Christian Streich über Gemeinschaft und Unruhe in Freiburg

»Abschied gehört zum Leben«

Unter Christian Streich hat der SC Freiburg die Europa League erreicht. Nun bricht die Mannschaft auseinander. Für unsere aktuelle Ausgabe 11FREUNDE #139 sind wir in den Breisgau gefahren, um zu erfahren, wie es nun weitergeht.

Heft: #
139

Christian Streich, vor der Saison haben wir mit Ihnen gewettet.
Worum ging es denn?

Sie haben uns verlacht, als die Redaktion von 11FREUNDE prophezeite, der SC Freiburg könne in der Spielzeit 2012/13 mehr als 50 Punkte holen.
Was habe ich denn gesagt?

Dass Sie nicht im Leben daran glauben und wenn es doch passieren sollte, würden Sie zwar zugeben, dass Sie sich geirrt haben…
…aha…

…aber mehr Ahnung vom Fußball als wir, haben Sie gesagt, hätten Sie dennoch.
Das habe ich gesagt. Sie sehen, ich habe einen Hang zur Arroganz.

Mal im Ernst. Waren Ihre Aussagen vor der Saison Streichscher Zweckpessimismus?
Nein. Aber es ist meine Aufgabe als Trainer, dafür zu sorgen, dass der Eigendruck nicht zu groß wird. Wir sind so in unserer Arbeit, stehen jede Woche mit Ergebnissen auf dem Prüfstand. Aber ich kann Arbeit nicht nur am Ergebnis festmachen, das fände ich furchtbar.

Es ist also bewusste Tiefstapelei.
Mir geht es darum, dass wir unseren Arbeitsprozess konstruktiv gestalten, auch wenn es mal schlecht läuft. Ich könnte es nur schwer ertragen, wenn wir hier nach ein paar Niederlagen total deprimiert wären.

Von Depression kann aber nicht die Rede sein. Haben Sie insgeheim geahnt, dass es in dieser Saison so gut laufen würde?
Nein. Wenn ich im Juli ins Trainingslager gehe, denke ich doch nicht an den nächsten Mai. Da habe ich einen Sechs-Wochen-Trainingsplan und mache dennoch jeden Tag das Training neu.


Fünf Euro ins Phrasenschwein, weil auch Sie nur von »Spiel zu Spiel denken«.
Überhaupt nicht. Im Trainingslager müssen wir uns nur ständig in Frage stellen. Wir haben Übungen, die wir teilweise schon jahrelang machen, aber die haben sich in fünfzig winzigen Details verändert. Wir dokumentieren jedes Training, schauen auf die Spieler und versuchen, unsere Maßnahmen ständig zu verfeinern.


Ihr Präsident Fritz Keller sagt, er habe schon vor vielen Jahren erkannt, dass Sie das Zeug zum Profitrainer haben.
Aber ein Jugendtrainer ist doch auch ein Profi-Trainer, wenn er diese Tätigkeit als Beruf ausübt.

Punkt für Sie. Aber trotzdem mit ganz anderen Anforderungen, weil ein Jugendtrainer kaum mit den Medien zu tun hat.
Eine Saison kostet immer Substanz. Egal, in welcher Liga man spielt. Das ist bei mir immer gleich gewesen, auch in der Jugend. Am Ende braucht man Urlaub.

Gab es in dieser Spielzeit dennoch den Moment, an dem Ihnen alles zu viel zu werden drohte?
Das Mediale ist schon extrem. Da hörst du dich ständig selber reden und dann sollst du immer wieder was erzählen. Ich finde es schwierig, mich ständig zu reproduzieren. Da bleibt die Inspiration schnell auf der Strecke.

Was würden Sie lieber machen, als Interviews zu geben?
Fast alles. Vor Kurzem haben wir mit der Mannschaft das SWR-Sinfonieorchester besucht. Neunzig Musikern zuzuhören, die für einen Auftritt üben, das inspiriert mich. Weil in einem Orchester vieles ähnlich läuft wie bei uns. Ich würde gern auch mal wieder woanders hinfahren und mir ein Training angucken. Nach Basel oder so. Das kommt gerade alles sehr kurz bei uns.

