Christian Ziege und Jos Luhukay im Interview

»Es gab nur auf die Schnauze«

Unter Christian Ziege und Jos Luhukay gelang Borussia M‘gladbach ein glamouröser Wiederaufstieg. Hier spricht das Erfolgsduo über die Last der Tradition, Basar-Verhandlungen und die Kondition von Oliver Neuville. Christian Ziege und Jos Luhukay im InterviewAndrea Borowski
Heft #80 07 / 2008
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Jos Luhukay, Christian Ziege, als Sie Anfang 2007 hier die Verantwortung übernahmen, stand Borussia Mönchengladbach vor dem Abstieg, und die Stimmung war auf dem Tiefpunkt. Jetzt kehren Sie mit beherztem Angriffsfußball ins Oberhaus zurück. Was ist passiert?

Luhukay: Nach dem Abstieg bestand hier die Bereitschaft, Dinge zu verändern. Ganz wichtig war, dass man uns die Möglichkeit gab, unsere Fußballphilosophie umzusetzen. Wir konnten eine Mannschaft zusammenstellen, die für guten, attraktiven Fußball steht, dabei aber nie den Aufstieg in die 1. Liga aus den Augen verloren hat.

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So einfach war das?

Ziege: Diese Bereitschaft musste erst einmal geschürt werden. Als der Klub mich fragte, ob ich Sportdirektor werden will, habe ich den Verantwortlichen in zwei Minuten mitgeteilt, was sich ändern muss.

Das ließ sich in zwei Minuten sagen?

Ziege: Es war nichts Weltbewegendes. Nur, dass es wichtig ist, dass alle im Verein an einem Strang ziehen und der Versuch unternommen werden muss, Kontinuität in den Klub zu bringen.

Sie übernahmen den Job, obwohl das Präsidium mit ihrem Vorgänger, Peter Pander, vor seiner Demission nicht gerade pfleglich umgegangen war.

Ziege: Über all diese Dinge habe ich im ersten Moment nicht nachgedacht. Der Verein fragte, ob ich mir vorstellen könne, Sportdirektor zu werden, ich habe »ja« gesagt, und dann bin ich nach Hause gefahren.

Und als Sie nach Hause kamen?

Ziege: Da habe ich gedacht: »Ach, du Scheiße.« Aber nach einem Gespräch mit meiner Frau und ein paar Freunden, die mich bestärkten, den Job zu machen, war ich überzeugt. Schließlich ist es eine Riesenehre, dass der Verein ausgerechnet auf mich – den U17-Trainer – zukam. Zwei Tage später hatte ich den Job, saß im Büro und wusste erst mal nicht, was ich machen sollte.

Haben Sie bislang zu jeder Zeit den Rückhalt des Präsidiums gespürt?

Luhukay: Als der Klub vor dem Abstieg stand, hat man mir einen neuen Zweijahresvertrag angeboten. Es zeigt, dass der Verein auf Kontinuität setzen wollte und dass der Trainer und Mensch Jos Luhukay einen guten Eindruck hinterlassen hat.

Ziege: Dazu müssen Sie wissen, dass ich dem Präsidium mitteilte, wie unfair ich es fände, die Probleme des Teams am Trainer festzumachen. Er kam in der Winterpause, machte zwei Spiele als Co-Trainer und hatte nichts mit der Kaderzusammenstellung zu tun. Und auch für meine Arbeit war es sinnvoll, den Vertrag zu verlängern.

Welcher Spieler geht schon gern zu einem Klub, ohne den Trainer zu kennen.

Ziege: Korrekt. Insbesondere, wenn dieser Verein in die 2. Liga abgestiegen ist. Schließlich ist der Trainer derjenige, mit dem der Spieler in erster Linie zu tun hat.

Hat es Sie, Jos Luhukay, irritiert, dass man Ihnen den U17-Trainer als Sportdirektor an die Seite stellte?

Luhukay: Ganz ehrlich, als Trainer machst du dir darüber nicht so viele Gedanken. Du bist voll auf die tägliche Arbeit mit der Truppe konzentriert. Ein Coach muss erst mal selbst wissen, was er will, dann schaut er, wie er das mit dem Klub und dessen Zielen in Einklang bringen kann.

Sie wurden Ende Januar 2007 Trainer, Ende März folgte Christian Ziege auf Peter Pander. Vereinfachte der Wechsel auf dem Managerposten Ihre Arbeit?


Luhukay: Erst mal nicht. Die Situation war ja unverändert, wir waren mitten im Abstiegskampf. Wir mussten dann in der Folge eine Menge ertragen, aber wir haben standgehalten. Und heute sieht man, dass es der richtige Weg war.

