Christoph Metzelder über das neue Schalke

»Die Trainerwechsel auf Schalke sind schwer zu überbieten«

Für die große Reportage in der neuen 11FREUNDE #134 reisten wir Ende November nach Gelsenkirchen und sprachen mit den Köpfen des Klubs über das neue Schalke 04. Christoph Metzelder über seltsame Trainerwechsel, Kabinenhierarchien und seinen Übersetzerjob für Raul.

HINWEIS: Dieses Interview wurde bereits Ende November geführt. Die aktuellen Entwicklungen haben einige Dinge grundlegend verändert. Deswegen bitten wir dich, zur Einordnung des Gesagten vorab diesen Text zu lesen.

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Christoph Metzelder, der Führungszirkel von Schalke 04 strahlt seit Monaten große Einigkeit aus. Täuscht der Eindruck?
Das Entscheidende ist, dass die Schlüsselpositionen eine Sprache sprechen. Horst Heldt und Clemens Tönnies haben meines Erachtens ein sehr enges Verhältnis. Auch mit dem Trainer verstehen sich beide gut. Und auch, wenn es hinter den Kulissen mal hitzig wird, schaffen es die Drei, dass nichts davon nach außen dringt.

Wie sehr unterschied sich die Situation vom zweiten Magath-Jahr, in dem die Führung zerstritten war und es sportlich nicht lief.
Das ist Ihre Betrachtungsweise. Immerhin standen wir im Viertelfinale der Champions League und im Pokalfinale. Natürlich gab es atmosphärische Störungen, die in dieser Phase offen zutage traten. Aber davon haben wir Spieler nur wenig mitbekommen. Sportlich war das Team in der Spur. Magaths Entlassung kam für uns recht überraschend.

Ein Schock?
Entlassungen gehören zu diesem Geschäft dazu, dennoch verfolgt jeder Trainer eine eigene Philosophie, an die sich Spieler gewöhnen. Deswegen ist jeder Trainerwechsel – egal, wie man zum Coach steht – ein tiefer Einschnitt. Alles wird auf links gedreht: die Hierarchien ändern sich schlagartig, viele müssen sich mit neuen Positionen abfinden. Natürlich waren einige froh, als Felix weg war, aber viele waren auch verunsichert.

Woran haben Sie das gemerkt?
Es ist schon interessant, wer in der Kabine nach so einer Entscheidung plötzlich miteinander kommuniziert. 

Haben auch Sie den Druck unter Magath als extrem empfunden?
Keine Frage, es herrschte mitunter ein rauer Umgangston. Aber seltsamerweise hat er gerade denjenigen, die er sich rausgepickt hat, die er auch öffentlich vor der Mannschaft anzählte, sportlich oft vertraut. Das war sein Prinzip: Einerseits extremer Druck, andererseits Vertrauen. Eine skurrile Situation. Ich glaube, dass Magath ernsthaft überzeugt war, dass er mit seiner Art der Mannschaftsführung Spieler besser und »druckresistenter« macht.

Magath hat sich einen sehr großen Kader zusammengestellt. Wie sehr litt der Zusammenhalt darunter?
Wir haben auch Angelos Charisteas oder Ali Karimi ins Team aufgenommen. Von außen betrachtet scheinen bei uns damals babylonische Verhältnisse geherrscht zu haben, weil auch noch die Spieler 32, 33 und 34 verpflichtet wurden. Aber im Fußball versucht man sich innerhalb einer Mannschaft, trotz alle Konkurrenz doch eher zu unterstützen.


Herrscht auf Schalke eine besondere Kameradschaft verglichen mit anderen Klubs?
Generell bricht bei allen Profivereinen diese Art von traditionellen Werten weg. Unerschütterlich aber ist sicher die Liebe der Fans zu diesem Klub. Auch in Dortmund ist die Nähe und der Zusammenhalt groß, aber hier auf Schalke ist das nochmal eine andere Dimension.

Wie hat die Mannschaft die Verpflichtung von Horst Heldt wahrgenommen.
Diese Personalie wurde in den Medien groß behandelt, aber im ersten halben Jahr hatte sie überhaupt keinen Einfluss auf uns. Heldt war nicht mit im Trainingslager und bei Champions-League-Reisen hat er sich um die Sponsoren gekümmert. Als Magath weg war, hat er die Geschäfte dann relativ schnell übernommen. Er hat die Verbindungen zu den Fans intensiviert und man merkte auch, dass er sich noch immer gut in den Profi hineinversetzen kann.

Was änderte sich für den Kader unter Ralf Rangnick?
Zunächst einmal die Trainingsinhalte, es wurde viel konzeptioneller gearbeitet. Rangnick legte mehr Wert auf technische und taktische Dinge.

Hatten Sie den Eindruck, dass mit Rangnick der Spaß zurückkehrte?
Ich habe ein großes Problem, wenn Spieler direkt nach einem Trainerwechsel sagen, jetzt sei alles besser. Bei 25 Spielern ist nun mal die Hälfte nicht richtig beteiligt. Und die sind tendenziell unzufrieden, egal, ob der Trainer Magath oder Rangnick heißt. Um es kurz zu machen: Spaß hat ein Fußballer, wenn er Erfolg hat, also mit einem Trainer, der einer Mannschaft den Weg zum Erfolg weist. Punkt.

Die Zeit unter Ralf Rangnick scheint im Nachhinein dennoch wie eine glückliche Phase.
In den Wochen vor dem Pokalfinale herrschte auch unter ihm eine große Unsicherheit in der Mannschaft. Wir hatten die letzten vier Saisonspiele verloren und uns in der Bundesliga gerade noch über die Ziellinie gerettet. Jedenfalls war der Pokalsieg eine große Erleichterung für alle.

Gerade für Ihren Kumpel Raul lief es unter Rangnick weniger gut?
Da ich viel für Raul übersetzte, wurde ich unfreiwilliger Zeuge eines Gesprächs im Sommertrainingslager mit dem Trainer.

Worum ging es?
Rangnick macht ihm klar, dass Raul in seinem System sportlich nicht mehr unumstritten sei. Das war auch für mich als Übersetzer keine einfache Situation. Sie waren auf Rauls Seite? Ich fand, dass Ralf Rangnick sehr gut mit jüngeren Spielern arbeitet. Aber die Art und Weise das ABC des Fußballs noch mal en Detail zu erklären, kam gerade bei den Älteren nicht gut an.

Wie haben Sie Raul erklärt, was Schalke ist?
Die WM 2006 hat für alle Spieler, die teilgenommen haben, das Renommee der Bundesliga deutlich verbessert. Die neuen Stadien, das Umfeld, er wusste schon bevor er hierher kam, was das Ruhrgebiet ist.  

Haben Sie an dem Transfer mitgearbeitet.
In aller Bescheidenheit, ja. Ich bin mit Magath nach Madrid zum ersten Gespräch mit ihm geflogen. Als wir kamen hatte er sich schon informiert, Gelsenkirchen gegoogelt, nachgeschaut, wo die Jugendteams von Schalke spielen und wo die nächste internationale Schule liegt.

Konnten Raul die Vorgänge, die ständigen Trainerwechsel, in seiner Zeit auf Schalke noch schocken. Oder ist einer wie er mit allen Wassern gewaschen?
Letzteres. Hier wird vielleicht ein Trainer entlassen, aber von Real war er es gewohnt, dass mit jedem neuen Präsidenten eine komplett neue Zeitrechnung beginnt.

Wie kam er mit Magaths Methoden zurecht?
Felix hat ihn lange in Ruhe gelassen, aber auch er hat sehr unter den Trainingsmethoden gelitten. Dennoch sagte mir Raul bei seinem Abschied, der beste Trainer auf Schalke sei für ihn Magath gewesen.

Warum hat das Experiment Raul auf Schalke letztlich so gut geklappt?
Weil er in der Lage war, die Mentalität des deutschen Fußballs zu verinnerlichen. Er ist ein zwar südländischer Spieler, aber er hat ein Arbeitsethos, das preußischer ist, als bei vielen hiesigen Spielern.

Im März 2011 übernahmen Heldt und Rangnick die Geschäfte, der Kader wurde über den Sommer eingedampft – und kaum hat die Saison begonnen, steht plötzlich der Trainer in der Kabine und sagt, dass er nicht mehr kann.
Ich habe in meiner Laufbahn vieles erlebt, aber die Trainerwechsel auf Schalke sind schwer zu überbieten. Erst wird Magath nach einem Sieg entlassen und dann ist auf einmal Rangnick weg. Das war schon für alle ein Schock.

Tatsächlich?
Auch wenn natürlich in solchen Momenten immer die aufleben, die bis dato wenig Spielzeit hatten. Aber ich fand es bewundernswert, wie die Mannschaft damit umgegangen ist. Sowohl menschlich, als auch was die sportlichen Ergebnisse anbetrifft.

Wurden Sie als Führungsspieler in dieser schwierigen Situation in die Trainerfindung miteinbezogen?
Raul und ich nannten bei einem Gespräch mit Horst Heldt den langjährigen Real-Spieler Míchel, der damals noch beim FC Getafe trainierte. Aber schon bald kristallisierte sich dann Huub Stevens heraus.

Stevens übernahm den kompletten Trainerstab von seinen Vorgängern.
Eine ungewöhnliche Situation, die seine Erfahrung beweist. Stevens hat auf diese Weise den Klub sehr ruhig durch eine schwierige Zeit geführt.

Warum hat Stevens gleich auf Anhieb so gut funktioniert. Es gibt Trainer, die in einem bestimmten Umfeld, einfach gut zurecht kommen. Er passt hierher nach Schalke. Er brauchte keine Zeit, um sich zurecht zu finden. Aus seiner früheren Zeit kannte er hier noch viele Leute. Und er hat eine Mannschaft vorgefunden, die, obwohl sie von so vielen unterschiedlichen Leuten zusammengestellt wurde, sehr homogen ist. Eine Mannschaft, die eine große Zukunft vor sich hat.

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