Christoph Daum im Interview

»Ich wurde verspottet«

Mit Christoph Daum gewinnt die Bundesliga einen ihrer selbsternannten Pioniere zurück. Der Coach des 1. FC Köln über Entbehrungen in der 2. Liga, den Schock, als Heiliger verehrt zu werden, und den Umgang mit Waffen. Christoph Daum im InterviewDominik Asbach

Christoph Daum, wir freuen uns, dass Sie den Bundesliga-Alltag fortan wieder als Trainer und als Persönlichkeit bereichern. Ist auch für Sie die Rückkehr in die 1. Liga ein Ereignis?

Nein. Ich habe in den letzten Jahren im Ausland durchgängig auf höchstem Niveau gearbeitet. In der Champions League habe ich mit Fenerbahçe sogar gegen Schalke 04 gespielt. Ich habe die Liga also nie aus den Augen verloren.

Zuletzt haben Sie jedoch 18 Monate in der 2. Liga verbracht – da freut man sich doch aufs Oberhaus.

Keine Frage, aber die Atmosphäre in der 2. Liga unterscheidet sich in vielen Stadien doch gar nicht mehr großartig von der Bundesliga.

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Die Rückkehr in die Eliteklasse des deutschen Fußballs hat also keinen besonderen Symbolcharakter für Sie?

Wieso sollte sie das? Ich bin doch nie weg gewesen.

Immerhin haben Sie nach 2000 sechseinhalb Jahre in Österreich und der Türkei gewirkt.

Aber ich war immer präsent. Ich war für Premiere tätig, habe die Champions League und die Bundesliga kommentiert.  Und als ich in der Türkei war, sind die deutschen Journalisten nach Istanbul gekommen.

Was hat sich in der Bundesliga in Ihrer Zeit im Ausland verändert?

Die Fankultur hat sich ungemein gewandelt. Diese ständig zunehmende Begeisterung wirkt sich überaus positiv auf den Fußball aus. Hier beim FC haben wir soeben das 40 000. Mitglied begrüßt. Jeden Tag holen wir neue Kunden rein.

[intext]Auch als Trainer spricht man bei Fans also inzwischen von Kunden?

Das ist nun mal die Realität. Ein Fußballverein muss sich wie jedes Wirtschaftsunternehmen an seinen Kunden orientieren. Auch wir planen, über das Internet und über E-Commerce neue Märkte zu erschließen und neue Sponsoren zu gewinnen – so wie jedes erfolgreiche mittelständische Unternehmen dies heutzutage tut.

Haben Sie in Ihrer Zeit im Ausland auch Defizite ausmachen können, die die Bundesliga im Vergleich zu anderen Ligen besitzt?

Die Bundesliga hat in der Breite durch die strengen Lizenzauflagen gegenüber Österreich und der Türkei sicherlich Vorteile, was die Infrastruktur anbetrifft. Allerdings verfügen die Spitzenvereine in der Türkei über Trainingsmöglichkeiten und medizinische Abteilungen, die weltklasse sind. Mit Fenerbahçe und Besiktas  kann in der Bundesliga, wenn überhaupt, das Trainingsgelände an der Säbener Straße mithalten.

Wenn es um die Beschwerlichkeiten bei der Arbeit eines FC-Trainers geht, wird in erster Linie das besondere Umfeld aus kölschem Klüngel und Boulevardmedien genannt.


Ach was, in der Türkei habe ich mit drei Mal mehr Journalisten zu tun gehabt, als hier in Köln.

Das Umfeld in Köln ist so gesehen fast Entspannung für Sie?

Das ergibt sich auch aus der Bedeutung des Fußballs in der Türkei. Hier ist Fußball sprichwörtlich die schönste Nebensache der Welt. In der Türkei ist er Teil der Menschen, Teil des Lebens. Spielt sein Verein schlecht, dann ist der türkische Fan »hasta«, also »todkrank«. Es ist dort  viel extremer, viel emotionaler, viel tiefer.

