahlt wurde, fing langsam ein Umdenken an.

Der moderne Torhüter wird häufiger als Ersatzlibero bezeichnet. Wie stehen Sie zu dieser Entwicklung?

Claus Reitmaier: Dieser Trend ist nicht immer nachvollziehbar. Inzwischen heißt es oft, dass der beste Fußballer ins Tor muss. Es ist aber immer noch die Hauptaufgabe eines Torhüters, Bälle zu fangen. Wenn ich zwei Torhüter hätte – der eine ist zehn Prozent besser im Tor und der andere ist zu 30 Prozent ein besserer Fußballer –, würde ich mich für den besseren Torhüter entscheiden. Jens Lehmann war immer der beste Fußballer. Er hat aber auch einige entscheidende Tore verschuldet, weil ihm bei Ausflügen Fehler unterlaufen sind.

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