Christian Hochstätter im Interview

»Genug Zeit hat man nie«

Als Sportdirektor versucht Christian Hochstätter, Hannover 96 in eine erfolgreiche Zukunft zu lenken. Es ist Hochstätters zweiter Anlauf. Hier spricht er über seine bittere Gladbacher Zeit – und die Fehler, aus denen er lernen möchte. Christian Hochstätter im InterviewImago

Herr Hochstätter, Ihr Onkel ist der Alt-Internationale Helmut Haller. Was hat er Ihnen als kleinem Knirps über den Fußball erzählt?

Leider nichts. Mein Onkel war damals Profi in Italien. Bis zu meinem 18. Lebensjahr hatten wir wenig Kontakt. Das fing erst an, als ich selbst Profi war. Aber er ist kein Mann der großen Worte, und ich habe seine Ratschläge auch nicht gesucht. Ich bin meinen eigenen Weg gegangen.

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Sie wuchsen in Augsburg auf, doch schon mit 18 gingen Sie nach Mönchengladbach. Wo ist Ihre Heimat?

Das ist eine gute Frage. (überlegt) Ich habe länger in Gladbach gelebt als in Augsburg, meine Kinder sind dort aufgewachsen. Ich würde also sagen, dass ich dort meine Heimat habe. Aber das kann durchaus auch Hannover werden.

War die Gladbacher Mannschaft eine Ersatzfamilie für Sie?

Das möchte ich so nicht sagen. Vielmehr war es für uns junge Leute, Uwe Kamps, Michael Frontzeck und mich, eine Herausforderung, uns mit den großen Spielern der damaligen Zeit zu messen. Wir hatten vielmehr Respekt vor ihnen, als das heute der Fall ist. Aber ich hatte durchaus auch Freunde in dieser Mannschaft. Armin Veh und Lothar Matthäus kamen beide auch aus Bayern. Wir sind viel zusammen ausgegangen, wir haben zusammen gegessen, ich habe bei Ihnen übernachtet. Um auf Ihre Frage zurück zu kommen: Die beiden waren am ehesten ein Familienersatz.

Sie sagten, der Respekt der Jungen vor den Alten habe abgenommen. Was hat die Fußballwelt von damals überhaupt noch mit der heutigen gemein?

Es hat sich vieles geändert. Wir standen bei Weitem nicht so im Schaufenster wie die Jungs heute. Wir konnten uns deutlich ruhiger entwickeln, hatten mehr Zeit. Wir hatten es leichter.

War die Mannschaft der 80er Jahre Thronfolger oder Nachlassverwalter der Netzer-Generation?

Eher letzteres. Ich glaube, dass die Tradition auch heute noch eine Belastung für die Borussia ist. Die Erfolge der 70er Jahre werden immer über den Dingen stehen. Den Marketing-Leuten hilft es. Doch für die Spieler bedeutet es einen enormen Druck.

Spiritus Rector der großen Triumphe war Manager Helmut Grashoff. Wann begannen Sie sich für die geschäftliche Seite des Fußballs zu interessieren?

Meine Verträge habe ich von Anfang an selbst ausgehandelt. Ich wollte meine Fehler selbst machen und aus ihnen lernen. Mit 26 Jahren, nach zwei, drei schwereren Verletzungen kam der Gedanke: »Was machst du nach deiner Karriere?« Mir war klar, dass ich nicht mehr als technischer Zeichner arbeiten würde, und begann ein Fernstudium in Sport-Management. Das hat mich gefesselt.

1999 wurden Sie Sport-Direktor in Gladbach.

Ich kam dazu wie die Jungfrau zum Kinde. Der damalige Vize-Präsident rief mich an: »Komm her, du musst das machen.« Ich habe eine Stunde überlegt und dann zugesagt.

Ein halbes Jahr später stieg der Verein ab. Eine äußerst schwierige Situation.

Es war sofort Arbeit da. Wir mussten was auf die Beine stellen. Für mich war das ein Vorteil, da ich mich ja beweisen musste. Dabei hat mich Hans Meyer, der damalige Trainer, enorm unterstützt.

Hatten Sie die Hoffnung, das Fohlen-Erbe nach dem Abstieg endlich überwinden und ganz von vorn anfangen zu können?

Eben nicht! Da ging es erst so richtig los. Nach dem Abstieg habe ich erst gemerkt, welche Kraft diese Tradition hat. Es setzte eine unglaubliche Solidarität ein, die Mitgliederzahl stieg in astronomischen Höhen. Das hat mich stolz gemacht, und es war eine Verpflichtung, diesen Verein wieder hoch zu bringen.

Gleichzeitig barg die Solidarität das Potenzial großer Enttäuschung.

