Christian Pander im Interview

„Wir haben das Zeug zum Titel“

Christian Pander vom FC Schalke 04 war 19 Monate lang verletzt und feierte am 10. Spieltag ein furioses Comeback. Im Interview mit 11freunde.de spricht er über den unbedingten Willen, Fußball zu spielen - und über die Chancen auf die Meisterschaft. Imago
Heft #63 02 / 2007
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Herr Pander, Sie haben 19 Monate pausieren müssen. In dieser Zeit haben verschiedene Teamkollegen wie Kobiashvili, Krstajic oder Rodriguez auf Ihrer angestammten Position gespielt. Trotzdem hat Schalke keinen neuen Linksverteidiger verpflichtet – sind sie beeindruckt von dem Vertrauen des Vereins?

Das ist auf jeden Fall beeindruckend, dass die keinen neuen Linksverteidiger gesucht haben. Aber man konnte die Position auch intern gut besetzen, ohne einen zu großen Qualitätsverlust zu erleiden. Das ist eine nette Geste, aber es war auch kompensierbar.

Man hat bei Ihrer Rückkehr gesehen, wie sehr Sie den Fans gefehlt haben. Sie wurden frenetisch empfangen.

Bei meiner Einwechslung gegen Bayern habe ich das eigentlich gar nicht realisiert. Ich habe mich da nur auf mich konzentriert, wollte nach der langen Pause ohne Spielpraxis einfach keine leichten Fehler machen. Aus verschiedenen Erzählungen habe ich dann erst erfahren, wie laut es wohl gewesen sein muss.

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Wenn man so lange verletzt ist und einem stets die Position freigehalten wird, baut sich sicherlich ein großer Druck auf. Wie sind Sie damit umgegangen?

Für mich war das überhaupt kein Druck. Ich habe immer daran geglaubt, was ich kann. Ich hab es in den Reha-Maßnahmen gemerkt, dass ich das Fußballspielen nicht verlernt habe. Fußball ist wie Radfahren – das kann man nicht verlernen. In erster Linie ging es darum, gesund zu werden. Dass es natürlich am Ende so gut funktioniert, damit konnte keiner rechnen.

Sie wurden viermal operiert, haben zahlreiche Rehas mitmachen müssen und immer wieder körperliche Rückschläge verkraftet. Gab es Momente, in denen Sie ans Aufgeben gedacht haben?

Ja, da gab es mehrere Momente. Immer, wenn man mal einen schlechten Tag hat, verzweifelt man ein bisschen. Als Beispiel kann ich das Sommertrainingslager in Österreich vor dieser Saison nennen, zu dem ich sehr euphorisch hingefahren bin. Ich dachte, ich könne wieder ins Training einsteigen, musste dann aber abreisen und mich in Bayreuth von Dr. Böhnisch operieren lassen. Das war das tiefste Loch. Mir sind Gedanken durch den Kopf gegangen, wie es überhaupt weiter gehen soll. Das ging zwei, drei Tage und dann stellte sich schnell heraus, dass es doch funktionieren wird. Die Operation hat Aufschluss darüber gegeben, dass nichts großartig kaputt war. Ein bisschen Narbengewebe hat gestört und am Innenband gezogen. Die Sorgen waren dann weggewischt, und ich habe mich voll auf die Reha konzentriert.

Sie sind 23 und mussten realisieren: Gut, ich habe in meinem Leben eigentlich nur Fußball gespielt. Was ist Ihnen in diesen Tagen konkret durch den Kopf gegangen?

Ich habe meine Schule zwar beendet, habe die Ausbildung, die ich angefangen habe aber zugunsten des Fußballs abgebrochen. Klar hatte ich Sorgen im Hinterkopf und habe mir die Frage gestellt: Was mache ich, wenn es nicht mehr funktioniert? Aber in erster Linie habe ich mich darauf konzentriert, dass es wieder funktioniert. Trotz kleiner Tiefpunkte: Ich hab zwar nicht immer den festen Glauben, aber stets den festen Willen gehabt, wieder zurückzukommen.

Letzte Woche hat Sebastian Deisler seine Karriere beendet. Auch er hatte immer Knieprobleme, war immer wieder verletzt. Fühlen Sie da mit ihm? Insbesondere, weil Sie ja wissen, wie es ist, lange verletzt zu sein und nicht spielen zu können.

Definitiv. Auf jeden Fall. Für mich war das ein Schock. Die Situation ist zwar anders als bei mir – er hat ja auch schon vergleichsweise lang gespielt und konnte sich in der Zeit recht viel Geld zur Seite legen. Ich denke aber, dass das ein sehr großer Schritt war. Man weiß natürlich nicht, inwieweit die Probleme mehr vom Knie oder vom Kopf bedingt waren. Aber die ein oder andere Parallele zu meiner Situation habe ich schon gezogen.

Sie haben ein eindrucksvolles Comeback hingelegt. Ihr Spiel wirkt schon wieder sehr explosiv. Sind Sie denn wieder ganz der Alte?

