Christian Ulmen im Interview

»Schultheiss-Macchiato für alle«

Für »Dr. Psycho« wurde Christian Ulmen dieser Tage mit dem Grimme-Preis bedacht. Privat ist der Schauspieler Fan von Hertha BSC. Ein Gespräch über seine ganz eigene Strategie für die alte Dame und den Musikgeschmack von Dieter Hoeneß. Christian Ulmen im InterviewSuse Walczak
Heft #76 03 / 2008
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Christian Ulmen, beruflich sind Sie mit dem Fußball erst einmal so richtig in Verbindung gekommen. In der Komödie »FC Venus« spielen Sie einen besessenen Amateurkicker. Ihre wichtigste Erkenntnis aus dem Film?

Die Begegnung mit Volker Ippig, dem ehemaligen Keeper vom FC St.Pauli. Das war eigentlich sehr desillusionierend. Er hat mir oft von seinen Zeiten als Torwart erzählt, zum Beispiel, dass sich der 1. und der 2. Torwart immer hassen. Man hat ja als Fan immer noch diese romantische Vorstellung von den elf Freunden, aber anscheinend ist das Gegenteil der Fall. Auch bei Hertha gibt es ja Cliquenbildung mit der Balkan-Fraktion, den Brasilianern und dem eigenen Nachwuchs.

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Womit wir beim Thema, der Hertha, wären. Sie sind Anhänger eines Klubs, der immer viel vorhat, aber nicht so recht von der Stelle kommt.

Ich war zuletzt beim 0:3 gegen Frankfurt im Stadion, das war schon alles sehr deprimierend. Richtig schlimm wurde es, als die Stadionregie direkt nach dem Schlusspfiff, als aus der Ostkurve noch die Bierbecher flogen, sofort »Die blau-weiße Hertha« eingespielt hat. Das ist ja so ein Kirmessong.

Präsident Bernd Schiphorst hat unlängst das Image der Hertha als »zu blass« kritisiert und auch das wenig atmosphärische Olympiastadion dafür verantwortlich gemacht. Schiphorst kann sich einen Neubau vorstellen.

Das Olympiastadion hat Platz für 80000 Menschen. Und selbst, wenn 60000 Zuschauer kommen, was ja viel ist, sieht das Ding immer noch wahnsinnig leer aus, weil es einfach zu groß ist. Und mit so vielen leeren Sitzschalen entsteht eben keine Stimmung. Ich glaube, ein neues Stadion würde Sinn machen.

Das Publikum gilt allerdings ebenfalls nicht gerade als südländisch.

Viele Leute sitzen da und beobachten das Spiel wie ein Tennismatch. Dann wird geklatscht, wenn ein schöner Pass kommt, aber es ist niemand dabei, der mal aufsteht und herumbrüllt.

Nicht das einzige Problem der Hertha, die sich ja selbst als Hauptstadtklub versteht. In manchen Stadtteilen, die von Zugezogenen, dominiert werden, kommt der Klub tatsächlich nur noch am Rande vor.

Vielleicht muss Hertha im Prenzlauer Berg einen Latte-Macchiato-Laden aufmachen. Und in Kreuzberg einen Schawarma-Imbiss. Ganz nah an der Zielgruppe.

Wobei die Hertha aller Modernisierungen zum Trotz ja immer noch mit den verrauchten Schultheiss-Kneipen im Wedding identifiziert wird. Was auch völlig richtig ist.

Dann eben Schultheiss-Macchiato für die anderen! Wenn die Hertha versucht, neue Leute für sich zu gewinnen, darf sich niemand verarscht fühlen. Es geht nur darum, ein bisschen origineller in der Ansprache und nicht nur der kleinste gemeinsame nenner für alle zu sein. Sich so Herthinho-mäßig dahin stellen und einen auf »Heide Park« machen, hat mit keinem Flecken Berlins auch nur im Entferntesten was zutun.

Das heißt: Vom FC St.Pauli lernen heißt Siegen lernen?

St.Pauli ist der Hort für Nicht-Fußballfans, die den Klub automatisch nennen, wenn sie nach ihrem Lieblings-Fußballverein gefragt werden, weil ihnen das Image gefällt. Was er davon halte, habe ich Dieter Hoeneß mal gefragt und er hat geantwortet: »St. Pauli ist der etwas andere Verein, wir sind der Mainstream-Klub«. Aber das stimmt ja gar nicht mehr. St. Pauli ist längst selbst Mainstream und hat es durch geschicktes Marketing trotzdem geschafft, der politisch-korrekte Fußballklub zu bleiben, mit dem schwulen Vorsitzenden und den Fans, die betont immer hinter der Mannschaft stehen.

