Claudio Pizarro über Werder, Risiken und den Hype um ihn

»Ich bin bestimmt kein Heiliger«

Hat er Angst vorm Abstieg? Sind Werders goldene Zeiten vorbei? Ist er nicht zu alt für den Scheiß? Claudio Pizarro macht sich keinen Kopf. Sein Geheimnis: Er will doch nur spielen.

Anatol Kotte
Heft: #
168

Claudio Pizarro, Sie spielen schon seit anderthalb Jahrzehnten in der Bundesliga, doch seit kurzem sind Sie wieder der Hoffnungsträger beim SV Werder. Wie alt sind Sie eigentlich?
Ich bin Anfang Oktober 37 Jahre alt geworden. Am Tag der Deutschen Einheit! Ich feiere meinen Geburtstag immer mit allen Deutschen, ist das nicht schön?

Sie hätten aber auch nachdenklich werden können an diesem Tag: Sie sind der älteste Feldspieler der Bundesliga.
Ist das so? Tut mir leid, aber es gibt wirklich Rekorde, die mich mehr interessieren.

Fühlen Sie sich denn wie 37?
Ach, das ist doch bloß irgendeine Zahl. Sie bedeutet nicht für jeden das Gleiche. Jeder lebt sein Leben. Ich lebe meins. Also sage ich mal: Ich fühle mich nicht wie 37, ich fühle mich wie Claudio Pizarro.

Geht ein Südamerikaner anders mit seinem Alter um als ein Deutscher?
Ich glaube nicht, dass das eine Mentalitätsfrage ist. Das ist rein individuell. Es gibt auch in meinem Heimatland Peru Leute, die sich früh alt fühlen und deshalb schlecht gelaunt sind. In Deutschland gibt es dafür Leute, die mit 50 noch so fit sind wie ein Zwanzigjähriger. Ich kann also nur von mir sprechen. Ich bin ein großer Optimist. Wenn meine Muskulatur mal sagt: »Ich brauch ’ne Pause, mein Freund«, dann kriegt sie diese Pause, und danach geht’s weiter. Mein Kopf ist superfit, das ist doch das Wichtigste.

Fühlen Sie sich nach einem Sieg jünger als nach einer Niederlage?
Da bin ich natürlich glücklicher, keine Frage. Aber jünger? Nein, ich denke nicht. Wenn das so wäre, müssten die Spieler des FC Bayern ja ewig leben! (Lacht.)

Sind Sie immer noch ein Schlitzohr?
Ich bin kein Schlitzohr, ich bin ein Schlawiner. Das hat Uli Hoeneß mal gesagt, und darauf bestehe ich.

Was genau ist denn ein Schlawiner?
Ein Schlawiner hat ein gutes Auge. Er sieht alles! Überall! Auf dem Platz, neben dem Platz, sogar auf dem Oktoberfest. (Lacht.) Und dann macht er das Beste aus der Situation.

Sind Sie in München zum Schlawiner geworden?
Nein, ich denke eher, dass das etwas typisch Peruanisches an mir ist. Das habe ich schon 1999 mit nach Deutschland gebracht und in all den Jahren nicht verlernt.

In welchen Dingen sind Sie deutsch geworden?
Ich bin disziplinierter als früher, vor allem pünktlicher. Viel pünktlicher!

Ein pünktlicher Schlawiner also.
Ja, das ist die Mischung, die mich so stark macht. (Lacht.)

Was können Sie heute außerdem noch besser als früher?
Ich habe natürlich viel mehr Erfahrung. Das hilft mir nicht nur, ökonomischer zu spielen, keine unnötigen Wege mehr zu gehen und Kräfte zu sparen. Sondern es hilft mir auch im Zwischenmenschlichen, in der Kabine: Ich kann viel besser mit den jungen Spielern reden, weil ich weiß, wie die Dinge laufen.

Was sagen Sie den Jungs?
Ich habe in Peru viele gute Spieler gesehen, die 18 oder 19 Jahre alt waren. Die kennt heute aber kein Mensch mehr. Sie haben ihr Talent verschleudert. Deswegen achte ich darauf, dass die Jungs – bei aller Lebensfreude, die sie haben sollen und müssen – verantwortungsvoll mit ihrer Gabe umgehen. Sie haben die Verpflichtung, etwas daraus zu machen. Sich selbst und den Fans gegenüber.

Was haben Sie Robert Lewandowski beigebracht?
Ein so zielstrebiger, ehrgeiziger Mensch wie Robert lernt jeden Tag etwas dazu. Deswegen wird er auch von mir irgendetwas gelernt haben. Aber was genau – das müssten Sie ihn fragen.

Sie sind mit momentan 182 Treffern der erfolgreichste ausländische Torschütze der Bundesligageschichte. Holt Lewandowski Sie irgendwann ein?
Wenn er so weiter macht, wahrscheinlich schon in ein paar Wochen! (Lacht.) Aber noch bin ich ja da und werde alles versuchen, um ihn auf Abstand zu halten.

Wie lange wollen Sie noch spielen?
Der Wille wird noch lange, lange da sein. Ich liebe es, Fußball zu spielen! Aber letztendlich wird der Körper entscheiden, wann es vorbei ist. Die große Herausforderung ist dann, das zu akzeptieren.

Haben Sie Angst vor diesem Tag?
Nein! Ich bin zwar darauf vorbereitet, aber ich mache mich mit diesem Gedanken nicht fertig. Dann müsste ich jetzt schon aufhören. Angst ist Ballast.

Haben Sie Angst vor Verletzungen?
Nein. Ich liebe Fußball, und Fußball bedeutet nun mal Risiko. Deshalb liebe ich auch das Risiko.

Angst vor einem bestimmten Verteidiger?
Respekt ja, Angst nein. Wenn ein Gegner wirklich hart spielt, dann weiß ich, woran ich bin, dann kann ich mich darauf einstellen. Die bösesten Verletzungen werden oft nicht durch die härtesten Verteidiger verursacht, sondern durch irgendwelche Ungeschicklichkeiten von Gegenspielern, die gar nicht foulen wollten.

Haben Sie überhaupt vor irgendetwas Angst?
Klar, wenn ich zum Elfmeter antrete, dann habe ich schon Angst, dass ich ihn verschieße. Ohne Angst wäre alles langweilig. Aber ich muss diese Angst kontrollieren und in Konzentration umwandeln.

Was ist mit der Angst vorm Abstieg? Die können Sie nicht vollends kontrollieren, weil Sie sie nicht allein haben.
Aber ich kann helfen, dass sich auch hier Angst in Konzentration umwandelt. Wenn alle in Panik ausbrechen, dann steht der Abstieg schon so gut wie fest. Wir müssen cool bleiben. Wir werden cool bleiben. Ich bin cool.

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