Christian Tiffert im Interview

»Das Eigentor war schlimmer«

Christian Tiffert vom 1. FC Kaiserslautern ist einer der besten Mittelfeldspieler der Bundesliga. Seit Freitag kennt ihn ganz Deutschland – weil er ein Eigentor schoss und danach von einem Schneeball getroffen wurde. Christian Tiffert im Interview

Christian Tiffert, tuts noch weh?

Nein. Ich hatte schon schlimmere Schmerzen.

Zum Beispiel?

Was ist schon schlimmer als ein Eigentor und damit ein Spiel zu entscheiden?

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Waren Sie nicht wütend, nach so einem Spiel noch einen Schneeball mit dem Gesicht abfangen zu müssen?

Was ist denn schon passiert? Wenn die Kugel ein paar Zentimeter höher in Richtung Auge geflogen wäre, hätte es vielleicht brenzlig werden können. So hat mir das bisschen Schnee nichts mehr ausgemacht, das erste Eigentor in meiner Karriere hatte ich ja schon erzielt. Und die Fans hatten ihren Spaß. Das ist doch auch was.

Das entscheidende 0:1 haben Sie mit dem Kopf erzielt. Eigentlich ein schöner Treffer...

Danke für die Blumen, aber ich hatte einfach nur Pech. Vielleicht hat man das als Zuschauer gar nicht gesehen, aber ich wollte meinen Kopf noch einziehen, erwische dadurch den Ball aber so unglücklich, dass er direkt neben den Pfosten ins Tor fliegt und aus einem typischen 0:0-Spiel ein 0:1 macht. Bitter.

Noch vor einer Woche haben Sie beim 5:0-Sieg gegen Schalke 3 Treffer vorbereitet. Nun die Niederlage gegen den FC St. Pauli. Beschreibt die Floskel von der »Achterbahn der Gefühle« Ihre derzeitige Stimmung korrekt?

Nein, ich kenne keine emotionale Achterbahn. Ich spiele Fußball, da gelingt dir in der einen Woche ein überragendes Spiel und in der nächsten Partie machst du ein Eigentor und bekommst danach einen Schneeball vor laufender Kamera ins Gesicht. Schön ist das nicht, aber es lässt sich nicht vermeiden. Das gehört alles zum Beruf und deshalb lasse ich mich auch nicht verrückt machen.

Sie sind vor der Saison zum 1. FCK gewechselt, nach 15 Spieltagen scheint es, als ob Sie Ihr halbes Leben schon hier gespielt hätten. Können Sie sich erklären, woran das liegt?

Der Verein und ich – wir passen einfach gut zusammen. Der FCK kann sehr emotional sein. So wie ich, wenn ich auf dem Platz stehe. Gleichzeitig haben die Fans hier ein ganz besonderes Gespür dafür, wenn die Mannschaft sie braucht.

Wie meinen Sie das?

Ein Beispiel: Gegen den VfB Stuttgart lagen wir am 12. Spieltag schon 0:3 zurück, obwohl wir eigentlich ganz ordentlich gespielt hatten. Das Publikum am Betzenberg hat uns nicht etwa ausgepfiffen – die haben richtig Gas gegeben! Und wir haben noch drei Tore geschossen. Diesen Kraftakt hätten wir ohne die Fans vermutlich nicht geschafft.

Nicht nur die FCK-Sympathisanten werden bemerkt haben, dass Sie – trotz des Eigentores im Spiel gegen St. Pauli – eine überragende Hinrunde spielen. 15 Spiele, 8 Vorlagen, 1 Tor – Beobachter Ihres Spiels sagen: Weil er endlich die richtige Position auf dem Feld gefunden hat.

Vielleicht ist das so. Ich habe ja als Stürmer begonnen, wurde wegen anhaltender Tor-Ungefährlichkeit Außenspieler und nun stehe ich in der Zentrale, weil ich für die Außenbahn zu langsam geworden bin. (lacht)

Ihr Trainer bezeichnet Ihre Position als »zentral auf der Halbposition«. Im Fußball werden auf dieser Positionen die meisten Spielentscheidenden Situationen getroffen. Wäre das Leben nicht einfacher, wenn Sie wieder im Angriff oder auf der Außenbahn spielen würden?

Das kann ich nicht beurteilen. Richtig ist: Auf meiner Position muss man Verantwortung übernehmen. Und das traue ich mir mit 28 Jahren durchaus zu.

Als Sie Ihre Profi-Karriere Anfang des neuen Jahrtausends bei TeBe Berlin und dem VfB Stuttgart begannen, galten Sie noch als etwas schwer zu steuerndes Talent. Sind Sie reifer geworden?

Natürlich, das wäre ja auch traurig, wenn ich in meiner Entwicklung irgendwo stehen geblieben wäre. Es stimmt, ich habe früher durchaus gelebt, wie man so schön sagt. Ich habe aber auch immer alles dafür getan, um trotzdem meine Leistung zu bringen. Ich kann mir nichts vorwerfen. Außerdem denke ich, dass es jedem jungen Fußballer zusteht, sein Leben zu genießen.

Sie waren 18, als Sie am 24. März 2000 Ihr Profi-Debüt gaben. Wollten Sie damals eigentlich jemandem nacheifern?

Sie meinen, ob ich ein Vorbild hatte? Nein, habe ich bis heute nicht.

Warum?

Weil ich das nicht brauche. Ich will mich entwickeln, will damit meiner Mannschaft helfen – wozu bräuchte es da Vorbilder?

Ihre Mannschaft ist aktuell mit 17 Punkten auf Platz 12 der Tabelle einer Bundesliga, die aktuell so kurios ist, wie keine andere große Liga in Europa. Wer ist die größte Überraschung der Hinrunde? Mainz, Dortmund, die Bayern?

Darf ich auch eine andere Mannschaft nennen?

Gerne.

Der 1. FC Kaiserslautern. Vor der Saison galten wir für viele als Abstiegskandidat Nummer Eins, jetzt sind wir auf Rang 12 und haben 5 Punkte auf die Abstiegsplätze. Das ist für den Rest der Bundesliga sicherlich auch eine große Überraschung.

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