Können Sie uns in einem Satz erklären, warum sich die Mannschaft in der vergangenen Saison so gut entwickelt hat?
Jeder einzelne hier muss sich fragen: Was bedeutet es, sich in einer Gruppe zu bewegen? Was passiert, wenn ich mich mit meinem vollen Engagement einbringe? Und wenn der andere auch kein Arschloch ist oder durch negative Vorerfahrungen geschädigt ist, kann es Synergien geben. Denn im Grund machen die Jungs ständig das, was sie gerne tun und unheimlich gut können: kicken. Und wir bemühen uns, dass sie es so gut wie möglich miteinander tun können. Wenn es dann funktioniert und sie darüber zu einer gemeinsamen Gesprächsebene finden, bringt das Freude.

Und Erfolg. Klingt wie die Utopie einer Gemeinschaft.
Ist es aber nicht. Es ist eigentlich nur miteinander leben, sich miteinander auseinandersetzen und vielleicht auch ein bisschen Interesse am anderen haben.

Dieses Grundgefühl haben Sie in der gesamten Saison erhalten?
Nicht, dass Sie mich falsch verstehen, bei uns ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Wir haben einen sehr hohen Anspruch an unsere Arbeit. Aber wir versuchen so zu trainieren, dass es mit großer Freude vonstatten geht und von einer gemeinsamen Idee getragen wird.

Wie müssen wir uns diese Idee vorstellen?
Es ist die Idee von unserem Spiel. Und diese Idee ist nicht von mir, die Idee ist von den Spielern. Denn nur die Jungs können so gut kicken – nicht ich. Diese Jungs sind alles Individualisten, aber es geht darum, wie sie ihre Individualität interpretieren und sie in einer Gemeinschaft am besten leben.

Es ist trotzdem faszinierend, dass jeder die Bereitschaft mitbringt, sich so einzufügen. Sind sie selbst überrascht, dass es so gut klappt?
Das wir so miteinander reden können? Nein! Ich fordere nichts ein, wir reden nur ständig darüber. Wenn ich an den Leuten, mit denen ich hier zehn Stunden am Tag verbringe, kein Interesse hätte, könnte ich hier nichts entwickeln.

Sie sagen, nicht alles ist Friede, Freude, Eierkuchen. Was war das Schwierigste in dieser Saison?
Sich immer wieder der gemeinsamen Sache zu vergegenwärtigen. Als Trainer ist man nicht der große Zampano, sondern man braucht menschlich und fachlich ganz viele Menschen mit Qualitäten um sich herum, die man selbst nicht hat. Und das ist die große Herausforderung in einem Verein, wo so viele Leute draufschauen. Die Interviews und das ganze Drumherum sind unwichtig. Wichtig ist, was danach ist, wenn ich wieder mit Leuten aus dem Verein kommunizieren muss. Das ist die große Kunst, denn auch ich bin ja eitel.

Ach ja.
Ich schwätze so viel, dass es doch gar nicht anders sein kann. Ein Maß an Eitelkeit, das eigentlich schon grenzwertig ist.

Sind Sie so eitel, dass Sie darüber nachgedacht haben, ein Angebot von Schalke 04 anzunehmen?
Das ist nur ein Gerücht. Das ist ein toller Verein, hat aber mit mir nichts zu tun. Wir haben jetzt einen Umbruch in Freiburg, Spieler gehen weg, wir kämpfen darum, dass wir Qualität halten. Ich bin also auch in einem Prozess drin.

