19.09.2008

Christoph Daum im Interview

»Ich wurde verspottet«

Mit Christoph Daum gewinnt die Bundesliga einen ihrer selbsternannten Pioniere zurück. Der Coach des 1. FC Köln über Entbehrungen in der 2. Liga, den Schock, als Heiliger verehrt zu werden, und den Umgang mit Waffen.

Interview: Gereon Detmer und Tim Jürgens Bild: Dominik Asbach
Christoph Daum im Interview
Christoph Daum, wir freuen uns, dass Sie den Bundesliga-Alltag fortan wieder als Trainer und als Persönlichkeit bereichern. Ist auch für Sie die Rückkehr in die 1. Liga ein Ereignis?

Nein. Ich habe in den letzten Jahren im Ausland durchgängig auf höchstem Niveau gearbeitet. In der Champions League habe ich mit Fenerbahçe sogar gegen Schalke 04 gespielt. Ich habe die Liga also nie aus den Augen verloren.

Zuletzt haben Sie jedoch 18 Monate in der 2. Liga verbracht – da freut man sich doch aufs Oberhaus.

Keine Frage, aber die Atmosphäre in der 2. Liga unterscheidet sich in vielen Stadien doch gar nicht mehr großartig von der Bundesliga.



Die Rückkehr in die Eliteklasse des deutschen Fußballs hat also keinen besonderen Symbolcharakter für Sie?

Wieso sollte sie das? Ich bin doch nie weg gewesen.

Immerhin haben Sie nach 2000 sechseinhalb Jahre in Österreich und der Türkei gewirkt.

Aber ich war immer präsent. Ich war für Premiere tätig, habe die Champions League und die Bundesliga kommentiert.  Und als ich in der Türkei war, sind die deutschen Journalisten nach Istanbul gekommen.

Was hat sich in der Bundesliga in Ihrer Zeit im Ausland verändert?

Die Fankultur hat sich ungemein gewandelt. Diese ständig zunehmende Begeisterung wirkt sich überaus positiv auf den Fußball aus. Hier beim FC haben wir soeben das 40 000. Mitglied begrüßt. Jeden Tag holen wir neue Kunden rein.

[intext]Auch als Trainer spricht man bei Fans also inzwischen von Kunden?

Das ist nun mal die Realität. Ein Fußballverein muss sich wie jedes Wirtschaftsunternehmen an seinen Kunden orientieren. Auch wir planen, über das Internet und über E-Commerce neue Märkte zu erschließen und neue Sponsoren zu gewinnen – so wie jedes erfolgreiche mittelständische Unternehmen dies heutzutage tut.

Haben Sie in Ihrer Zeit im Ausland auch Defizite ausmachen können, die die Bundesliga im Vergleich zu anderen Ligen besitzt?

Die Bundesliga hat in der Breite durch die strengen Lizenzauflagen gegenüber Österreich und der Türkei sicherlich Vorteile, was die Infrastruktur anbetrifft. Allerdings verfügen die Spitzenvereine in der Türkei über Trainingsmöglichkeiten und medizinische Abteilungen, die weltklasse sind. Mit Fenerbahçe und Besiktas  kann in der Bundesliga, wenn überhaupt, das Trainingsgelände an der Säbener Straße mithalten.

Wenn es um die Beschwerlichkeiten bei der Arbeit eines FC-Trainers geht, wird in erster Linie das besondere Umfeld aus kölschem Klüngel und Boulevardmedien genannt.


Ach was, in der Türkei habe ich mit drei Mal mehr Journalisten zu tun gehabt, als hier in Köln.

Das Umfeld in Köln ist so gesehen fast Entspannung für Sie?

Das ergibt sich auch aus der Bedeutung des Fußballs in der Türkei. Hier ist Fußball sprichwörtlich die schönste Nebensache der Welt. In der Türkei ist er Teil der Menschen, Teil des Lebens. Spielt sein Verein schlecht, dann ist der türkische Fan »hasta«, also »todkrank«. Es ist dort  viel extremer, viel emotionaler, viel tiefer.

Wohl auch fanatischer, zumindest wenn man Trainer Jörg Berger glaubt. Er behauptet, 2000 bei seiner Entlassung vom Klub-Präsidenten von Bursaspor mit einer Waffe bedroht worden zu sein. Haben Sie auch mal etwas Ähnliches erlebt?


Solche Aussagen halte ich für Scherzartikel. Ich kenne Bursa sehr gut. Das ist ein Weltklub und darüber hinaus eine der schönsten Städte, die wir in Europa haben. In der Türkei verfügen nun mal viele Leute, die ein hohes Amt bekleiden, über eine Schusswaffe. Und so eine Waffe will man natürlich nicht andauernd in einem Halfter mit sich herumtragen. Es kann also sein, dass jemand seine Waffe in einem Gespräch mal ablegt. Jörgs Interpretation halte ich deshalb für ziemlich abenteuerlich.

Mit anderen Worten: Sie haben noch nie von derartigen Vorfällen gehört?

Noch nie, außer in dieser Legende vom Jörg. Ich habe ihm auch gesagt, er soll vorsichtig mit solchen Aussagen sein. Denn sie sind nicht repräsentativ für die Türkei. Ich hatte Trainerkollegen, die dort auch in schwierigen Situationen waren und Vereine verlassen mussten. Bei keinem hat jemals eine Knarre eine Rolle gespielt. Zudem kenne ich viele Türken, die die Berechtigung haben, eine Waffe zu tragen. Ich war mit Leuten im Auto unterwegs, mache das Handschuhfach auf und es liegt eine Schusswaffe darin. Aber die hatten alle eine Erlaubnis dafür.

Sie genießen in der Türkei enormes Ansehen, haben dort mehrere Stiftungen gegründet und sich für die Erdbebenopfer engagiert. Stand es irgendwann zur Disposition, für immer dort zu bleiben?

Nein, nie. Ich weiß, wo ich her komme: Ich komme aus Deutschland. Obwohl man mir die türkische Staatsbürgerschaft angeboten hat und ich es als große Ehre empfinde, dass ich die Möglichkeit habe, zur deutsch-türkischen Verständigung beizutragen. Denn die Türkei ist für uns ein wichtiger Sicherheitsfaktor, ein Brückenkopf in die gesamte islamische Welt hinein. Denen müssen wir die Hand reichen. Wir müssen mit Toleranz und Integration auf die Türken zugehen – und nicht mit Forderungen oder Ausgrenzungstheorien arbeiten.

Würden Sie einen EU-Beitritt der Türkei befürworten?

Ich bin dafür, alles voranzutreiben, was als Signal für die Türkei zu werten ist, dass sie zu uns gehören. Aber ich nenne kein konkretes Datum. Wenn wir dieses Signal geben, ist es nicht die Frage, ob es 2017, 2020 oder 2025 wird.

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