Christian Lell über Levante, Hertha und ungebremste Emotionen

»Mir eilte ein Ruf voraus«

Christian Lell hat in der deutschen Presse den Ruf als »Skandal-Profi« weg. Im Frühjahr 2007 soll er seine Freundin geschlagen und Polizisten als »Wichser« beschimpft haben.

Christian Lell, erinnern Sie sich an den 8. April 2009?
Lassen Sie mich überlegen... Mein letztes Spiel für den FC Bayern?
 
Nein, Sie spielten mit den Bayern in der Champions League beim FC Barcelona.
Ja, richtig. Mein Gegenspieler war damals Lionel Messi, er hat zwei Tore gemacht, und nach 43 Minuten stand das Endergebnis bereits fest: 0:4. Kein schöner Abend – trotzdem habe ich neulich wieder dran gedacht.
 
Weil Sie mit UD Levante gegen Barcelona spielten?
Genau. Das Spiel begann ganz ordentlich, bis zur Halbzeit hielten wir ein 0:0. Als ich in die Kabine kam, dachte ich noch: Läuft doch ganz gut. Besser als letztes Mal jedenfalls. Am Ende stand es wieder 0:4.
 
Wie verteidigt man gegen Lionel Messi?
Ich habe beim Spiel mit Levante gegen Andres Iniesta gespielt – was die Sache aber nicht großartig anders macht. (lacht) Du kannst gegen diese Spieler kaum verteidigen, weil du als Defensivspieler gar nicht erst die Möglichkeit dazu bekommst. Messi, Iniesta und Co. sind so schnell, ballsicher und wendig, dass sie sich schlichtweg nicht auf Zweikämpfe einlassen müssen.
 
UD Levante belegt momentan Platz 6 in der Liga und steht in der Zwischenrunde der Europa League. Hätten Sie vor Ihrem Wechsel gedacht, dass der Klub so eine gute Hausnummer sein könnte?
Nein. Zwar hat Levante auch in der vergangenen Saison schon ordentlichen Fußball gespielt und beinahe die Champions-League-Plätze erreicht, doch die Mannschaft spielte konstant am Limit. Eigentlich hätte man annehmen können, dass wir in dieser Saison einbrechen. Doch diese Spielzeit verläuft wieder gut, trotz dünnem Kader, trotz fehlender Superstars. Es ist sehr erfreulich.
 
Am vergangenen Wochenende haben Sie beim 3:1 gegen Athletic Bilbao ein sehenswertes Tor geschossen. Wurmt es Sie nicht, dass solch einen Treffer in Deutschland kaum jemand zu sehen bekommt?
Zum einen denke ich, dass Fußballfans, die über den Tellerrand gucken, meine Spiele verfolgen. Andererseits ist es mir momentan gar nicht so wichtig, ständig im Mittelpunkt zu stehen. Ich genieße den Abstand zu Deutschland und zur Bundesliga, denn dadurch kann ich auch einige Dinge kritisch hinterfragen und reflektieren.
 
Auch eigene Fehler?
Absolut.
 
Sie lassen sich also Kritik an Ihrem früheren Lebensstil gefallen?
Natürlich. Jedenfalls solange sie sich auf die Aktionen neben dem Platz bezieht, denn da habe ich zweifelsohne Fehler gemacht und in vielen Situationen dumm gehandelt. Unschön finde ich es allerdings, wenn Sachen vermischt werden, denn sportlich kann ich mir nichts vorwerfen. Ich habe immer meine Leistung gebracht und bin stets topfit in die Spiele gegangen.
 
Ist Levante für Sie ein Neuanfang?
Nein, denn der Begriff impliziert für mich, dass ich die Vergangenheit vergesse und so tue, als seien bestimmte Dinge nicht passiert. Das will ich nicht. Ich will diese Dinge annehmen und verstehen – und letztendlich versuchen, sie in Zukunft anders zu machen. Kurzum: UD Levante ist für mich kein Neuanfang, sondern ein Fortgang meiner Karriere unter anderen Voraussetzungen.
 
Sie sagten einmal: »Der Ruf eilt einem Profi stets voraus.« Wenn man Ihren Namen googelt, landet man schnell auf den zahlreichen Berichten über den »Skandal-Profi« Christian Lell. Was wussten die Verantwortlichen von UD Levante über Sie?
In Deutschland eilte mir ein Ruf voraus, das stimmt. Bei UD Levante waren die alten aber Geschichten kein Thema. Der Trainer und der Manager kannten meine Vita und wussten, dass ich sportlich überzeugt habe. Mehr wollten sie nicht wissen.
 
Sie wirken heute sehr entspannt. Aus Deutschland kennt man Sie eher als...
... aufbrausend?
 
Sind Sie das nicht?
Ich gehe sehr entspannt durch den Tag. Trotzdem bin ich ein sehr emotionaler Mensch. Wenn ich Dinge anpacke, möchte ich sie hundertprozentig machen – und genau diese Erwartungshaltung habe ich auch an meine Mitmenschen oder Mitspieler. Ich kann durchaus verstehen, dass man mich für aufbrausend hält. Ich würde mich allerdings eher als Perfektionist bezeichnen.
 
