Cícero im Interview

»Gott weiß, was ich kann«

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Senhor Cícero Santos, wissen Sie, wer Marcus Tullius Cicero war?

Keine Ahnung. Aber ich habe hier in Berlin schon eine Cicerostraße gesehen, und ich vermute mal, dass die nicht nach mir benannt worden ist.

Der Mann ist schon 2000 Jahre tot und war der berühmteste Redner Roms. Von Ihnen hört man, dass sie auch ganz gern mal eine Rede halten.

Sie meinen im Kreis der Mannschaft? Das habe ich in Berlin genau einmal gemacht.

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Das war in der Pause beim Spiel gegen Hannover. Herthas Manager Dieter Hoeneß sagt, Sie hätten eine dreiminütige Brandrede gehalten. Auf Portugiesisch!

Ja, das war notwendig, es stand 0:0, wir haben schlecht gespielt und brauchten einen Ruck. Wie wir in die Kabine gegangen sind, habe ich mir gedacht: Das nimmst du jetzt in die Hand. Ich hatte das nicht vorher geplant, es war eine ganz spontane Entscheidung.

Aber auf Portugiesisch – kaum einer dürfte Sie verstanden haben.

Der Dolmetscher hat übersetzt, jedenfalls am Anfang. Irgendwann hat er aufgehört, weil er gemerkt hat, dass meine Worte von Herzen kamen, dass es vor allem darum ging, die Mannschaft mitzureißen. Was man sagt, ist gar nicht so wichtig. Es scheint jedenfalls gewirkt zu haben, denn wir sind rausgegangen und haben das Spiel 3:0 gewonnen. Unser Kapitän Arne Friedrich hat sich später bei mir bedankt.

Was haben Sie denn nun genau gesagt?

Nichts Besonderes. Nur, dass wir an unsere Grenzen gehen müssen. Dass wir eine gute Tabellenposition zu verteidigen haben und das nicht schaffen, wenn wir weiter so spielen. Ich bin zu ehrgeizig, um so etwas hinzunehmen. Ich will hier Titel gewinnen, da zählt jedes Spiel.

Nach diesem bemerkenswerten Erfolg könnten Sie Ihren Kollegen doch in jeder Halbzeitpause ins Gewissen reden.

So etwas wirkt nur einmal, dafür braucht man die Magie des Augenblicks.

Bei Hertha haben schon viele Brasilianer gespielt, aber keiner war so schnell so gut wie Sie. Was machen Sie anders als Luizao, Alex Alves oder Marcelinho?

Erstmal möchte ich sagen, dass die drei großartige Fußballspieler waren. Ich habe vielleicht das Glück, dass mein Stil gut zum deutschen Fußball passt. Ich spiele gern den kurzen, flachen Pass, ich laufe viel und halte mich für intelligent genug, mich in jedes Spiel hineindenken zu können. Das macht eine Menge aus.

Bei Fluminense Rio de Janeiro haben Sie in der vergangenen Saison mit Thiago Neves zusammengespielt. Der sitzt jetzt beim Hamburger SV auf der Bank. Warum klappt bei ihm nicht, was Ihnen gelingt?

Da müssen Sie Thiago Neves fragen. Wir haben eineinhalb Jahre bei Fluminense zusammengespielt, aber sonst verbindet uns nicht viel.

Was halten Sie von Pedro Geromel, dem brasilianischen Verteidiger des 1. FC Köln?

Geromel? Nie gehört.

Viele Brasilianer verzweifeln am deutschen Winter, wenn es dunkel und kalt wird und der erste Schnee kommt.


Also, ein bisschen wärmer wäre es mir auch lieber, aber das mit dem Schnee ist schon eine lustige Sache. Am Samstag in Bochum habe ich zum ersten Mal Schnee gesehen habe. Es ist ja nicht so, dass es in Brasilien nie schneit, aber eben nur ganz selten und dann nur unten im Süden. Und ich komme von der Küste.

Erzählen Sie von Ihrer ersten Begegnung mit dem Schnee. Haben Sie vorsichtig ertastet, wie er sich anfühlt …

Das war nicht nötig, weil ich schon nach ein paar Minuten gestürzt bin und den Schnee in meinem Gesicht gespürt habe. Das hat mir gereicht. Na, und dass mir beinahe die Zehen abgefroren sind, habe ich ja schon oft genug erzählt. In der Pause habe ich sie mit einem Gel eingerieben, danach ging es einigermaßen. Aber das richtige Gefühl im Fuß habe ich bei diesen Temperaturen nicht.

Im ersten Schneespiel Ihres Lebens haben Sie zwei Tore vorbereitet und eines geschossen. Das war schon Ihr fünftes Tor, damit sind Sie Herthas erfolgreichster Schütze.

In meiner Profikarriere komme ich jetzt auf 54 Tore. Und das als defensiver Mittelfeldspieler! Im Augenblick habe ich einen guten Lauf.

Dabei hatten Sie anders als Ihre Kollegen keine Sommerpause. Sie spielen seit Januar, haben nahtlos den Übergang nach Europa geschafft und in der Bundesliga noch keine einzige Minute verpasst. Alles wartet darauf, dass Sie mal müde werden.

Ich habe einfach zu viel Spaß am Fußball. Wenn ich auf dem Platz stehe, denke ich nicht zurück, sondern nur noch daran, wie wir gewinnen können. Aber es stimmt schon: Wenn ich jetzt noch die drei Bundesligaspiele und die beiden im Uefa-Cup mache, komme ich auf 72 Spiele in diesem Jahr. Das ist wirklich sehr viel, und langsam merke ich auch die Müdigkeit, aber die paar Tage bis zur Winterpause werde ich schon noch durchhalten.

Die Bundesliga ist schwer beeindruckt von Ihrem Kopfballspiel. Wie machen Sie das, bei einer Größe von gerade 1,80 Meter?

Gott hat mir dieses Talent gegeben. Es gehört so wahnsinnig viel zu einem Kopfball: die Sprungkraft, das Timing, der Blick für die Situation. Eine brasilianische Zeitung hat mal eine Umfrage gemacht, dabei kam heraus, dass die Leute mich für den besten Kopfballspieler in ganz Brasilien halten.

Weiß das auch Ihr Nationaltrainer Carlos Dunga?

Ich hoffe doch. Denn natürlich habe ich meine persönlichen Ziele, ich will mich hier bei Hertha für die Nationalmannschaft empfehlen.

Dunga hat früher selbst in der Bundesliga gespielt, er schätzt den deutschen Fußball.

Das habe ich auch schon gehört. Ich hatte noch keinen persönlichen Kontakt zu ihm, aber es rufen mich viele brasilianische Reporter an, und in den brasilianischen Zeitungen und im Internet habe ich bisher auch nur gute Dinge über mich gelesen. Aber ich mache mich da nicht verrückt. Gott weiß, was ich kann.

Schon wieder Gott. Er scheint eine große Rolle in Ihrem Leben zu spielen.

Natürlich. Ich bin Katholik, aber leider spielen und trainieren wir bei Hertha so oft, dass ich kaum Zeit habe, in die Kirche zu gehen.

Na, das Olympiastadion hat eine eigene Kapelle.

Ich weiß, vor kurzem war ich mit den anderen brasilianischen Spielern mal drinnen, sehr schön! Das erinnert mich an meinen früheren Klub Bahia. Da hatten wir sogar eine Kapelle neben der Kabine.

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