Hans Meyer hat sehr viel Druck absorbiert. Das hat mir ein bisschen mehr Zeit verschafft, um meine Ideen in die Tat umzusetzen. Aber genug Zeit hat man in diesem Geschäft ohnehin nie. Man darf nicht vergessen, dass zu dieser Zeit Gelder, die wir gut für neue Spieler hätten gebrauchen können, in das neue Stadien flossen. Gleichwohl haben wir es mit dem Wiederaufstieg im zweiten Jahr ganz gut hinbekommen, denke ich.

Das neue Stadion war fertig, 2004 kam auch noch ein Trainer von Weltrang: Dick Advocaat. Er brauchte neue Spieler für seine Philosophie und kaufte ein. Für viele der Auftakt der rasanten Spielerfluktuation auf dem Bökelberg.

Ich würde Ihnen gern eine Gegenfrage stellen: Wo würde der Klub heute stehen, wenn Advocaat geblieben wäre? Er ist vor Kurzem mit St. Petersburg Uefa-Cup-Sieger geworden. Sicherlich war es ein Fehler, den einen oder anderen Spieler zu holen, der dann nicht so gepasst hat. Aber der größere Fehler war, Dick Advocaat nach nur vier Monaten gehen zu lassen.

War die Trennung der mangelnden Zeit geschuldet?

Dick stand von der ersten Minute an unter massivem Druck. Ein Paradebeispiel: Nach seinem ersten Spiel in Mainz, einem 1:1, warf ein Journalist ihm vor: »Herr Advocaat, ich habe Ihre Handschrift nicht erkannt.« Als ich das hörte, wusste ich, dass es ein Spießrutenlauf wird.

Haben Sie jemals das Gespräch mit den Journalisten gesucht?

Ja, immer.

Und hat es geholfen?

Nein. Sie wissen zwar, was man vorhat. Aber ein Journalist blendet die Langfristigkeit aus, interessiert sich von Berufs wegen nur für die Aktualität. Auch hier in Hannover müssen wir die Rahmenbedingungen schaffen, die für den langfristigen Erfolg unerlässlich sind. Aber das schütteln wir nicht einfach aus dem Ärmel. Ob wir die Zeit dafür kriegen? Man kann es nur hoffen.

Gibt es Momente des Zorns, wenn die Berichterstattung negativ ist?

Kein Mensch freut sich, wenn er etwas Negatives über sich in der Zeitung liest. Aber nun bin ich schon ein paar Jährchen im Geschäft und kann ganz gut damit umgehen.

Wo finden Sie den Ausgleich zum Stress Ihres Berufs?

In der Familie. Wenn es mal nicht so läuft, setze ich mich ins Auto und fahre zu meiner Familie, die noch in der Nähe von Gladbach lebt. Dann wird nicht über Fußball geredet.

Gibt es im Fußball Freundschaften?


Ja, die gibt es.

Sie mussten in Ihrer Gladbacher Zeit zwei Ihrer ehemaligen Mannschaftskameraden, Ewald Lienen und Holger Fach entlassen. Fiel Ihnen das schwer?

Angenehm war es jedenfalls nicht. Was mich frustriert ist die Tatsache, dass die öffentliche Wahrnehmung eine andere ist als das, was ich erlebt habe. Ich habe nur Ewald Lienen entlassen, und dafür gab es Gründe. Dick Advocaat hat von sich aus aufgehört. Holger Fach haben andere entlassen, ich hätte mit ihm weiter gemacht. Aber in der Öffentlichkeit war es der Hochstätter, der ihn rausgeschmissen hat.

Die Trainer kamen und gingen, die Spieler erst recht – Sie blieben und wurden zum Sündenbock.

Das habe ich beim Abschiedsspiel von Uwe Kamps, als ich gnadenlos ausgepfiffen wurde, ja deutlich zu spüren bekommen. Das hat mich tief getroffen, aber ich habe es überlebt. Ich kann nur sagen: In meiner Zeit haben wir den Wiederaufstieg geschafft und haben die Klasse gehalten. Erst danach ist die Borussia abgestiegen und erst jetzt wieder aufgestiegen. Da sehen Sie, wie schwierig es ist, die Kluft zu den großen Vereinen zu schließen. Das werden auch diejenigen, die jetzt dran sind, bald merken.

Tower, der Gladbacher Fanbeauftragte, sagt: »Christian Ziege macht als Manager genau das, was Christian Hochstätter vorhatte.« Hat er Recht?


Dafür bin ich zu weit weg, um zu beurteilen, was Christian vorhat. Ich bin mit Christian befreundet, aber wenn wir uns treffen, reden wir nicht über den Fußball. Gleichwohl glaube ich, dass das, was wir damals angepackt haben, der richtige Weg für die Borussia war. Gladbach hat heute eine der besten Jugendabteilungen des Landes. Das erfüllt mich mit einer gewissen Genugtuung, das muss ich zugeben. Und weil es nicht falsch war, werden wir versuchen, es bei 96 auch hinzubekommen.


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