19.09.2008

Christoph Daum im Interview

»Ich wurde verspottet«

Mit Christoph Daum gewinnt die Bundesliga einen ihrer selbsternannten Pioniere zurück. Der Coach des 1. FC Köln über Entbehrungen in der 2. Liga, den Schock, als Heiliger verehrt zu werden, und den Umgang mit Waffen.

Interview: Gereon Detmer und Tim Jürgens Bild: Dominik Asbach
Christoph Daum im Interview
Zurück zur Ausgangsfrage: Wir wollten wissen, wie wichtig es für Sie war, als Trainer nach Deutschland zurück zu kehren?

Ich hatte auch Angebote aus anderen Ländern. Aber aus emotionalen Gründen bin ich das Risiko 2. Liga eingegangen und habe beim 1. FC Köln zugesagt. Und es war ein großes Risiko.

Die alte Verbindung zum FC.

Das Herzblut hat den Ausschlag gegeben. Das hat nichts mit sachlichen und praktischen Dingen zu tun. Da spricht einfach das Herz. Es ist so, als ob man verliebt ist.

Für uns also Außenstehende ist es schwer zu beurteilen, denn sowohl die Entscheidung für den FC im November 2006, als auch Ihr Entschluss, den Klub nun in die Bundesliga zu begleiten, schien Ihnen jeweils sehr schwer zu fallen.

Ich habe zu jeder Zeit klare Aussagen getroffen und mich stets klar geäußert. Was die Medien daraus machen, ist nicht meine Sache.

Sie haben öfter bemängelt, dass die finanziellen Möglichkeiten in Köln für Top-Spieler nicht ideal sind. Sind Sie mit dem jetzigen Kader zufrieden – oder muss noch was passieren?

Auch Manchester United und Real Madrid wollen noch Spieler verpflichten, ich bin also keine Ausnahme, wenn ich versuche, die Qualität meiner Mannschaft auch weiterhin zu verbessern. Natürlich bin ich der Überzeugung, dass sich die Spieler, die wir haben, verbessern werden. Trotzdem wünsche ich mir darüber hinaus auch noch Verstärkungen durch Transfers. Aber ich bin mit dem, was wir unter unseren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bisher erreicht haben, hoch zufrieden.

Mit dem Portugiesen Petit haben Sie jetzt auch einen absoluten Top-Star verpflichtet.

Für diesen Transfer hat Michael Meier eine Auszeichnung verdient. An Petit waren einige europäische Klubs interessiert. Auch russische, und die haben bekanntlich andere finanzielle Möglichkeiten. Trotzdem haben wir uns durchgesetzt. Petit bringt endlich das Flair eines Starspielers bei uns ein.

Wie viele Transfers sind daran gescheitert, dass der 1. FC Köln bislang in der 2. Liga spielte?

(Lacht.) So einige. Etliche Spieler, die durchaus interessiert waren, haben mir gesagt: »Coach, you can call again when you are first league«.

Das sind Sie jetzt. Dann beschreiben Sie doch mal, was Sie mit dem Stamm an Spielern, in den kommenden Jahren hier erreichen wollen.

Wenn ich Ihnen jetzt einen Plan aufstelle, an dessen Ende in drei oder vier Jahren der UEFA-Cup steht, wird wieder zitiert: »Daum spricht schon vom UEFA-Cup«. So nach dem Motto: Kann in der Bundesliga noch nicht wieder richtig laufen, spricht aber schon vom Springen. Aus diesem Grund führen wir Planungen nur im internen Zirkel durch. Aber natürlich wollen wir eine Erfolgsstory, denn wir wollen neue Kunden gewinnen, neue Märkte erschließen und neue Sponsoren an diesen Verein binden.

Das wollten in der Vergangenheit viele Ihrer Vorgänger. Haben Sie versucht zu ergründen, warum der FC in den letzten zehn Jahren viermal abgestiegen ist?

Überhaupt nicht.

Wie kann man verhindern, dass das wieder passiert?

Indem wir investiert haben und aus der Vergangenheit unsere Lehren ziehen: Wir haben mit den Verantwortlichen und den Spielern – denn wir hatten auch in der vergangenen Spielzeit einige Probleme gemeinsam zu lösen – intern diskutiert. Aus dieser Auseinandersetzung miteinander sind wir gestärkt hervor gegangen. Und jetzt gibt es hier eine unglaubliche Aufbruchstimmung in der Stadt und im Verein, deren Schwung wir nutzen wollen.

Wie kann man der Öffentlichkeit signalisieren, dass der neue FC keine Fahrstuhlmannschaft mehr ist?

Das geht nur über Ergebnisse. Durchhalteparolen haben alle oft genug gehört. Wichtig ist, den FC wieder in der 1. Liga zu etablieren. Wir haben unsere Hausaufgaben, was die Personalplanung bezüglich Kader, Scouting, medizinische Abteilung und Mannschaftsbetreuung angeht, gemacht. Nun will ich alle mitreißen, denn aufgrund meiner 20-jährigen Erfahrung in diesem Geschäft glaube ich, diesem Verein wirklich helfen zu können.

Die Kölner messen Ihnen fast die Bedeutung eines Heiligen bei. Bei Ihrer ersten Trainingseinheit im November 2006 begrüßten Sie 10 000 Fans im Stadion.

An einem Montagnachmittag – gigantisch. Da hieß es natürlich auch wieder: Daum inszeniert sich. Dabei war es das genaue Gegenteil: Die Polizei machte uns in einem Gespräch deutlich, dass in unserem Stadtteil in Sülz alles zusammen brechen würde, wenn das erste Training unter meiner Leitung am Geißbockheim stattfinden würde. Es war also ein Wunsch der Polizei, ins Stadion zu gehen. Die Frage, die ich mir dann stellte war: »Was macht man, wenn so viele Menschen zu einer Trainingseinheit kommen?« Also habe ich die Trainingseinheit sausen lassen und versucht, so weit es mir möglich war, jeden einzelnen zu begrüßen.

Es muss ein unglaublicher Druck sein, der sich in einem Menschen aufbaut, wenn ihm so viel Zuneigung entgegengebracht wird.

Hinterher konnte ich erstmal gar nicht schlafen. Ich kam nach Hause und sagte zu meiner Frau: »Das kann kein Mensch erfüllen, was die hier von mir erwarten.« Ich saß Zuhause und dachte: »Das bist du nicht, du bist kein Heilsbringer, sondern ein Arbeiter.« Mir haben Leute ihre Kinder hingehalten, so als ob ich die segnen sollte. Eine Kultsituation, die mich sehr nachdenklich und betroffen gemacht hat.

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