15.07.2008

Christian Ziege und Jos Luhukay im Interview

»Es gab nur auf die Schnauze«

Unter Christian Ziege und Jos Luhukay gelang Borussia M‘gladbach ein glamouröser Wiederaufstieg. Hier spricht das Erfolgsduo über die Last der Tradition, Basar-Verhandlungen und die Kondition von Oliver Neuville.

Interview: Jens Kirschneck und Tim Jürgens Bild: Andrea Borowski
Christian Ziege und Jos Luhukay im Interview
Christian Ziege, Sie haben gesagt, dass Sie der Teamgeist bei Borussia derzeit an die Europameister von 1996 erinnert.

Ziege: Damals war es so, dass der Großteil der Spieler gemeinsam etwas unternahm, selbst wenn es einen freien Nachmittag gab. Wir saßen oft mit den Frauen zusammen, haben uns sehr gut verstanden. Als Spieler in einem Profiverein habe ich so einen Zusammenhalt nie erleben dürfen. Hier freuen sich derzeit auch die Spieler mit den anderen, die nicht so oft in der ersten Elf stehen. Das ist außergewöhnlich.

Wie bringt man einem Team Mannschaftsgeist bei?

Ziege: Indem wir an alle appelliert haben, dass der Wiederaufstieg nur machbar ist, wenn alle daran mitarbeiten. Auch an die Familien der Spieler, die ein Gefühl davon bekommen sollten, dass sie zum Verein dazugehören. Denn ein Spieler, dessen Frau zu Hause hockt und einsam ist, weil sie keinen Menschen kennt, ist schließlich nicht in der Lage, Leistung zu bringen.

War das vor Ihrer Zeit anders?

Ziege: Ich kann nur über meine Zeit als Spieler in Gladbach sprechen. Auch als Kapitän habe ich versucht, einen Teamgeist zu schüren. Meine Frau hat geholfen, einen Zusammenhalt unter den Partnerinnen zu entwickeln. Damals war es nicht gut, aber in Ordnung. In meiner Zeit als U17-Trainer gab es Maßnahmen, eine große Familie zu bilden, nicht im Entferntesten.

Jos Luhukay, Sie haben hier unter Jupp Heynckes angefangen, einer Symbolfigur der großen Gladbacher Tradition. Sie sind gleich hinter der Grenze aufgewachsen. Was bedeutet Ihnen die Borussia?

Luhukay: Borussia war für mich immer ein fantastischer Verein, schon als kleiner Junge bin ich oft auf dem Bökelberg gewesen. Als die Einladung zu einem Gespräch kam, konnte ich mir gar nicht vorstellen, was man von mir wollte. Viele haben nicht verstanden, dass ich noch mal als Assistent arbeite, aber bei diesem Verein war das etwas anderes. Zumal Jupp Heynckes eine absolute Respektsperson für mich war, ein erfolgreicher Trainer und feiner Mensch, unter dem ich noch Jahre hätte arbeiten können. Dass es dann schnell ganz anders kam, konnte ja keiner ahnen.

Zum Boom der Fohlenelf und »Voetbal total« waren Sie Teenager. Standen Sie eher auf Günter Netzer oder Johan Cruyff?

Luhukay: Offen gestanden, kann ich die Gladbacher Mannschaft von damals noch auswendig. In Amsterdam bin ich nie gewesen. Außerdem hatte ich als 15-Jähriger ein Angebot von der Gladbacher Jugend, aber ich habe als Profi in Venlo in der zweiten holländischen Liga angefangen. Vielleicht war es Vorsehung, dass ich irgendwann wieder bei Borussia gelandet bin.

Profitieren Sie bei Neuverpflichtungen von dem Ruf, der Borussia Mönchengladbach noch immer vorauseilt?

Ziege: Das ist sicher hilfreich, zumal das neue Stadion auch eine entsprechende Anziehungskraft auf Spieler ausübt.

Einmal Fohlenelf, immer Fohlenelf?

Ziege: Das hat der Klub auf dem Buckel, das müssen wir mitleben. Aber unsere Mannschaft hat auch ein Eigenleben – und das darf nie vergessen werden. Sascha Rößler hat es sehr gut ausgedrückt: »Wir haben mit dem Team, das letztes Jahr abgestiegen ist, nichts zu tun.« Wie unfair wäre es also, die jetzigen Spieler noch mit der Borussia der 70er zu vergleichen? Wir müssen endlich was Eigenes schaffen.

Erschlägt einen die Gladbacher Tradition manchmal, wenn man hier arbeitet?

Luhukay: Mich überhaupt nicht. Aber die Spieler müssen schon wissen, dass sie bei einem besonderen Verein unterschreiben. Wegen der Tradition ist der Druck größer als anderswo. Ob zu Hause oder auswärts, du hast immer die Unterstützung durch zahlreiche Fans. Das kann stimulieren, das kann aber auch eine Belastung sein.

Ziege: Trotzdem kann es in den ersten beiden Jahren nur darum gehen, die Klasse zu halten. Alles andere ist Utopie. Vielleicht gelingt es uns im ersten Bundesligajahr, durch die gegenwärtige Euphorie eine gute Saison zu spielen, aber auch danach darf man noch nicht vom gehobenen Mittelfeldplatz träumen.

Haben Sie das Gefühl, dass die Fans so realistisch sind? Hinter Ihnen hängt ein Bild, das Netzer bei der Seitenwahl vor dem 7:1 gegen Inter Mailand zeigt …

Luhukay: Diesen Realismus zu schärfen, ist nicht zuletzt auch unsere Aufgabe. 

Ziege: Ich habe mich zum Beispiel sehr gefreut, dass einige Fans nach dem Aufstieg zu mir gekommen sind und gesagt haben: »Eigentlich will ich gar nicht aufsteigen.«

Warum das denn?

Ziege: Habe ich auch gefragt. Die Antwort lautete: »Weil es Spaß macht, auch mal bei Auswärtsspielen Siege zu feiern.«

Es hat ein Umdenken stattgefunden.

Ziege: Die Leidensfähigkeit der Leute hat mich schon immer beeindruckt. Da bin ich von anderen Vereinen anderes gewohnt. In Italien sind uns die Fans nach Niederlagen mitunter auch an die Wäsche gegangen.

An die Wäsche?

Ziege: Im übertragenen Sinne. Die sind nicht nur handgreiflich geworden. Ich bin fünf, sechs Mal im Kofferraum eines Autos aus der Tiefgarage gefahren worden, weil zu befürchten stand, dass wartende Fans mit Steinen nach uns Spielern werfen, wenn sie uns im Innern eines Wagens entdecken. Hier ist der Respekt viel größer: Wenn beim Training einige ihren Unmut äußern, manche auch lautstark, stelle ich im Gespräch immer fest, dass die Leute die Zusammenhänge verstehen wollen. Fast alle bedanken sich hinterher freundlich.

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