Christoph Metzelder über den DFB-Umbruch und Rudi Völler

»Wir haben nichts vermisst«

Für unser aktuelles Heft #142 zeichnete Tim Jürgens die DFB-Jahre von Rudi Völler nach und interviewte dafür auch Christoph Metzelder. Ein Gespräch über die WM 2002, Essen in Wiesbaden und Jürgen Klinsmann.

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Christoph Metzelder, Sie absolvierten im August 2001 Ihr erstes Länderspiel. Der Teamchef hieß Rudi Völler. Wie war es, unter ihm Nationalspieler zu werden?
Wie die Öffentlichkeit habe auch ich Rudi Völler von Beginn an als großen Sympathieträger wahrgenommen. Wie Franz Beckenbauer verfügt er über die Gabe, intuitiv viele Dinge richtig zu machen. Vieles, was er anfasst, führt er zum Erfolg. Und dieses Gefühl strahlte er damals auch auf die Mannschaft aus.

Sie waren einer der ersten Nachwuchsspieler, die unter Völler vor der WM 2002 in den Stamm der Mannschaft aufrückten.
Bei Rudi Völler erhielten viele junge Talente eine Chance, auch aufgrund von Absagen und Ausfällen der etablierten Spieler. Etliche haben den Sprung nicht geschafft. Ich hatte aber das Glück, dass ich Stammspieler wurde, weil Christian Wörns und Jens Nowotny sich vor der WM verletzten. Nur dadurch kam ich in die Situation, regelmäßig zu spielen.

War Völler ein Trainer, der jungen Talenten Selbstbewusstsein einflößen konnte? Oder war dafür sein Assistent Michael Skibbe zuständig?
Rudi Völler hat mir – ähnlich wie Matthias Sammer beim BVB – von Anfang an ein Gefühl gegeben, dass mich stark machte. Natürlich wusste er, dass er kaum Alternativen auf meiner Position hatte. Er musste mich ins kalte Wasser werfen, was gerade in der Vorbereitung auf die WM 2002 nicht immer funktioniert hat. Aber Völler hat mir immer wieder positiv zugesprochen, was dann dazu führte, dass ich beim Turnier meinen Job ganz gut machte.

Sie haben nach außen stets sehr selbstbewusst und gefestigt gewirkt. War es trotzdem gut, dass ein Typ wie Völler Ihnen bei der Nationalelf zur Seite stand?
Ein Profi macht den größten Sprung in seiner Entwicklung, wenn er zur Nationalmannschaft kommt. Dort tritt er aus dem Vereinsumfeld heraus und wird plötzlich deutschlandweit beachtet. Auf der anderen Seite bedeutet das im Negativfall auch massive Kritik. Deshalb war es von großem Vorteil, einen Typen wie Völler zu haben, der so viel Erfahrung hatte und einem auch in schwierigen Situationen ohne Kompromisse den Rücken stärkte.

In welchen Situationen war das nötig?
Wir absolvierten vor der WM Testspiele gegen Argentinien und Wales. Da sah die Abwehr nicht besonders gut aus. Im letzten Freundschaftsspiel gegen Österreich fingen wir dann auch wieder zwei Gegentore. Da wurde schon daran gezweifelt, ob ein 21-Jähriger mit einer Handvoll Länderspielen einer WM gewachsen sei. Aber dann gewannen wir das Vorrundenspiel gegen Saudi-Arabien mit 8:0 – und die Dynamik aus diesem Erfolg hat sich aufs ganze Turnier ausgewirkt.

Rudi Völler sagt, das entscheidende Spiel bei der WM 2002 sei das letzte Vorrundenmatch gegen Kamerun gewesen. Beim Stand von 0:0 wurde Carsten Ramelow vom Platz gestellt, trotzdem gewann das deutsche Team mit 2:0. Haben Sie Völler den Druck bei der Pausenansprache angemerkt?
Persönlich habe ich nie erlebt, dass er sich echauffiert hat oder sogar Zweifel hatte. Ich habe ihn immer sehr kontrolliert und menschlich erlebt. In der Pause stellten wir erstmalig auf eine Viererkette um und gewannen das Spiel in Unterzahl. So wie er hinter der Mannschaft stand, war es für alle Beteiligten schon sehr beruhigend.Im Finale gegen Brasilien mussten Sie auf den gesperrten Michael Ballack verzichten. Haben Sie sich trotzdem noch Hoffnungen auf den Titel gemacht?
Wir hatten nur eine Chance: Wir mussten ohne Gegentor bleiben. Das war uns im Achtel-, Viertel- und Halbfinale ziemlich gut gelungen – nicht zuletzt wegen des überragenden Olli Kahn im Tor. Aber als die Brasilianer dann das erste Tor erzielten, hatte man das Gefühl, dass sie jederzeit das Tempo nochmal anziehen und zu einem zweiten Treffer kommen könnten.

