27.05.2013

Christian Streich über Gemeinschaft und Unruhe in Freiburg

»Abschied gehört zum Leben«

Unter Christian Streich hat der SC Freiburg die Europa League erreicht. Nun bricht die Mannschaft auseinander. Für unsere aktuelle Ausgabe 11FREUNDE #139 sind wir in den Breisgau gefahren, um zu erfahren, wie es nun weitergeht. Mit Christian Streich sprachen wir über die Strapazen der kommenden Saison, Wechselgerüchte zu Schalke 04 und sein schwieriges Verhältnis zum Ex-Sportdirektor Dirk Dufner.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago

Können Sie uns in einem Satz erklären, warum sich die Mannschaft in der vergangenen Saison so gut entwickelt hat?
Jeder einzelne hier muss sich fragen: Was bedeutet es, sich in einer Gruppe zu bewegen? Was passiert, wenn ich mich mit meinem vollen Engagement einbringe? Und wenn der andere auch kein Arschloch ist oder durch negative Vorerfahrungen geschädigt ist, kann es Synergien geben. Denn im Grund machen die Jungs ständig das, was sie gerne tun und unheimlich gut können: kicken. Und wir bemühen uns, dass sie es so gut wie möglich miteinander tun können. Wenn es dann funktioniert und sie darüber zu einer gemeinsamen Gesprächsebene finden, bringt das Freude.

Und Erfolg. Klingt wie die Utopie einer Gemeinschaft.
Ist es aber nicht. Es ist eigentlich nur miteinander leben, sich miteinander auseinandersetzen und vielleicht auch ein bisschen Interesse am anderen haben.

Dieses Grundgefühl haben Sie in der gesamten Saison erhalten?
Nicht, dass Sie mich falsch verstehen, bei uns ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Wir haben einen sehr hohen Anspruch an unsere Arbeit. Aber wir versuchen so zu trainieren, dass es mit großer Freude vonstatten geht und von einer gemeinsamen Idee getragen wird.

Wie müssen wir uns diese Idee vorstellen?
Es ist die Idee von unserem Spiel. Und diese Idee ist nicht von mir, die Idee ist von den Spielern. Denn nur die Jungs können so gut kicken – nicht ich. Diese Jungs sind alles Individualisten, aber es geht darum, wie sie ihre Individualität interpretieren und sie in einer Gemeinschaft am besten leben.

Es ist trotzdem faszinierend, dass jeder die Bereitschaft mitbringt, sich so einzufügen. Sind sie selbst überrascht, dass es so gut klappt?
Das wir so miteinander reden können? Nein! Ich fordere nichts ein, wir reden nur ständig darüber. Wenn ich an den Leuten, mit denen ich hier zehn Stunden am Tag verbringe, kein Interesse hätte, könnte ich hier nichts entwickeln.

Sie sagen, nicht alles ist Friede, Freude, Eierkuchen. Was war das Schwierigste in dieser Saison?
Sich immer wieder der gemeinsamen Sache zu vergegenwärtigen. Als Trainer ist man nicht der große Zampano, sondern man braucht menschlich und fachlich ganz viele Menschen mit Qualitäten um sich herum, die man selbst nicht hat. Und das ist die große Herausforderung in einem Verein, wo so viele Leute draufschauen. Die Interviews und das ganze Drumherum sind unwichtig. Wichtig ist, was danach ist, wenn ich wieder mit Leuten aus dem Verein kommunizieren muss. Das ist die große Kunst, denn auch ich bin ja eitel.

Ach ja.
Ich schwätze so viel, dass es doch gar nicht anders sein kann. Ein Maß an Eitelkeit, das eigentlich schon grenzwertig ist.

Sind Sie so eitel, dass Sie darüber nachgedacht haben, ein Angebot von Schalke 04 anzunehmen?
Das ist nur ein Gerücht. Das ist ein toller Verein, hat aber mit mir nichts zu tun. Wir haben jetzt einen Umbruch in Freiburg, Spieler gehen weg, wir kämpfen darum, dass wir Qualität halten. Ich bin also auch in einem Prozess drin.

