Christian Schulz über Abstiegsangst

»Es wird ein Nervenspiel«

Die spannendste Paarung des letzten Spieltags in der Saison 2009/10 findet in Bochum statt. Hannover (Platz 15) gegen den VfL (17). Wir sprachen mit 96-Stammkraft Christian Schulz über Robert Enke und die 40-Punkte-Grenze. Christian Schulz über Abstiegsangst

Christian Schulz, am Samstag geht Hannover 96 in ein Endspiel um den Klassenerhalt mit dem VfL Bochum. Wie sieht die Stimmung in Hannover aus?

Eine gewisse Anspannung lässt sich einfach nicht verstecken, hier weiß jeder Spieler, welche Bedeutung diese Partie für uns, für den Verein und für die Fans hat. Bochum gegen Hannover – das wird ein Nervenspiel.

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Auch für Sie persönlich die akute Bedrohung eines Abstiegs eine neue Erfahrung...

Und es ist keine schöne Erfahrung. Ich bin mir natürlich darüber im Klaren, welch existenzielle Folgen ein Abstieg für den Verein haben würde. Muss 96 tatsächlich in Liga zwei, wird es hier große Veränderungen geben. Und wie schnell der Klub dann wieder in die erste Liga aufsteigen kann, weiß heute noch niemand. Aber das sind alles düstere Gedanken, mit denen befasse ich mich eigentlich gar nicht.

Wirklich abschalten lassen sich die aber nicht, oder?

Wir werden gegen Bochum sicherlich nicht mit Angst auftreten, aber eine gewisse Nervosität im Verein und in der Mannschaft ist vorhanden. Für uns alle steht eben eine Menge auf dem Spiel. Ich bin froh, wenn diese Saison endlich vorbei ist. Der Gang in den Urlaub wird dieses Jahr sicherlich etwas schneller ausfallen als in den vergangenen Jahren.

Knackpunkt der Saison von Hannover 96 war der Selbstmord von Robert Enke. Hätten Sie sich damals vorstellen können, welche Auswirkungen der Tod Ihres Torhüters haben würde?

Nein, das war auch gar nicht möglich, denn eine solche Tragödie hatte es in der Form vorher im deutschen Fußball noch nicht gegeben. Robert war unser Torwart, unser Mannschaftskapitän, unser Leader ­– mit ihm hat sich die ganze Fußball-Stadt Hannover identifiziert. Und so eine immens wichtige Figur bricht während der Saison weg. Die Folgen spüren wir bis heute.

Spüren Sie auch etwas von der angekündigten Sensibilisierung gegenüber Fußball-Profis?

Eher weniger. Fußball ist und bleibt ein Leistungssport und wir leben in einer knallharten Leistungsgesellschaft. Das ist uns Spielern eigentlich schon drei Wochen nach der Beerdigung von Robert vor Augen geführt worden. Ohne konkret zu werden: Es ist doch ziemlich schade, dass gerade der menschliche Aspekt in der Bundesliga ziemlich auf der Strecke bleibt.

Selten hat man in der ersten Liga die Möglichkeit, mit weniger Punkten die Klasse zu halten. Ihnen würden im Falle einer Niederlage vom 1. FC Nürnberg gegen Köln 30 Punkte reichen. Was ist eigentlich mit  der guten alten 40-Punkte-Grenze geworden?

Die gibt es scheinbar nicht mehr. Für mich kommt das auch überraschend, vor der Saison hätte ich niemals damit gerechnet, mit 30 Punkten in der Liga zu bleiben. Generell ist die Spanne zwischen oben und unten zwar größer, die Leistungsdichte aber dennoch enger geworden.

Wie meinen Sie das?

Wir stehen vielleicht unten im Keller und haben 30 Punkte Abstand auf einen Champions League-Platz. Dennoch wären aber in der Lage, gegen Bayern und Bremen zu gewinnen und gegen Schalke haben wir gewonnen. In anderen europäischen Ligen ist der Gedanke illusorisch.

Hannover hat gegen Bochum auch deshalb die bessere Ausgangsposition, weil sie in der Vorwoche 6:1 gegen Borussia Mönchengladbach gewonnen haben. Den Gladbachern hat man anschließend vorgeworfen, sie hätten sich »wehrlos zerfleischen lassen«. Ein berechtigter Vorwurf?

Die Gladbacher waren möglicherweise nicht ganz so motiviert wie wir. Und zur ihrer Verteidigung: Wir hatten auch einen verdammt guten Tag.

Befürchten Sie ein ähnliches Spiel, wenn Nürnberg auf die Kölner trifft, für die es ebenfalls um nichts mehr geht?

Vielleicht muss das ja gar kein Vorteil für Nürnberg sein, möglicherweise kann Köln so entspannt aufspielen, dass ihnen alles gelingt. Wie auch immer: Wenn wir unser Spiel gegen Bochum gewinnen, kann in Nürnberg passieren, was will. Uns ist das dann egal.

Wie häufig schauen Sie in diesen Tagen eigentlich auf die aktuelle Tabelle?

Nach dem Spiel gegen Gladbach wurden alle möglichen Konstellationen durchgerechnet, die Folgen von Sieg, Niederlage, Unentschieden. Aber jetzt erspare ich mir das. Einmal durch Hannover zu laufen reicht völlig, um auf dem neuesten Stand zu sein – jeder spricht uns in diesen Tagen auf die Tabelle an. Das bewegt ganz Hannover.

Bochum hat einen neun Trainer, Dariusz Wosz, aber gegen Bayern eine deutliche Niederlage kassieren müssen. Wie schätzen Sie den Gegner ein?

Wir haben den psychologischen Vorteil: Bochum war Mitte der Rückrunde doch eigentlich schon gesichert, ist dann noch einmal abgestürzt und steht plötzlich mit dem Rücken zur Wand. Wir hingegen wussten schon seit der Winterpause, dass sich unser Verbleib in der ersten Liga erst am 34. Spieltag entscheiden wird.

Sollten Sie den Klassenerhalt schaffen: Wird gefeiert oder erleichtert festgestellt, dass diese Saison endgültig beendet ist?

Ein bisschen feiern werden wir wohl auch, aber das Motto für mich und die anderen Jungs wird wohl sein: So schnell wie möglich in den Urlaub!         

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