Christian Brausch im Interview

BVB-Boykott: „Es gibt nur Verlierer“

Vier Wochen lang boykottierten die BVB-Profis die Presse. Samstag die süße Rache: Die Spieler wollten reden, doch die Journalisten hörten nicht zu. Wir diskutierten mit Reviersport-Redakteur Christian Brausch über beleidigte Leberwürste. Imago

Herr Brausch, wer hat denn nun den Streit gewonnen?

Niemand. Diese ganze Aktion war von vornherein eine groteske Farce, sowohl der Boykott der Spielern als auch der von den Medien. Es gibt nur Verlierer. Der größte ist der Fan.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb, dass die Boykottaktion der BVB-Profis „unter dem Strich kein gutes Licht auf die gut- bis hochbezahlten Hauptdarsteller des Showgeschäfts Fußball-Bundesliga“ wirft. Die Fans sähen es angeblich genauso. Nun sieht die Realität etwas anders aus, so unterstützt etwa der User „mfoe“ im Forum der Online-Ausgabe der FAZ die Aktion der BVB-Spieler: „...jeder hat ein Recht darauf, Interviews zu verweigern. Wenn eine Menge von Spielern wie in Dortmund in einer sehr heiklen Situation steckt und deshalb für einen Zeitraum keine Interviews geben möchte, sollte man das gefälligst akzeptieren.“ Die Aussage steht stellvertretend für viele Beiträge in BVB-Fanforen. Die Fans können den Boykott der Spieler anscheinend besser nachvollziehen als den der Presse.


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Die Fans haben die Perspektive der Spieler, sie haben die Fanbrille auf. Ich glaube nicht, dass solche Aussagen wirklich repräsentativ sind. Hätte man die BVB-Fans beim Boykott der Schalker nach ihrer Meinung gefragt, wären die Spieler sicherlich die Schuldigen gewesen und nicht die Journalisten.

Doch die Fans versuchen sich zumindest in die Lage der Spieler zu versetzen. Sie verstehen die Reaktion der BVB-Profis als emotionale und spontane Handlung: Die Spieler würden so Zusammenhalt demonstrieren. Dieser Argumentation folgend, ist der Boykott keine initiierte Kritik an den Medien gewesen.

Kein Spieler kann mir erzählen, er habe den Boykott mitgemacht, weil er sich auf seinen Beruf konzentrieren oder weil er die Gemeinschaft stärken wollte. Das ist doch ein Witz! Wenn ich Fußballprofi bin, dann bin ich eine Person der Öffentlichkeit, dann gehört es zu meiner Pflicht, mich nach dem Spiel zu äußern. Und ich brauche nicht der Gescheiteste sein, um zu wissen, wer die ganze Schose bezahlt. Das war einfach ein dummes Eigentor. Die Spieler müssen sich doch mal fragen, warum Premiere so hohe Preise für die Rechte bezahlt, warum sechs Reporter nach dem Spiel auf Interviews warten.

Aber es geht doch vornehmlich ums Spiel und nicht um die eine Minute Nonsens danach. Das Fernsehen käme ja auch, wenn sich niemand im Anschluss äußerte. Vielleicht wäre wirklich vielen geholfen, wenn wir dem Vorschlag von Manni Breuckmann im DSF-Doppelpass folgen würden und nach dem Spiel gänzlich auf Interviews verzichteten.

Es geht ja nicht nur um diese Minuten nach dem Spiel, es geht ja auch um die Berichterstattung unter der Woche, um Vorgeschichten, Nachberichte, Interviews, aber auch mal um Themen abseits des Spieltags. Das würde dann auch alles wegfallen. Es dreht sich ja nicht nur um die Frage: „Wieso lief es heute nicht gut?“

„Wir haben die Zweikämpfe nicht angenommen.“ Sicher, es geht nicht nur um diese Phrasen, doch aber vermehrt. Und man fragt sich mithin, ob der gemeine Fan nach 90 Minuten wirklich 30 Minuten „Expertentalk“ braucht, bevor er die Zusammenschnitte der anderen Spiele sieht.

