Christoph Dieckmann über den Ost-Fußball nach der Wende

»Wie ein Zootier in der Wildnis«

Passend zum Tag der Deutschen Einheit, spricht ZEIT-Autor Christoph Dieckmann über das Schicksal des Ost-Fußballs nach der deutsch-deutschen Wiedervereinigung, skrupellose Vereinspräsidenten und Wendeverlierer.
Heft#96 11/2009
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Christoph Dieckmann, 22 Jahre nach der Wiedervereinigung liegt der Ost-Fußball – abgesehen von einigen Ausnahmen – am Boden. Was wurde nach der Wende falsch gemacht?

Im Prinzip ist im Fußball dasselbe passiert, was auf politischer Ebene geschah: eine marode und zerbrochene Gesellschaft ist auf eine intakte getroffen, wurde an diese quasi angekoppelt. Die intakte Gesellschaft brauchte die marode Gesellschaft natürlich überhaupt nicht. Die Bundesliga hat ja nicht einmal zwei Ost-Vereine aufgenommen, sondern man hat die Liga auf 20 Mannschaften aufgestockt. Das Gleiche ist in der zweiten Liga geschehen, dort hat man sechs Teams aufgenommen – von denen drei gleich wieder abgestiegen sind.  

Misswirtschaft und Bereicherung…

…hat es gegeben, vor allem aber eine hoffnungslose Naivität seitens der ostdeutschen Vereine. Das lag natürlich daran, dass alle Vereine an einen Trägerbetrieb angeschlossen waren. Also beispielsweise Jena beim Zeiss-Kombinat, Hansa Rostock bei den Werften, Lokomotive Leipzig bei der Eisenbahn und so weiter. In dem Maße, wie diese Betriebe die Wiedervereinigung überlebten, bzw. nicht überlebten, konnte natürlich auch der Fußball nicht überleben. Und außerdem war der DDR-Fußball eine Binnenstruktur. Ich glaube, das war die konservativste Liga der Welt, was Vereinswechsel betraf. Ein Spieler hat dem Verein in der Regel vom ersten bis zum letzten Tag gehört.  

Was in punkto Nachwuchsförderung ja nicht unbedingt falsch war.


Die Teams haben nach dem Territorialprinzip ihre Jugendspieler aus der entsprechenden Region ausgebildet und nach oben gezogen. Gleiches galt in den Berufszweigen: Militärs sind zu Vorwärts gekommen, Polizisten zu Dynamo. Die eigentlichen Schutzpatrone der Fußball-Vereine waren die jeweiligen SED-Bezirkssekretäre. Das waren meistens große Fußballfans, die als Landesfürsten eifersüchtig über ihr Kicker gewacht haben. Und so eine Struktur geht dann 1989/90 krachen. Und die Frage ist: wie stellt man sich nun um?  

Und?


Man bewegt sich auf einmal auf einem Markt, von dem man keine Ahnung hat. Man hat keine Kontakte, zum Teil sind die besten Spieler schon auf und davon. Und nicht nur die Spieler, auch Trainer und Mannschaftsbetreuer. Eduard Geyer, immerhin letzter DDR-Nationaltrainer, war nach der Wende blitzschnell Talentspäher bei Schalke 04 geworden. Für die Vereine gab es keine Absicherung. Sie müssen sich das vorstellen, wie einen Thüringer Handwerksverein: der Meister bildet den Lehrling aus und wenn der Lehrling was kann, dann haut er ab. Dorthin, wo er richtig Geld bekommt. Und der Meister ist der Dumme, weil er umsonst ausgebildet hat. Im Klartext: talentierte Spieler sind nach Wende sofort stiften gegangen, ohne, dass ihre Heimatvereine verhältnismäßig entschädigt wurden.  

Wie hätte man dieses Dilemma vermeiden, bzw. den finanziellen Verlust abfedern können?

Eine Ausbildungsentschädigung wäre zumindest gerechte gewesen. Nur konnten und können kleine Vereine, wie Jena oder Magdeburg nicht mit den großen etablierten Vereinen im Westen konkurrieren. Die hatten einfach nicht das Know-How und gerieten nach der Wende in ein Raubtierrudel hinein, von dem sie gefressen worden.  

Können Sie konkrete Beispiel nennen?

Ich habe vor Jahren mal eine Reportage über Dynamo Dresden gemacht und dabei mit dem Ehrenvorsitzenden Volker Oppitz gesprochen, dem Vater des aktuellen Dynamo-Spielers Oppitz. Der hat mir erzählt, dass er nach der Wende Kontakte zum VfB Stuttgart gehabt hätte und ihm dort geraten wurden, doch die Satzung des Vereins zu übernehmen. Nur: die Vereine im Westen, wie der VfB, waren seit langem in der Gesellschaft etablierte Vereine des bürgerlichen Rechts. Dynamo Dresden dagegen hatte den Status eines Volkspolizeikreisamtes! Dynamo hat damals seine Spieler verkauft, für die sind auch ein paar Millionen geflossen, die aber bald wieder  versiegt waren. Da sagte der Oppitz zu mir – ich werde das nie vergessen – ´Herr Dieckmann, was meinen Sie, wenn ein schönes großes, buntes Zootier in die Wildnis entlassen wird?´ Ich sage: ´Es wird gefressen.´ Er schaut mich an und sagt: ´So ist es.´ (lacht)

Fußballfans sprechen ungern von den ´finanziellen Möglichkeiten´ und einer ´gesunden Ökonomie´ im eigenen Verein. Geht durch die die wirtschaftlichen Debatten im Fußball-Osten nicht auch ein Stück weit Identifikationskultur verloren?

