Christoph Metzelder über Schalke und Real Madrid

»Beide Klubs hemmt die Jagd nach Titeln«

Christoph Metzelder spielte von 2007 bis 2010 bei Real Madrid und wechselte anschließend zum FC Schalke 04. Er war zudem maßgeblich am Raul-Transfer zu Schalke beteiligt. Gibt es also einen besseren Experten vor dem heutigen Duell zwischen den Königsblauen und den Königlichen? 

Christoph Metzelder, heute spielen Ihre beiden Ex-Klubs Real Madrid und Schalke 04 in der Champions League gegeneinander. Unmittelbar nach der Auslosung haben Sie gesagt: »Ich war eigentlich zum ersten Mal seit meinem Karriereende traurig, dass ich nicht mehr spiele.« Warum?
Das war etwas überspitzt formuliert. Eigentlich war ich im vergangenen Jahr fast trauriger, als wir unnötig gegen Galatasaray ausgeschieden sind. Im nächsten Spiel wären wir dann auf Real getroffen. Mit Schalke noch einmal ins Bernabeu einzulaufen, wäre ein schöner Abschluss meiner Karriere gewesen.

Sie wechselten im Jahr 2007 aus Dortmund nach Madrid. Wie kam der Wechsel eigentlich zustande?
Ich war bis zu meiner Vorstellung nie in Madrid. Alle Verhandlungen liefen bewusst ohne mich ab, weil es für Real Madrid unmöglich ist, unbemerkt mit Spielern zu verhandeln. Von Februar bis zu meiner Unterschrift im Mai haben wir das geheim halten können.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Tag im Raumschiff Real?
Ich kam am Flughafen an und lief etlichen Fotografen und Kamerateams in die Arme. Damit hatte ich nicht gerechnet. Dann wurde ich im Bernabeu vom Präsidenten vorgestellt, wo bereits ein paar tausend Fans warteten. Bei der Vertragsunterzeichnung schüttelte ich Alfredo di Stefano die Hand. Einfach alles wurde von A bis Z zelebriert. Und all das sollte mir von Anfang an klar machen: Du spielst jetzt beim größten Verein der Welt. Und diesen Anspruch hat ein Real-Spieler vom ersten Tag an zu verteidigen.

Wie viel Show steckt hinter diesem Klub?
Der Verein ist in einem inneren Konflikt. Auf der einen Seite stehen kommerzielle Interessen: der Wille, neue Märkte zu erschließen, das Geld zu verdienen, um die eigenen Spieler bezahlen oder neue Stars holen zu können. Dem gegenüber stehen die Traditionen und Werte, die der Verein seit Jahrzehnten verkörpert. Diesen Zwiespalt erlebt nicht nur Real Madrid, er ist mittlerweile auch Realität für große deutsche Traditionsvereine. Auch die Spieler müssen gleichzeitig zu einer Marke werden und dennoch authentisch und »nahbar« sein. Zu meiner Zeit bei Real bekam zum Beispiel jeder Spieler ein Buch, mit dessen Hilfe einem das »Ökosystem Real Madrid« vermittelt wurde. Das war eine Art Verhaltenskodex.

In der Nachbetrachtung sagten Sie einmal: »Bei Real Madrid waren die Physiotherapeuten mehr damit beschäftigt, frische Tattoos einzucremen, als mit allem anderen.«
Heute dominiert eine völlig neue Generation den Fußball. Es sind allesamt fantastische Spieler, die gemerkt haben, dass ihr Sport ein großes Geschäft ist, in dem man sich als Marke positionieren muss. Diesen dauerhaften Spagat zwischen Exzentrik und sportlicher Höchstleistung muss man im heutigen Fußball akzeptieren. Mir wäre es zum Beispiel nie eingefallen, dass man sich einen Tag vor dem Spiel ein Tattoo über den halben Hals stechen lassen könnte. Bei Real gab es Spieler, die das getan haben. Und die waren dann damit beschäftigt, diese Stellen einzucremen und vor dem Spiel abzutapen.

War das Ihr kuriosestes Erlebnis bei Real?
Irgendwann schaffte sich der Verein ein eigenes Flugzeug an, »La Saeta«. Das war schon kurios, zumal die Presse dann herausfand, dass der Flieger vorher jahrelang ungenutzt in der Wüste stand. Wir sind also fortan mit dem vereinseigenen Flugzeug gereist. Zu Champions-League-Spielen in Osteuropa konnten wir  allerdings nicht fliegen, weil die Reichweite der Maschine nicht ausreichend war. Das Flugzeug gibt es mittlerweile nicht mehr.