Alles, was bei der WM 2002 unter Völler so gut gelaufen war, veränderte sich anschließend zum Negativen. War die Erwartungshaltung nach der Vizeweltmeisterschaft zu groß?
Wir waren die zweitbeste Mannschaft in den sechs Wochen des WM-Turniers, aber sicher nicht die zweitbeste Mannschaft der Welt! Die vorhandenen Probleme bestanden weiterhin. Der Generationswechsel im DFB-Team hatte gerade erst begonnen. Und als Nationaltrainer kann man eben nur aus dem schöpfen, was zur Verfügung steht. Da hat Jogi Löw im Vergleich zu Rudi Völler einen großen Vorteil. Wir waren damals eine Mannschaft, die mit Willen und Teamgeist gespielt hat. Aber die Brillanz, die heute sehr viele in der Nationalelf haben, gab es damals nur bei wenigen Spielern.

Was unterschied den Teamchef Völler vom Bundestrainer Jürgen Klinsmann?
Jürgen war revolutionär. Aber er hatte mit der WM im eigenen Land auch Möglichkeiten, die Rudi Völler gar nicht hatte. Er wusste, dass er in dieser Situation auf allen Ebenen einen Umbruch schaffen konnte. Er brachte neues Personal und Trainingsinnovationen mit und machte gemeinsam mit Oliver Bierhoff die Nationalelf zu einer eigenen Marke, die sich ein Stück weit vom Verband löste. Und er sorgte im Zuge dessen auch dafür, dass wir Spieler uns etwas freier bewegen konnten.

Wie muss man sich das vorstellen?
Wir konnten auch mal außerhalb essen gehen oder uns die Städte ansehen. Bis dahin war das von Verbandsseite nicht gern gesehen. Da saßen wir meist nur im Hotel.

Hat Sie das genervt?
Ach, als junger Spieler macht man sich nicht so viele Gedanken darüber. Das war damals der Zeitgeist. Ich weiß noch, dass ich mit Jens Lehmann und Sebastian Kehl während eines Aufenthalts im Mannschaftshotel in Gravenbruch ein Mal nach Wiesbaden »ausgebüxt« bin, um dort essen zu gehen. Aber wir waren trotzdem vor Mitternacht wieder im Bett. Jürgen Klinsmann und Jogi Löw verfügten dann, dass wir ausgehen können, aber um 23 Uhr wieder zu Hause sein müssten. Am Ende kam es aufs Gleiche raus.

War Rudi Völler ein Verfechter solcher Disziplinauflagen, oder hielt er Sie gerne an der langen Leine?
Es war zu dieser Zeit normal, dass Profis und Mannschaften so geführt wurden. Da hat sich seither wahnsinnig viel verändert. Matthias Sammer konnte es gar nicht leiden, wenn er in den Bus zum Spiel stieg und die Stimmung war zu gelöst. Heute läuft jeder mit Kopfhörern rum und in der Kabine wird laute Musik gespielt. Aber nochmal: Damals haben wir nichts vermisst, weil wir es nicht anders kannten.

Phillip Lahm hat in seiner Biographie viel Kritik an Rudi Völlers Training geübt. Er schrieb, es sei zu lasch gewesen und meist nicht länger als eine Stunde am Tag.
Da muss man aufpassen, man kann den Fußball heute nicht mehr mit dem Sport von vor zehn Jahren vergleichen, dafür hat sich in allen Bereichen zu viel verändert. Deutschland hatte vor der WM 2002 die Viererkette noch nicht verinnerlicht, es gab noch kein Pressing und Gegenpressing. Deswegen kann man nicht sagen, dass alles schlecht war, es war der damaligen Trainings- und Spielweise angemessen. Wir haben auch unter Völler konzentriert gearbeitet und waren nicht zuletzt deshalb in der Lage, bei einer Weltmeisterschaft ins Finale einzuziehen.

Christoph Metzelder, welchen Stellenwert hat die Völler-Ära für den deutschen Fußball?
Es war eine Übergangsphase, aber auch Wendepunkt. Führen Sie sich mal vor Augen, wieviele Talente wir heute hervorbringen. Dafür wurden damals die Wurzeln gelegt: die Installierung der Nachwuchsleistungszentren in den Vereinen. Dazu kommt 2002 der überraschende Erfolg einer Spielergeneration, der man nichts mehr zugetraut hat. Und letztlich baute Völler auch viele Spieler in die Mannschaft ein, die den Erfolg von 2006 erst ermöglichten: Miro Klose, Philip Lahm, Lukas Podolski, Bastian Schweinsteiger – tja, und ich war auch dabei.

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