Man muss sich entscheiden: Entweder man macht Volkssport und lebt von den „Werten“, oder bekennt sich zum Leistungssport. Aber: sich zum Leistungssport zu bekennen, muss ja nicht heißen, dass man sich zur Hochverschuldung bekennt. Das hat in den vergangenen Jahren ein Identifikationsproblem – auch im Westen! – ausgelöst. Mittlerweile sind die Fans der Verein, früher waren es die Spieler. Heute sind die Spieler Söldner. Die gesamte Ultra-Bewegung hat ja einen großen moralischen Anspruch, die sagen, sie würden den ´richtigen´ Fußball, den Fußball als Volkseigentum verteidigen. Gegen diesen überdachten Sitzfußball, der Entertainment genießen will. Gegen den Klatschsport. Insofern haben Ultras auch eine sehr große Selbstgerechtigkeit, mit der Aussage: Uns gehört der Verein. Das stellt ein Korrektiv dar zum ´Börsenfußball´ in der ersten Bundesliga. Dorthin möchte ich persönlich übrigens auch nicht aufsteigen.

Wo möchten Sie denn sein mit Ihrem Verein, dem FC Carl Zeiss Jena?

Die zweite Liga fand ich toll. Dritte Liga geht auch. Ich war mit Jena aber auch schon vier Spielzeiten in der vierten Liga, das war auch eine spezielle Erfahrung. So unter dem Motto ´Schöne Heimat Ostdeutschland´. Ich war in Neugersdorf, wo der Spielansager in einem Baumhaus saß und Schüsse über das Tor schon mal Richtung tschechische Grenze flogen. Da muss ich nicht unbedingt wieder hin. Mal ist das ja schön! (lacht)

Stichwort: Fußball und Gewalt. Können Sie sich erklären, warum es gerade im Osten ein scheinbar höheres Maß an gewaltbereiten Fußballfans gibt?

Da stocher ich auch im Nebel herum. Vor meiner Reportage in Dresden wurde ich auch mit dem Auftrag losgeschickt: Schau doch mal, was bei Dynamo passiert, das soll so ein Nazi-Verein sein. Das ist natürlich völliger Blödsinn. Die Ultras sind ohnehin schon einmal unpolitisch. Die Jungs wollen zwar auch böse Jungs sein, die Szene ist aber sehr jugendlich. Dann gibt es noch die Tendenzen, dass politische Gruppierungen ihre Anhänger unter Fußball-Fans rekrutieren. Beispiel Lok Leipzig. Dazu muss ich sagen, dass ich diesbezüglich auch nur vom Hören und Lesen Bescheid weiß und will deshalb auch keine großen Klischees an die Wand malen. Was ich sagen kann ist, dass es im Osten viel mehr Menschen gibt, die sich ungebraucht und nicht abgeholt fühlen. Irgendwie wollen sich die jungen Menschen dort auch ´spüren´, auf irgendwas wollen sie auch stolz sein. Dann lebt man also für den 1. FC Magdeburg, oder Dynamo Dresden. Man übersteigert also quasi die Identifikation, der Verein wird zum Eigen-Gefühl.

Ostfußball-Experte Frank Willman sagt: Der Westen hat sich nach der Wende wie ein Sieger aufgeführt, entsprechend wurde mit den Fans gegnerischer Mannschaften aus der ehemaligen DDR auch umgegangen. Wie ist das Verhältnis heute?


Man hat sich aneinander gewöhnt. Ein West-Fußballfan fühlt sich ja nicht als West-Fußballfan, sondern als Fan seines Vereins. Ich war mal mit Jena in Nürnberg, da wurde uns entgegen gebrüllt: ´Ihr seid Ossis, ihr seid scheiße, was wir scheißen müsst ihr fressen.´ Aber: Fans aus Fürth werden so wahrscheinlich auch empfangen.

Eine generelle Kluft zwischen Ost und West sehen Sie unter Fußball-Fans also nicht?

Nein. Mir wurde von einem Spiel St. Pauli gegen Jena berichtet, da führte Jena nach 90 Minuten mit 1:0. In den zwei Minuten der Nachspielzeit hat St. Pauli noch zwei Tore geschossen. Nach dem Spiel sollen Pauli-Fans in den Jena-Block gekommen sein und die Jenaer gestreichelt haben. (lacht)

Wie niedlich!

Ähnliche Szene beim Pokal-Halbfinale zwischen Dortmund und Jena. Ich saß in einer Straßenbahn, alles war friedlich, nur ein Jena-Fan brüllte die ganze Zeit: ´Ihr scheiß Wessis! Dreckspack!´ Ich dachte: Gleich fließt hier Blut. Die Dortmunder haben sich kurz angehört, dann ist einer aufgestanden und meinte zu dem Jena-Anhänger ´Was haben sie denn? So beruhigen sie sich doch.´  

Machen Sie bestimmten Personen oder Gruppierungen Vorwürfe am Niedergang des Ost-Fußballs?

Ich mache niemandem Vorwürfe. Natürlich haben sich westdeutsche Vereine am reichen Spielerreservoir im Osten bedient. Aber Fußball ist kein Wohltätigkeitsverein. Außerdem: inzwischen spielen sehr viele Westfußballer im Osten und sind dort etabliert und verankert. Ich weiß nicht, was der DFB hätte besser machen können. Förderprogramme, die angesprochene Ausbildungsentschädigung – das sicherlich.

Wie sehen Ihre Prognosen für die Zukunft aus?

Ich denke nicht, dass sich innerhalb der nächsten 10 oder 20 Jahre mehr als zwei Vereine aus der ehemaligen DDR in der 1. Bundesliga festsetzen können. Dafür ist die Region wirtschaftlich einfach zu schwach.

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