Wohl auch fanatischer, zumindest wenn man Trainer Jörg Berger glaubt. Er behauptet, 2000 bei seiner Entlassung vom Klub-Präsidenten von Bursaspor mit einer Waffe bedroht worden zu sein. Haben Sie auch mal etwas Ähnliches erlebt?


Solche Aussagen halte ich für Scherzartikel. Ich kenne Bursa sehr gut. Das ist ein Weltklub und darüber hinaus eine der schönsten Städte, die wir in Europa haben. In der Türkei verfügen nun mal viele Leute, die ein hohes Amt bekleiden, über eine Schusswaffe. Und so eine Waffe will man natürlich nicht andauernd in einem Halfter mit sich herumtragen. Es kann also sein, dass jemand seine Waffe in einem Gespräch mal ablegt. Jörgs Interpretation halte ich deshalb für ziemlich abenteuerlich.

Mit anderen Worten: Sie haben noch nie von derartigen Vorfällen gehört?

Noch nie, außer in dieser Legende vom Jörg. Ich habe ihm auch gesagt, er soll vorsichtig mit solchen Aussagen sein. Denn sie sind nicht repräsentativ für die Türkei. Ich hatte Trainerkollegen, die dort auch in schwierigen Situationen waren und Vereine verlassen mussten. Bei keinem hat jemals eine Knarre eine Rolle gespielt. Zudem kenne ich viele Türken, die die Berechtigung haben, eine Waffe zu tragen. Ich war mit Leuten im Auto unterwegs, mache das Handschuhfach auf und es liegt eine Schusswaffe darin. Aber die hatten alle eine Erlaubnis dafür.

Sie genießen in der Türkei enormes Ansehen, haben dort mehrere Stiftungen gegründet und sich für die Erdbebenopfer engagiert. Stand es irgendwann zur Disposition, für immer dort zu bleiben?

Nein, nie. Ich weiß, wo ich her komme: Ich komme aus Deutschland. Obwohl man mir die türkische Staatsbürgerschaft angeboten hat und ich es als große Ehre empfinde, dass ich die Möglichkeit habe, zur deutsch-türkischen Verständigung beizutragen. Denn die Türkei ist für uns ein wichtiger Sicherheitsfaktor, ein Brückenkopf in die gesamte islamische Welt hinein. Denen müssen wir die Hand reichen. Wir müssen mit Toleranz und Integration auf die Türken zugehen – und nicht mit Forderungen oder Ausgrenzungstheorien arbeiten.

Würden Sie einen EU-Beitritt der Türkei befürworten?

Ich bin dafür, alles voranzutreiben, was als Signal für die Türkei zu werten ist, dass sie zu uns gehören. Aber ich nenne kein konkretes Datum. Wenn wir dieses Signal geben, ist es nicht die Frage, ob es 2017, 2020 oder 2025 wird.

Zurück zur Ausgangsfrage: Wir wollten wissen, wie wichtig es für Sie war, als Trainer nach Deutschland zurück zu kehren?

Ich hatte auch Angebote aus anderen Ländern. Aber aus emotionalen Gründen bin ich das Risiko 2. Liga eingegangen und habe beim 1. FC Köln zugesagt. Und es war ein großes Risiko.

Die alte Verbindung zum FC.

Das Herzblut hat den Ausschlag gegeben. Das hat nichts mit sachlichen und praktischen Dingen zu tun. Da spricht einfach das Herz. Es ist so, als ob man verliebt ist.

Für uns also Außenstehende ist es schwer zu beurteilen, denn sowohl die Entscheidung für den FC im November 2006, als auch Ihr Entschluss, den Klub nun in die Bundesliga zu begleiten, schien Ihnen jeweils sehr schwer zu fallen.

Ich habe zu jeder Zeit klare Aussagen getroffen und mich stets klar geäußert. Was die Medien daraus machen, ist nicht meine Sache.

Sie haben öfter bemängelt, dass die finanziellen Möglichkeiten in Köln für Top-Spieler nicht ideal sind. Sind Sie mit dem jetzigen Kader zufrieden – oder muss noch was passieren?

