03.10.2011

Christoph Dieckmann über den Ost-Fußball nach der Wende

»Wie ein Zootier in der Wildnis«

Passend zum Tag der Deutschen Einheit, spricht ZEIT-Autor Christoph Dieckmann über das Schicksal des Ost-Fußballs nach der deutsch-deutschen Wiedervereinigung, skrupellose Vereinspräsidenten und Wendeverlierer.

Interview: Alex Raack Bild: Imago

Christoph Dieckmann, 22 Jahre nach der Wiedervereinigung liegt der Ost-Fußball – abgesehen von einigen Ausnahmen – am Boden. Was wurde nach der Wende falsch gemacht?

Im Prinzip ist im Fußball dasselbe passiert, was auf politischer Ebene geschah: eine marode und zerbrochene Gesellschaft ist auf eine intakte getroffen, wurde an diese quasi angekoppelt. Die intakte Gesellschaft brauchte die marode Gesellschaft natürlich überhaupt nicht. Die Bundesliga hat ja nicht einmal zwei Ost-Vereine aufgenommen, sondern man hat die Liga auf 20 Mannschaften aufgestockt. Das Gleiche ist in der zweiten Liga geschehen, dort hat man sechs Teams aufgenommen – von denen drei gleich wieder abgestiegen sind.  

Misswirtschaft und Bereicherung…

…hat es gegeben, vor allem aber eine hoffnungslose Naivität seitens der ostdeutschen Vereine. Das lag natürlich daran, dass alle Vereine an einen Trägerbetrieb angeschlossen waren. Also beispielsweise Jena beim Zeiss-Kombinat, Hansa Rostock bei den Werften, Lokomotive Leipzig bei der Eisenbahn und so weiter. In dem Maße, wie diese Betriebe die Wiedervereinigung überlebten, bzw. nicht überlebten, konnte natürlich auch der Fußball nicht überleben. Und außerdem war der DDR-Fußball eine Binnenstruktur. Ich glaube, das war die konservativste Liga der Welt, was Vereinswechsel betraf. Ein Spieler hat dem Verein in der Regel vom ersten bis zum letzten Tag gehört.  

Was in punkto Nachwuchsförderung ja nicht unbedingt falsch war.


Die Teams haben nach dem Territorialprinzip ihre Jugendspieler aus der entsprechenden Region ausgebildet und nach oben gezogen. Gleiches galt in den Berufszweigen: Militärs sind zu Vorwärts gekommen, Polizisten zu Dynamo. Die eigentlichen Schutzpatrone der Fußball-Vereine waren die jeweiligen SED-Bezirkssekretäre. Das waren meistens große Fußballfans, die als Landesfürsten eifersüchtig über ihr Kicker gewacht haben. Und so eine Struktur geht dann 1989/90 krachen. Und die Frage ist: wie stellt man sich nun um?  

Und?


Man bewegt sich auf einmal auf einem Markt, von dem man keine Ahnung hat. Man hat keine Kontakte, zum Teil sind die besten Spieler schon auf und davon. Und nicht nur die Spieler, auch Trainer und Mannschaftsbetreuer. Eduard Geyer, immerhin letzter DDR-Nationaltrainer, war nach der Wende blitzschnell Talentspäher bei Schalke 04 geworden. Für die Vereine gab es keine Absicherung. Sie müssen sich das vorstellen, wie einen Thüringer Handwerksverein: der Meister bildet den Lehrling aus und wenn der Lehrling was kann, dann haut er ab. Dorthin, wo er richtig Geld bekommt. Und der Meister ist der Dumme, weil er umsonst ausgebildet hat. Im Klartext: talentierte Spieler sind nach Wende sofort stiften gegangen, ohne, dass ihre Heimatvereine verhältnismäßig entschädigt wurden.  

Wie hätte man dieses Dilemma vermeiden, bzw. den finanziellen Verlust abfedern können?

Eine Ausbildungsentschädigung wäre zumindest gerechte gewesen. Nur konnten und können kleine Vereine, wie Jena oder Magdeburg nicht mit den großen etablierten Vereinen im Westen konkurrieren. Die hatten einfach nicht das Know-How und gerieten nach der Wende in ein Raubtierrudel hinein, von dem sie gefressen worden.  

Können Sie konkrete Beispiel nennen?

Ich habe vor Jahren mal eine Reportage über Dynamo Dresden gemacht und dabei mit dem Ehrenvorsitzenden Volker Oppitz gesprochen, dem Vater des aktuellen Dynamo-Spielers Oppitz. Der hat mir erzählt, dass er nach der Wende Kontakte zum VfB Stuttgart gehabt hätte und ihm dort geraten wurden, doch die Satzung des Vereins zu übernehmen. Nur: die Vereine im Westen, wie der VfB, waren seit langem in der Gesellschaft etablierte Vereine des bürgerlichen Rechts. Dynamo Dresden dagegen hatte den Status eines Volkspolizeikreisamtes! Dynamo hat damals seine Spieler verkauft, für die sind auch ein paar Millionen geflossen, die aber bald wieder  versiegt waren. Da sagte der Oppitz zu mir – ich werde das nie vergessen – ´Herr Dieckmann, was meinen Sie, wenn ein schönes großes, buntes Zootier in die Wildnis entlassen wird?´ Ich sage: ´Es wird gefressen.´ Er schaut mich an und sagt: ´So ist es.´ (lacht)

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