Sie kennen sowohl das Innenleben von Schalke als auch von Real und können deshalb beide Klubs miteinander vergleichen. Welcher Verein hat das bessere Stadion?
Das Bernabeu ist ein unglaublich gewachsenes Stadion, verbunden mit Mythen, erfolgreichen Spielen und Titeln. Es gibt nicht umsonst den Satz: »90 Minuten im Bernabeu sind lang.« Auch zu meiner Zeit haben wir dort viele Spiele in den letzten Minuten gedreht. Im vergangenen Jahr ist Dortmund mit einer 4:1-Führung nach Madrid gereist. Überall sonst bedeutet so ein Vorsprung das sichere Weiterkommen. Im Bernabeu hätten sie es um ein Haar verspielt.  Kurz gesagt: Wenn man im Bernabeu auf dem Platz steht, spürt man die Historie.

Da kann die Arena auf Schalke kaum mithalten.
Sie ist der Prototyp der neuen Arenen, die es vor allem in Deutschland gibt. Dieses Gebäude lebt von den Fans, die es besuchen. Sie schaffen die Atmosphäre und erwecken die Arena erst zum Leben. Im Bernabeu ist es genau andersrum. Das Stadion ist ein Monument. Es wirkt als Bauwerk für sich.

Daraus kann man schließen, dass Schalke immerhin die besseren Fans hat?
Da vergleichen wir zwei völlig unterschiedliche Fußball- und Fankulturen. In Spanien gibt zum Beispiel so gut wie keine Auswärtsfahrer. Es reisen keine 10.000 Madrilenen mit dem Zug nach Sevilla, sondern nur 50 oder 100 Fans, die in der Nähe wohnen. Gerade beim FC Barcelona und bei Real Madrid werden die Mitgliedschaften und Dauerkarten über Generationen weitergegeben. Sohn, Vater und Großvater sitzen gemeinsam auf der Tribüne, essen ihre Bocadillos und wollen unterhalten werden. Die Atmosphäre auf Schalke ist dagegen eine völlig andere.
 
In Gelsenkirchen ist Schalke 04 eine Religion, Real nennt sich selbst »galaktisch«. Welcher Verein ist hysterischer?
Für die Spanier kommt der König – und dann Real. Das hat auch eine politische Dimension. Etwa bei Auswärtsspielen in Katalonien oder im Baskenland. Real Madrid ist zudem weltweit ein Begriff. Trotzdem war es immer irgendwie entspannt, auch wenn mal ein Spiel verloren ging.

Dabei gelten die spanischen Medien als unerbittlich.
Aber alle wussten, dass Real eigentlich nie zwei Spiele hintereinander verliert.  Wirklich kritisch wurde es immer nur, wenn Real aus der Champions League flog. Auf Schalke hingegen ist man abhängiger von aktuellen Ergebnissen und sportlichen Entwicklungen. Da die nicht so konstant sind wie bei anderen Vereinen, wird es auf Schalke also wesentlich schneller unruhig.

Mit Kevin-Prince Boateng und Cristiano Ronaldo haben beide Teams auch jeweils einen schillernden Führungsspieler. Wer von beiden hat das größere Ego?
Ich kenne Kevin-Prince nicht so gut, aber wenn ich seine Zeit bei Schalke betrachte, habe ich keinen Anlass zur Kritik. Auf Schalke war zu Beginn der Saison mal wieder alles dem Untergang geweiht. Die Verpflichtung von Boateng hat da schon für eine Wende gesorgt. Er hat es geschafft sich in die Mannschaft einzuordnen und ist trotzdem ein echter Leader.

Ist Ronaldo auch ein Anführer? Ihm haftet der Ruf an, in großen Spielen unterzutauchen.
Cristiano Ronaldo ist in der Form seines Lebens. Und Real Madrid lebt von ihm. Auch dank ihm können sie in dieser Saison alle großen Titel holen.