Auch Manchester United und Real Madrid wollen noch Spieler verpflichten, ich bin also keine Ausnahme, wenn ich versuche, die Qualität meiner Mannschaft auch weiterhin zu verbessern. Natürlich bin ich der Überzeugung, dass sich die Spieler, die wir haben, verbessern werden. Trotzdem wünsche ich mir darüber hinaus auch noch Verstärkungen durch Transfers. Aber ich bin mit dem, was wir unter unseren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bisher erreicht haben, hoch zufrieden.

Mit dem Portugiesen Petit haben Sie jetzt auch einen absoluten Top-Star verpflichtet.

Für diesen Transfer hat Michael Meier eine Auszeichnung verdient. An Petit waren einige europäische Klubs interessiert. Auch russische, und die haben bekanntlich andere finanzielle Möglichkeiten. Trotzdem haben wir uns durchgesetzt. Petit bringt endlich das Flair eines Starspielers bei uns ein.

Wie viele Transfers sind daran gescheitert, dass der 1. FC Köln bislang in der 2. Liga spielte?

(Lacht.) So einige. Etliche Spieler, die durchaus interessiert waren, haben mir gesagt: »Coach, you can call again when you are first league«.

Das sind Sie jetzt. Dann beschreiben Sie doch mal, was Sie mit dem Stamm an Spielern, in den kommenden Jahren hier erreichen wollen.

Wenn ich Ihnen jetzt einen Plan aufstelle, an dessen Ende in drei oder vier Jahren der UEFA-Cup steht, wird wieder zitiert: »Daum spricht schon vom UEFA-Cup«. So nach dem Motto: Kann in der Bundesliga noch nicht wieder richtig laufen, spricht aber schon vom Springen. Aus diesem Grund führen wir Planungen nur im internen Zirkel durch. Aber natürlich wollen wir eine Erfolgsstory, denn wir wollen neue Kunden gewinnen, neue Märkte erschließen und neue Sponsoren an diesen Verein binden.

Das wollten in der Vergangenheit viele Ihrer Vorgänger. Haben Sie versucht zu ergründen, warum der FC in den letzten zehn Jahren viermal abgestiegen ist?

Überhaupt nicht.

Wie kann man verhindern, dass das wieder passiert?

Indem wir investiert haben und aus der Vergangenheit unsere Lehren ziehen: Wir haben mit den Verantwortlichen und den Spielern – denn wir hatten auch in der vergangenen Spielzeit einige Probleme gemeinsam zu lösen – intern diskutiert. Aus dieser Auseinandersetzung miteinander sind wir gestärkt hervor gegangen. Und jetzt gibt es hier eine unglaubliche Aufbruchstimmung in der Stadt und im Verein, deren Schwung wir nutzen wollen.

Wie kann man der Öffentlichkeit signalisieren, dass der neue FC keine Fahrstuhlmannschaft mehr ist?

Das geht nur über Ergebnisse. Durchhalteparolen haben alle oft genug gehört. Wichtig ist, den FC wieder in der 1. Liga zu etablieren. Wir haben unsere Hausaufgaben, was die Personalplanung bezüglich Kader, Scouting, medizinische Abteilung und Mannschaftsbetreuung angeht, gemacht. Nun will ich alle mitreißen, denn aufgrund meiner 20-jährigen Erfahrung in diesem Geschäft glaube ich, diesem Verein wirklich helfen zu können.

Die Kölner messen Ihnen fast die Bedeutung eines Heiligen bei. Bei Ihrer ersten Trainingseinheit im November 2006 begrüßten Sie 10 000 Fans im Stadion.

An einem Montagnachmittag – gigantisch. Da hieß es natürlich auch wieder: Daum inszeniert sich. Dabei war es das genaue Gegenteil: Die Polizei machte uns in einem Gespräch deutlich, dass in unserem Stadtteil in Sülz alles zusammen brechen würde, wenn das erste Training unter meiner Leitung am Geißbockheim stattfinden würde. Es war also ein Wunsch der Polizei, ins Stadion zu gehen. Die Frage, die ich mir dann stellte war: »Was macht man, wenn so viele Menschen zu einer Trainingseinheit kommen?« Also habe ich die Trainingseinheit sausen lassen und versucht, so weit es mir möglich war, jeden einzelnen zu begrüßen.

