Christian Rahn im Interview

„Man ließ mich links liegen“

Christian Rahn hat eine seltsame Karriere hinter sich: Nationalspieler, im Verein trotzdem Bankdrücker und schließlich Arbeitsloser. Um nicht aus dem Tritt zu kommen, klopfte er bei Hansa an – und fand endlich seine Fußballfamilie. Imago

Herr Rahn, geht es bergauf?

Ich denke schon. Meine Leistungen in der Vorrunde waren zwar schwankend, aber die ersten drei Spiele der Rückrunde liefen super.

Denken Sie heute noch an die Nationalmannschaft?


Nein.

Nachdem Sie im Mai 2002 für die Nationalmannschaft debütierten, war in der Presse zu lesen: „Für die Nationalmannschaft gut genug, für den Verein reicht es nicht.“ Dem „Spiegel“ sagten Sie damals, dass Sie mit solcherlei Kommentaren locker umgehen. Wir locker waren Sie wirklich?

Das war sicherlich keine einfache Situation für mich. Aber ich hatte die Rückendeckung von Rudi Völler und Michael Skibbe. Von daher war ich schon recht locker, denn ich wusste, dass es da Leute gibt, die auf mich stehen – auch wenn ich beim HSV kaum zum Einsatz kam.

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Unterhielten Sie sich damals mit Rudi Völler über Ihre Situation beim HSV?

Natürlich. Wir haben viel darüber geredet. Eine groteske Situation: Irgendwann entschied ich dann, mich über die Nationalmannschaft für den Verein zu empfehlen.

Es klappte aber nicht. War der Druck für Sie vielleicht zu groß?


Nein. Ich denke nicht...

Rudi Völler sagte damals: „Bei den Brandbomben von Christian Rahn wäre ich auch gerne noch mal Stürmer.“ Sind Sie an zu hohen Erwartungen gescheitert?

Vielleicht. Aber man kann heute auch nicht sagen, wie meine Karriere verlaufen wäre, wenn ich zur EM 2004 mitgefahren wäre. Ich musste damals, nachdem mich Völler schon nominiert hatte, aufgrund einer Verletzung absagen. Nach dem Rücktritt von Völler und dem neuen Trainergespann um Jürgen Klinsmann war es für mich schwierig, überhaupt noch einmal Fuß zu fassen in der Nationalmannschaft. Und dann gab es im Verein auch Veränderungen: Klaus Toppmöller ging, Thomas Doll kam, und ich war der, der links liegen gelassen wurde.

Würden Sie heute sagen, dass die Berufung zum Nationalspieler hinderlich für Ihre Entwicklung war?

Auf keinen Fall. Ich habe fünfmal in der Nationalmannschaft gespielt, und diese fünf Spiele gehören heute zu meinen Karriere-Highlights. Das ist eine Erfahrung, die man mir nicht mehr wegnehmen kann. Und es war für mich eine Bestätigung meiner Leistung, die ich vorher in der U-21-Mannschaft gebracht habe und die sich dann auch streckenweise im Verein widergespiegelt hat.

Nach diesen fünf Länderspielen folgte der freie Fall: Eben noch spielten Sie in der Nationalmannschaft, wenig später im Kölner Reserve-Team.

Das war eine schwierige Zeit. In Köln und auch beim HSV wechselten die Trainer fast im Halbjahrestakt. Ich wurde von Pagelsdorf nach Hamburg geholt, als ich kam, war der schon wieder weg und Kurt Jara da. Dann kam Toppmöller und danach Doll. In Köln erlebte ich eine neue, noch wahnwitzigere Dimension dieses Wechselspiels. In den eineinhalb Jahren, in denen ich dort war, spielte ich unter vier Trainern: Huub Stevens, Uwe Rapolder, Hanspeter Latour und Amateurtrainer Christoph John.

Sie vermissten ein familiäres Umfeld?

Ich würde eher sagen: Ich vermisste Konstanz. Es ist für mich – und ich denke, auch für eine Mannschaft im Ganzen – immens wichtig, dass ein Trainer Zeit bekommt. Er muss die Möglichkeit bekommen, seine Philosophie zu entwickeln. Jeder Trainer hat andere Auffassungen vom Fußball und Meinungen zu seinen Spielern. Und der Spieler muss natürlich auch die Chance haben, sich auf einen Trainer einzustellen.

Was ist heute anders?

Frank Pagelsdorf ist seit eineinhalb Jahren mein Trainer bei Hansa.

Was unterscheidet Frank Pagelsdorf von Thomas Doll?

Beide sind sehr gute Trainer. Zu Thomas Doll konnte ich allerdings nie einen persönlichen Draht aufbauen. Ich hatte nie das Gefühl, richtig aufgehoben zu sein. Und unter Pagelsdorf habe ich genau dieses Gefühl.

Ist Thomas Doll letztlich gar nicht der Kumpeltyp, wie so häufig behauptet wird?

Er ist im Grunde schon ein guter Typ. Aber es ist doch ganz normal, dass nicht alle beste Freunde sein können. Vom Trainer Doll war ich trotzdem angetan. Er hat ein gutes Training gemacht und super Ansprachen gehalten. Nur sind wir in unseren Auffassungen vom Fußball nicht auf einen Nenner gekommen.

