03.07.2008

Claudio D'Ambrosio im Interview

»Ein Knistern ist immer da«

Als Claudio D'Ambrosio nach langer Zeit wieder ein deutsches Stadion betrat, war er entsetzt: Nichts los, fast wie bei einer Andacht. Und überall wo er hinschaut, sieht er gleichgemachte Event-Fans. Was beim AC Milan anders ist, erzählt er hier.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago
Claudio D'Ambrosio im Interview
Was ist das Besondere in der Fankurve?

Milan hat eine sehr heterogene Fanstruktur, hier gibt es keine Exklusivitätsansprüche. Und das mag ich. In der Kurve steht der gut situierte Anwalt neben dem Studenten, dem Schüler, dem Rentner und dem Mann, der von Arbeitslosenhilfe lebt.

Ist die Curva politisch gefärbt?

Man hält sich generell für apolitisch. In der Kurve gibt es den Leitspruch: »Wir sind nicht rot, wir sind nicht schwarz, wir sind nur rotschwarz.« Und das entspricht dem Wunsch der Capos. Die politische Gesinnung soll vor den Toren des Stadions bleiben. Doch schaut man genau hin, sieht man das gesamte politische Spektrum, auch Leute mit kahl rasiertem Schädel, und solche mit Rastazöpfen – und die stehen dann tatsächlich nebeneinander.

Erinnern Sie sich an Ihr erstes Spiel in San Siro?

Als wenn es gestern gewesen wäre. Es war das Derby vor fünf Jahren. Milan hat einen 0:2-Rückstand in ein 3:2 umgewandelt. Wir waren sehr früh im Stadion, weil es den ganzen Tag schon geschüttet hat. Das Stadion war fast leer, auf der Haupttribüne verirrten sich ein paar wenige Leute. Mein Blick schweifte dann aber durchs Rund und hielt an auf dem zweiten Ring der Südkurve – der war tatsächlich bis auf den letzten Platz besetzt. Zwei Stunden vor dem Spiel! Die Tifosi feierten als ob das Spiel bereits angefangen hätte.

Früher galt das Mailänder-Derby als Hassduell. Wie ist es heute?

Die Vereine und die Fanszenen koexistieren mehr oder weniger friedlich. Aber es stimmt: Das Derby war vor allem in den 80ern ein Kräftemessen der Fanszenen. Gewalt war üblich. Irgendwann aber setzten sich die Capos der Kurven an einen Tisch und resümierten nüchtern und sachlich das Problem. Im Grunde ist es doch eh absurd: Man lebt in einer Stadt, viele wohnen sogar zusammen, arbeiten in einem Büro, prügeln aber, sobald sie ihren beruflichen oder familiären Raum verlassen, auf sich ein.

Was wurde bei den Gesprächen beschlossen?

Der Grundkonses dieser Gespräche war: Es soll auch weiterhin eine Rivalität geben, doch dies sollte eine gesunde sein, eine, die ohne Krawalle auskommt. Und es wird tatsächlich seit Jahren so praktiziert. Natürlich kippen die Inter- und die Milan-Ultras weiterhin während des Spiels gerne Kübel voll Spott über die anderen, doch nach und vor den Derbys kann man auch mal ein Bier miteinander trinken.

Können Sie einen Unterschied zu deutschen Derbys ausmachen?

Es knistert in der Stadt eigentlich das ganze Jahr über. Natürlich liegt auch vor den Ruhrderbys oder dem Münchener-Derby etwas in der Luft. Doch die Spannung in Mailand ist bereits Wochen vor dem Spiel zu spüren. Und in den Tagen vor dem Spiel gibt es in den Kneipen und Restaurants, auf den Straßen, beim Bäcker, in den Zeitungen nur noch dieses eine Thema. Zudem ist es ein richtiges Stadtderby. In Deutschland gibt es davon im Profifußball kein einziges. Die Münchener oder die Hamburger Vereine spielen in unterschiedlichen Ligen. Beide Mailänder Clubs aber spielen in der Serie A und gehen eigentlich jedes Jahr als Titelfavorit in die Saison. Es ist insofern auch nicht dieser Kampf David gegen Goliath wie etwa bei St. Pauli gegen den HSV oder bei 1860 München gegen den FC Bayern.

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