Christian Tiffert über Fußball in den USA

»Ich habe mir gleich einen Cadillac gegönnt!«

Ex-Bundesligaprofi Christian Tiffert spielt seit Juli 2012 beim Major-League-Team Seattle Sounders. Bereits in seinen ersten Monaten wurde er durch das Erreichen des »Western-Conference-Finals« Teil des größten Erfolges der Vereinsgeschichte. Im Interview spricht der 30-Jährige über Fußballbegeisterung in Seattle, Autokauf auf Pump und ausbleibende Paychecks wegen Jahrhundertsturm »Sandy«.

Christian Tiffert, Sie spielen seit Juli diesen Jahres bei den Seattle Sounders in der MLS. Wie finden Sie sich im »American Way of life« zurecht? Fahren Sie schon einen breiten amerikanischen Straßenkreuzer?
Ich habe mir tatsächlich einen Cadillac gegönnt! Allerdings ist der nicht so groß wie die Monsterautos in den Filmen und die Anschaffung war reichlich kompliziert.

Was war daran kompliziert?
Eines der großen Probleme nach meiner Ankunft war, dass ich keine »Credit History« hatte. Ohne die verkauft dir in den USA keiner irgendetwas, geschweige denn einen Cadillac. Anders als in Deutschland gibt es hier für die Profis auch keine Sponsorenverträge inklusive Auto. Also musste ich einige Autohäuser und Banken abklappern, bis mir endlich erlaubt wurde, einen Kredit aufzunehmen.

Klingt, als würden Sie noch ein wenig mit dem amerikanischem Lebensstil fremdeln.
Es ist eine komplett andere Welt, in der man sich an viele neue Dinge gewöhnen muss. Aber meiner Familie und mir gefällt es sehr gut hier.

Wie ist es, den Sport, den man sein Leben lang als Fußball geliebt hat, auf einmal »Soccer« nennen zu müssen?
Am Anfang dachten hier alle, ich spiele American Football, weil ich es nicht »Soccer« genannt habe. Ein Fettnäpfchen, in das viele Europäer treten.

Ihr neuer Trainer Siegfried Schmidt ist gebürtiger Deutscher. Konnten Sie die Sprachbarriere mit seiner Hilfe überbrücken?
Ich konnte schon vorher Englisch und komme gut zurecht. Außerdem kommt Schmidt aus Tübingen und spricht ein Wirrwarr aus Schwäbisch mit amerikanischem Akzent – das ist zwar eine recht lustige Mischung, aber nicht immer leicht zu verstehen. (lacht) Wir reden nur im äußersten Notfall Deutsch.

Wie kam es zu Ihrem Wechsel? Wollten Sie schon immer als Profi ins Ausland gehen?
Jedenfalls konnte ich mir ausrechnen, wie viele Chancen ich dazu mit 30 Jahren noch bekomme und ich hatte große Lust auf etwas Neues. Als ich im Sommer nach Seattle eingeladen wurde, um mir Stadt und Mannschaft anzuschauen, flog ich rüber und war begeistert. Anschließend habe ich mich mit meiner Familie zusammen gesetzt und wir haben uns entschieden, das Abenteuer MLS anzugehen.

Hat es Sie nicht gestört, dass der Fußball in den USA ein Nebendasein fristet?
In Seattle gibt es zwar ein Baseball- und ein Footballteam, aber trotzdem würde ich sagen, dass der Fußball in dieser Stadt im Mittelpunkt steht. Wir haben den besten Zuschauerschnitt der MLS mit 40.000 Fans pro Heimspiel, einige Male waren wir mit 60.000 sogar ausverkauft. Der Fußball in den USA wächst extrem schnell

40.000 ist für Bundesligaverhältnisse knapper Durchschnitt. War der Unterschied am Ende gar nicht so groß, was die Zuschauer angeht?
Es ist schon anders. Wir haben für die USA eine außerordentliche Stimmung im Stadion, aber trotzdem unterscheidet sich der Support der Fans hier von dem in der Bundesliga. Der Besuch eines Sportevents hat hier eher den Charakter eines gesellschaftlichen Ereignisses. Soll heißen: Die ganze Familie geht gemütlich ins Stadion, um ein schönes Fußballspiel zu sehen.



Ist es also so, wie man es sich stereotyp vorstellt: Popcorn, Cola, Hotdogs und am Ende gehen alle satt und zufrieden nach Hause?
Ganz so schlimm wie bei einem sechsstündigen Baseball-Match ist es nicht. Natürlich fiebern die Zuschauer mit, aber die Welt geht für die Fans nicht gleich unter, wenn ihr Team mal verliert. Der Druck, den man als Profi durch die Fans verspürt, ist lange nicht so hoch wie in Deutschland.

Arne Friedrich, der bereits eine Saison bei Chicago Fire spielt, schwärmte kürzlich vom Rückhalt der Fans in der MLS. Er sagte, die Fans jubeln auch bei Niederlagen, solange man alles gebe. Können Sie das bestätigen?
Natürlich wollen die Leute auch hier schönen und erfolgreichen Fußball sehen. Doch die Stimmung bleibt immer positiv und das ist eigentlich sehr angenehm.

Sie haben Erste und Zweite Bundesliga gespielt. Wo würden Sie das Niveau der MLS ansiedeln?
Die MLS gilt in Europa als unheimlich schwache Liga. Aber wer in Deutschland kann das letztlich beurteilen? Schließlich laufen die Spiele, während jeder Europäer schläft.

Also bestätigten sich die Vorurteile von einer schwachen Major League nicht?
Ich war positiv beeindruckt vom Niveau der MLS. Das Spiel ist hier sehr physisch und es gibt viele offensivstarke Mannschaften mit guten Einzelkönnern. Die Spiele sind sehr sehenswert, weil es insgesamt zu mehr Torchancen kommt.

Eine Grundverschiedenheit zu den europäischen Ligasystemen ist der Playoff-Spielmodus. Ist es nicht ein bisschen ungerecht, wenn man sich über die gesamte Saison einen vorderen Platz erkämpft und dann in der ersten Playoff-Runde herausfliegt?
Einerseits ist das natürlich ungerecht: In der Western Conference hatten die San Jose Earthquakes beispielsweise nach 34 Spieltagen als Tabellenführer neun Punkte Vorsprung und jetzt sind sie trotzdem in der ersten Runde der Playoffs rausgeflogen. Andererseits bedeuten K.O.-Spiele einfach einen Riesenspaß für Zuschauer und Spieler. Die Amerikaner lieben ihre Playoffs, so läuft es nun einmal hier.

Sehr beliebt ist in ihrer neuen Heimatstadt Seattle auch ein anderer deutscher Sportler. Wissen Sie, welcher?
Der ehemalige Basketball-Star Detlef Schrempf natürlich. Der hat lange in Seattle bei den Seattle Supersonics gespielt und lebt sogar noch hier. Ab und zu soll er auch zu unseren Spielern kommen. Ich hätte große Lust, ihn mal zu treffen.

Haben Sie in Seattle etwas von dem Jahrhundertsturm »Sandy« mitbekommen?
Der Sturm beherrschte den Alltag in den gesamten USA. Das war wirklich heftig und »Sandys« Auswirkungen waren auch hier an der Westküste zu spüren. Wir mussten beispielsweise während des Sturms auf unser Gehalt verzichten.

Warum?
Da unsere Klubbesitzer ihr Büro in New York haben, waren sie während des Sturms von der Außenwelt abgeschnitten und konnten keine Paychecks ausstellen. Wir haben zwar zwei Wochen lang kein Gehalt bekommen, aber das war angesichts der Katastrophe natürlich kein Problem.

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