Es muss ein unglaublicher Druck sein, der sich in einem Menschen aufbaut, wenn ihm so viel Zuneigung entgegengebracht wird.

Hinterher konnte ich erstmal gar nicht schlafen. Ich kam nach Hause und sagte zu meiner Frau: »Das kann kein Mensch erfüllen, was die hier von mir erwarten.« Ich saß Zuhause und dachte: »Das bist du nicht, du bist kein Heilsbringer, sondern ein Arbeiter.« Mir haben Leute ihre Kinder hingehalten, so als ob ich die segnen sollte. Eine Kultsituation, die mich sehr nachdenklich und betroffen gemacht hat.

Und prompt ging das erste Spiel gegen den Aufstiegskonkurrenten MSV  Duisburg verloren.

Vieles hat überhaupt nicht gestimmt. Ich kannte die 2. Liga nicht und hatte sehr hohe Ansprüche. Ich muss zugeben, dass ich mich auch sehr schwer getan habe, von diesen Ansprüchen runter zu kommen. Ich distanzierte mich von der Mannschaft, weil es genau genommen auch nicht meine Mannschaft war. Der Nichtaufstieg im ersten Jahr war eigentlich vorprogrammiert.

Und das haben Sie erst gemerkt, als Sie schon da waren?

Ja. Ich dachte, es geht alles leichter. In dieser Zeit habe ich auch Fehler gemacht, indem ich den großen Druck weiter gegeben habe. Aber die Mannschaft war nicht widerstandsfähig genug, um den Druck abzufedern. Erst im zweiten Zweitliga-Jahr habe ich mich von meinen Ansprüchen eine gewisse Zeit verabschiedet und angefangen, mit einem gewissen Realitätssinn zu arbeiten.

Realitätssinn?

Ich habe erkannt, wozu der Einzelne in der Lage ist. Einmal sprach ich zum Beispiel mit den Spielern über bestimmte Trainingsinhalte. Die haben mich natürlich nicht kritisieren wollen und nur gesagt: »Trainer, was Sie machen, ist schon sehr anspruchsvoll«. In dem Moment wusste ich, wo der Hase lang läuft.

Bei welchen Gelegenheiten war das?

Bei taktischen Übungsformen, die mit vielen so genannten zwingenden methodischen Mitteln versehen sind. Bei diesen Übungen müssen sich die Spieler nicht nur auf die Balltechnik und gewisse Kombinationen konzentrieren, sondern auch auf festgelegte Zonen. Dabei werden Automatismen einstudiert. Man muss passen und gleichzeitig den Raum sehen. In diese Trainingsphilosophie müssen viele erst hinein wachsen. In der Anfangszeit habe ich einige damit überfordert.

Wie sehr erschwert es die Arbeit dann noch, wenn Sie es mit Spielern aus 15 verschiedenen Nationen zu tun haben?

Überhaupt nicht. Schon im Studium hatte ich sehr viele Kommilitonen aus anderen Ländern. Ich habe im Ausland gearbeitet und in Leverkusen hatten wir zwischenzeitlich 17 verschiedene Nationalitäten im Team und haben den schönsten Fußball gespielt, den es in Deutschland gab. Köln steht für eine multikulturelle Einstellung und diese Besonderheit der Stadt setzen wir fort. Im Übrigen, auf die Integration der unterschiedlichen Nationen bin ich auch ein Stückweit stolz.

Besteht nicht verstärkt die Gefahr von Grüppchenbildung im Team?

Ich habe selbst in rein deutschen Mannschaften gespielt. Und wissen Sie, was es da sehr häufig gab – Grüppchenbildung. (lacht.)

Welche Probleme bereiten Ihnen die sprachlichen Barrieren?