Wie haben Sie ihn kennengelernt?
Bei ihm gibt es unterschiedliche Ebenen. Sportlich ist er der größte und professionellste Spieler, den ich jemals erlebt habe. Er ist der Erste, der kommt und der Letzte, der geht. Jeden Tag. Er lebt diesen Sport zu 100 Prozent, ist abends nicht unterwegs und konzentriert sich völlig auf seine Karriere. Innerhalb der Kabine ist er dagegen ein Spaßvogel. Ob Zeugwart, Busfahrer oder Mitspieler – alle werden von ihm gleich behandelt. Mit dem Anpfiff bedient er dann die Rolle des globalen Superstars.

Spielt er uns den eitlen Gockel nur vor?
Auf dem Rasen ist er ein anderer Mensch als außerhalb. Aber all das ist Teil seiner Persönlichkeit. Bei allen Tänzchen und Spielereien verliert er nie den Erfolg aus den Augen. Er schießt trotz allem, was um ihn herum passiert, seine 60, 70 Tore pro Saison. Das ist einmalig und darf bei aller Häme und Kritik niemals vergessen werden.

Welcher Klub hat eigentlich das bessere Trainingsgelände?
Das Gelände von Real Madrid ist das beste und größte Trainingsgelände der Welt. Das steht völlig außer Frage. Es ist hochmodern, in perfektem Zustand und wunderschön. Die Plätze sind terrassenartig angelegt, alle Mannschaften, von den Kleinsten bis zu den Profis, spielen auf ihrer eigenen Ebene. Die Bambinis von Real Madrid schauen also hoch zu den Profis und denken jeden Tag: »Da oben möchten wir irgendwann mal spielen«. Diese Möglichkeiten hat Schalke selbstverständlich nicht.

Teure Stars, moderne Trainingsanlagen, ein blankpoliertes Image: All das hat seinen Preis. Welcher Verein muss sich größere Sorgen machen, vom eigenen Schuldenberg erdrückt zu werden?
Es gibt einen entscheidenden Unterscheid: Real Madrid macht pro Jahr 500 Millionen Euro Umsatz. Davon träumt man bei Schalke 04. Dennoch wird keiner der Vereine in naher Zukunft kaputtgehen.

Was macht Sie so sicher?
Die Liebe der Fans wird Schalke für immer am Leben halten. Real lebt als größter Verein der Welt von seinem sport- und gesellschaftspolitischen Wert. Man zuckt beim Anblick der Bilanzen zwar immer ein bisschen zusammen, aber ernsthafte Sorgen sind da sicherlich unbegründet.

Beide Klubs eint das ständige Müssen. Warum darf ein Fußballklub eigentlich niemals ruhig stehen?
Ständige Bewegung, hohe Ziele, das Streben nach dem Sieg: Das sind die Merkmale des Leistungssports. Gerade bei der Jagd sind sich beide Klubs tatsächlich ähnlich. Real Madrid jagt seit über einem Jahrzehnt »La Decima«, den zehnten Champions-League Titel. Und Schalke wird vom Mythos der ersten Meisterschaft nach 1958 bestimmt. Das können sie noch so oft abstreiten: Beide Vereine beschäftigt diese Jagd tagtäglich – und manchmal hemmt sie sogar.

Sie haben bei Real noch mit Iker Casillas, Marcelo, Sergio Ramos, Pepe, Alvaro Arbeloa, Cristiano Ronaldo und Karim Benzema zusammengespielt. Mit wem hatten Sie den engsten Kontakt?
Unter den Spieler herrschte eher ein kollegiales und respektvolles Verhältnis. Natürlich gab es da die üblichen Gruppen, die Portugiesen, die Spanier, die Niederländer. Das beste Verhältnis hatte ich immer zum damaligen Ersatztorwart Jerzey Dudek. Und natürlich zu den Niederländern Arjen Robben, Wesley Sneijder, Klaas-Jan Huntelaar und Rafael van der Vaart.

Gerade die Fraktion der Niederländer wurde damals regelrecht aus Madrid verjagt.
Das war der ganz normale Transferwahnsinn bei Real. Klaas-Jan Huntelaar kam damals in der Winterpause und schoss in der Rückrunde in den ersten elf Spielen acht Tore. Das war eine gute Quote. Doch zur neuen Saison kam ein neuer Präsident und mit Manuel Pellegrini ein neuer Trainer. Dann wurde Klaas, der ja erst ein halbes Jahr vorher verpflichtet wurde, einfach abserviert. Und mit ihm die anderen beiden Niederländer Robben und Sneijder.

