27.06.2008

Christoph Metzelder im Interview

»Wir sind Außenseiter«

Das Halbfinale gegen die Türkei interessiert kaum noch jemanden, schließlich hat es Deutschland überstanden. Christoph Metzelder spricht über das große Finale und Herrn Schleich - und verrät, wovor die Spanier Angst haben.

Interview: Philipp Selldorf und Christof Kneer Bild: Imago
Christoph Metzelder im Interview
Herr Metzelder, die Kritiken der spanischen Presse an der deutschen Elf waren furchtbar: »ärmlicher Fußball, graue Spielweise, nur Glück« - was haben die Spanier gegen die Deutschen?

Ich glaube einfach, dass sie sehr, sehr viel Respekt vor uns haben. Weniger wegen unserer spielerischen Qualität - die ist bei den Spaniern, das muss man wohl anerkennen, sicherlich größer. Sondern aus anderen Gründen: Bayern München, Nationalmannschaft - davor haben sie Angst.



Ist es dieser Komplex: Spanien spielt bei solchen Turnieren jedes Mal schöner als die Deutschen, gewinnt aber nichts - während es bei den Deutschen umgekehrt ist?


Ja. Sie ordnen uns Eigenschaften zu, die sie selbst nicht haben, aber auch gerne hätten. Und dass sie jetzt vor so einem Spiel ein bisschen polemisch werden, das ist okay.

Wie erfahren Sie als Spanien-Profi dieses deutsch-spanische Fußball-Verhältnis?


Man muss Madrid in diesem Fall ein bisschen ausklammern. In Madrid ist der Respekt vor den Deutschen sehr, sehr groß, weil in der Geschichte in diesem Klub große deutsche Spieler gespielt haben, die sich gut integriert haben und große Erfolge hatten. In Madrid sind Deutsche gern gesehen. Ich selbst hab’ in Madrid schon einige Deutschland-Trikots an Fans verteilt - es ging da explizit nicht ums Madrid-, sondern ums deutsche Trikot. Hat mich auch immer gewundert.

Sie sind selbst ein deutsches Mentalitätswunder: Sie haben - mit Testspielen - sieben Spiele hintereinander bestritten. Immer 90 Minuten - und das nach fünf Monaten Pause. Wie geht das?


Seit meiner Operation Mitte Februar waren das für mich Grenzerfahrungen und ein Wettlauf mit der Zeit. Es gab Schmerzen, Ängste, Zweifel, und natürlich, als ich zur Nationalelf kam, einen Rückstand gegenüber den anderen Spielern. Auch die Spiele sind immer noch Grenzbelastungen, aber ich bin stolz darauf, was ich erreicht habe.

Sie mussten aber auch einiges an Polemik aushalten.

Ich weiß als Sportler: Wenn ich die Bühne betrete, kann ich nicht nur Applaus erwarten. Man muss einiges runterschlucken, aber der Vorteil des Sportlers gegenüber dem Politiker ist der, dass man auf dem Rasen die Antwort auf die Kritik geben kann. Mich hat das immer motiviert.

»Schnarch und Schleich« war vor dem Turnierstart der Künstlername, den sich Bild für Sie und ihren Nebenmann Per Mertesacker ausgedacht hat...

Das fand ich übrigens sehr charmant.

Wer waren Sie? Schnarch oder Schleich?

Ich denke, dass ich Schleich war.

Sie nehmen das nicht übel?

Ist ja nicht persönlich gemeint. So was gibt es eben, wie der Vergleich mit den Würsten, der immer wieder kommt. Darüber können wir lächeln.

Als Herr Schleich haben Sie es weit gebracht. Gerade die Spanier muss es irritieren, wenn sie sehen: Der Mann steht vom Krankenlager auf, geht auf den Platz und spielt, bis er im Finale ist.

Jedenfalls wird oft unterschätzt, was für einen großen Willen ich habe. Man hat mich immer wieder abgeschrieben, aber ich bin in Situationen, wie sie hier bei der EM besteht, immer sehr stark gewesen. Ich glaube, die Spanier registrieren das.

Ihre Geschichte fügt sich ein in den deutschen Mythos, von dem nach dem Türkei-Spiel wieder so viel die Rede ist: Dieser Nimbus ist offenbar erblich. Wie nimmt eine Mannschaft etwas auf, was aus der Geschichte kommt, womit sie aber eigentlich nichts zu tun hat?


Das ist wie beim FC Bayern. Ich glaube, dass das eher von außen, vom Ausland, hineingetragen wird. Wir selbst sehen uns ja gar nicht in dieser Tradition. Wir ziehen uns nicht daran hoch, was große deutsche Fußballer vor uns geleistet haben. Aber es ist klar, dass nach einem Spiel wie gegen die Türkei die Fragen nach dem Mythos kommen. Dabei haben wir mit Typen wie Podolski und Schweinsteiger inzwischen Spieler, die unser Spiel anders prägen: weg von diesem rationalen und vielleicht auch technokratischen Fußball, hin zu mehr Spontaneität, Ideen, Farbtupfern.

Mit jenen Ahnen, die 1982 oder 1986 trotz durchwachsener Leistungen im WM-Finale standen und somit den Mythos befestigten, können Sie aus eigener Anschauung nicht viel verbinden. Welches war Ihr erstes Turnier?

1986, ich war fünf Jahre alt. Karl-Heinz Förster war mein großes Idol zu der Zeit.

Was wissen Sie von der Mannschaft, die Sie jetzt beerben sollen, den Europameistern 1996?

Sie kam über ähnliche Eigenschaften durchs Turnier kam wie wir. Für sie galt, was für uns jetzt gilt: Das Ziel ist wichtiger als der Weg, dort hinzukommen. Das ist in einem Turnier entscheidend. Für uns steht das Ziel, diesen Titel zu gewinnen, über dem Anspruch, Europa mit Glanz und Gloria zu erobern. Bei einer portugiesischen Mannschaft wäre das, glaube ich, anders. Weil sie unbedingt ihren Stil beibehalten wollen.

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