Ziege: Wir haben am Anfang nur auf die Schnauze bekommen: Wie kann man das, wie kann man dies machen, wie kann man mit dem Trainer verlängern, wenn der Verein auf einem Abstiegsplatz steht? Und wir haben eine Mitgliederversammlung durchgestanden, wo wir für das Dilemma mitverantwortlich gemacht wurden.

Das schweißt zusammen. Getreu dem  Sprichwort: Geteiltes Leid, halbes Leid.

Luhukay: Es schweißte nicht nur uns beide zusammen. Es gibt hier im Verein über

90 Mitarbeiter, denen es allen ähnlich ging. Jeder war mit der schwierigen Situation konfrontiert, und ich freue mich für sie alle und – nicht zu vergessen – für unsere Fans, die viel leiden mussten. Gerade bei Auswärtsspielen sind sie nicht verwöhnt worden, und plötzlich waren wir, 2. Liga hin oder her, das auswärtsstärkste Team und nicht mehr die Auswärtsdeppen.

Nach dem Abstieg mussten Sie das Team komplett umkrempeln. Hätten Sie erwartet, dass es in der 2. Liga so gut läuft?

Ziege: Überhaupt nicht. Wie gesagt, es ist schwierig, einen Kader für ein Team zusammenzustellen, das absteigt. Es kam öfter vor, dass auf unserer Liste zehn Namen standen, von denen am Ende nur noch die beiden am unteren Rand übrig blieben.

Luhukay: Man muss eine Philosophie und ein Spielsystem haben, die zum Team passen. Wenn man das hinbekommt, macht den Spielern ihr Beruf auch mehr Spaß. Daraus hat sich ein ganz besonderer Geist entwickelt, der uns durch die schwierigen Phasen der Saison getragen hat.

Christian Ziege, Sie haben gesagt, dass Sie der Teamgeist bei Borussia derzeit an die Europameister von 1996 erinnert.

Ziege: Damals war es so, dass der Großteil der Spieler gemeinsam etwas unternahm, selbst wenn es einen freien Nachmittag gab. Wir saßen oft mit den Frauen zusammen, haben uns sehr gut verstanden. Als Spieler in einem Profiverein habe ich so einen Zusammenhalt nie erleben dürfen. Hier freuen sich derzeit auch die Spieler mit den anderen, die nicht so oft in der ersten Elf stehen. Das ist außergewöhnlich.

Wie bringt man einem Team Mannschaftsgeist bei?

Ziege: Indem wir an alle appelliert haben, dass der Wiederaufstieg nur machbar ist, wenn alle daran mitarbeiten. Auch an die Familien der Spieler, die ein Gefühl davon bekommen sollten, dass sie zum Verein dazugehören. Denn ein Spieler, dessen Frau zu Hause hockt und einsam ist, weil sie keinen Menschen kennt, ist schließlich nicht in der Lage, Leistung zu bringen.

War das vor Ihrer Zeit anders?

Ziege: Ich kann nur über meine Zeit als Spieler in Gladbach sprechen. Auch als Kapitän habe ich versucht, einen Teamgeist zu schüren. Meine Frau hat geholfen, einen Zusammenhalt unter den Partnerinnen zu entwickeln. Damals war es nicht gut, aber in Ordnung. In meiner Zeit als U17-Trainer gab es Maßnahmen, eine große Familie zu bilden, nicht im Entferntesten.

Jos Luhukay, Sie haben hier unter Jupp Heynckes angefangen, einer Symbolfigur der großen Gladbacher Tradition. Sie sind gleich hinter der Grenze aufgewachsen. Was bedeutet Ihnen die Borussia?

Luhukay: Borussia war für mich immer ein fantastischer Verein, schon als kleiner Junge bin ich oft auf dem Bökelberg gewesen. Als die Einladung zu einem Gespräch kam, konnte ich mir gar nicht vorstellen, was man von mir wollte. Viele haben nicht verstanden, dass ich noch mal als Assistent arbeite, aber bei diesem Verein war das etwas anderes. Zumal Jupp Heynckes eine absolute Respektsperson für mich war, ein erfolgreicher Trainer und feiner Mensch, unter dem ich noch Jahre hätte arbeiten können. Dass es dann schnell ganz anders kam, konnte ja keiner ahnen.

Zum Boom der Fohlenelf und »Voetbal total« waren Sie Teenager. Standen Sie eher auf Günter Netzer oder Johan Cruyff?

