Claudio D'Ambrosio im Interview

»Ein Knistern ist immer da«

Als Claudio D'Ambrosio nach langer Zeit wieder ein deutsches Stadion betrat, war er entsetzt: Nichts los, fast wie bei einer Andacht. Und überall wo er hinschaut, sieht er gleichgemachte Event-Fans. Was beim AC Milan anders ist, erzählt er hier. Claudio D'Ambrosio im InterviewImago
Heft #80 07 / 2008
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80

Claudio D’Ambrosio, Sie sind Mitglied der »Alternativa Rossonera«. Ist der Fanclub für Sie wie eine große Familie?

Irgendwie schon. Zumal wir uns alle untereinander kennen, obgleich die Mitglieder in Europa verstreut leben. Ich komme zum Beispiel aus Hamburg. Und das Band, das eine Familie eint, ist immer dehnbar, es bietet uns jederzeit Freiräume.

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Welche?


Wir haben vor einiger Zeit den deutschen Fanclub »Rossoneri Germania« gegründet. Dennoch sind wir weiterhin in die Arbeiten und Aktionen der »Alternativa Rossonera« involviert und stehen mit ihnen in der Kurve. So haben wir eine gewisse Eigenständigkeit, verneinen aber unsere Herkunft nicht. Wir werden langsam erwachsen. (lacht)

Wofür steht »Alternativa Rossonera« eigentlich?

Die Basis des Fanclubs ist sicherlich in der Ultra-Kultur zu finden, doch wie der Name schon sagt: Ursprünglich sollte eine Alternative geschaffen werden zu den normalen Fanclubs, die mit ihren Schals auf der Haupttribüne sitzen und den Ultras, die mit ihren Bannern in der Kurve stehen.

Wo stehen Sie am liebsten im San Siro?

Im zweiten Ring in der Curva Sud. Dort passiert es einfach! Von dort aus wird die Mannschaft angefeuert, dort nehmen die Choreos ihren Anfang. Ich könnte mir keinen anderen Platz im Stadion vorstellen außer diesen.

Sind Sie an der Entstehung der Choreos beteiligt?

Nicht direkt, ich komme ja aus Hamburg, bin also unter der Woche selten vor Ort, und kann dementsprechend nicht wirklich mitwirken.

Welche Choreos haben Sie in den letzten Jahren besonders begeistert?

Sicherlich die Umsetzung des »Schreis« von Edvard Munch beim »Derby della Madonnina«. Ich stand direkt unter der Choreo. Generell haben die Mailänder Derbys stets die besten Choreos. Eine andere sehr schöne war die mit dem Teufel, der mit bengalischen Feuern über die ganze Kurve gezogen wurde.

Sie sind in Hamburg aufgewachsen. Wie sind Sie eigentlich Milan-Fan geworden?

Mein Vater ist Italiener, und auch ich bin italienischer Staatsbürger, obwohl ich nie dort gelebt habe. Doch der Verein hat mich immer schon interessiert, auch wenn damals, als ich mich für den AC Milan entschied, andere Clubs viel größer waren. Juventus Turin zum Beispiel. Doch spätestens als ich zum ersten Mal im San Siro war, konnte ich nicht mehr loslassen. Dabei hat mich zunächst das Spiel kaum interessiert. Ich habe bei den ersten Spielen im Stadion oftmals mehr zu den Fans geschaut, als auf den Rasen. Und diese Faszination ist ungebrochen. Dann noch dieses Stadion...

Für viele ist es das schönste Stadion der Welt.

Für mich auch. Durch seine eckige Bauweise und dem Dach wirkt es gewaltig und mächtig. Herinnen kann sich eine unbeschreibliche Atmosphäre entfachen. Ich habe viele Stadien gesehen und manche werden unken, dass ich die Mailand-Brille aufhabe, doch für mich ist San Siro das Stadion.

Was ist das Besondere in der Fankurve?

Milan hat eine sehr heterogene Fanstruktur, hier gibt es keine Exklusivitätsansprüche. Und das mag ich. In der Kurve steht der gut situierte Anwalt neben dem Studenten, dem Schüler, dem Rentner und dem Mann, der von Arbeitslosenhilfe lebt.

Ist die Curva politisch gefärbt?

Man hält sich generell für apolitisch. In der Kurve gibt es den Leitspruch: »Wir sind nicht rot, wir sind nicht schwarz, wir sind nur rotschwarz.« Und das entspricht dem Wunsch der Capos. Die politische Gesinnung soll vor den Toren des Stadions bleiben. Doch schaut man genau hin, sieht man das gesamte politische Spektrum, auch Leute mit kahl rasiertem Schädel, und solche mit Rastazöpfen – und die stehen dann tatsächlich nebeneinander.

Erinnern Sie sich an Ihr erstes Spiel in San Siro?

Als wenn es gestern gewesen wäre. Es war das Derby vor fünf Jahren. Milan hat einen 0:2-Rückstand in ein 3:2 umgewandelt. Wir waren sehr früh im Stadion, weil es den ganzen Tag schon geschüttet hat. Das Stadion war fast leer, auf der Haupttribüne verirrten sich ein paar wenige Leute. Mein Blick schweifte dann aber durchs Rund und hielt an auf dem zweiten Ring der Südkurve – der war tatsächlich bis auf den letzten Platz besetzt. Zwei Stunden vor dem Spiel! Die Tifosi feierten als ob das Spiel bereits angefangen hätte.

Früher galt das Mailänder-Derby als Hassduell. Wie ist es heute?