Es heißt, Sie hätten ein großes Problem mit Manager Dirk Dufner gehabt. Angeblich ist bei ihm die Idee des SC Freiburg als Ausbildungsklub nie so recht durchgedrungen.
Ich kann niemanden diskreditieren, wirklich nicht. Bevor ich hier Cheftrainer wurde, habe ich gesagt: »Nein, das mache ich nicht.« Wenn man sowas sagt, hat das Gründe. Es kann den Grund haben, dass man Angst vor Misserfolg hat. Es würde mir schwer fallen, wenn die Leute sagen, der Christian Streich ist kein guter Trainer. Wenn ich in Hamburg spazieren gehe, grüßt mich jeder zweite Jogger, in Bayreuth das gleiche. Es wird wahnsinng auf mich geschaut, das muss ich abfedern. Deswegen brauche ich Leute um mich herum, denen ich vertraue. Völlig egal, ob die lange oder kurze Haare haben, Bergsteiger oder Radfahrer sind. Ich muss nur das Gefühl haben, dass die Zusammenarbeit lebendig ist. Im Handeln und im Denken. Wenn so ein Vertrauen da ist, kann ich auch gut arbeiten.

Und diese ähnliche Art zu denken, fehlte Dirk Dufner?
Er hat hier große Erfolge gefeiert. Und wie gesagt, ich kann niemanden diskreditieren.

Was Sie beschreiben, ist getragen von einem Hang zur Perfektion. Und wenn es nicht klappt, verletzt es Sie?
Alle Trainer trifft es, mich auch. Aber nur bedingt. Ich bereite mich innerlich auf Niederlagen vor.

Verletzt es Sie, dass Spieler wie Johannes Flum oder Daniel Caligiuri, die Sie so lange begleitet haben, den Verein verlassen?
Null.

Gar nicht?
Nein. Es ist in etwa so, als würden gute Kollegen, mit denen Sie zusammengearbeitet haben, eines Tages die Arbeitsstelle wechseln.

Mit dem Unterschied, dass Sie nachhaltig an der Entwicklung dieser Spielerpersönlichkeiten mitgewirkt haben.
Aber das ist doch das Schöne. Ich weiß ganz viel über die Jungs und deren Interessen. Jetzt gehen sie halt weg, aber wenn wir uns in zwanzig Jahren – sollte ich dann noch leben – wiedersehen, dauert es keine drei Minuten und wir sind wieder auf einem Level. Ich kenne ihre Ängste und sie kennen meine. Deshalb sollen sie gehen, denn Abschied gehört zum Leben. Es ist Begegnung, Treffen und Auseinandergehen. In dem Moment, wo wir auf die Welt kommen, wissen wir, dass wir sterben.

Die Konsequenz könnte sein, dass Sie nächstes Jahr zwar international spielen, wegen der Doppelbelastung auch wieder in Abstiegsgefahr geraten.
Alles kann passieren. Aber mein Grundgefühl ist, dass eine Menge Jungs hierbleiben, die auch schon sehr weit sind. Die tragen das mit, die haben breite Schultern. Ob wir dann nächstes Jahr am Saisonende zwei Spiele haben, die wir gewinnen müssen, damit wir nicht absteigen, ist Teil des Wettbewerbs.

Und wieder liegt die schwerste Saison aller Zeiten vor Ihnen.
Jede Saison ist die schwerste Saison. Da geht es Borussia Dortmund, die im Champions-League Finale standen, genauso. Götze geht weg, Lewandowski vielleicht auch. Aber da ist auch viel entstanden, sodass es nicht wieder von Null losgeht. Auch bei uns beginnt die neue Saison nicht auf demselben Level, auf dem wir im vergangenen Jahr angefangen haben.


Sie glauben also, dass der SC Freiburg die vier offensiven Spieler, die abwandern, kompensieren kann?
Das weiß ich nicht, genauso wenig wie sie.

