27.06.2008

Christoph Metzelder im Interview

»Wir sind Außenseiter«

Das Halbfinale gegen die Türkei interessiert kaum noch jemanden, schließlich hat es Deutschland überstanden. Christoph Metzelder spricht über das große Finale und Herrn Schleich - und verrät, wovor die Spanier Angst haben.

Interview: Philipp Selldorf und Christof Kneer Bild: Imago
Christoph Metzelder im Interview
Kleiner Test: Kennen Sie die 96er-Siegerelf?

Köpke war im Tor, Sammer Libero, Helmer, Kohler hatte sich relativ früh verletzt... (überlegt) wer war zweiter Innenverteidiger?

Babbel.

Babbel , ja, wollte ich gradesagen, ...dann Häßler, Möller, Eilts - der war wichtig - Reuter, Ziege, Klinsmann, Bierhoff eingewechselt. Richtig?

Fast. Scholl statt Möller, mit Strunz, aber ohne Reuter. Im Angriff Kuntz. Trainer war: Vogts, der Nachfolger Franz Beckenbauers, der jetzt nach dem wackligen Türkei-Spiel im Namen der Nation feststellte, dass ihm diese deutsche Mannschaft »immer mehr ein Rätsel« werde. Haben Sie eine Lösung?

Man muss sagen, dass das ganze Turnier etwas rätselhaft ist. Die Leistungsschwankungen betreffen ja alle - die Spanier ausgenommen, die das konstanteste Team von allen waren.

Warum ist die deutsche Elf so anfällig für psychische Effekte? Die schwachen Auftritte gegen Kroatien und die Türkei schienen doch sehr stark auf einem Kopfproblem zu beruhen.

Der Denkansatz ist wichtig bei uns. Gegen Kroatien hatten wir geglaubt, wir seien schon eine Runde weiter. Da haben wir einfach unsere eigene Identität verleugnet: Wir müssen Powerfußball spielen, damit wir ins Spiel reinkommen und Möglichkeiten kreieren. Andersrum geht’s nicht. Gegen die Türken war’s auch ein bisschen so.

Wie kann das passieren? Die deutsche Elf besteht doch nicht aus Diven, sondern aus gelehrigen Burschen. Warum dieses Einstellungsproblem?

Da spielt einem das Unterbewusstsein Streiche, selbst wenn man sich die ganze Zeit zur Konzentration ermahnt. Irgendwo bleibt hängen, dass viele Türken gesperrt sind und sie nur 14Mann haben.

Fällt jetzt, da das große Finale ansteht, der ganze Druck ab?

Die Ausgangslage ist einfacher, aber es geht um den Titel und den Pokal. Die Spannung ist riesig, da ist keiner befreit. Das zu behaupten wäre lächerlich.

»Ich will Freude, Spaß, Begeisterung sehen«, hat Joachim Löw gesagt. Das klang wie: Nun kommt die Kür.

Ich glaube, Freude, Spaß und Begeisterung sehen bei einer deutschen Mannschaft anders aus als bei einer spanischen oder portugiesischen. Wenn wir Freude am Spiel haben, heißt das, dass wir eng zusammenstehen, laufstark sind, in die Zweikämpfe kommen, dass das Spiel für uns griffig ist.

Jetzt steht Ihre zweite Finalteilnahme bevor. Bei der WM 2002 waren Sie als junger Bursche schon dabei. Kann man die Zeiten und die beiden Mannschaften überhaupt noch vergleichen?

Die Mannschaft war ganz anders damals, sie war sehr viel älter, gesetzter. Und sie hat einen ganz anderen Fußball gespielt. 2002 war ja eher ein Anachronismus. Da ging’s mit dem deutschen Fußball ja deutlich abwärts, und das war halt noch mal so ein letztes Aufbäumen. Das war eine Elf, der man nichts zugetraut hat, und die auch keine Zukunft hatte. Das ging dann noch irgendwie weiter bis 2004, und dann kam nach der EM der Schnitt, den der deutsche Fußball dringend brauchte.

Das heißt, eigentlich hat die WM 2002 diesen Schnitt, den man nach der Euro 2000 auch schon für nötig gehalten hatte, noch mal verzögert.

Kann man so sagen, ja. Und jetzt haben wir eine Mannschaft, die Zukunft hat.

Die aber, wenn wir das richtig verfolgt haben, doch Außenseiter ist gegen Spanien. Wird der Außenseiter-Status nach der Portugal-Erfahrung auch ein bisschen kultiviert?

Dazu sage ich nur: Wir sind Außenseiter.

Dieser Artikel erschien in der aktuellen Ausgabe der "Süddeutschen Zeitung"

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