Luhukay: Offen gestanden, kann ich die Gladbacher Mannschaft von damals noch auswendig. In Amsterdam bin ich nie gewesen. Außerdem hatte ich als 15-Jähriger ein Angebot von der Gladbacher Jugend, aber ich habe als Profi in Venlo in der zweiten holländischen Liga angefangen. Vielleicht war es Vorsehung, dass ich irgendwann wieder bei Borussia gelandet bin.

Profitieren Sie bei Neuverpflichtungen von dem Ruf, der Borussia Mönchengladbach noch immer vorauseilt?

Ziege: Das ist sicher hilfreich, zumal das neue Stadion auch eine entsprechende Anziehungskraft auf Spieler ausübt.

Einmal Fohlenelf, immer Fohlenelf?

Ziege: Das hat der Klub auf dem Buckel, das müssen wir mitleben. Aber unsere Mannschaft hat auch ein Eigenleben – und das darf nie vergessen werden. Sascha Rößler hat es sehr gut ausgedrückt: »Wir haben mit dem Team, das letztes Jahr abgestiegen ist, nichts zu tun.« Wie unfair wäre es also, die jetzigen Spieler noch mit der Borussia der 70er zu vergleichen? Wir müssen endlich was Eigenes schaffen.

Erschlägt einen die Gladbacher Tradition manchmal, wenn man hier arbeitet?

Luhukay: Mich überhaupt nicht. Aber die Spieler müssen schon wissen, dass sie bei einem besonderen Verein unterschreiben. Wegen der Tradition ist der Druck größer als anderswo. Ob zu Hause oder auswärts, du hast immer die Unterstützung durch zahlreiche Fans. Das kann stimulieren, das kann aber auch eine Belastung sein.

Ziege: Trotzdem kann es in den ersten beiden Jahren nur darum gehen, die Klasse zu halten. Alles andere ist Utopie. Vielleicht gelingt es uns im ersten Bundesligajahr, durch die gegenwärtige Euphorie eine gute Saison zu spielen, aber auch danach darf man noch nicht vom gehobenen Mittelfeldplatz träumen.

Haben Sie das Gefühl, dass die Fans so realistisch sind? Hinter Ihnen hängt ein Bild, das Netzer bei der Seitenwahl vor dem 7:1 gegen Inter Mailand zeigt …

Luhukay: Diesen Realismus zu schärfen, ist nicht zuletzt auch unsere Aufgabe. 

Ziege: Ich habe mich zum Beispiel sehr gefreut, dass einige Fans nach dem Aufstieg zu mir gekommen sind und gesagt haben: »Eigentlich will ich gar nicht aufsteigen.«

Warum das denn?

Ziege: Habe ich auch gefragt. Die Antwort lautete: »Weil es Spaß macht, auch mal bei Auswärtsspielen Siege zu feiern.«

Es hat ein Umdenken stattgefunden.

Ziege: Die Leidensfähigkeit der Leute hat mich schon immer beeindruckt. Da bin ich von anderen Vereinen anderes gewohnt. In Italien sind uns die Fans nach Niederlagen mitunter auch an die Wäsche gegangen.

An die Wäsche?

Ziege: Im übertragenen Sinne. Die sind nicht nur handgreiflich geworden. Ich bin fünf, sechs Mal im Kofferraum eines Autos aus der Tiefgarage gefahren worden, weil zu befürchten stand, dass wartende Fans mit Steinen nach uns Spielern werfen, wenn sie uns im Innern eines Wagens entdecken. Hier ist der Respekt viel größer: Wenn beim Training einige ihren Unmut äußern, manche auch lautstark, stelle ich im Gespräch immer fest, dass die Leute die Zusammenhänge verstehen wollen. Fast alle bedanken sich hinterher freundlich.

Haben Sie beide sich schon mal wegen eines Transfers entzweit?

Ziege: Jede Woche (lacht). Nein, natürlich kann man nicht immer einer Meinung sein. Ich weiß nicht, ob Sie verheiratet sind, für den Fall wissen Sie aber, was ich meine.

Luhukay: Entscheidend ist, dass man nachher geschlossen rausgeht und sagt: Das machen wir so. Das haben wir bis heute sehr gut hinbekommen. Man muss die Entscheidung gemeinsam tragen, in guten wie in schlechten Zeiten.

Sie senden auf derselben Wellenlänge.

Ziege: Wichtig ist, dass der Verein Erfolg hat. Dafür haben wir alles getan, sind durch Deutschland gefahren, haben Spieler gesichtet und mit ihnen gesprochen.

Luhukay: Wir müssen ja nicht unbedingt auch noch Kaffee oder ein Bierchen miteinander trinken gehen.