Zumindest eine neue Hymne könnte die Hertha schon haben, hätte Dieter Hoeneß auf Sie gehört. Sie hatten die Dancehall-Truppe »Seeed« wärmstens empfohlen.

Das ist leider im Sande verlaufen. Ich hatte den Manager von »Seeed« damals am Telefon, und er sagte mir, der Sänger der Band sei tatsächlich Hertha-Fan. Es hat also alles gepasst! Ich habe diese Nachricht an Hertha weitergeleitet und gesagt: »Hier, die haben Lust, große Chance, versucht’s doch mal«. Bis heute ist leider nichts passiert.

Dabei wirkte Hoeneß zunächst doch durchaus angetan.

Hoeneß sagte damals in dem Interview zu mir, »Seeed« sei super, aber irgendwie schien es, als wüsste der gar nicht, was das überhaupt ist. Vielleicht muss man das einfach noch einmal anschieben.


»Hertha sollte genau das sein, was Boateng ist.« Christian Ulmen über die Freundlichkeit eines gewissen Herrn Brdaric ...

Warum läuft das bei Hertha oft so langsam? Auch von der vielfach kritisierten »Playberlin«-Werbekampagne, deren Aussage gegen Null ging, hat man sich ja viel zu spät getrennt.

Dieter Hoeneß würde gerne alle Leute ins Stadion holen, doch diese klassische Mainstream-Argumentation klappt ja fast nie. Wenn man will, dass alle kommen, dann kommt keiner.

Hoeneß wird in Berlin häufig kritisiert, fast immer folgt aber im gleichen Atemzug der Hinweis auf die großen Verdienste.

Völlig zu Recht. Natürlich hat Hoeneß die jetzige Hertha erst möglich gemacht. Auf der anderen Seite macht ihn das nicht für alle Ewigkeiten unantastbar. Da hört er sich ja fast an wie manche Eltern, die sagen: »Mach gefälligst das, was wir dir sagen - wir haben dich schließlich auf die Welt gebracht«. Hoeneß darf sich unbedingt davon lösen, alles allein entscheiden zu wollen, wir ehren ihn dann trotzdem weiter für seine Verdienste.

Vor kurzem schien Hertha noch auf dem Weg zu sein, zumindest auf dem Boulevard wieder eine große Nummer zu werden. In Berlin kickten jede Menge Talente mit guter Technik aber eben auch einer sagenhaft großen Klappe. Inzwischn sind fast alle weg. Kevin-Prince Boateng ließ aus London verlauten: »Die, die Stimmung machen, sind weg. Jetzt haben sie eine Armee, wo alle nur strammstehen und mit dem Kopf nicken«.


Da ist was dran. Hertha will sich ja als Weltstadt-Klub verkaufen, und da passt es dann nicht, wenn in der Mannschaft so junge Proleten aus dem Wedding spielen. Es wurde ja von Dieter Hoeneß auch zu jeder Gelegenheit gesagt, das seien Spieler aus sozial schwächeren Gebieten. Ja, und? Die sollen doch auch nur Fußball spielen.

Also ein Plädoyer dafür, Boateng zurück zu holen?

Nach allem was anfangs über ihn zu hören war dachte ich »Was ist das denn für einer? Dann habe ich ihn in einem Interview gehört. Da hat er besser deutsch gesprochen als Poldi, alles grammatikalisch richtig, und was er sagte, war inhaltlich durchweg sinnvoll und vernünftig, natürlich mit Weddinger Charme, der doch aber kongenial zur Hertha passte. Darüber hinaus ist er ein begnadeter Fußballer. Hertha sollte genau das sein, was Boateng ist.

Ein Beispiel dafür, dass Image und Persönlichkeit bei Fußballern oft gar nichts miteinander zu tun haben.

Ich hab auch immer gedacht, ich könnte Thomas Brdaric nicht leiden, bis ich ihn einmal zufällig in einer Hotellobby kennen gelernt habe. Der war wirklich nett. Ich saß mit meinem Laptop in der Hotellobby und er kam zu mir und fragte mich, wie das mit dem Wireless Lan funktioniert. Manche Bekanntheiten sind ja so gönnerhaft freundlich, aber Brdarics Freundlichkeit war wahrhaftig. Deswegen hüte ich mich davor zusagen, den und den finde ich doof. Vielleicht ist ja auch sogar van Bommel mit seinen gemeinen Foul-Taktiken eigentlich ein netter Kerl.

