27.05.2013

Christian Streich über Gemeinschaft und Unruhe in Freiburg

»Abschied gehört zum Leben«

Unter Christian Streich hat der SC Freiburg die Europa League erreicht. Nun bricht die Mannschaft auseinander. Für unsere aktuelle Ausgabe 11FREUNDE #139 sind wir in den Breisgau gefahren, um zu erfahren, wie es nun weitergeht. Mit Christian Streich sprachen wir über die Strapazen der kommenden Saison, Wechselgerüchte zu Schalke 04 und sein schwieriges Verhältnis zum Ex-Sportdirektor Dirk Dufner.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago

Christian Streich, vor der Saison haben wir mit Ihnen gewettet.
Worum ging es denn?

Sie haben uns verlacht, als die Redaktion von 11FREUNDE prophezeite, der SC Freiburg könne in der Spielzeit 2012/13 mehr als 50 Punkte holen.
Was habe ich denn gesagt?

Dass Sie nicht im Leben daran glauben und wenn es doch passieren sollte, würden Sie zwar zugeben, dass Sie sich geirrt haben…
…aha…

…aber mehr Ahnung vom Fußball als wir, haben Sie gesagt, hätten Sie dennoch.
Das habe ich gesagt. Sie sehen, ich habe einen Hang zur Arroganz.

Mal im Ernst. Waren Ihre Aussagen vor der Saison Streichscher Zweckpessimismus?
Nein. Aber es ist meine Aufgabe als Trainer, dafür zu sorgen, dass der Eigendruck nicht zu groß wird. Wir sind so in unserer Arbeit, stehen jede Woche mit Ergebnissen auf dem Prüfstand. Aber ich kann Arbeit nicht nur am Ergebnis festmachen, das fände ich furchtbar.

Es ist also bewusste Tiefstapelei.
Mir geht es darum, dass wir unseren Arbeitsprozess konstruktiv gestalten, auch wenn es mal schlecht läuft. Ich könnte es nur schwer ertragen, wenn wir hier nach ein paar Niederlagen total deprimiert wären.

Von Depression kann aber nicht die Rede sein. Haben Sie insgeheim geahnt, dass es in dieser Saison so gut laufen würde?
Nein. Wenn ich im Juli ins Trainingslager gehe, denke ich doch nicht an den nächsten Mai. Da habe ich einen Sechs-Wochen-Trainingsplan und mache dennoch jeden Tag das Training neu.


Fünf Euro ins Phrasenschwein, weil auch Sie nur von »Spiel zu Spiel denken«.
Überhaupt nicht. Im Trainingslager müssen wir uns nur ständig in Frage stellen. Wir haben Übungen, die wir teilweise schon jahrelang machen, aber die haben sich in fünfzig winzigen Details verändert. Wir dokumentieren jedes Training, schauen auf die Spieler und versuchen, unsere Maßnahmen ständig zu verfeinern.


Ihr Präsident Fritz Keller sagt, er habe schon vor vielen Jahren erkannt, dass Sie das Zeug zum Profitrainer haben.
Aber ein Jugendtrainer ist doch auch ein Profi-Trainer, wenn er diese Tätigkeit als Beruf ausübt.

Punkt für Sie. Aber trotzdem mit ganz anderen Anforderungen, weil ein Jugendtrainer kaum mit den Medien zu tun hat.
Eine Saison kostet immer Substanz. Egal, in welcher Liga man spielt. Das ist bei mir immer gleich gewesen, auch in der Jugend. Am Ende braucht man Urlaub.

Gab es in dieser Spielzeit dennoch den Moment, an dem Ihnen alles zu viel zu werden drohte?
Das Mediale ist schon extrem. Da hörst du dich ständig selber reden und dann sollst du immer wieder was erzählen. Ich finde es schwierig, mich ständig zu reproduzieren. Da bleibt die Inspiration schnell auf der Strecke.

Was würden Sie lieber machen, als Interviews zu geben?
Fast alles. Vor Kurzem haben wir mit der Mannschaft das SWR-Sinfonieorchester besucht. Neunzig Musikern zuzuhören, die für einen Auftritt üben, das inspiriert mich. Weil in einem Orchester vieles ähnlich läuft wie bei uns. Ich würde gern auch mal wieder woanders hinfahren und mir ein Training angucken. Nach Basel oder so. Das kommt gerade alles sehr kurz bei uns.

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