Christoph Ruf über Fußball im Osten

»Nicht rechts, nicht links«

Journalist Christoph Ruf bereiste für sein Buch »Ist doch ein geiler Verein« einst ganz Fußball-Deutschland. Insbesondere den Osten, dessen unzählige Geschichten noch längst nicht alle erzählt sind. Ein Gespräch über unsympathische Wessis, rechte Gewalt und die Stasi. Christoph Ruf über Fußball im Osten
Heft#96 11/2009
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Christoph Ruf, für Ihr Buch »Ist doch ein geiler Verein«, haben Sie intensiv den Fußball-Osten bereist. Können Sie Gründe dafür nennen, warum es den ehemaligen DDR-Oberligavereinen sportlich so dreckig geht?

Was leider der Hauptgrund für den Niedergang des Ost-Fußballs ist, ist das Strukturelle. Das gleiche Problem ist in der Politik erkennbar: Die fünf neuen Bundesländer haben einfach eine geringere Wirtschaftskraft. Und sicherlich wurden direkt nach dem Fall der Mauer schwerwiegende Fehler gemacht, von denen sich manche Teams bis heute nicht erholt haben. Es gibt allein mehrere Bücher, die sich nur mit dem Versagen nach der Wende bei Dynamo Dresden befassen. Stichwort Rolf-Jürgen Otto, der sich selbst in die Tasche gewirtschaftet hat. Die ersten Wessis, die damals in den Osten gegangen sind, waren nun mal nicht die sympathischsten Menschen, sondern dubiose Geschäftemacher, die in ihrer Heimat völlig zu Recht einen beschissenen Ruf hatten. Die haben die marktwirtschaftliche Unbeflecktheit der Leute gnadenlos ausgenutzt.

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In Ihrem Buch geht es häufig um das Thema Rassismus, Gewalt und rechte Tendenz unter den Fans. Ist das auch ein Grund für die Misere im Osten oder einfach eine Folge der dauerhaften Erfolglosigkeit?

Weder noch. Weil man das ja auch so pauschal nicht sagen kann. Bei Union Berlin gibt es sicherlich auch Rechte, aber die bestimmen da nicht den Mainstream. In Jena wirst du gar keine finden. Man muss da unterscheiden. Ich habe den Eindruck, dass generell in den neuen Bundesländern Jugendkulturen ausdifferenzierter sind, auch politisch. In Dresden oder Leipzig, wo du eine relativ starke rechte Szene hast, gibt es jeweils auch eine große linke Gruppe. Dresden ist nicht rechts und nicht links. Dresden ist gelb-schwarz. Der Rechtsextremismus ist für mich auch nicht der Grund für die wirtschaftliche Misere. Als Journalist muss man sich da auch an die eigene Nase fassen, da wurde in den letzten Jahren der Eindruck erweckt, als gäbe es im Osten nur Nazis unter den Fußball-Fans. Vielleicht muss auch mal nach Wuppertal oder Mannheim fahren, wo mir Kollegen erzählt haben, dass da ganz ähnliche Verhältnisse herrschen.

Anderes Thema: Sollten ehemalige Fußballprofis, die im Osten ausgebildet wurden und im Westen Karriere machten, nicht jetzt der alten Heimat unter die Arme greifen?

Das ist natürlich ein sehr idealistischer Ansatz. Es gibt keinen Fußballer, der nicht für besseres Geld den Verein verlässt und einige sind auch ehrlich genug das zuzugeben. Nur Fans sind ihrem Verein wirklich treu. Du kannst also einem Matthias Sammer nicht verübeln, dass er nach dem Mauerfall zum VfB Stuttgart gewechselt ist. Na klar kann man sich fragen, ob ein Hans Meyer, der finanziell längst ausgesorgt hat, nicht zurück nach Jena geht, um dort seine Hilfe anzubieten. Aber kann man ihm das vorwerfen? Ich würde vermutlich genau so handeln, wie er.

Wir haben ehemalige Spieler angesprochen. Wie ein schwerer Brocken wirkt die Stasi-Vergangenheit von einigen Akteuren vor dem Fall der Mauer. Ist die teilweise nicht verarbeitete Vergangenheit ein Grund für die Blockade im Ost-Fußball?

Ich will das nicht herab werten: Wer Dinge, die in der Mannschaftskabine – einem geschützten Privatbereich – besprochen worden, an Dritte ausgeplaudert hat, hat absolut falsch gehandelt, so etwas könnte ich auch persönlich nicht verzeihen. In den letzten Jahren sind eine Menge prominenter Fußballer mit ihrer Stasi-Vergangenheit konfrontiert worden…

…zum Beispiel Hans Meyer, der Jörg Berger bespitzelt haben soll.

Aber Hanns Leske nennt in seinem Buch („Erich Mielke, die Stasi und das runde Leder.“, d. Red.) auch nur einen Fall, in dem Meyer schlecht über jemand anderen geredet hat, nämlich, als er Berger unterstellt, er könne Verbindungen zur Schwulen-Szene haben. Sonst saß er mit den Stasi-Leuten zehn Minuten in einem Raum und hat denen belanglose Sachen gesagt. So lautet jedenfalls seine Version, die er mir erzählt hat.

Und Ulf Kirsten, IM »Knut Krüger«?

Der hatte zwar nicht das Rückgrat den Stasi-Leuten zu sagen ´Ihr könnt mich mal´ – was andere beachtlicherweise getan haben – er hat aber, so viel ich weiß, nie jemanden ans Messer geliefert. Natürlich gibt es dann den Typus Fußballer, die der Stasi alles erzählt haben. Thorsten Gütschow etwa.

Idealismus steckt hinter den Vereins-Neugründungen, beispielweise »BSG Chemie« oder »Roter Stern« in Leipzig. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Ein bisschen hat das was von Volksfront von Judäa gegen Judäische Volksfront. Von den paar tausend Fans, die zu Sachsen Leipzig gehen, geht ein harter Kern nun nur noch zur BSG Chemie. Für die Vereine sollte das ein Alarmzeichen sein, denn sie verlieren ganz offensichtlich einen Teil ihrer Fans. Die Entwicklung vom Roten Stern ist großartig, ungeheuer sympathische Jungs, die ehrenamtlich eine tolle Sache auf die Beine gestellt haben.

Haben sich Ost und West inzwischen aneinander gewöhnt?

Das Verhältnis ist auf jeden Fall besser geworden. Ich habe jahrelang in Baden-Württemberg gelebt. Wenn du da auf der Autobahn nach Sachsen fährst, sind die Straßen voll von Autos mit Dynamo-Dresden-Aufklebern. Weil hunderte, tausende Exilsachsen zu den Spielen fahren. Das durchmischt sich natürlich. Der Fanbeauftragte von Dynamo sagt in meinem Buch, dass es sehr häufig vorkommt, dass Dresden-Fans Anhänger aus dem Ruhrgebiet mitnehmen und andersherum genau das gleiche. Gegenbeispiel: ich war beim Spiele Jena gegen Wuppertal, da stiegen Wuppertaler Ultras aus dem Bus und schrien »Baut die Mauer auf!« Der Fanbeauftragte aus Jena hat mir leicht augenzwinkernd gesagt, dass sie das seit Jahren nicht mehr gehört hätten.

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