Dafür dass gerade unangepasste Spieler das Profil einer Mannschaft prägen, dafür gibt es genügend Beispiele. Die »Crazy Gang« aus Wimbledon fällt uns da ein.


Genau das hätte ich mir ja so sehr gewünscht! Als die Typen plötzlich alle da waren, dachte ich, das ist vielleicht das Ding, mit dem Hertha endlich ein Profil kriegt. Das dreckige Dutzend, die Prolls. Auf einmal war Hertha ja auch im Gespräch. Und dafür würden die Leute doch auch ins Stadion gehen – um sich die Weddinger HipHopper anzugucken, die Fußball spielen können.

Stattdessen werden wieder gepflegte Interviews in Arne -Friedrich-Manier gegeben.

Ich finde ja, in einem Interviewtraining darf es nicht darum gehen, den Spielern nur anzueignen, ihre Aussagen möglichst wertfrei zu formulieren. Man sollte nicht trainieren, wie man die großen BILD-Schlagzeilen vermeidet, sondern den Spielern vielmehr sagen, dass es egal ist – denn es ist egal. Natürlich macht die BILD dann eine große Nummer daraus, wenn einer mal daneben greift, aber das ist doch nix als Unterhaltung und morgen vergessen. Was soll da passieren? Ich finde es viel schlimmer, wenn jeder Spieler immer nur Bayern München als Meisterschaftsfavoriten angibt. Jeder muss eigentlich sagen: »Wir werden Meister«! Auch die Bielefelder und Duisburger dürfen das sagen! Ich finde, das darf man eigentlich erwarten, auch den Fans zuliebe.

Nehmen wir an, Dieter Hoeneß würde frühpensioniert. Wen könnten Sie sich als Nachfolger vorstellen?

Ich finde, dass Klaus Allofs ein brillianter Manager ist. Seine Neueinkäufe sind durchweg Treffer. Und ich glaube auch, dass er schlau genug wäre, junge Spieler nicht zu Jasagern zu trimmen. Die machen das entweder viel subtiler oder lassen die sie so sein, wie sie sind.

Sie sind ein spätberufener Fan und erst vor sechs Jahren zur Hertha gekommen. Sowas macht alteingesessene Anhänger ja schnell misstrauisch.

Ich bin ein Opfer der gutbürgerlichen Verhältnisse, in denen ich in Hamburg aufgewachsen bin. Ich wurde als kleiner Junge von meinen Eltern zum Tennisspielen gezwungen, Fußball fand bei uns einfach nicht statt.

Nicht einmal Weltmeisterschaften wurden geguckt?

Damals gehörte meine Familie zu der Kategorie »U-Boot-Fußballfan«: monatelang unter Wasser und zu einer Weltmeisterschaft plötzlich auftauchen und eine Grillparty schmeißen. Nach den Turnieren erinnerte ich mich regelmäßig: »Es gibt doch auch diese wöchentliche Bundesliga«. Aber ich habe das nie lange durchhalten können.

Und dann das Erweckungserlebnis.

Das ist ganz interessant, wenn man so spät noch von einer solchen Leidenschaft überrannt wird. Das kam so: Mein Patenkind ist ein großer Fan des 1.FC Köln. Vor sechs Jahren habe ich ihm versprochen, dass wir gemeinsam ins Olympiastadion gehen, wenn der FC dort spielt. Eigentlich wollte ich den Jungen nur ärgern, indem ich zur Hertha hielt. Aber wie sagt Nick Hornby so hübsch: Dein Verein wird Dir gegeben, selbst in meinem Alter noch.


»Andere gehen in die Kirche, ich habe mich für Fußball entschieden.« Christian Ulmen erklärt, warum man nie auf Bayern setzen darf ...

Die schönste Zeit als Fan haben Sie dann aber verpasst. In der Kindheit und Jugend ist der Fußball ja soviel mehr als ein Sport. Tröster, Lebensinhalt...

Das ist er heute auch. Mein Alltag ist ja sehr unbeständig. Heute kommt ein neues Filmprojekt rein und findet morgen doch nicht statt, weil es nicht gefördert wird. Dann drehst du eine Serie, dann kommt dies, dann das. Automatisch spürt man den Drang nach Regelmäßigkeit. Dafür eignet sich der Fußball. Man freut sich wieder auf das Wochenende! Andere gehen in die Kirche, ich habe mich für Fußball entschieden.

Im Stadion sind Sie eher der stille Nörgler oder der peinliche Herumkrakeeler?