Was genau heißt »abserviert«?
Ihnen wurde klar gemacht, dass sie bei Real keine Zukunft haben. Nach den Verpflichtungen von Ronaldo, Kaka und Benzema mussten die Drei bei den Trainingsspielen zum Teil abseits des Geschehens Fußballtennis spielen, weil sie »überzählig« waren. Eine skurrile Situation, immerhin reden wir hier von drei Weltklassespielern. Aber auch das ist Real: Auf der einen Seite wurde über Wertesysteme  gesprochen, auf der andere Seite wurden Spieler so behandelt. Das war sicherlich nicht königlich.

Klaas-Jan Huntelaar hat also noch eine Rechnung offen.
Er ist sicher extra motiviert, weil er diese Geschichte noch im Hinterkopf hat. Aber mal ehrlich, ein Champions-League-Achtelfinale gegen Real Madrid ist sowieso für alle ein absolutes Highlight.

Nehmen die Real-Spieler den FC Schalke überhaupt ernst?
In Madrid hat sich zumindest niemand über das Los beschwert. Und natürlich sieht sich Real als klarer Favorit. Aber in Deutschland hat Madrid immer Probleme gehabt. Spätestens nach dem Albtraum, den Real im vergangenen Jahr gegen Dortmund erlebt hat, ist die Mannschaft vor deutschen Gegnern gewarnt.

Wie kann Schalke das nominell überlegene Real aus der Ruhe bringen?
Schalke hat nur eine Chance: Die Spieler müssen diese Hochbegabten 180 Minuten lang bearbeiten. Nur wenn man Ronaldo, Benzema, Di Maria und Co. entnervt, kann man ihnen den Zahn ziehen. Das geht nur über intensive Zweikämpfe, überall auf dem Platz. Dazu gehört jede Menge Disziplin und die Bereitschaft, gegen den Ball zu arbeiten. Dann bieten sich im Umschaltspiel auch eigene Möglichkeiten gegen eine oft entblößte Abwehr der Madrilenen.

Die Schalker haben also wirklich eine Chance?
Im Hinspiel können sie Real überraschen. Dafür wird es existenziell sein, 90 Prozent des Spiels gegen den Ball zu arbeiten. Diese Mentalität muss Schalke zeigen. Dennoch wartet auch noch das Rückspiel im Bernabeu, und das wird richtig schwer.

Sie waren im Jahr 2010 maßgeblich an der Verpflichtung der Real-Legende Raul durch den FC Schalke beteiligt. Für wen wird er die Daumen drücken?
Wir haben sofort nach der Auslosung über das Spiel  gesprochen. Und wenn der Anpfiff näher rückt, werden wir auch bestimmt nochmal Kontakt aufnehmen. Er hat seine Zeit bei Schalke 04 geliebt, aber sein Herz schlägt bei diesem Spiel für Real Madrid. Dafür hat sicher jeder Verständnis.

Christoph Metzelder, derzeit buhlt die halbe Fußballwelt um das Schalker Talent Julian Draxler. Ist er schon bereit für den Schritt zu einem großen europäischen Klub?
Ich bin fest davon überzeugt, dass Julian in den nächsten Jahren ein Kandidat für alle Topklubs in Europa sein wird. Aber der Zeitpunkt eines Auslandswechsels ist extrem wichtig. Er darf sich nicht unter Druck setzen, wenn er jetzt mal eine Offerte ausschlägt. Denn diese Angebote werden wieder kommen. Ganz bestimmt.

Kommt irgendwann auch ein Angebot von Real Madrid?
Er hat herausragende Fähigkeiten, das macht ihn bestimmt auch für Real Madrid interessant. Doch für Julian ist es wichtig, als gestandener Nationalspieler den nächsten Schritt zu gehen. So etwas spielt bei großen Klubs neben der Ablösesumme eine wichtige Rolle.

Das heißt: Je teurer der Spieler, umso interessierter sind die Weltklubs Marke Real?
Nein, die sportliche Leistungsfähigkeit steht über allem. Aber für die interne Akzeptanz spielt natürlich auch die Höhe der Ablösesumme eine Rolle. Die ersten Wochen sind einfacher, wenn man als 40-Millionen-Transfer in einen neuen Kader kommt. Ich spreche da aus Erfahrung.

Aber Sie haben doch nie 40 Millionen Euro Ablöse gekostet.
Ganz genau, ich war ablösefrei. Deswegen spreche ich ja aus Erfahrung

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