15.07.2008

Christian Ziege und Jos Luhukay im Interview

»Es gab nur auf die Schnauze«

Unter Christian Ziege und Jos Luhukay gelang Borussia M‘gladbach ein glamouröser Wiederaufstieg. Hier spricht das Erfolgsduo über die Last der Tradition, Basar-Verhandlungen und die Kondition von Oliver Neuville.

Interview: Jens Kirschneck und Tim Jürgens Bild: Andrea Borowski
Christian Ziege und Jos Luhukay im Interview
Jos Luhukay, Christian Ziege, als Sie Anfang 2007 hier die Verantwortung übernahmen, stand Borussia Mönchengladbach vor dem Abstieg, und die Stimmung war auf dem Tiefpunkt. Jetzt kehren Sie mit beherztem Angriffsfußball ins Oberhaus zurück. Was ist passiert?

Luhukay: Nach dem Abstieg bestand hier die Bereitschaft, Dinge zu verändern. Ganz wichtig war, dass man uns die Möglichkeit gab, unsere Fußballphilosophie umzusetzen. Wir konnten eine Mannschaft zusammenstellen, die für guten, attraktiven Fußball steht, dabei aber nie den Aufstieg in die 1. Liga aus den Augen verloren hat.



So einfach war das?

Ziege: Diese Bereitschaft musste erst einmal geschürt werden. Als der Klub mich fragte, ob ich Sportdirektor werden will, habe ich den Verantwortlichen in zwei Minuten mitgeteilt, was sich ändern muss.

Das ließ sich in zwei Minuten sagen?

Ziege: Es war nichts Weltbewegendes. Nur, dass es wichtig ist, dass alle im Verein an einem Strang ziehen und der Versuch unternommen werden muss, Kontinuität in den Klub zu bringen.

Sie übernahmen den Job, obwohl das Präsidium mit ihrem Vorgänger, Peter Pander, vor seiner Demission nicht gerade pfleglich umgegangen war.

Ziege: Über all diese Dinge habe ich im ersten Moment nicht nachgedacht. Der Verein fragte, ob ich mir vorstellen könne, Sportdirektor zu werden, ich habe »ja« gesagt, und dann bin ich nach Hause gefahren.

Und als Sie nach Hause kamen?

Ziege: Da habe ich gedacht: »Ach, du Scheiße.« Aber nach einem Gespräch mit meiner Frau und ein paar Freunden, die mich bestärkten, den Job zu machen, war ich überzeugt. Schließlich ist es eine Riesenehre, dass der Verein ausgerechnet auf mich – den U17-Trainer – zukam. Zwei Tage später hatte ich den Job, saß im Büro und wusste erst mal nicht, was ich machen sollte.

Haben Sie bislang zu jeder Zeit den Rückhalt des Präsidiums gespürt?

Luhukay: Als der Klub vor dem Abstieg stand, hat man mir einen neuen Zweijahresvertrag angeboten. Es zeigt, dass der Verein auf Kontinuität setzen wollte und dass der Trainer und Mensch Jos Luhukay einen guten Eindruck hinterlassen hat.

Ziege: Dazu müssen Sie wissen, dass ich dem Präsidium mitteilte, wie unfair ich es fände, die Probleme des Teams am Trainer festzumachen. Er kam in der Winterpause, machte zwei Spiele als Co-Trainer und hatte nichts mit der Kaderzusammenstellung zu tun. Und auch für meine Arbeit war es sinnvoll, den Vertrag zu verlängern.

Welcher Spieler geht schon gern zu einem Klub, ohne den Trainer zu kennen.

Ziege: Korrekt. Insbesondere, wenn dieser Verein in die 2. Liga abgestiegen ist. Schließlich ist der Trainer derjenige, mit dem der Spieler in erster Linie zu tun hat.

Hat es Sie, Jos Luhukay, irritiert, dass man Ihnen den U17-Trainer als Sportdirektor an die Seite stellte?

Luhukay: Ganz ehrlich, als Trainer machst du dir darüber nicht so viele Gedanken. Du bist voll auf die tägliche Arbeit mit der Truppe konzentriert. Ein Coach muss erst mal selbst wissen, was er will, dann schaut er, wie er das mit dem Klub und dessen Zielen in Einklang bringen kann.

Sie wurden Ende Januar 2007 Trainer, Ende März folgte Christian Ziege auf Peter Pander. Vereinfachte der Wechsel auf dem Managerposten Ihre Arbeit?


Luhukay: Erst mal nicht. Die Situation war ja unverändert, wir waren mitten im Abstiegskampf. Wir mussten dann in der Folge eine Menge ertragen, aber wir haben standgehalten. Und heute sieht man, dass es der richtige Weg war.

Ziege: Wir haben am Anfang nur auf die Schnauze bekommen: Wie kann man das, wie kann man dies machen, wie kann man mit dem Trainer verlängern, wenn der Verein auf einem Abstiegsplatz steht? Und wir haben eine Mitgliederversammlung durchgestanden, wo wir für das Dilemma mitverantwortlich gemacht wurden.

Das schweißt zusammen. Getreu dem  Sprichwort: Geteiltes Leid, halbes Leid.

Luhukay: Es schweißte nicht nur uns beide zusammen. Es gibt hier im Verein über

90 Mitarbeiter, denen es allen ähnlich ging. Jeder war mit der schwierigen Situation konfrontiert, und ich freue mich für sie alle und – nicht zu vergessen – für unsere Fans, die viel leiden mussten. Gerade bei Auswärtsspielen sind sie nicht verwöhnt worden, und plötzlich waren wir, 2. Liga hin oder her, das auswärtsstärkste Team und nicht mehr die Auswärtsdeppen.

Nach dem Abstieg mussten Sie das Team komplett umkrempeln. Hätten Sie erwartet, dass es in der 2. Liga so gut läuft?

Ziege: Überhaupt nicht. Wie gesagt, es ist schwierig, einen Kader für ein Team zusammenzustellen, das absteigt. Es kam öfter vor, dass auf unserer Liste zehn Namen standen, von denen am Ende nur noch die beiden am unteren Rand übrig blieben.

Luhukay: Man muss eine Philosophie und ein Spielsystem haben, die zum Team passen. Wenn man das hinbekommt, macht den Spielern ihr Beruf auch mehr Spaß. Daraus hat sich ein ganz besonderer Geist entwickelt, der uns durch die schwierigen Phasen der Saison getragen hat.

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