Christoph Dabrowski im Interview

„Unsere Arbeit trägt nun Früchte“

Wenn sich einer mit dem Abstiegskampf auskennt, dann Christoph Dabrowski, der Mittelfeld-Turm vom VfL Bochum. Letztes Mal befreiten er und die Seinen sich noch fulminant aus dem Keller. Doch was wird die neue Spielzeit bringen? Imago

Trotz der Schlappe in Hannover: Glückwunsch zum erfolgreichen Saisonstart, Herr Dabrowski. Was können die Bochumer Fans in dieser Saison von ihrem VfL noch erwarten?

Das ist jetzt eine schöne Momentaufnahme. Aber wir wissen den Start einzuordnen und sind uns bewusst, dass es nicht die ganze Saison über so gut laufen wird wie jetzt am Anfang. Wir wollen die Euphorie in die nächsten Spiele mitnehmen und werden unser möglichstes tun, um weiter erfolgreich zu sein. Wirklich aussagekräftig ist die Tabelle erst ab dem 10 Spieltag. Dann können wir eine Prognose abgeben, wo unser Weg langgeht.

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Sie hatten zu Hause mit Werder und Hamburg sowie auswärts in Cottbus ein kniffeliges Auftaktprogramm. Sind Sie angesichts der Abgänge von Gekas und Misimovic selbst ein wenig vom erfolgreichen Saisonstart des VfL überrascht?

Auch mit Gekas und Misimovic hätte uns niemand einen guten Start garantieren können. Wir haben eine super Vorbereitung gemacht und die Neuzugänge gut integriert. Doch egal wie eine Vorbereitung läuft, beim Ligastart weiß man nie genau, wo man steht. Wir freuen uns, dass wir gleich am Anfang Punkte eingefahren haben, das macht die Integration unserer Neuzugänge um einiges einfacher.

Wenn sich abzeichnet, dass solch wichtige Spieler wie Gekas und Misimovic den Verein verlassen, versucht man dann als Mitspieler die Kollegen zum Bleiben zu überreden?

Nein, das würde auch nichts bringen. Jeder Spieler hat seine eigene Persönlichkeit und seine eigenen Karriereziele. Im Fußball ist es nun mal so, dass Spieler den Verein wechseln, weil sie sich woanders eine bessere Perspektive erhoffen oder einen besseren Vertrag bekommen. Man wünscht den Spielern alles Gute und muss dann schauen, dass man das Beste aus dem neuen Team herausholt.

Ist Vereinstreue heute eigentlich nur noch eine Illusion, die die Fans zwar noch haben, aber die mit der Realität nicht mehr viel gemein hat?

Die Zeiten, in denen ein Spieler 10 Jahre bei einem Verein bleibt, sind vorbei. Auf der einen Seite gibt es noch die Spielertypen, die sich 100% mit einem Verein identifizieren. Auf der anderen Seite gibt es aber auch andere Spieler, die zwar professionell sind, einen Verein aber nur als Durchgangsstation auf ihrer Karriereleiter sehen. Das finde ich nicht unbedingt verwerflich. Dabei ist es aber wichtig, in der Zeit trotzdem alles für den Verein zu geben. Und bei den meisten Spielern ist das auch so. Auch nach so einem Fall wie mit van der Vaart darf man nicht alle Fußballprofis über einen Kamm scheren und ihnen die Identifikation mit den Vereinen absprechen.

Letzte Saison war der Saisonstart des VfL weitaus schlechter. Da steckten Sie vom ersten Spieltag an bis weit in die Saison hinein tief im Abstiegskampf. Was hatte das für Auswirkungen auf den Trainingsalltag?

Auf die tägliche Arbeit hat es bei uns weniger Einfluss gehabt. Mit Marcel Koller haben wir einen Trainer, der sehr systematisch arbeitet. Er wirft nicht gleich sein ganzes Konzept über den Haufen, nur weil das Team mal für drei Spieltage auf einem Abstiegsplatz steht.

Aber der Druck ist doch sicher immens, wenn man auf einem Abstiegsplatz steht?

Wenn man unten drin steht, spürt man natürlich einen größeren Druck. Aber den hat man eigentlich immer. Auch jetzt, wo wir in der Tabelle gut dastehen, haben wir Druck, aber das ist ein positiver Druck. Da tritt man mit mehr Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein auf. Es kann aber auch von Vorteil sein, wenn man sich die ganze Saison mit dem Abstiegskampf auseinander setzten muss. Wenn eine Mannschaft erst kurz vor Saisonende unten reinrutscht, fällt es ihr oft schwer, dann den Schalter auf Abstiegskampf umzulegen.

Was haben Sie getan, um sich von dem Stress des Abstiegskampfes abzulenken?

Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder, da komme ich auf andere Gedanken. Aber natürlich beschäftigt man sich tagtäglich mit der Situation. Jetzt ist es schön, die Saison von einer höheren Tabelleregion aus angehen zu können und nicht gleich wieder unten drin zu stehen.

Ihre letzten Vereine Bochum, Hannover und Bielefeld sind in der Bundesliga sportlich etwa eine Kategorie. Wie groß sind die Unterschiede im so genannten Umfeld der Vereine?

Hannover ist von der Presselandschaft schon sehr speziell. Da gibt es einen großen Boulevard, der immer nach Geschichten sucht. Im Erfolgsfall herrscht da große Euphorie, und im Misserfolg wird man von der Presse zerfetzt. Da kann man in Bielfeld oder Bochum schon um einiges ruhiger arbeiten. Was die Professionalität des Umfeldes anbelangt, braucht sich der VfL Bochum vor vielen anderen Bundesligavereinen nicht zu verstecken.

Bereiten die Bundesligavereine ihre Spieler auf den Umgang mit der Presse vor?

Zum Teil. Problematisch ist es, wenn ein Verein keinen Pressesprecher hat. Da gibt es bei einigen Vereinen sicher Nachholbedarf. Ein Pressesprecher kann bei vielen Dingen schon im Vorfeld Dampf aus den Sachen nehmen und in die richtigen Bahnen lenken. Das ist hier in Bochum vorbildlich.

Was ist Marcel Koller für ein Trainertyp?

Unser Trainer hat ein klares Konzept und ein Ziel vor Augen, was er uns erfolgreich vermittelt. Dabei ist er ein sehr kommunikativer Typ, der nicht denkt, bereits allwissend zu sein. Er ist immer wieder bereit neue Dinge in seine Arbeit einfließen zu lassen und sich Meinungen aus der Mannschaft einzuholen.

Sie sind jetzt schon einige Jahre in der Bundesliga. Wenn Sie mal zurückschauen, was hat sich in den Jahren in Sachen Trainingslehre geändert?

Sehr viel. Jeder Verein hat seinen Trainingsstab vergrößert. Heute gibt es Athletiktrainer oder auch Rehabilitationstrainer, damit die verletzten Spieler schneller wieder fit werden. In Bochum arbeitet zudem ein Sportpsychologe ganz eng mit dem Trainerteam zusammen. Das sind Dinge, die in den letzten Jahren in den Vordergrund getreten sind. Die Entwicklung ist sicher lange noch nicht am Ende. Es wird in Zukunft sicher noch mehr mit Spezialisten gearbeitet.

Wie nehmen die Spieler diese neuen Dinge an?


Ich persönlich bin ein Spieler, der offen für neue Sachen ist. Im Allgemeinen sind Fußballspieler bei solchen Sachen sehr sensibel. Wenn sie merken, dass diese Neuerungen wirken, dann verschließen sie sich dem nicht, sondern nehmen das dankbar an.

Hat Marcel Koller auch in den schwierigen Phasen gegenüber der Mannschaft immer die Überzeugung ausgestrahlt, dass er mit dem VfL den Klassenerhalt schafft?

Ja. Wir hatten unsere stärksten Momente, wenn wir schon fast totgesagt wurden und wir ein „Endspiel“ hatten. In den schwierigsten Phasen waren wir immer auf den Punkt genau da. Daran hatte auch der Trainer einen großen Anteil. Das Festhalten am Trainer hat sich dann in der Rückrunde ausgezahlt.

Ist Marcel Koller ein Trainer, der im Abstiegskampf eine härtere Gangart an den Tag legt als im Erfolgsfall?


Unser Trainer ist keiner, der nach ein paar schlechten Spielen ein anderes Gesicht zeigt oder in einer schwierigen Phase zum Schleifer wird. Im Erfolgsfall wie auch in einer schlechteren Phase kommt er absolut glaubwürdig rüber. Er hält an seinem Konzept fest und arbeitet sehr akribisch mit der Mannschaft. Und am Ende des Tages zahlt sich das aus.

Im der letzten Saison gab es überdurchschnittlich viele Trainerentlassungen. Bochum hat trotz schwieriger Phasen am Trainer festgehalten. Hat es Sie überrascht?


Nein. Der VfL Bochum ist dafür bekannt, viel Geduld und Vertrauen in seine Trainer zu haben. Das zeichnet den Verein auch aus. Man muss den Verantwortlichen ein riesiges Kompliment dafür machen, dass hier alle zusammengestanden haben, als wir in der letzten Saison mit dem Rücken zur Wand standen, und der Verein stets an unseren Trainer geglaubt hat.

Hat auch die Mannschaft Zeichen an die Vereinführung gesendet, dass sie mit dem Trainer weiterarbeiten will?

