26.02.2014

Christoph Metzelder über Schalke und Real Madrid

»Beide Klubs hemmt die Jagd nach Titeln«

Christoph Metzelder spielte von 2007 bis 2010 bei Real Madrid und wechselte anschließend zum FC Schalke 04. Er war zudem maßgeblich am Raul-Transfer zu Schalke beteiligt. Gibt es also einen besseren Experten vor dem heutigen Duell zwischen den Königsblauen und den Königlichen? 

Interview: Benjamin Kuhlhoff Bild: Imago

Christoph Metzelder, heute spielen Ihre beiden Ex-Klubs Real Madrid und Schalke 04 in der Champions League gegeneinander. Unmittelbar nach der Auslosung haben Sie gesagt: »Ich war eigentlich zum ersten Mal seit meinem Karriereende traurig, dass ich nicht mehr spiele.« Warum?
Das war etwas überspitzt formuliert. Eigentlich war ich im vergangenen Jahr fast trauriger, als wir unnötig gegen Galatasaray ausgeschieden sind. Im nächsten Spiel wären wir dann auf Real getroffen. Mit Schalke noch einmal ins Bernabeu einzulaufen, wäre ein schöner Abschluss meiner Karriere gewesen.

Sie wechselten im Jahr 2007 aus Dortmund nach Madrid. Wie kam der Wechsel eigentlich zustande?
Ich war bis zu meiner Vorstellung nie in Madrid. Alle Verhandlungen liefen bewusst ohne mich ab, weil es für Real Madrid unmöglich ist, unbemerkt mit Spielern zu verhandeln. Von Februar bis zu meiner Unterschrift im Mai haben wir das geheim halten können.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Tag im Raumschiff Real?
Ich kam am Flughafen an und lief etlichen Fotografen und Kamerateams in die Arme. Damit hatte ich nicht gerechnet. Dann wurde ich im Bernabeu vom Präsidenten vorgestellt, wo bereits ein paar tausend Fans warteten. Bei der Vertragsunterzeichnung schüttelte ich Alfredo di Stefano die Hand. Einfach alles wurde von A bis Z zelebriert. Und all das sollte mir von Anfang an klar machen: Du spielst jetzt beim größten Verein der Welt. Und diesen Anspruch hat ein Real-Spieler vom ersten Tag an zu verteidigen.

Wie viel Show steckt hinter diesem Klub?
Der Verein ist in einem inneren Konflikt. Auf der einen Seite stehen kommerzielle Interessen: der Wille, neue Märkte zu erschließen, das Geld zu verdienen, um die eigenen Spieler bezahlen oder neue Stars holen zu können. Dem gegenüber stehen die Traditionen und Werte, die der Verein seit Jahrzehnten verkörpert. Diesen Zwiespalt erlebt nicht nur Real Madrid, er ist mittlerweile auch Realität für große deutsche Traditionsvereine. Auch die Spieler müssen gleichzeitig zu einer Marke werden und dennoch authentisch und »nahbar« sein. Zu meiner Zeit bei Real bekam zum Beispiel jeder Spieler ein Buch, mit dessen Hilfe einem das »Ökosystem Real Madrid« vermittelt wurde. Das war eine Art Verhaltenskodex.

In der Nachbetrachtung sagten Sie einmal: »Bei Real Madrid waren die Physiotherapeuten mehr damit beschäftigt, frische Tattoos einzucremen, als mit allem anderen.«
Heute dominiert eine völlig neue Generation den Fußball. Es sind allesamt fantastische Spieler, die gemerkt haben, dass ihr Sport ein großes Geschäft ist, in dem man sich als Marke positionieren muss. Diesen dauerhaften Spagat zwischen Exzentrik und sportlicher Höchstleistung muss man im heutigen Fußball akzeptieren. Mir wäre es zum Beispiel nie eingefallen, dass man sich einen Tag vor dem Spiel ein Tattoo über den halben Hals stechen lassen könnte. Bei Real gab es Spieler, die das getan haben. Und die waren dann damit beschäftigt, diese Stellen einzucremen und vor dem Spiel abzutapen.