Die Vereine und die Fanszenen koexistieren mehr oder weniger friedlich. Aber es stimmt: Das Derby war vor allem in den 80ern ein Kräftemessen der Fanszenen. Gewalt war üblich. Irgendwann aber setzten sich die Capos der Kurven an einen Tisch und resümierten nüchtern und sachlich das Problem. Im Grunde ist es doch eh absurd: Man lebt in einer Stadt, viele wohnen sogar zusammen, arbeiten in einem Büro, prügeln aber, sobald sie ihren beruflichen oder familiären Raum verlassen, auf sich ein.

Was wurde bei den Gesprächen beschlossen?

Der Grundkonses dieser Gespräche war: Es soll auch weiterhin eine Rivalität geben, doch dies sollte eine gesunde sein, eine, die ohne Krawalle auskommt. Und es wird tatsächlich seit Jahren so praktiziert. Natürlich kippen die Inter- und die Milan-Ultras weiterhin während des Spiels gerne Kübel voll Spott über die anderen, doch nach und vor den Derbys kann man auch mal ein Bier miteinander trinken.

Können Sie einen Unterschied zu deutschen Derbys ausmachen?

Es knistert in der Stadt eigentlich das ganze Jahr über. Natürlich liegt auch vor den Ruhrderbys oder dem Münchener-Derby etwas in der Luft. Doch die Spannung in Mailand ist bereits Wochen vor dem Spiel zu spüren. Und in den Tagen vor dem Spiel gibt es in den Kneipen und Restaurants, auf den Straßen, beim Bäcker, in den Zeitungen nur noch dieses eine Thema. Zudem ist es ein richtiges Stadtderby. In Deutschland gibt es davon im Profifußball kein einziges. Die Münchener oder die Hamburger Vereine spielen in unterschiedlichen Ligen. Beide Mailänder Clubs aber spielen in der Serie A und gehen eigentlich jedes Jahr als Titelfavorit in die Saison. Es ist insofern auch nicht dieser Kampf David gegen Goliath wie etwa bei St. Pauli gegen den HSV oder bei 1860 München gegen den FC Bayern.

Gehen Sie in Deutschland ins Stadion oder interessiert Sie die Bundesliga nicht?

Ich war vor einiger Zeit mal beim Spiel des HSV gegen Hertha BSC. Das war für mich eine vollkommen andere Welt. Zumindest habe ich es in Italien noch nie erlebt, dass ich in einem Gästeblock stehe und mich mit meinem Nachbarn ganz normal unterhalten kann, ganz so, als ob ich an einer Bushaltestelle stehe. Es war wirklich eine Grabesstimmung, obwohl die Heimmannschaft führte, die Gastmannschaft zum Ausgleich kam, das Spiel somit stetig hin- und herging.

Vielleicht liegt es an der norddeutschen Reserviertheit?

Auch in anderen Stadien ist die Stimmung erbärmlich. Es gibt ja durchaus tolle Arenen, auf Schalke etwa, oder in Dortmund. Daran kann es also nicht liegen.

Woran dann?

Zum einen ist das wohl eine Frage der Mentalität. Der Deutsche ist generell eher zurückhaltenener als der Italiener. Zum anderen gibt es gerade in den Zeiten der großen Turniere und der voranschreitenden Kommerzialisierung des Fußballs unglaublich viele Eventfans. Und die bleiben oftmals auch nach den Turnieren in der Kurve stehen, haben aber keinerlei Bezug zur Fanszene, wissen nichts über die Geschichte der Ultra-Kultur und kennen vielleicht zwei Schlachtrufe, weil der Stadionsprecher die Zuschauer vor den Spielen damit beschallt – vom Band.

Wie ist es in Italien?

Speziell in Mailand gibt es Führungsköpfe, die genau vorgeben, wie etwas laufen soll. Wer dann nicht mitzieht, hat letztendlich auch kein Recht in die Kurve zu gehen.

Es gibt also klare Hierarchien?

Genau. Der gemeine Fan sollte etwa die ersten Reihen am Gatter in der Curva Sud meiden, denn dort stehen die Capos, die sich über die Jahre eine ganz eigene Aura aufgebaut haben und die den Fans via Megafon vorgeben, wie die nächste Choreo aussieht oder welches der nächste Schlachtruf ist. Dahinter stehen die Fans, die regelmäßig ins Stadion gehen. Die, die nur gelegentlich kommen, müssen weiter oben stehen. Da wir weite Anreisen haben, genießen wir schon das Privileg, etwas weiter vorne zu stehen, nicht unbedingt am Geländer, aber in der zweiten oder dritten Reihe.

Wie negativ wirken sich die Restriktionen des Verbandes nach den Vorkommnissen in Catania auf die Stimmung in der Kurve aus?

Ungemein. Momentan wird mit wahnwitzigen Gesetzen und Regeln versucht, die Sicherheit in die Stadien zu bringen. Wobei die Gewalt ja außerhalb der Stadien viel stärker ist, im Inneren war man schon aufgrund räumlicher Trennung kaum in der Lage gewalttäig zu werden.

Was ist momentan verboten?

Man darf keine Megfone, keine Banner, eigentlich nichts mehr mit ins Stadion nehmen. Das hat dem ganzen Fandasein etwas geschadet. Fahnen dürfen nur neutrale Slogans aufweisenn. Die Ordner sind angehalten, richtig penibel zu sein. Auch dürfen keine spöttischen Gesänge angestimmt werden, Beleidigungen der gegnerischen Fans sind tabu. Wer sich über diese Regeln hinwegsetzt, muss mit Stadionverbot rechnen. Es ist nicht einfach im Moment. Doch die Familie wird auch diese Durstphase überleben.

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