Er sah Sie defensiv links in der Viererkette, Sie wollten in der Offensive spielen?

So in etwa. Ich musste Dolls taktische Vorgaben natürlich akzeptieren. Wenn ein Trainer sagt: Du spielst in der Viererkette, dann kann ich nicht sagen: Nö, keine Lust, ich spiele auf der linken Außenbahn offensiv. Ich glaube, dass meine Offensivqualitäten unbestritten sind. Und ich glaube, dass das auch Thomas Doll und alle anderen Trainer, unter denen ich spielte, anerkannt und geschätzt haben. Dennoch musste ich aufgrund taktischer Vorgaben häufig Defensivarbeit machen. Und es ist nun mal so, dass man in der Defensive viel mehr falsch machen kann als in der Offensive.

Nach dem Spiel Rostock gegen Frankfurt schrieb der „kicker“: „Rahn erfüllte sorgsam und diszipliniert seine Aufgaben“. Etwas, das sich alle Ihre bisherigen Trainer von Ihnen gewünscht hätten. Ist es eine Genugtuung für Sie, so etwas zu lesen?

Ach, man wird ja mit der Zeit reifer. Mir sind die Presseberichte nicht mehr so wichtig, wie früher. Eine Genugtuung ist das auch nicht. Ich wusste immer, was ich kann und wie ich es besser machen kann. Dass es heute besser klappt als so manches Mal in der Vergangenheit, ist natürlich schön.

Bevor Sie zu Hansa Rostock wechselten, war Ihre Zukunft ungewiss. War diese Zeit auch eine Findungsphase für Sie? Haben Sie über Alternativen fernab des Profifußballs nachgedacht?

Nein, so dramatisch habe ich meine Situation nie begriffen. Als mein Vertrag in Köln auslief, eröffnete sich ja auch die eine oder andere Möglichkeit, innerhalb der 2. Liga zu wechseln. Ich habe mir aber bei der Vereinssuche etwas mehr Zeit gelassen und nicht das erstbeste Angebot unterschrieben. Ich wollte herausfinden, welcher Verein wirklich zu mir passt und in welchem Verein die angesprochene Konstanz gegeben sein könnte. Mit Rostock habe ich letztlich alles richtig gemacht.

Denkt man in solchen Phasen nicht auch viel über die eigene Karriere nach?

Ja, das auch.

Suchten Sie die Fehler bei sich selbst oder bei den Trainern?

Nein, natürlich habe ich auch die Fehler bei mir gesucht. Ich weiß durchaus, dass ich nicht immer alles richtig gemacht habe. Es war allerdings für mich auch nie ganz einfach mit den vielen verschiedenen Trainern. Für mich war es in dieser Phase einfach wichtig, einen Verein zu finden, wo ich das Gefühl habe, gebraucht zu werden.

Sie trainierten anfangs ohne Vertrag bei Hansa Rostock mit. Wieso?


Ich suchte damals eine Möglichkeit, mit einer Profi-Mannschaft zu trainieren. Ich wollte nicht alleine im Wald laufen gehen und Frank Pagelsdorf bot mir an, bei Hansa mitzutrainieren. Ich war anfangs also eine Art Probespieler in Rostock. Doch schon recht bald, nach etwa ein oder zwei Wochen, gab mir der Verein zu verstehen, dass man mich gerne verpflichten würde.

Wie fühlen Sie sich heute?

Rundum wohl. Ich habe, seit ich bei Hansa bin, fast alle Spiele mitgemacht. Die ersten drei Spiele in der Rückrunde waren super – sowohl von der Mannschaft als auch von mir. Man erkennt meine Leistung an, und ich freue mich, dass ich der Mannschaft helfen kann.

Endlich?

Endlich. Ich habe ja immer an mich geglaubt. Doch erst unter Frank Pagelsdorf habe ich das Gefühl, dass ich ein wichtiger Teil der Mannschaft bin und nicht nur zum Zuge komme, weil andere Spieler fehlen.

Ihr Vertrag läuft am Ende der Saison aus. Würden Sie noch einmal zu einem Großstadtverein wechseln, wo das mediale Interesse, der Druck von Außen, höher wäre als in Rostock?

Mein erster Ansprechpartner ist Hansa, ganz klar. Der Verein hat einfach sehr viel für mich getan. Aber ausschließen würde ich nichts. Das Umfeld muss halt stimmen...

Haben Sie eigentlich jemals überlegt, zum FC St. Pauli zurückzugehen?

Nein. Ich bin zwar mit dem Club groß geworden und hatte auch eine gute Zeit dort. Ich habe mit dem Verein auch viel mitgemacht: 2. Liga, Aufstieg in die 1. Liga, Weltpokalsiegerbesieger – dieses legendäre Spiel gegen den FC Bayern. Aber es wäre heute nicht so, dass ich in den Schoß der Familie zurückkehre. Im Gegenteil: Ich kenne aus dem aktuellen Kader beim St. Pauli vielleicht drei Spieler persönlich. Dennoch wäre ein Ausklang der Karriere, dort wo alles begann, natürlich sehr schön. Aber ich bin ja erst 28.



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