Wie hat man sich das vorzustellen, wenn ein Team neu zusammengestellt wird? Läuft das wie am Reißbrett ab: hier einen Linksfuß, da einen Erfahrenen, dort einen für die gute Laune?

Luhukay: Ich glaube, es ist eine meiner Stärken, genau das hinzubekommen. Das war schon in Paderborn so, wo mir weit weniger Mittel zur Verfügung standen. Es ist wichtig, dass die Spieler in das Puzzle passen und sich darin entwickeln können. Ein Roel Brouwers, Marcel Ndjeng oder Rob Friend hatten vorher keinen Namen und keinen Status, hier sind sie Stammspieler. Bei einem Alex Voigt haben viele gesagt: Was will man mit dem? Aber dann hat er sich, nicht zuletzt durch seinen Charakter, einen Stellenwert im Team erworben.

Mit 35 war Oliver Neuville eine große Stütze beim Aufstieg, aber er wird nicht jünger. Bei Bayer Leverkusen und Sergej Barbarez hat man gesehen, dass das irgendwann zum Problem werden kann.

Luhukay: Oliver hat ein fantastisches Jahr hinter sich, aber er ist ein ganz angenehmer Typ, der sich nie über die Mannschaft stellen würde. Natürlich wird er nicht jünger, und es muss sich zeigen, ob er durch die EM körperliche Probleme bekommt.

Ziege: Wer sagt, dass es bei Oliver genauso sein wird wie bei Barbarez? Ich habe mit Teddy Sheringham bei Tottenham gespielt, der mit 38 noch locker in der Premier League mithalten konnte. Es kommt auch auf die Position an. Barbarez spielt zentral und ist von Natur aus kein laufstarker Spieler. Gerade in Richtung Defensive hat er noch nie viel gerissen. Oliver hat vergangene Saison 34 Spiele gemacht, das hat er vorher in seiner Karriere nur einmal geschafft. Ich glaube, wir werden auch in der 1. Liga noch viel Freude mit ihm haben.

Auf welchen Positionen müssen Sie sich noch verstärken?

Luhukay: In jedem Mannschaftsteil.

Braucht Borussia mehr Stars?

Luhukay: Was versteht man unter Stars? Entscheidend ist die Leistung. Wir haben im letzten Sommer eigentlich gar keine Stars geholt. Marcel Ndjeng kannte vor der letzten Saison auch kaum jemand, jetzt ist er für die Nationalmannschaft Kameruns nominiert. Marko Marin stand im vorläufigen EM-Kader. Wichtig ist, nicht nur auf Stars und Status zu setzen. Wer könnte garantieren, dass wir mit namhafteren Spielern ebenfalls aufgestiegen wären?

Stefan Effenberg hat gesagt, um der Bundesliga wieder ihren Stempel aufdrücken zu können, müsse Borussia jetzt ein Bündel Geld in die Hand nehmen.

Ziege: Das sagt sich so leicht: Man nimmt Geld und kauft Qualität. So einfach ist eine Kaderzusammenstellung aber nicht. Ich finde es auch ein bisschen billig, wenn jemand so etwas sagt, ohne bei einem Klub in der Verantwortung zu stehen.

Luhukay: Qualität hat ihren Preis, aber wir sind realistisch. Natürlich würde ich auch gerne morgen Ronaldinho kaufen …

Obwohl er alles andere als fit ist?

Luhukay: Fußball spielen kann er, den Rest bekommen wir wieder hin (lacht).

Angeblich sollen Sie 15 Millionen Euro zur Verfügung haben, um den Kader zu verstärken.

Ziege: Ein Spieler, der sich nur vom Wedeln mit den Geldscheinen zu einem Wechsel überzeugen lässt, wird in Mönchengladbach nicht glücklich. Ich interpretiere meinen Job auch anders: Ich möchte größtmöglichen Erfolg, doch an dem Tag, an dem ich hier entlassen werde, will ich dem Nachfolger auch keinen finanziellen Scherbenhaufen hinterlassen.

Wie war es eigentlich, als Sie aus dem verhältnismäßig entspannten Job als U17-Trainer über Nacht zum Sportdirektor eines Bundesligisten wurden?

Ziege: Da liegen Sie schon mal komplett falsch. Wenn ich einen Job mache – auch den des U17-Trainers –, mache ich den mit voller Kraft, liege nächtelang wach und sinniere über die Aufstellung. Einziger Unterschied ist, dass ich als Sportdirektor in der Öffentlichkeit stehe und es viele gibt, die meinen, es besser zu wissen als ich.