War das Ihr kuriosestes Erlebnis bei Real?
Irgendwann schaffte sich der Verein ein eigenes Flugzeug an, »La Saeta«. Das war schon kurios, zumal die Presse dann herausfand, dass der Flieger vorher jahrelang ungenutzt in der Wüste stand. Wir sind also fortan mit dem vereinseigenen Flugzeug gereist. Zu Champions-League-Spielen in Osteuropa konnten wir  allerdings nicht fliegen, weil die Reichweite der Maschine nicht ausreichend war. Das Flugzeug gibt es mittlerweile nicht mehr.

Sie kennen sowohl das Innenleben von Schalke als auch von Real und können deshalb beide Klubs miteinander vergleichen. Welcher Verein hat das bessere Stadion?
Das Bernabeu ist ein unglaublich gewachsenes Stadion, verbunden mit Mythen, erfolgreichen Spielen und Titeln. Es gibt nicht umsonst den Satz: »90 Minuten im Bernabeu sind lang.« Auch zu meiner Zeit haben wir dort viele Spiele in den letzten Minuten gedreht. Im vergangenen Jahr ist Dortmund mit einer 4:1-Führung nach Madrid gereist. Überall sonst bedeutet so ein Vorsprung das sichere Weiterkommen. Im Bernabeu hätten sie es um ein Haar verspielt.  Kurz gesagt: Wenn man im Bernabeu auf dem Platz steht, spürt man die Historie.

Da kann die Arena auf Schalke kaum mithalten.
Sie ist der Prototyp der neuen Arenen, die es vor allem in Deutschland gibt. Dieses Gebäude lebt von den Fans, die es besuchen. Sie schaffen die Atmosphäre und erwecken die Arena erst zum Leben. Im Bernabeu ist es genau andersrum. Das Stadion ist ein Monument. Es wirkt als Bauwerk für sich.

Daraus kann man schließen, dass Schalke immerhin die besseren Fans hat?
Da vergleichen wir zwei völlig unterschiedliche Fußball- und Fankulturen. In Spanien gibt zum Beispiel so gut wie keine Auswärtsfahrer. Es reisen keine 10.000 Madrilenen mit dem Zug nach Sevilla, sondern nur 50 oder 100 Fans, die in der Nähe wohnen. Gerade beim FC Barcelona und bei Real Madrid werden die Mitgliedschaften und Dauerkarten über Generationen weitergegeben. Sohn, Vater und Großvater sitzen gemeinsam auf der Tribüne, essen ihre Bocadillos und wollen unterhalten werden. Die Atmosphäre auf Schalke ist dagegen eine völlig andere.
 
In Gelsenkirchen ist Schalke 04 eine Religion, Real nennt sich selbst »galaktisch«. Welcher Verein ist hysterischer?
Für die Spanier kommt der König – und dann Real. Das hat auch eine politische Dimension. Etwa bei Auswärtsspielen in Katalonien oder im Baskenland. Real Madrid ist zudem weltweit ein Begriff. Trotzdem war es immer irgendwie entspannt, auch wenn mal ein Spiel verloren ging.

Dabei gelten die spanischen Medien als unerbittlich.
Aber alle wussten, dass Real eigentlich nie zwei Spiele hintereinander verliert.  Wirklich kritisch wurde es immer nur, wenn Real aus der Champions League flog. Auf Schalke hingegen ist man abhängiger von aktuellen Ergebnissen und sportlichen Entwicklungen. Da die nicht so konstant sind wie bei anderen Vereinen, wird es auf Schalke also wesentlich schneller unruhig.

Mit Kevin-Prince Boateng und Cristiano Ronaldo haben beide Teams auch jeweils einen schillernden Führungsspieler. Wer von beiden hat das größere Ego?
Ich kenne Kevin-Prince nicht so gut, aber wenn ich seine Zeit bei Schalke betrachte, habe ich keinen Anlass zur Kritik. Auf Schalke war zu Beginn der Saison mal wieder alles dem Untergang geweiht. Die Verpflichtung von Boateng hat da schon für eine Wende gesorgt. Er hat es geschafft sich in die Mannschaft einzuordnen und ist trotzdem ein echter Leader.

Ist Ronaldo auch ein Anführer? Ihm haftet der Ruf an, in großen Spielen unterzutauchen.
Cristiano Ronaldo ist in der Form seines Lebens. Und Real Madrid lebt von ihm. Auch dank ihm können sie in dieser Saison alle großen Titel holen.

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