Aber sie wissen doch, ob adäquate Neuverpflichtungen kommen.
Das kann sein, aber das ist nicht so einfach in Freiburg. Wir haben ein gewisses Niveau und versuchen einen Spagat, denn wir haben in dieser Saison so gut gespielt, dass wir tatsächlich mit Hannover und Gladbach mitgehalten haben. Aber die haben Europa-League gespielt. Stuttgart hat zehn Spiele mehr gemacht, das ist abartig. Die habe ich in manchen Partien so gesehen, dass ich denken musste: »Mein Gott, die sind ja ganz kaputt vom vielen Reisen und Kicken«. Keine Ahnung, wie groß die Belastung für uns wird.

Wo sehen Sie die größten Probleme?
Wir können nicht viel trainieren, wenn wir unterwegs sind. Wie schaffen wir es also, so Fußball zu spielen, dass die Leute uns gerne zuschauen und wir auch das ein oder andere Spiel gewinnen? Können neue Leute unseren Weg mitgehen? Sind das Typen, die das mittragen? Gerade in der Hinsicht ist unser Anspruch sehr hoch. Es gibt hier Spieler, die monatelang trainieren, ohne nur eine Chance bekommen zu haben – und sich dennoch nie beschwert haben. Ich weiß nicht, ob ich als junger Mensch diese Leidensfähigkeit gehabt hätte.

Haben sie in der zurückliegenden Saison mal gehört: »Christian, Du hast dich verändert«?
Nein, aber ich habe mich schon verändert.

Inwiefern?
Wir verändern uns doch alle ständig. Aber so ein Jahr – das können Sie sich vorstellen – habe ich noch nie erlebt. Es war ganz anders als alle anderen vorher.

Sie sehnen sich nach Inspiration, dazu gehört Muße. Wann hatten Sie in dieser Saison Gelegenheit zur Muße?
Wenn ich nach Hause komme und meinem Sohn die Hände wasche, weil er sich die Spaghetti damit in den Mund gestopft hat.

Sie empfinden keine Muße nach einer erfolgreichen Saison?
Darauf schaue ich nicht. Ich weiß ja: Wenn wir die nächsten drei Spiele schlecht spielen, haben wir wieder neue Probleme. Aber ich freue mich sehr, wenn wir gut spielen. Das ist ein warmes Gefühl im Bauch. Da kann ich auch mal lustig sein auf dem Trainingsplatz. Aber wenn ich einen Tag locker bin und dann noch einen und noch einen und wir am Wochenende wieder nicht so gut spielen, muss ich mir Gedanken machen. Ich bin gerne leicht, aber es geht halt nicht immer.

Aktuell hat der SC Freiburg zwei kommissarische Sportdirektoren, die wie Sie einen engen Kontakt zur Fußballschule unterhalten. Paradiesische Voraussetzungen für Ihre Vorstellung von Zusammenarbeit.
Jochen Saier und Klemens Hartenbach ist unsere gemeinsame Idee und Herangehensweise voll und ganz bewusst. Die sind gewissermaßen die Idee, denn sie haben sie mitentwickelt und leben sie. Deshalb können wir viel miteinander reden. Es geht hier doch darum, dass jeder sich so einbringt, dass es ein Stück weit seins ist. Das ist bei den beiden so – und natürlich auch für mich extrem hilfreich.

Noch ist nicht klar, ob die beiden Sportdirektoren bleiben. Wie stehen Sie zu einer externen Lösung?
Es geht nicht um mich, es geht darum, dass der Verein die bestmöglichen Personen hat, sowohl menschlich, als auch fachlich. Und diese zwei Menschen verkörpern die Idee von diesem Verein in extrem hohem Maße. Zumindest das kann ich mit höchster Überzeugung sagen.

Formulieren Sie mal ein Stellenprofil für einen Freiburger Sportdirektoren.
Es muss jemand sein, der vielseitig ist, weil dieser Beruf nun mal vielseitig ist. Er sollte sich überall einbringen, aber sich auch im rechten Moment zurücknehmen können, damit es dann in den Gremien entschieden werden kann. Das bedarf schon einiger Reflektion und Sozialkompetenz. Aber um es kurz zu machen: Er sollte vor allem schaffe können wie ein Brunnenputzer.

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