25.03.2008

Christian Ulmen im Interview

»Schultheiss-Macchiato für alle«

Für »Dr. Psycho« wurde Christian Ulmen dieser Tage mit dem Grimme-Preis bedacht. Privat ist der Schauspieler Fan von Hertha BSC. Ein Gespräch über seine ganz eigene Strategie für die alte Dame und den Musikgeschmack von Dieter Hoeneß.

Interview: Benjamin Apitius und Lukas große Klönne Bild: Suse Walczak
Warum läuft das bei Hertha oft so langsam? Auch von der vielfach kritisierten »Playberlin«-Werbekampagne, deren Aussage gegen Null ging, hat man sich ja viel zu spät getrennt.

Dieter Hoeneß würde gerne alle Leute ins Stadion holen, doch diese klassische Mainstream-Argumentation klappt ja fast nie. Wenn man will, dass alle kommen, dann kommt keiner.

Hoeneß wird in Berlin häufig kritisiert, fast immer folgt aber im gleichen Atemzug der Hinweis auf die großen Verdienste.

Völlig zu Recht. Natürlich hat Hoeneß die jetzige Hertha erst möglich gemacht. Auf der anderen Seite macht ihn das nicht für alle Ewigkeiten unantastbar. Da hört er sich ja fast an wie manche Eltern, die sagen: »Mach gefälligst das, was wir dir sagen - wir haben dich schließlich auf die Welt gebracht«. Hoeneß darf sich unbedingt davon lösen, alles allein entscheiden zu wollen, wir ehren ihn dann trotzdem weiter für seine Verdienste.

Vor kurzem schien Hertha noch auf dem Weg zu sein, zumindest auf dem Boulevard wieder eine große Nummer zu werden. In Berlin kickten jede Menge Talente mit guter Technik aber eben auch einer sagenhaft großen Klappe. Inzwischn sind fast alle weg. Kevin-Prince Boateng ließ aus London verlauten: »Die, die Stimmung machen, sind weg. Jetzt haben sie eine Armee, wo alle nur strammstehen und mit dem Kopf nicken«.


Da ist was dran. Hertha will sich ja als Weltstadt-Klub verkaufen, und da passt es dann nicht, wenn in der Mannschaft so junge Proleten aus dem Wedding spielen. Es wurde ja von Dieter Hoeneß auch zu jeder Gelegenheit gesagt, das seien Spieler aus sozial schwächeren Gebieten. Ja, und? Die sollen doch auch nur Fußball spielen.

Also ein Plädoyer dafür, Boateng zurück zu holen?

Nach allem was anfangs über ihn zu hören war dachte ich »Was ist das denn für einer? Dann habe ich ihn in einem Interview gehört. Da hat er besser deutsch gesprochen als Poldi, alles grammatikalisch richtig, und was er sagte, war inhaltlich durchweg sinnvoll und vernünftig, natürlich mit Weddinger Charme, der doch aber kongenial zur Hertha passte. Darüber hinaus ist er ein begnadeter Fußballer. Hertha sollte genau das sein, was Boateng ist.

Ein Beispiel dafür, dass Image und Persönlichkeit bei Fußballern oft gar nichts miteinander zu tun haben.

Ich hab auch immer gedacht, ich könnte Thomas Brdaric nicht leiden, bis ich ihn einmal zufällig in einer Hotellobby kennen gelernt habe. Der war wirklich nett. Ich saß mit meinem Laptop in der Hotellobby und er kam zu mir und fragte mich, wie das mit dem Wireless Lan funktioniert. Manche Bekanntheiten sind ja so gönnerhaft freundlich, aber Brdarics Freundlichkeit war wahrhaftig. Deswegen hüte ich mich davor zusagen, den und den finde ich doof. Vielleicht ist ja auch sogar van Bommel mit seinen gemeinen Foul-Taktiken eigentlich ein netter Kerl.

Dafür dass gerade unangepasste Spieler das Profil einer Mannschaft prägen, dafür gibt es genügend Beispiele. Die »Crazy Gang« aus Wimbledon fällt uns da ein.


Genau das hätte ich mir ja so sehr gewünscht! Als die Typen plötzlich alle da waren, dachte ich, das ist vielleicht das Ding, mit dem Hertha endlich ein Profil kriegt. Das dreckige Dutzend, die Prolls. Auf einmal war Hertha ja auch im Gespräch. Und dafür würden die Leute doch auch ins Stadion gehen – um sich die Weddinger HipHopper anzugucken, die Fußball spielen können.

Stattdessen werden wieder gepflegte Interviews in Arne -Friedrich-Manier gegeben.

Ich finde ja, in einem Interviewtraining darf es nicht darum gehen, den Spielern nur anzueignen, ihre Aussagen möglichst wertfrei zu formulieren. Man sollte nicht trainieren, wie man die großen BILD-Schlagzeilen vermeidet, sondern den Spielern vielmehr sagen, dass es egal ist – denn es ist egal. Natürlich macht die BILD dann eine große Nummer daraus, wenn einer mal daneben greift, aber das ist doch nix als Unterhaltung und morgen vergessen. Was soll da passieren? Ich finde es viel schlimmer, wenn jeder Spieler immer nur Bayern München als Meisterschaftsfavoriten angibt. Jeder muss eigentlich sagen: »Wir werden Meister«! Auch die Bielefelder und Duisburger dürfen das sagen! Ich finde, das darf man eigentlich erwarten, auch den Fans zuliebe.

Nehmen wir an, Dieter Hoeneß würde frühpensioniert. Wen könnten Sie sich als Nachfolger vorstellen?

Ich finde, dass Klaus Allofs ein brillianter Manager ist. Seine Neueinkäufe sind durchweg Treffer. Und ich glaube auch, dass er schlau genug wäre, junge Spieler nicht zu Jasagern zu trimmen. Die machen das entweder viel subtiler oder lassen die sie so sein, wie sie sind.

Sie sind ein spätberufener Fan und erst vor sechs Jahren zur Hertha gekommen. Sowas macht alteingesessene Anhänger ja schnell misstrauisch.

Ich bin ein Opfer der gutbürgerlichen Verhältnisse, in denen ich in Hamburg aufgewachsen bin. Ich wurde als kleiner Junge von meinen Eltern zum Tennisspielen gezwungen, Fußball fand bei uns einfach nicht statt.

Nicht einmal Weltmeisterschaften wurden geguckt?

Damals gehörte meine Familie zu der Kategorie »U-Boot-Fußballfan«: monatelang unter Wasser und zu einer Weltmeisterschaft plötzlich auftauchen und eine Grillparty schmeißen. Nach den Turnieren erinnerte ich mich regelmäßig: »Es gibt doch auch diese wöchentliche Bundesliga«. Aber ich habe das nie lange durchhalten können.

Und dann das Erweckungserlebnis.

Das ist ganz interessant, wenn man so spät noch von einer solchen Leidenschaft überrannt wird. Das kam so: Mein Patenkind ist ein großer Fan des 1.FC Köln. Vor sechs Jahren habe ich ihm versprochen, dass wir gemeinsam ins Olympiastadion gehen, wenn der FC dort spielt. Eigentlich wollte ich den Jungen nur ärgern, indem ich zur Hertha hielt. Aber wie sagt Nick Hornby so hübsch: Dein Verein wird Dir gegeben, selbst in meinem Alter noch.


»Andere gehen in die Kirche, ich habe mich für Fußball entschieden.« Christian Ulmen erklärt, warum man nie auf Bayern setzen darf ...

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