Derzeit verstehen nur Pedro Geromel, Faryd Mondragon und Petit kein Deutsch. Alle anderen sprechen und verstehen deutsch.

Von solchen Bedingungen können andere Klubs nur träumen.

Wir haben in Zusammenarbeit mit der Universität ein Integrationsmodell entworfen und versuchen auch wissenschaftlich, neue Spieler zu integrieren. Das geht über Sprachkurse weit hinaus. Da gehen wir ganz neue Wege. Denn man kann nicht nur Spieler aus dem Ausland holen, ihnen viel Geld bezahlen, und dann erwarten, dass die Leistung des Spielers ein Selbstläufer wird. Wenn man Ausländer holt, muss man auch das dazugehörige Integrationsmodell umsetzen. Das erarbeiten wir gerade. Und es wird Vorbildfunktion für die ganze Liga haben. Wie bei vielen Dingen, die ich in der Bundesliga initiiert habe.

Jürgen Klopp sagte im Interview mit 11FREUNDE, ein Trainer sei in erster Linie dazu da, Spieler immer wieder an Dinge zu erinnern, die sie eigentlich schon wüssten.


Auch ich sehe mich als Helfer, damit Spieler ihr Leistungspotenzial abrufen und in Grenzbereiche kommen, um sich zu verbessern.

Sind Sie immer noch der Mann, der für die Motivation zuständig ist, oder haben Sie inzwischen die entsprechenden Experten dafür?

Sowas kann man nicht weitergeben. Die Kommunikation – ich mag das Wort Motivation nicht so gerne, denn in letzter Konsequenz geht es hier um Kommunikation – bleibt stets die Hauptaufgabe eines Coaches. Für Kondition, Kraft und Spiel und Bewegungsabläufe kann man Experten reinholen. Aber der Chef-Trainer führt die Menschen und aktiviert durch seine Art der Führung deren Ressourcen.

Wie sehr zehrt so ein Motivator-Job über die Jahre an den Kräften? Schließlich müssen Sie Ihren Spielern die volle Einsatzbereitschaft ständig vorleben.

Ich gehe auf die 60 zu und alle sagen, dass ich immer jünger aussehe. (lacht.) Zumindest was die optische Rückmeldung anbetrifft, habe ich also nicht den Eindruck, dass irgendetwas an mir zehrt. Und ich spüre nach wie vor diese Neugier in mir, zu sehen, wie sich ein Spieler entwickelt. Das treibt mich voran. Meine Aufgabe ist es, Spieler so zu begleiten, dass sie nicht nur im Fußball sondern auch im Leben ihre Meisterschaft feiern. Das ist die Fasziniation, durch die mich mein Job jung hält.

Aber jeder Mensch altert und braucht mehr Ruhephasen. Sie doch auch.

Aber es kommt doch so viel zurück. Ich bin eine lebende Fußballbibliothek und habe eine Erfahrung, die viele teilen wollen. Zuletzt hatten wir zwei Trainer aus China hier, die waren so wissbegierig, dass sie sogar fragten, welche Schnürsenkel oder welches Massageöl wir bei der Trainingsarbeit benutzen. Alle zwei Jahre gehe ich auf Sichtungsreise nach Südamerika, besuche von Rosario bis Estudiantes viele der großen Vereine und beobachte das Training. Was meinen Sie, was man dort alles mitkriegt:  Zum Beispiel, dass es ein Irrglaube ist, nur vom Talent der Südamerikaner zu schwärmen. Die Südamerikaner sind nicht nur hoch talentiert, sondern auch hoch technisiert. In der Trainingslehre sind sie auf dem allerneusten Stand. Das inspiriert mich auch für meine Einflüsse auf den deutschen Fußball. Und ich kann Ihnen versprechen, dass in absehbarer Zeit viele auch wieder nach Köln schauen werden, wenn es um neue Trends in Sachen Fußball geht.