In Deutschland sah man den aufbrausenden Christian Lell zuletzt beim Relegationsspiel Hertha BSC gegen Fortuna Düsseldorf. Erkennen Sie sich im Nachhinein auf den Fernsehbildern wieder?
Die Situation war ja folgende: Ich hatte bei Hertha BSC kurz zuvor für weitere drei Jahre unterschrieben. Dieser Vertrag bedeutete für mich, dass ich mich wohl fühlte und unbedingt mit Hertha in der Bundesliga spielen wollte. Berlin sollte meine neue Heimat werden. Diese Erwartung gepaart mit meinem sehr emotionalen Charakter war in diesem Spiel vermutlich keine gute Kombination. Wobei...

Ja?
Die Frage ist doch: Ist übermäßige Emotionalität immer richtig? In vielen Fällen ist sie das gewiss nicht. In anderen Fällen aber schon, denn sonst wäre ich vermutlich jetzt nicht dort, wo ich bin.
 
Sie haben Schiedsrichter Wolfgang Stark nach dem Spiel beleidigt und erhielten vom DFB dafür eine Sperre von fünf Partien. Wie denken Sie heute über die Szenen nach dem Abpfiff?
Ich war damals voll überzeugt von meiner Reaktion. Ich wollte den Abstieg einfach nicht wahrhaben. Jetzt, mit dem Abstand von sieben Monaten, kann ich sagen: Ich habe vielleicht das Beste für den Verein und die Mannschaft gewollt, doch in der Ausführung war das natürlich alles großer Käse. Ich hätte die Entscheidungen des Schiedsrichters schlichtweg akzeptieren und die Kritik unseren Vereinsverantwortlichen überlassen müssen.
 
Andere Spieler wurden in der Vergangenheit wegen ihrer emotionalen oder überbordenden Ausbrüche gerne mal »Aggressive Leader«, »Tiger« oder »Titan« genannt.
Das sind diese kleinen Rädchen im Fußballgeschäft, die ich verstehen und auch akzeptieren musste. Bei einem Spieler mit meinem Ruf werden gewisse Sachen – auch sportliche – eben anders ausgelegt. Letztendlich darf ich da aber nicht die Schuld bei anderen suchen, sondern muss mich fragen: Wie konnte es überhaupt so weit kommen?
 
Auf Ihrer Homepage steht der Satz des deutschen Dichters Matthias Claudius: »Sage nicht immer, was du weißt. Aber wisse immer, was du sagst.« Haben Sie früher zu viel gesagt und die Medien unterschätzt?
Unterschätzt habe ich sie nicht. Mein Problem war, dass ich mich gar nicht mit ihr auseinandergesetzt habe. Ich habe erst sehr spät realisiert, wie stark ein Fußballprofi in der Öffentlichkeit steht – noch dazu, wenn er Profi des FC Bayern ist.
 
Sie sind in München geboren. Es muss Ihr Jugendwunsch gewesen sein, einmal dort zu spielen.
Absolut. Doch als es soweit war, habe ich meine Situation nicht wirklich reflektiert und mir vieles kaputtgemacht.
 
Anfang 2009 erlebte man einen anderen Christian Lell. Sie hatten eine Stiftung gegründet und diese öffentlich beworben.
Die Stiftung hilft Menschen, die an der Stoffwechselstörung Mukoviszidose leiden – wie meine Schwester. Es ging gar nicht so sehr um Imagepolitur, vielmehr darum, die Medien endlich mal für etwas Positives zu nutzen. Ich hatte ja zuvor am eigenen Leib erfahren, welche Breitenwirkung ein Fußballprofi haben kann. Ich wollte also die Öffentlichkeit mal nutzen, um Dinge sichtbar zu machen, über die wenig bis gar nicht berichtet wird.
 
Sie haben die U20- und U21-Nationalmannschaften durchlaufen. Im September 2011 standen Sie plötzlich wieder im Blickfeld des DFB. Joachim Löw soll damals eine Nominierung in Erwägung gezogen haben. Träumen Sie heute noch von der Nationalelf?
Ich träume nur von Sachen, die nicht realisierbar sind. Träume sollen Träume bleiben.
 
Demzufolge ist die Nationalmannschaft für Sie realisierbar?
Grundsätzlich finde ich es wichtig, sich Ziele zu setzen und diese nicht aus den Augen zu verlieren. Ein Ziel ist es, meine beste Leistung zu zeigen, und wenn diese tatsächlich für eine Nominierung ausreichen sollte, freue ich mich.
 
Werden Sie in die Bundesliga zurückkehren?
Momentan fühle ich mich bei UD Levante pudelwohl. Ich bin auch stolz, dass ich den Schritt ins Ausland gemeistert habe. Ich habe keine Anpassungsschwierigkeiten, fühle mich selbständiger und sogar mit der Sprache wird es täglich besser. Trotzdem, ja, mein Ziel ist es, eines Tages wieder in der Bundesliga zu spielen.

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