Das ist aber ein großer Unterschied.


Ziege: Für mich nicht, denn solange ich davon überzeugt bin, dass ich etwas Richtiges und Vernünftiges mache, ist mir egal, was andere sagen.

Dann ist der Stress auch nicht schlimmer als zu Ihren Zeiten als Jugendtrainer?

Ziege: Nicht wirklich. Das Einzige, was sich wirklich zum Negativen verändert hat: Ich hasse telefonieren. Und das muss ich in meinem neuen Job leider häufig tun.

Wo mussten Sie sich noch umstellen?

Ziege: Ich musste mir Verhandlungsgeschick aneignen. Ich bin von Natur aus kein Basar-Typ. Wenn mir früher jemand sagte, dass etwas fünf Euro kostet, habe ich fünf Euro dafür bezahlt. Hier musste ich lernen, dass ein Angebot immer erst der Anfang einer Verhandlung ist. Ein Berater setzt viel weiter oben an, um auf ein Niveau herunterzukommen, und als Sportdirektor muss ich entsprechend tiefer ansetzen. Es ist ein Spiel, aber nicht mein Spiel.

Aber Sie haben doch als Profi auch mit Uli Hoeness über Gehalt verhandelt.

Ziege: Eben nicht, das haben immer andere für mich gemacht. Deswegen bin ich froh, dass hier Stephan Schippers neben mir sitzt, der solche Gespräche schon tausend Mal geführt hat.

Warum haben Sie als Spieler Ihre Verhandlungen nicht selbst geführt?

Ziege: Weil das Finanzielle nie im Vordergrund stand. Ich habe mich gefreut, wenn es wieder mal etwas mehr gab, und artig danke gesagt.

Wir haben den Eindruck, dass es derzeit einen Generationswechsel bei den Trainern gibt. Den autoritären Trainer vom Schlage eines Rinus Michels oder Hennes Weisweiler gibt es heute nicht mehr.

Luhukay: Ich habe nie unter Michels oder Weisweiler trainieren dürfen, aber dass sich im Fußball einiges ändert, ist ja klar.

Der Bereich Taktik ist viel komplexer.

Luhukay: Taktik ist immer ein großes Wort. Glauben Sie, dass Michels oder Weisweiler keine Taktik hatten, keine Vorstellung davon, wie sie spielen wollten?

Ist Taktik ein Modethema?

Luhukay: Die Frage ist, was Taktik beinhaltet. Wir können darüber stundenlang diskutieren, aber am Ende muss man es auf dem Platz sehen.

Ziege: Im Übrigen fällt es sogar mir mit 36 manchmal schwer, die neuen Spieler in ihren Verhaltensweisen nachzuvollziehen.

Wie meinen Sie das?

Ziege: Die haben andere Prioritäten im Leben: Handy, iPod, Computer. Bei mir gab‘s nur Fußball auf der Straße, aber wo können Kids heute noch auf der Straße spielen?

Viele Bundesligisten unterhalten Nachwuchszentren, in denen junge Spieler nach strikten Verhaltensregeln erzogen werden. Welchen Gesetzen sind Ihre Profis unterworfen?

Ziege: In der Kabine und auf dem Trainingsplatz bleibt das Handy aus. Die sollen sich auf den Fußball konzentrieren, alles andere ist mir egal. Ich habe eine 17-jährige Tochter. Ich verstehe nicht, wie sie mit ihren Freunden kommuniziert. Sie schreibt dauernd SMS. Warum ruft sie nicht an, wenn es ein Problem gibt? Oder wie heißen diese virtuellen Räume, in denen sich Leute miteinander unterhalten?

Chatrooms. Müssen Sie nicht ab und zu in den Internetchat bei Borussia?

Ziege: Mir reicht es schon, permanent E-Mails abzurufen. Sorry, so bin ich nicht aufgewachsen.

Wenn Sie es schon nicht mehr verstehen, wie soll es ein Trainer mit 60 verstehen.

Ziege: Ich verstehe es ja, ich muss es aber doch nicht selbst praktizieren. Als U17-Trainer habe ich mal einen Zehnkilometer-Lauf angeordnet. Die Spieler fragten, ob sie währenddessen ihren MP3-Player benutzen dürften. Da habe ich gesagt: »Warum wollt ihr Musik hören? Ihr sollt laufen!« Aber es schien Konsens zu sein, dass alle mit Kopfhörer laufen wollen. Sollen sie also in drei Teufels Namen mit dem iPod laufen, Hauptsache, sie reißen vernünftig ihre Kilometer runter.

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