25.03.2008

Christian Ulmen im Interview

»Schultheiss-Macchiato für alle«

Für »Dr. Psycho« wurde Christian Ulmen dieser Tage mit dem Grimme-Preis bedacht. Privat ist der Schauspieler Fan von Hertha BSC. Ein Gespräch über seine ganz eigene Strategie für die alte Dame und den Musikgeschmack von Dieter Hoeneß.

Interview: Benjamin Apitius und Lukas große Klönne Bild: Suse Walczak
Christian Ulmen, beruflich sind Sie mit dem Fußball erst einmal so richtig in Verbindung gekommen. In der Komödie »FC Venus« spielen Sie einen besessenen Amateurkicker. Ihre wichtigste Erkenntnis aus dem Film?

Die Begegnung mit Volker Ippig, dem ehemaligen Keeper vom FC St.Pauli. Das war eigentlich sehr desillusionierend. Er hat mir oft von seinen Zeiten als Torwart erzählt, zum Beispiel, dass sich der 1. und der 2. Torwart immer hassen. Man hat ja als Fan immer noch diese romantische Vorstellung von den elf Freunden, aber anscheinend ist das Gegenteil der Fall. Auch bei Hertha gibt es ja Cliquenbildung mit der Balkan-Fraktion, den Brasilianern und dem eigenen Nachwuchs.



Womit wir beim Thema, der Hertha, wären. Sie sind Anhänger eines Klubs, der immer viel vorhat, aber nicht so recht von der Stelle kommt.

Ich war zuletzt beim 0:3 gegen Frankfurt im Stadion, das war schon alles sehr deprimierend. Richtig schlimm wurde es, als die Stadionregie direkt nach dem Schlusspfiff, als aus der Ostkurve noch die Bierbecher flogen, sofort »Die blau-weiße Hertha« eingespielt hat. Das ist ja so ein Kirmessong.

Präsident Bernd Schiphorst hat unlängst das Image der Hertha als »zu blass« kritisiert und auch das wenig atmosphärische Olympiastadion dafür verantwortlich gemacht. Schiphorst kann sich einen Neubau vorstellen.

Das Olympiastadion hat Platz für 80000 Menschen. Und selbst, wenn 60000 Zuschauer kommen, was ja viel ist, sieht das Ding immer noch wahnsinnig leer aus, weil es einfach zu groß ist. Und mit so vielen leeren Sitzschalen entsteht eben keine Stimmung. Ich glaube, ein neues Stadion würde Sinn machen.

Das Publikum gilt allerdings ebenfalls nicht gerade als südländisch.

Viele Leute sitzen da und beobachten das Spiel wie ein Tennismatch. Dann wird geklatscht, wenn ein schöner Pass kommt, aber es ist niemand dabei, der mal aufsteht und herumbrüllt.

Nicht das einzige Problem der Hertha, die sich ja selbst als Hauptstadtklub versteht. In manchen Stadtteilen, die von Zugezogenen, dominiert werden, kommt der Klub tatsächlich nur noch am Rande vor.

Vielleicht muss Hertha im Prenzlauer Berg einen Latte-Macchiato-Laden aufmachen. Und in Kreuzberg einen Schawarma-Imbiss. Ganz nah an der Zielgruppe.

Wobei die Hertha aller Modernisierungen zum Trotz ja immer noch mit den verrauchten Schultheiss-Kneipen im Wedding identifiziert wird. Was auch völlig richtig ist.

Dann eben Schultheiss-Macchiato für die anderen! Wenn die Hertha versucht, neue Leute für sich zu gewinnen, darf sich niemand verarscht fühlen. Es geht nur darum, ein bisschen origineller in der Ansprache und nicht nur der kleinste gemeinsame nenner für alle zu sein. Sich so Herthinho-mäßig dahin stellen und einen auf »Heide Park« machen, hat mit keinem Flecken Berlins auch nur im Entferntesten was zutun.

Das heißt: Vom FC St.Pauli lernen heißt Siegen lernen?

St.Pauli ist der Hort für Nicht-Fußballfans, die den Klub automatisch nennen, wenn sie nach ihrem Lieblings-Fußballverein gefragt werden, weil ihnen das Image gefällt. Was er davon halte, habe ich Dieter Hoeneß mal gefragt und er hat geantwortet: »St. Pauli ist der etwas andere Verein, wir sind der Mainstream-Klub«. Aber das stimmt ja gar nicht mehr. St. Pauli ist längst selbst Mainstream und hat es durch geschicktes Marketing trotzdem geschafft, der politisch-korrekte Fußballklub zu bleiben, mit dem schwulen Vorsitzenden und den Fans, die betont immer hinter der Mannschaft stehen.

Zumindest eine neue Hymne könnte die Hertha schon haben, hätte Dieter Hoeneß auf Sie gehört. Sie hatten die Dancehall-Truppe »Seeed« wärmstens empfohlen.

Das ist leider im Sande verlaufen. Ich hatte den Manager von »Seeed« damals am Telefon, und er sagte mir, der Sänger der Band sei tatsächlich Hertha-Fan. Es hat also alles gepasst! Ich habe diese Nachricht an Hertha weitergeleitet und gesagt: »Hier, die haben Lust, große Chance, versucht’s doch mal«. Bis heute ist leider nichts passiert.

Dabei wirkte Hoeneß zunächst doch durchaus angetan.

Hoeneß sagte damals in dem Interview zu mir, »Seeed« sei super, aber irgendwie schien es, als wüsste der gar nicht, was das überhaupt ist. Vielleicht muss man das einfach noch einmal anschieben.


»Hertha sollte genau das sein, was Boateng ist.« Christian Ulmen über die Freundlichkeit eines gewissen Herrn Brdaric ...

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