11.03.2014

Claudio Taffarel über die WM, Manipulation und Strafstöße

»Beim Elfmeter hilft nur Intuition«

Ob Jürgen Klinsmann, Daniele Massarro oder Patrick Viera: Cláudio Taffarel brachte viele Elfmeterschützen zur Verzweiflung. Ein Gespräch über manipulierte Trinkflaschen, die Schusskünste von Roberto Baggio und seine Liebe zu Galatasaray.

Interview: Sebastian Knoth Bild: Imago

Cláudio Taffarel, hat Brasilien ein Torhüter-Problem?
Nein, warum?
 
Die aktuelle Nummer eins der Seleção, Júlio César, wechselte jüngst zu Toronto FC, in die Major League Soccer. Nicht gerade die stärkste Liga, um sich auf eine WM vorzubereiten.
Der Wechsel wird ihm gut tun. Bei Queens Park Rangers saß Júlio nur auf der Bank, und für einen Torhüter zählt einzig und allein, dass du Spielpraxis sammelst, egal in welcher Liga. Und Júlio muss spielen, denn Felipe Scolari plant fest mit ihm für die Weltmeisterschaft in drei Monaten. Außerdem ist er erfahren, hat lange Zeit bei Inter Mailand und bereits die WM in Südafrika gespielt.
 
Auch Sie wechselten ein Jahr vor der WM 1994 den Verein, obwohl Sie anfangs beim AC Parma große Erfolge feierten. Warum dieser Schritt?
Ich wechselte 1990 als einer der ersten brasilianischen Torhüter nach Europa und konnte mit Parma 1992 italienischer Pokalsieger werden, aber in der Folgesaison setzte Trainer Nevio Scala vermehrt auf meinen Konkurrenten Marco Ballotta. Außerdem standen viele ausländische Spieler wie Sensini, Brolin und Asprilla im Kader, daher wollte ich meine WM-Teilnahme in den USA nicht gefährden und wechselte zu Reggiana, wo ich einen Stammplatz sicher hatte.
 
Trotzdem forderten viele brasilianische Fans einen anderen Stammtorhüter bei der WM 1994.
Da ich in Italien spielte, war ich in den brasilianischen Medien nicht so präsent wie Torhüter, die in der Heimat spielten. Daher plädierten vor allem die Fans von São Paulo dafür, Zetti, den Keeper von São Paulo, ins Tor zu stellen. So ist das immer in Brasilien: Jeder will den Torhüter seines Vereins im Nationaltrikot sehen. Aber das kümmerte mich nicht, schließlich genoss ich trotz einer schwierigen Qualifikation das Vertrauen von Trainer Alberto Parreira.
 
Ihren ersten großen Auftritt im Trikot der Seleção hatten Sie bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul. Welche Erinnerungen haben Sie an dieses Turnier?
Für den weiteren Verlauf meiner Karriere war Seoul ungemein wichtig: Ich war mit 22 Jahren noch sehr jung, spielte aber ein gutes Turnier und konnte mir dadurch in Brasilien einen Namen machen. Leider haben wir das Finale gegen die Sowjetunion knapp mit 1:2 verloren, aber alles in allem erinnere ich mich gerne zurück, vor allem an das Halbfinale gegen Deutschland...
 
Erzählen Sie.
Nach der regulären Spielzeit stand es 1:1, Romário hatte kurz vor Schluss für uns ausgeglichen und dann kam das Elfmeterschießen: Mir gelang es tatsächlich, drei der fünf deutschen Elfer zu parieren. Eine der besten Partien, die ich je gespielt habe.
 
Sie wehrten die Schüsse von Olaf Janßen, Wolfram Wuttke und Jürgen Klinsmann ab. Hatten Sie sich vorher über die Schützen informiert?
Nein, ich wusste gar nichts, nicht einmal die Namen des Gegners. Heute können sich Torhüter wie Jens Lehmann bei der WM 2006 dank des Internets und diverser Statistiken intensiv auf ein Elfmeterschießen vorbereiten, das gab es damals nicht.


Wie ist es Ihnen trotzdem gelungen, ein »Elfer-Killler« zu werden?
Als Kind spielte ich lange Zeit Volleyball, vielleicht hat das etwas geholfen. Aber ich denke, Elfmeterparieren kann man nicht trainieren, es kommt auf Intuition an, du musst dich gut fühlen und auf den Punkt genau konzentrieren. Beim Elfmeter gibt es ein Geheimnis, das auch ich nicht erklären kann.
 
Im Finale der WM 1994 gegen Italien kam es zum ersten Mal in der Geschichte zu einem Elfmeterschießen. Wie fühlt man sich vor so einem Showdown?
Mmmh, nervös!? Nein, das ist das falsche Wort, ich würde sagen, es ist eher eine Form der Anspannung. Aber als es losging, war das vorbei. Und Gott sei Dank hielt ich gegen Daniele Massarro, mit Abstand der wichtigste Elfer meiner Karriere.
 
Nach Massarro trat aber noch Italiens Star der WM, Roberto Baggio, an. Was ging Ihnen in diesem Moment durch den Kopf?
Ich war mir sicher, dass es der letzte Schütze sein würde, dass ich ihn halten werde... (lacht) aber dass Baggio so schlecht schießt, hätte auch ich nicht gedacht.


Die Mannschaft von 1994 zeigte sich stets als Einheit und betrat das Spielfeld »Hand in Hand«. Wie kam es zu diesem Ritual?
Um ehrlich zu sein: Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur noch, dass ich vor dem ersten Spiel gegen Russland im Kabinengang stand und Kapitän Dunga rief: »Taffa, gib die Hand, nimm die Hand!« Durch diese Geste zeigten wir allen unsere Geschlossenheit und das war wichtig für den Erfolg, denn vier Jahre zuvor fehlte diese Einheit.
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