Ganz wohl noch nicht – ich habe in den acht Spielen gemerkt, dass mir hier und da noch was fehlt. Die Außenstehenden haben mir zwar immer wieder versichert, dass das fast noch besser als vorher aussähe, aber ich merke, dass ich gerade bei schnellen Drehungen und im Antritt noch Defizite habe. Und die mangelnde Spielpraxis habe ich auch gemerkt. Aber ich hatte eine sehr gute Winterpause jetzt, in der ich alle Trainingseinheiten mitmachen konnte. Jetzt sollten alle kleinen Problemchen beseitigt sein.

Nach Ihren ersten zwei, drei Spielen sprachen die Experten schon wieder von Ihrem Einsatz in der Nationalmannschaft. Geht das nicht etwas zu schnell?

Das ist für mich in Deutschland generell ein Problem. Da wird man nach zwei guten Spielen mit der Nationalelf in Verbindung gebracht. Manche Spieler haben bewiesen, dass es gut gehen kann. Aber es gibt auch genügend Gegenbeispiele. Für mich kam es nach der Rückkehr zu überstürzt. Da sind viele zu voreilig. Ich finde es natürlich schön, wenn Leute wie Rainer Calmund das sagen. Das ist ja eine Bestätigung und baut einen auf. Aber ich will in erster Linie gesund bleiben – das ist das Wichtigste.

Die Nationalmannschaft bleibt langfristig aber ein Ziel.

Ja, definitiv. Da will ich unbedingt hin. Als Fußballer ist das neben dem Meistertitel einer der größten Träume.



Unter den Experten herrscht Einigkeit über Ihre markanteste Eigenschaft: Sie schlagen unheimlich scharfe Freistöße und Flanken. Ralf Rangnick nannte Sie mal Brandfackeln. Haben sie sich die Technik irgendwo abgeguckt?

Nein, das hat sich mit den Jahren entwickelt. Ich hatte in der Jugend schon eine sehr gute Schusstechnik. Ich fand Mario Basler früher spektakulär, weil er auch aus unmöglichen Situationen und Winkeln draufgehalten hat. Aber so etwas wie ein Vorbild gab es nicht.

Sie haben in Ihrer Jugend stets offensiv gespielt. Wie kam es zu der Metamorphose zum Abwehrspieler?

Ich wurde von Schalke damals auch als Stürmer eingekauft. Irgendwann in der A-Jugend hat man mich dann mal hinten links spielen lassen und ich habe mich schnell wohl gefühlt und gemerkt, dass das meine 1-A-Position ist. In der Jugend spielt man auch nicht in den Systemen wie jetzt in der Bundesliga, das ist ein großer Unterschied. Ich spiele jetzt zwar in der Viererkette, mache dies aber von Haus aus recht offensiv.

Kommt Ihnen die Vergangenheit als Angreifer bei der Antizipation der gegnerischen Stürmer zu Gute?

Das will ich so nicht sagen. Im Jugendbereich ist alles etwas langsamer und die Stürmer spielen nicht auf so hohem Niveau wie in der Bundesliga. Aber vielleicht ist es ein kleiner Vorteil, weil ich die Laufwege etwas besser einschätzen kann.

Sie sind ein heimatverbundener Typ, haben noch Ihre alten Freunde und auch eine Wohnung in Münster. Auch das Label „Hood Productions“, bei dem Sie Geschäftsführer sind, befindet sich dort. Wäre ein Wechsel zu einem anderen Verein, vielleicht auch einem ausländischen, überhaupt denkbar?

Ich bin offen für neue Sachen. Dass ich mir in Münster etwas aufgebaut habe – daran soll es nicht liegen. Ich würde nie sagen, dass ich hier nicht weggehen würde, aber da habe ich mir momentan noch keine Gedanken gemacht. Eben auch, weil ich mich hier so wohl fühle. Erts wenn Angebote kommen, werde ich mir darüber den Kopf zerbrechen.

Es gab also noch keine Anfragen?

Nein, überhaupt nicht.

Kommen wir zur aktuellen Saison. Ihr steht punktgleich mit Bremen auf Tabellenplatz 2. Trotzdem scheint euch so recht niemand den Meistertitel zuzutrauen. Ärgert Sie das?

Überhaupt nicht. Die Leute haben gutes Recht an uns zu zweifeln, weil wir einfach der Klub mit dem meisten Trubel waren. Immer gab es irgendwelche Störfeuer oder kleine Skandale. Das ist also ganz normal, viele Zweifler zu haben. Das ist kein Problem für mich, sondern vielmehr Ansporn, auch dem letzten zu beweisen, dass wir das Zeug haben, Meister zu werden.

Welche Vorteile hat der FC Schalke denn gegenüber den direkten Kontrahenten um die Schale?

Da konkrete Vor- und Nachteile auszumachen ist immer schwierig. Was feststeht ist, dass Bremen in der Hinrunde einen sehr attraktiven Fußball gespielt hat und man die Bayern nie aus den Augen verlieren darf. Unsere Mannschaft hat sich gefunden, ist in letzter Zeit auch mit der Serie zum Ende der Hinrunde näher zusammengerückt. Alles in allem sind es aber noch 17 lange Spieltage.

Und wie wird Schalke 04 in diesem Jahr deutscher Meister?

Mit einem Punkt Vorsprung auf Werder Bremen.

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