06.11.2007

Christian Brausch im Interview

BVB-Boykott: „Es gibt nur Verlierer“

Vier Wochen lang boykottierten die BVB-Profis die Presse. Samstag die süße Rache: Die Spieler wollten reden, doch die Journalisten hörten nicht zu. Wir diskutierten mit Reviersport-Redakteur Christian Brausch über beleidigte Leberwürste.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago
Herr Brausch, wer hat denn nun den Streit gewonnen?

Niemand. Diese ganze Aktion war von vornherein eine groteske Farce, sowohl der Boykott der Spielern als auch der von den Medien. Es gibt nur Verlierer. Der größte ist der Fan.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb, dass die Boykottaktion der BVB-Profis „unter dem Strich kein gutes Licht auf die gut- bis hochbezahlten Hauptdarsteller des Showgeschäfts Fußball-Bundesliga“ wirft. Die Fans sähen es angeblich genauso. Nun sieht die Realität etwas anders aus, so unterstützt etwa der User „mfoe“ im Forum der Online-Ausgabe der FAZ die Aktion der BVB-Spieler: „...jeder hat ein Recht darauf, Interviews zu verweigern. Wenn eine Menge von Spielern wie in Dortmund in einer sehr heiklen Situation steckt und deshalb für einen Zeitraum keine Interviews geben möchte, sollte man das gefälligst akzeptieren.“ Die Aussage steht stellvertretend für viele Beiträge in BVB-Fanforen. Die Fans können den Boykott der Spieler anscheinend besser nachvollziehen als den der Presse.




Die Fans haben die Perspektive der Spieler, sie haben die Fanbrille auf. Ich glaube nicht, dass solche Aussagen wirklich repräsentativ sind. Hätte man die BVB-Fans beim Boykott der Schalker nach ihrer Meinung gefragt, wären die Spieler sicherlich die Schuldigen gewesen und nicht die Journalisten.

Doch die Fans versuchen sich zumindest in die Lage der Spieler zu versetzen. Sie verstehen die Reaktion der BVB-Profis als emotionale und spontane Handlung: Die Spieler würden so Zusammenhalt demonstrieren. Dieser Argumentation folgend, ist der Boykott keine initiierte Kritik an den Medien gewesen.

Kein Spieler kann mir erzählen, er habe den Boykott mitgemacht, weil er sich auf seinen Beruf konzentrieren oder weil er die Gemeinschaft stärken wollte. Das ist doch ein Witz! Wenn ich Fußballprofi bin, dann bin ich eine Person der Öffentlichkeit, dann gehört es zu meiner Pflicht, mich nach dem Spiel zu äußern. Und ich brauche nicht der Gescheiteste sein, um zu wissen, wer die ganze Schose bezahlt. Das war einfach ein dummes Eigentor. Die Spieler müssen sich doch mal fragen, warum Premiere so hohe Preise für die Rechte bezahlt, warum sechs Reporter nach dem Spiel auf Interviews warten.

Aber es geht doch vornehmlich ums Spiel und nicht um die eine Minute Nonsens danach. Das Fernsehen käme ja auch, wenn sich niemand im Anschluss äußerte. Vielleicht wäre wirklich vielen geholfen, wenn wir dem Vorschlag von Manni Breuckmann im DSF-Doppelpass folgen würden und nach dem Spiel gänzlich auf Interviews verzichteten.

Es geht ja nicht nur um diese Minuten nach dem Spiel, es geht ja auch um die Berichterstattung unter der Woche, um Vorgeschichten, Nachberichte, Interviews, aber auch mal um Themen abseits des Spieltags. Das würde dann auch alles wegfallen. Es dreht sich ja nicht nur um die Frage: „Wieso lief es heute nicht gut?“

„Wir haben die Zweikämpfe nicht angenommen.“ Sicher, es geht nicht nur um diese Phrasen, doch aber vermehrt. Und man fragt sich mithin, ob der gemeine Fan nach 90 Minuten wirklich 30 Minuten „Expertentalk“ braucht, bevor er die Zusammenschnitte der anderen Spiele sieht.

Natürlich zählt in erster Linie das Spiel. Aber die Fans erwarten mittlerweile auch die Emotionen danach. Und ich muss ganz ehrlich sagen: Mich interessiert das – früher als Fan genauso wie heute aus beruflicher Perspektive. Gewiss kann man auf den Talk im Anschluss eher verzichten als auf das Spiel. Doch in diesen Talks gibt es zwischen den ganzen Phrasendreschern immer wieder Spieler, die auch was zu sagen haben oder sogar mal mit Aussagen überraschen – im positiven Sinne.

Für Sie gehört also die Emotionalität nach dem Spiel dazu. Und gerade Ihre Zeitung, als Printmedium, kann auf solche O-Töne nicht verzichten, alleine weil die Stimmung der bewegten Bilder fehlt. Ein nüchterner Spielbericht – wer will so etwas schon lesen?

So ist es. Der Fan will keinen seitenlangen Spielbericht. Das machen im Ruhrpott ja viele Lokalzeitungen. Unsere Philosophie ist eine andere: Wir wollen den Spieler zu Wort kommen lassen, nah am Geschehen sein. Niemand will die biedere Auflistung von Chancen. Heute ist die Stimme des Spielers viel wichtiger als früher.

Was wohl auch damit zusammenhängt, dass die Spieler stärker in der Öffentlichkeit stehen, der Fan heute deutliche Images der Spieler vor Augen hat und so eine gewisse Erwartungshaltung aufbaut.

Ja, die Profis stehen in bestimmten Ecken. Entweder verfestigen sie ihr Bild oder zerstören es.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden