Christopher Zenker über Rassismus

»Man ist ein bisschen blind«

Die »Bunte Kurve« engagiert sich im Umfeld der BSG Chemie und des FC Sachsen Leipzig gegen Rassismus. Wir sprachen mit Initiator Christopher Zenker über Fußball im Osten, politische Kurven und den Fall Ogungbure. Christopher Zenker über Rassismus

Christopher Zenker, viele Fangruppen und Vereine waren Ende der 90er froh darüber, die Politik aus dem Stadion verbannt zu haben. Eure Faninitiative »Bunte Kurve« sagt:  »Fußball darf sich nicht seiner gesellschaftlichen Verantwortung entziehen«. Wird die Kurve in Zukunft wieder politischer?

Ich würde mir wünschen, dass die Kurve zivilgesellschaftlicher wird. Dazu gehört für mich vor allem ein Engagement gegen Rassismus und Diskriminierung. Die Forderung, Politik nicht ins Stadion zu tragen, kommt ja auch häufig von denen, die von sich behaupten, unpolitisch zu sein, doch wer sich nicht engagiert – hernach meint, er sei apolitisch – positioniert sich trotzdem, wenn auch nur indirekt.

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Max Frischs Satz folgend: »Unpolitisch sein heißt politisch sein, ohne es zu merken«?

Genau. Zumal es eh falsch ist, zu glauben, dass man seine politische Gesinnung am Stadiontor abgibt.

Inwiefern ist Rassismus in Zeiten von Familienblock und VIP-Logen heute noch ein Problem in den Multiplexarenen?

Ich glaube, dass es in Deutschland kein Stadion gibt, in dem es keine Rechten gibt – Rassismus gibt es auch in großen Stadien, was jüngst der Fall in Bremen zeigte. Doch es stimmt: Das Problem ist in den unteren Ligen viel präsenter, und auch wenn rassistische Sprüche und Gesänge im Vergleich zu früher abgenommen haben, ist die Einstellung bei vielen noch vorhanden – das sieht man ja schon an den »Thor Steinar«- oder »Odins Erben«-Shirts.

Die Fanszene des FC Sachsen Leipzig war lange Zeit das Gegenmodell zum ungeliebten Lokalrivalen Lokomotive Leipzig, der gemeinhin als Sammelpunkt der rechten Szene galt. Inwiefern ist dieses Bild heute noch stimmig? 

Es ist jedenfalls nicht so, dass Rassismus beim FC Sachsen Leipzig kein Thema ist, de facto gibt es auch hier Rechte. Das war auch ein Grund, weshalb sich die Ultras, die linke Fangruppe vom FC Sachsen Leipzig, abspalteten. Letztlich führte das zusammen mit der fehlenden Unterstützung des Vereins, das Ignorieren von verbalen und körperlichen Übergriffen auf Fans des FC Sachsen Leipzig, zur Gründung des BSG Chemie.

Geht es so weit, dass eure Arbeit vom Verein FC Sachsen Leipzig torpediert wird, um das Bild einer vermeintlich unpolitischen Kurve zu wahren?

Ich würde es nicht »torpedieren« nennen – das geht ein bisschen zu weit. Aber Unterstützung sieht sicherlich anders aus. Zum Beispiel war die »Bunte Kurve« bei der letzten FARE-Aktionswoche im Stadion nicht erwünscht – auch wenn wir trotzdem noch eine Aktion gemacht habe, hemmt eine solches Gegensteuern des Vereins natürlich.

Verschließt der Verein die Augen?

Ich bin mir sicher, dass die Vereinsführung reagieren würde, wenn es zu einem rechten Vorfall käme. Das Problem ist allerdings, dass man wenig Präventionsarbeit leistet. Um es vorsichtig auszudrücken: Man ist in Bezug auf das Thema Rassismus ein bisschen blind – wie leider auch bei vielen anderen Vereinen.

Nimmt man euch in der Stadt als unabhängige Gruppe wahr oder versteht man euch stets in Verbindung zur BSG Chemie oder zum FC Sachsen Leipzig?

Wir sind Fans des grün-weißen Fußballs, also der BSG und des FC Sachsen, und das weiß jeder. Das Engagement gegen Rassismus, also die Arbeit der »Bunten Kurve«, soll aber weitgehend auf einer vom Fansein losgelösten Ebene stattfinden.
 
Um euch den Dialog mit anderen Fans zu ermöglichen?

Genau. Weil wir offen mit den Problemen in unserem Verein umgehen und nicht nur mit dem Zeigefinger auf die anderen zeigen, bekommen wir ein Echo. Wir sind auch mit einigen Lok-Fans im steten Dialog. Und man kann heute durchaus konstatieren, dass es dort Leute gibt, die sich mit großem Engagement dafür einsetzen, die rechten Kreise aus dem Stadion zu verbannen. Dafür gebührt ihnen großer Respekt.

Gestern war der Gedenktag an die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Ihr habt in der Gedenkstätte Abtnaundorf einen Kranz mit der Aufschrift »Gegen das Vergessen« niedergelegt. Im Herbst 2009 findet die Ausstellung »Kicker, Kämpfer und Legenden – Juden im deutschen Fußball« in Leipzig statt. Versucht ihr euch bewusst auch auf einer vom Fußball losgelösten Ebene zu positionieren?

Das ist uns im Laufe der Zeit immer wichtiger geworden. Die »Bunte Kurve« geht zurück auf die Faninitiative »Wir sind Ade«, die sich im April 2006 in Solidarität zum ehemaligen Sachsen-Spieler Adebowale »Ade« Ogungbure gegründet hatte. Ogungbure musste bei Spielen immer wieder rassistische Schmähgesänge der gegnerischen Fans erdulden. Nach einem Spiel gegen Halle wurde er sogar tätlich angegriffen, die so genannten Fans fühlten sich provoziert, weil Ogungbure ihnen als Antwort auf ihre Sprüche den Hitlergruß zeigte – er hielt ihnen quasi den Spiegel vor ihr Gesicht.

Nach dem Weggang von Ogungbure folgte die Umbenennung in »Bunte Kurve«.

Die Namensänderung hatte allerdings auch etwas damit zu tun, dass wir in der Öffentlichkeit breiter wahrgenommen werden wollten. Spätestens seit dieser Umbenennung war es für uns möglich nicht nur den Fan-, sondern auch den Fußballrahmen verlassen zu können, das heißt auch fußballfernen Menschen, die bis dato gedacht haben, Fußball sei immer noch apolitisch, ohne Engagement oder im Osten ausschließlich rechts, zu zeigen, dass dem nicht so ist.

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