Claus Reitmaier und Lutz Pfannenstiel im Interview

»Brasilien hat die besten Torhüter«

Vergangenes Wochenende fand in Köln der vierte »International Goalkepper Congress« statt. Wir sprachen vor Ort mit Claus Reitmaier und Lutz Pfannenstiel über modernes Torwartspiel, antiquierte Trainingsmethoden und das Problem der Engländer. Claus Reitmaier und Lutz Pfannenstiel im InterviewImago

Claus Reitmaier, in der Bundesliga gibt es einen neuen Trend: Die Stammtorhüter werden immer jünger. Wie gut waren Sie in jungen Jahren ausgebildet?

Claus Reitmaier: Bei den Würzburger Kickers hatte ich als Jugendlicher wenig Torwarttraining – zweimal pro Jahr. Ich habe tatsächlich erst mit 34 Jahren in Wolfsburg meinen ersten Torwarttrainer bekommen. Das meiste habe ich mir selbst beigebracht, indem ich mir Bundesliga-Spiele mit dem Videorekorder aufgenommen habe. So konnte ich Toni Schumacher genau studieren.

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Was ist Ihnen an seinem Spiel aufgefallen?

Claus Reitmaier: Ich habe schon nach kurzer Zeit bemerkt, dass Schumacher nie auf dem ganzen Fuß stand, sondern immer auf dem Ballen. So war die Ferse vom Boden abgehoben. Diese Technik habe ich anschließend kopiert. Mein eigenes Torwartspiel hat dadurch einen entscheidenden Schub bekommen. 

Lutz Pfannenstiel, wie sahen typische Trainingseinheiten ohne Torwarttrainer aus?

Lutz Pfannenstiel: Die beiden Torhüter haben sich zuerst gegenseitig die Bälle zugeschossen. Nach einer Viertelstunde wurde man dann zur Mannschaft geholt und stand einfach nur bei den Trainingsspielen im Tor. Drei Mal pro Woche gab es dann Torschusstraining, in dem man sich etwas auszeichnen konnte.

Claus Reitmaier: Nach den Einheiten sind oft noch Spieler da geblieben, die aufs Tor geschossen haben. Das war im Grunde das beste Training. Beim KSC der neunziger Jahre war das immer Thomas Häßler. Dass er die Extraschichten mit mir absolviert hat, half allerdings auch ihm. Deshalb konnte er hinterher so gute Freistöße schießen.

Herr Reitmaier, Sie haben beim Karlsruher SC Oliver Kahn beerbt. Haben Sie dort auch seine Infrastruktur übernommen?

Claus Reitmaier: Nein. Mit Winnie Schäfer habe ich besprochen, dass ich gerne Torwarttraining haben würde. Wenigstens einmal pro Woche. Ich habe also selbst einen Trainer eingestellt: Peter Gadinger, der bis heute beim KSC tätig ist. Wer in der Bundesliga vor 15 Jahren Torwarttraining haben wollte, musste das selbst initiieren.

Wann haben Sie gemerkt, dass die Torwartposition an Bedeutung gewinnt?

Claus Reitmaier: Dass der Torwart die wichtigste Position in der Mannschaft ist, darüber waren sich schon immer alle einig. Nur wollte früher kein Verein Ablösesummen bezahlen für einen Keeper. So gesehen waren Torhüter zu dieser Zeit das Stiefkind des Fußballs. Erst als für Oliver Kahn 1994 bei seinem Wechsel von Karlsruhe nach München eine hohe Summe gezahlt wurde, fing langsam ein Umdenken an.

Der moderne Torhüter wird häufiger als Ersatzlibero bezeichnet. Wie stehen Sie zu dieser Entwicklung?

Claus Reitmaier: Dieser Trend ist nicht immer nachvollziehbar. Inzwischen heißt es oft, dass der beste Fußballer ins Tor muss. Es ist aber immer noch die Hauptaufgabe eines Torhüters, Bälle zu fangen. Wenn ich zwei Torhüter hätte – der eine ist zehn Prozent besser im Tor und der andere ist zu 30 Prozent ein besserer Fußballer –, würde ich mich für den besseren Torhüter entscheiden. Jens Lehmann war immer der beste Fußballer. Er hat aber auch einige entscheidende Tore verschuldet, weil ihm bei Ausflügen Fehler unterlaufen sind.



Lutz Pfannenstiel, Sie waren ein Torhüter der alten Schule. Haben Sie in ihrer Jugend zu selten gegen den Ball getreten?