Klingt, als könnten wir Journalisten uns wieder auf spektakuläre Psycho-Spielchen freuen, wie etwa den Gang über die Glasscherben, den Sie vor Jahren bei Bayer Leverkusen praktiziert haben.

(stutzt.) Welchen Sinn hat diese Aktion aus Ihrer Sicht gemacht?

Wenn wir es richtig verstanden haben, ging es darum, den Spielern anhand einer Übung zu zeigen, dass der Wille Berge versetzen kann. Sprich: Ein Mensch kann ohne Verletzungen über zerbrochenes Glas laufen – wenn er es wirklich will.

Sie haben den Sinn zu 50 Prozent verstanden –  deutlich besser als viele Ihrer Kollegen. Aber den Schlüssel des Ganzen haben sie nicht kapiert.

Dann klären Sie uns bitte auf.

Ich bin der Ansicht, dass ein guter Trainer nicht nur den Körper zu voller Leistungsfähigkeit bringt, sondern auch den Denkapparat der Spieler aktiviert. Ich habe schon früh über Audiosuggestion und autogenes Training mit den Spielern gesprochen. Aber ich war mit den Ergebnissen oft nicht zufrieden. Ich kündigte also an: »Leute, heute laufen wir über Glasscherben«. Alle haben protestiert, keiner war dazu bereit. Genau das wollte ich hören. Dann habe ich ein spezielles Mental-Programm durchgeführt, an dessen Ende alle, die meinen Worten sprachlich folgen konnten, über das Glas gegangen sind. Ich weiß noch, wie Ulf Kirsten sagte: „Trainer, das ist wie Butter“. Ein anderer ist sogar vom Stuhl in die Scherben gehüpft. Der Tatsache, dass sie es anfangs nicht für möglich gehalten hatten und es dann doch taten, hatte einen Wahnsinnseffekt: Viele Spieler haben anschließend angefangen, autogenes Training zu machen, Bücher über menschliches Verhalten zu lesen, sich damit auseinanderzusetzen, wie man es kurzfristig schafft, sich wieder in den bestmöglichen Zustand zu versetzen. Jens Nowotny, Carsten Ramelow oder Ulf Kirsten – viele haben sich danach so intensiv mit ihrem Denkapparat auseinander gesetzt, dass sie Weltklasse geworden sind und Bayer Leverkusen mit ihnen seine erfolgreichste Zeit erlebte. 

Hatten Sie jemals Zweifel daran, dass Ihre Formen der Motivation von den Spielern angenommen werden?

Nein, dieses Problem hatte nur die Öffentlichkeit und das Umfeld. Zuerst wurde ich wegen meiner Kommunikationsformen belächelt, dann verspottet, schließlich wurde ich bekämpft, indem man mich darstellte, als sei ich völlig weggetreten. Und hinterher haben alle nachgezogen und meine Ideen in ihre Trainingsarbeit eingebaut.

Das Schicksal eines Pioniers.

Denn das Neue stellt für viele Leute, die auf den konventionellen Weg setzen, eine Bedrohung dar. Ich war von meinen Methoden stets überzeugt und habe mich nie an der Mehrheit orientiert.

Sind Sie durch diese Anfeindungen zu einem Außenseiter im Fußballgeschäft geworden?

Wieso sollte ich, schließlich sind meine Ideen heute weitgehend fester Bestandteil der modernen Trainingslehre. Mit dem Rest muss man als Pionier leben.

In der Rolle des Einzelkämpfers sehen Sie sich aber ganz gerne.

Darum geht es doch gar nicht. Lesen Sie mal von Daniel Goeudevert das Buch »Mit Träumen beginnt die Realität«. Sensationell. Es beweist: Wenn man aufhört zu träumen, existiert man zwar noch, aber man lebt nicht mehr. Nach diesem Prinzip versuche auch ich mein Leben zu führen. Ich finde das Leben viel zu spannend, um daran zu verzweifeln. Und im Fußball sehe ich, was die Handlungsschnelligkeit oder die Konzentration anbetrifft, noch viele Dinge, die sich optimieren ließen.