Letzteres. Ich schreie herum. Nörgeln auch. Nörgeln ist per se Berlin-Kultur.

Ihren Sohn, gerade mal zwei Jahre alt, schleppen Sie schon mit ins Stadion.

Ja, so ganz kapiert er allerdings noch nicht, was da auf dem Rasen passiert. Beim 0:3 gegen Frankfurt hat er immer auf den Torjubel gewartet. Der kam auch dreimal, aber eben auf der falschen Seite.

Und gibt es Hoffnung, dass er auch Hertha-Fan wird?

Ich will mir nicht vorwerfen lassen, nicht genügend getan zu haben. Unser Sohn ist von Geburt an Hertha-Mitglied. Natürlich kann er später aus dem Verein austreten, wenn er unbedingt will.

Das würden Sie nicht verhindern wollen?

Ach, so eine innerfamiliäre Rivalität ist doch ganz fruchtbar. Es macht schon Spaß, wenn man unterschiedlicher Meinung ist und sich an die Gurgel geht, wenn Tore fallen. Aber der neue Lieblingsverein müsste natürlich nicht unbedingt der FC Bayern sein. Vielleicht eher Cottbus. (lacht)

Vor der Saison haben Sie auf Werder Bremen als Deutschen Meister getippt. Immer noch davon überzeugt?

Das ist eher eine eine Glaubensfrage: Darf man realistisch tippen, auch wenn es der eigenen Haltung und dem eigenen Geschmack widerspricht? Also darf ich sagen, dass die Bayern Meisterwerden, weil es am realistischsten ist, oder darf ich das nicht, weil ich das nicht möchte? Wenn man nicht will, dass Bayern Meister wird, dann darf man sich dem Realismus nicht unterwerfen. Dann muss man in einem Tipp auch behaupten: Die Bremer packen es.

Nun, es gibt sogar Leute, die setzen Geld gegen ihre eigene Mannschaft.

So etwas macht man einfach nicht. Genauso wenig darf man auf eine Mannschaft setzen, die einem unsympathisch ist. Da sollte man besser gar nicht tippen. Das geht alles ins Karma, »self-fulfilling prophecy«. Ebenso wenig darf man daran glauben, dass man an Krebs erkrankt, das würde doch auch niemand. Kein Kettenraucher sagt: »Ich gehe davon aus, dass ich an Lungenkrebs sterben werde«. So darf man auch niemals sagen: Bayern wird Meister!

Ihr Patenkind hat sich ja schon für den 1.FC Köln entschieden.

Naja, als Köln-Fan hat man eigentlich nichts zu melden. Dieses ewige »Wir sind die Tollsten«, obwohl man wieder abgestiegen ist und seine Ziele wieder nicht erreicht hat, geht mir total auf die Nerven. Ich weiß auch nicht mehr als ein Taxifahrer, der über Fußball spricht. Aber ich denke beim 1. FC Köln findet keine Demut statt. Man kann es nicht zu etwas bringen, wenn man verloren hat und sich trotzdem ständig feiert.

Wie geht dann der Fußballsamstag im Hause Ulmen nach dem Stadionbesuch weiter? Auch noch die »Sportschau«?

Ja, die Sportschau ist Pflichtprogramm. Wenn ich nicht im Stadion sein kann, schaue ich Premiere. Und ich kenne keinen Kommentator, der nicht irgendwie gegen uns ist.

Das glauben alle.

Aber bei uns stimmt es wirklich. (lacht) Verschießt Gomez seine erste Torchance gegen Hertha, kommt vom Kommentator der Hinweis: »Na gut, er wird ja sicher noch sein Tor machen gegen die Hertha«! Quatsch! Wird er nicht! Was soll das denn? Deswegen schaue ich die meisten Spiele ohne Kommentar.

Nun, auf die Kommentatoren wird schnell eingedroschen. Niemand, der nicht stöhnt, wenn die Rede auf Reinhold Beckmann kommt. Zu Unrecht?

Beckmann tut man eher nicht unrecht. Wer 2008 zum Fußball noch »die Pille« sagt, sollte die längste Zeit Sportkommentator gewesen sein. Johannes B. Kerner finde ich hingegen sehr gut, weil der auch mal seine Klappe halten kann.

Über den wird auch gestöhnt.

Aber der kommentiert da, wo es nötig ist, und lässt das Spiel ansonsten laufen. Dagegen erzählt Marcel Reif viel zu viel. Hier noch ein Anekdötchen, da noch eine Analyse aus vergangegen Spielen, obwohl der Ball schon längst wieder läuft.

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