Da kam schon der ein oder andere Impuls aus der Mannschaft, denn in der täglichen Arbeit haben wir gesehen, dass wir einen sehr guten Trainer haben. Der Erfolg hat uns allen letztendlich Recht gegeben.

Am Ende der Saison haben Sie nicht nur den Klassenerhalt souverän geschafft, sondern hätten mit dem beeindruckenden Schlussspurt beinahe noch den UI-Cup erreicht. Gab es einen Schlüsselmoment, der die Wende zum Guten eingeleitet hat?


Das kann man nicht an einem einzigen Moment festmachen. Wir hatten in der letzten Saison mehrere Schlüsselspiele, in denen die Mannschaft an sich und auch unsere Fans und das Team zusammengewachsen sind. In der Hinrunde war das zum Beispiel die Partie gegen Frankfurt, als wir nach 0:2-Rückstand noch 4:3 gewonnen haben. In der Rückrunde waren es unter anderem die beiden siegreichen Spiele gegen Dortmund und Schalke.

Ärgern Sie sich über das Verpassen des UI-Cups?


Natürlich hätten wir den UI-Cup gerne mitgenommen. Aber in erster Linie können wir stolz auf unsere Entwicklung sein, die wir in der letzten Saison genommen haben. Den Weg, den wir letzte Saison eingeschlagen haben, gehen wir nun weiter. Unsere Arbeit trägt nun Früchte, wie unser Saisonauftakt gezeigt hat. Trotz der Abgänge sind wir als Kern zusammengeblieben und eine super Gemeinschaft. Das macht uns stark, und dadurch können wir die Abgänge auch gut kompensieren.

Ist Ihnen Ihre Riesenchance gegen Timo Hildebrand am vorletzten Spieltag noch häufig durch den Kopf gegangen?


Nein. Auf dem Fußballplatz entscheidet es sich in Bruchteilen einer Sekunde, ob aus einer Situation heraus ein Tor fällt oder nicht. Die Chance ist abgehakt, und ich schaue nach vorne.

Sie kamen aus der Bremer Jugend in die Bundesliga. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Anfangszeit als Profi?

Ich kam in einer sehr schwierigen Phase ins Profiteam, als die Mannschaft nicht funktioniert hat. Wenn man frisch aus der Jugend kommt, ist es normal, dass man auch Fehler macht. Aber für mich war es ein gutes erstes Profijahr. Ich habe fast alle Spiele gemacht und uns kurz vor Saisonende mit dem Siegtor gegen Schalke vor dem Abstieg bewahrt. Und kurz darauf sind wir sogar Pokalsieger geworden.

Hatten Sie als Spieler aus der eigenen Jugend einen schweren Stand gegenüber einem eingekauften Profi, auch wenn man sich bereits als Teil der Mannschaft etabliert hat?

Wenn der Verein Geld für einen Spieler ausgibt, genießt der Spieler gleich einen höheren Status. Als Spieler aus der Jugend muss man sich alles Stück für Stück erarbeiten.

In Bremen waren Sie in der Saison ’99/’00 Stammspieler. In der darauf folgenden Saison hatten Sie dann nur noch 6 Einsätze. Wie kam es zu dem Karriereknick?

2000 kam Klaus Allofs als Manager nach Bremen, und er hat zusammen mit Thomas Schaaf eine komplett neue Mannschaft aufgebaut. Ich hatte dann leider nicht mehr den Rückhalt vom Trainer und habe mich entschieden, meinen Weg woanders weiterzugehen, und bin dann nach Bielefeld gewechselt.

Bielefeld hat damals in der 2. Liga gespielt. Haben Sie für den Neuanfang bewusst den Weg in die 2. Liga gewählt?

Bielefeld hat sich stark um mich bemüht. Ich habe dort sehr gute Möglichkeiten für mich gesehen, in die Erfolgsspur zurückzufinden. Der Trainer und der Manager haben sich oft bei mir gemeldet und mir eine gute Perspektive aufgezeigt. Sie haben mir das Gefühl vermittelt, dass ich dort gebraucht werde und ein wichtiger Bestandteil der Planung bin. Das hat mich überzeugt.

Wie sieht Ihre weitere Karriereplanung aus?

Mein Vertrag läuft noch bis 2009. Der Fußball ist so schnelllebig, dass ich nicht sagen kann, dass ich bis 2015 in Bochum bleibe. Es kann sein, dass ich mich in 2 Monaten schwer verletze und mit dem Fußball aufhören muss. Wer weiß das schon? Aber zur Zeit passt es für mich hier in Bochum. Die Entwicklung ist gut, so dass ich mir vorstellen kann, noch lange hier zu bleiben.

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„Ich bin noch nicht satt“ – Marcel Koller im Interview www.11freunde.de/bundesligen/101862 .

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