Lutz Pfannenstiel: Junge Torwarte werden heute schon im Kindesalter ganz anders trainiert. Man sieht schon bei der U-15, dass die Torhüter den Ball bis zum anderen Sechzehner abschlagen. Sie machen viel mehr mit dem Ball und wachsen mit den neuen Anforderungen auf. Wir haben dagegen ab und zu fünf gegen zwei gespielt und das war’s. Bei uns hat in der Jugend immer der Libero die Abstöße gemacht. Deshalb war es für unsere Generation sehr schwer, sich auf das moderne Torwartspiel umzustellen. Es gab natürlich auch Ausnahmen: Edwin van der Saar, Uli Stein und Jörg Butt waren sehr gute Fußballer.

Claus Reitmaier: Ich habe eigentlich nie im Feld gespielt, sondern, seit ich neun Jahre alt war, ausschließlich im Tor gestanden. Der größte Schnitt war deshalb für mich die Einführung der Rückpassregel. Ich war damals 29 Jahre alt und hatte mit dieser neuen Regel bis an das Ende meiner Karriere zu kämpfen. Meinen Sohn, den ich für einen talentierteren Torwart als Spieler halte, werde ich deshalb noch ein paar Jahre draußen kicken lassen, bevor er zwischen die Pfosten wechselt.

Ab welchem Alter sollte man sich auf der Position festlegen?

Lutz Pfannenstiel: Wir vertreten die Philosophie des DFB, dass die Kinder bis zum Alter von zwölf Jahren immer rotieren sollten. Dann hat man die Grundlagen des Fußballspiels im Blut und kann sich voll auf das Torwarttraining konzentrieren.

Claus Reitmaier: Wer mit sieben Jahren schon bei jedem Spiel im Tor steht, wird es sehr schwer haben, groß rauszukommen. Außerdem besteht das Risiko, dass der Jugendliche später bei einer Größe von 1,70 Meter stehenbleibt.

Passiert es nicht ständig, dass man hochtalentierte Torhüter fördert, die am Ende nicht die nötige Größe erreichen?

Lutz Pfannenstiel: Als ich Torwarttrainer in Namibia war, habe ich die Handwurzelknochen der 13-Jährigen vermessen lassen. So lässt sich ungefähr die spätere Größe feststellen. Wenn es dann heißt, der wird etwa 1,78 Meter groß, dann fördere ich lieber einen etwas untalentierteren Torhüter, bei dem später dann die perfekten Rahmenbedingungen gegeben sind.

Deutschland war schon immer für gute Torhüter bekannt. Bei welcher Nation sehen sie das meiste Entwicklungspotenzial?

Lutz Pfannenstiel: Vor 20 Jahren hat man den Brasilianern noch nachgesagt, schlechte Torhüter zu haben. Das Problem haben sie erkannt und deshalb arbeiten sie heute unglaublich detailliert. Sie integrieren Trainingsmethoden aus Kampfsportarten, Squash und Tennis in das normale Torwarttraining und arbeiten sehr intensiv. Mittlerweile spielen bei Top-Klubs wie Tottenham Hotspur, AC Mailand, Inter Mailand, PSV Eindhoven oder AS Rom brasilianische Schlussmänner. Ich bin überzeugt, dass in zehn Jahren die besten Torhüter der Welt aus Brasilien kommen.

Dann verraten Sie uns doch bitte noch, warum es die Engländer über Jahrzehnte hinweg nicht schaffen, einen Weltklassekeeper herauszubringen?

Lutz Pfannenstiel: Die englischen Torhüter sind grundsätzlich nicht schlecht, aber wenn es darauf ankommt, unterlaufen ihnen oft gravierende Fehler. Das schwebt den Engländern im Unterbewusstsein in den Köpfen und die Folge ist, dass sie ihren eigenen Landsleuten nicht vertrauen. In den ersten vier englischen Ligen spielen fast nur ausländische Keeper. Da ist es vorgezeichnet, dass sich ihre eigenen Leute einfach nicht entsprechend entwickeln können.

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Lutz Pfannenstiel, Jahrgang 1973, spielte für über 30 Vereine auf sechs Kontinenten. Er arbeitet aktuell als Scout für die TSG 1899 Hoffenheim.

Claus Reitmaier, Jahrgang 1964, machte u.a. für den VfL Wolfsburg und den Karlsruher SC 335 Bundesligaspiele. Er arbeitete danach als Torwarttrainer beim HSV.

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