Es heißt, Sie hätten ein großes Problem mit Manager Dirk Dufner gehabt. Angeblich ist bei ihm die Idee des SC Freiburg als Ausbildungsklub nie so recht durchgedrungen.
Ich kann niemanden diskreditieren, wirklich nicht. Bevor ich hier Cheftrainer wurde, habe ich gesagt: »Nein, das mache ich nicht.« Wenn man sowas sagt, hat das Gründe. Es kann den Grund haben, dass man Angst vor Misserfolg hat. Es würde mir schwer fallen, wenn die Leute sagen, der Christian Streich ist kein guter Trainer. Wenn ich in Hamburg spazieren gehe, grüßt mich jeder zweite Jogger, in Bayreuth das gleiche. Es wird wahnsinng auf mich geschaut, das muss ich abfedern. Deswegen brauche ich Leute um mich herum, denen ich vertraue. Völlig egal, ob die lange oder kurze Haare haben, Bergsteiger oder Radfahrer sind. Ich muss nur das Gefühl haben, dass die Zusammenarbeit lebendig ist. Im Handeln und im Denken. Wenn so ein Vertrauen da ist, kann ich auch gut arbeiten.

Und diese ähnliche Art zu denken, fehlte Dirk Dufner?
Er hat hier große Erfolge gefeiert. Und wie gesagt, ich kann niemanden diskreditieren.

Was Sie beschreiben, ist getragen von einem Hang zur Perfektion. Und wenn es nicht klappt, verletzt es Sie?
Alle Trainer trifft es, mich auch. Aber nur bedingt. Ich bereite mich innerlich auf Niederlagen vor.

Verletzt es Sie, dass Spieler wie Johannes Flum oder Daniel Caligiuri, die Sie so lange begleitet haben, den Verein verlassen?
Null.

Gar nicht?
Nein. Es ist in etwa so, als würden gute Kollegen, mit denen Sie zusammengearbeitet haben, eines Tages die Arbeitsstelle wechseln.

Mit dem Unterschied, dass Sie nachhaltig an der Entwicklung dieser Spielerpersönlichkeiten mitgewirkt haben.
Aber das ist doch das Schöne. Ich weiß ganz viel über die Jungs und deren Interessen. Jetzt gehen sie halt weg, aber wenn wir uns in zwanzig Jahren – sollte ich dann noch leben – wiedersehen, dauert es keine drei Minuten und wir sind wieder auf einem Level. Ich kenne ihre Ängste und sie kennen meine. Deshalb sollen sie gehen, denn Abschied gehört zum Leben. Es ist Begegnung, Treffen und Auseinandergehen. In dem Moment, wo wir auf die Welt kommen, wissen wir, dass wir sterben.

Die Konsequenz könnte sein, dass Sie nächstes Jahr zwar international spielen, wegen der Doppelbelastung auch wieder in Abstiegsgefahr geraten.
Alles kann passieren. Aber mein Grundgefühl ist, dass eine Menge Jungs hierbleiben, die auch schon sehr weit sind. Die tragen das mit, die haben breite Schultern. Ob wir dann nächstes Jahr am Saisonende zwei Spiele haben, die wir gewinnen müssen, damit wir nicht absteigen, ist Teil des Wettbewerbs.

Und wieder liegt die schwerste Saison aller Zeiten vor Ihnen.
Jede Saison ist die schwerste Saison. Da geht es Borussia Dortmund, die im Champions-League Finale standen, genauso. Götze geht weg, Lewandowski vielleicht auch. Aber da ist auch viel entstanden, sodass es nicht wieder von Null losgeht. Auch bei uns beginnt die neue Saison nicht auf demselben Level, auf dem wir im vergangenen Jahr angefangen haben.

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