Letztlich verstehen Sie sich also als Förderer des Fußballs an sich.

Natürlich bin ich mit Haut und Haaren in Köln, aber sie haben nicht ganz Unrecht. Wir haben die Aufgabe, den 1. FC Köln in diesem Jahr in der 1. Liga zu halten. Aber entscheidend ist, wie sich der FC in der Gesamtentwicklung des Fußballs platziert und ob wir hier schon frühzeitig Trends setzen, die ihn langfristig konkurrenzfähig machen

Aber widersprechen die Gesetze des Erfolgs nicht diesem Prinzip der Langfristigkeit? Allzu oft entscheidet schließlich die Tagesform über die Zukunft eines Trainers?

Davon muss man sich lösen. Allein, um hier »SportsLab« (ein speziell von Daum für die Trainingsarbeit initiierte Computertechnologie mit Videoanalysen, Datenbanken und Statistiken, d.Red.) aufzubauen, hat allein ein Jahr gedauert.

Wie langfristig sehen Sie dann Ihr Engagement in Köln? Ihr Vertrag läuft zwar bis 2010, beinhaltet jedoch eine Ausstiegsklausel.

Diese Vertragssituation besteht seit ich hier unterschrieben habe. Aber ich bin seit dem Moment der Unterschrift hier – und bin es immer noch. Wir haben immer auf der Grundlage dieses Vertrages vertrauensvoll zusammen gearbeitet. Mit anderen Worten: Ich brauche keinen Vertrag. Wir können den Kontrakt gerne wegtun. Ich kann ohne arbeiten.

Sie könnten sich also auch vorstellen, als Coach des FC alt zu werden?

Natürlich. Aber als Trainer bin ich in ein Team eingebunden. Da muss vieles stimmen, um einen langfristigen Zustand zu erreichen. Daran arbeiten wir und ich kann mir durchaus vorstellen, dass Köln meine letzte Arbeitsstelle ist. Aber darüber mache ich mir nicht so viele Gedanken. Ehrlich gesagt will ich gar nicht genau wissen, was in zwei Jahren ist. Ich habe zwar Vorstellungen, aber ich lasse auch Dinge zu. Das habe ich übrigens durch die Zeit hier in Köln gelernt.

Was meinen Sie jetzt konkret?

Dass es gut für meine Gesundheit ist, auch mal loszulassen.

Und wie lassen Sie los?

Wie gesagt, indem ich mich hier vorübergehend von meinen extrem hohen Ansprüchen verabschiedet habe. Es ist wichtig, ab und zu die Schlagzahl raus zu nehmen und zu entspannen. Man kann Menschen damit nämlich auch überfordern und nerven. Und das Wichtigste ist doch, dass ich jeden mitnehme und mit positiven Gedanken infiziere.

Mit anderen Worten: Sie haben sich auch von Ihrem Perfektionismus verabschiedet.

Das habe ich durch viele Gespräche mit unserem Pressesprecher Christopher Lymberopoulos, mit Michael Meier und auch mit meiner Frau gelernt. Schon Allah hat gesagt: »Selbst in den feinsten Teppich ist absichtlich ein Fehler eingewoben, denn es gibt nichts Perfektes auf dieser Welt«. Das habe ich nach und nach auch eingesehen.

Christoph Daum, auf welches Bundesligaspiel freuen Sie sich in der kommenden Saison am meisten? Auf das Wiedersehen mit ihrem alten Kontrahenten Uli Hoeneß?

Ich freue mich auf das Spiel bei dem wir unseren 40. Punkt holen.

Und wann wird das sein?

Das weiß ich nicht. Ich bin kein Hellseher, sondern nur akribischer Arbeiter. Aber je früher, desto besser.

Jogi Löw hat vor der Euro 2008 gesagt, er würde zurücktreten, wenn Deutschland die Vorrunde nicht übersteht. Gibt es für Sie als FC-Trainer auch einen Worst Case, der Sie zum Rücktritt zwingen würde?

Nein, denn ich bin ja nicht der Nationaltrainer.

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