Natürlich zählt in erster Linie das Spiel. Aber die Fans erwarten mittlerweile auch die Emotionen danach. Und ich muss ganz ehrlich sagen: Mich interessiert das – früher als Fan genauso wie heute aus beruflicher Perspektive. Gewiss kann man auf den Talk im Anschluss eher verzichten als auf das Spiel. Doch in diesen Talks gibt es zwischen den ganzen Phrasendreschern immer wieder Spieler, die auch was zu sagen haben oder sogar mal mit Aussagen überraschen – im positiven Sinne.

Für Sie gehört also die Emotionalität nach dem Spiel dazu. Und gerade Ihre Zeitung, als Printmedium, kann auf solche O-Töne nicht verzichten, alleine weil die Stimmung der bewegten Bilder fehlt. Ein nüchterner Spielbericht – wer will so etwas schon lesen?

So ist es. Der Fan will keinen seitenlangen Spielbericht. Das machen im Ruhrpott ja viele Lokalzeitungen. Unsere Philosophie ist eine andere: Wir wollen den Spieler zu Wort kommen lassen, nah am Geschehen sein. Niemand will die biedere Auflistung von Chancen. Heute ist die Stimme des Spielers viel wichtiger als früher.

Was wohl auch damit zusammenhängt, dass die Spieler stärker in der Öffentlichkeit stehen, der Fan heute deutliche Images der Spieler vor Augen hat und so eine gewisse Erwartungshaltung aufbaut.

Ja, die Profis stehen in bestimmten Ecken. Entweder verfestigen sie ihr Bild oder zerstören es.

Trotz der Tatsache, dass wohl die meisten Bundesligaspieler gerne im Rampenlicht stehen: Kann man die Kritik der BVB-Profis nicht auch dahingehend verstehen, dass das Drumherum des Spiels zu viel Bedeutung gewonnen hat? Entscheidend ist längst nicht mehr nur auffem Platz, sondern vielmehr auch daneben...

Natürlich ist die Bundesliga eine Show geworden, es ist nicht mehr nur 90 Minuten Fußball. Man berichtet lange vor, während und auch nach dem Spiel. Das ist der Lauf der Dinge, niemand kann die Zeit zurückdrehen, als Ernst Huberty nur analysierte und nur 90 Minuten Fußball gezeigt wurden.

Und der Fan hat sich daran gewöhnt. Er will auf das „Spektakel Bundesliga“ nicht mehr verzichten.


Richtig. Und die Spieler eigentlich auch nicht. Sie wissen ja auch, was auf sie zukommt, bevor sie in das Becken Bundesliga geworfen werden. Und sie wissen auch, dass sie nur so gut bezahlt werden und ihre Aufmerksamkeit bekommen, weil die Sponsoren da sind, weil die Logos nach dem Spiel hinter dem Interviewpartner postiert werden. Jeder weiß das, und wer da keine Lust drauf hat, der soll es sein lassen oder die Konsequenzen tragen.

Und diese wären: Weniger Fernseheinnahmen, weniger Geld für die Vereine, weniger Gehalt für die Spieler.

Richtig. Und gerade die Initiatoren und Wortführer des BVB-Boykotts würden am lautesten weinen, wenn man ihnen die Gehälter kürzte. Doch diese Spieler scheinen eh zu sehr an Realitätsverlust zu leiden. Die wissen gar nicht, dass sie sich mit einem solchen Boykott ins eigene Fleisch schneiden. Diese Spieler werden von ihrem Verein gehätschelt und getätschelt und sind überhaupt nicht mehr in der Lage, sich mit Kritik auseinanderzusetzen.

Die Kritik der Presse zu Beginn der Saison am Spiel der Borussia war Ihrer Meinung berechtigt.

Ja, auf jeden Fall. Ich denke, dass wir immer objektiv berichtet haben. Nehmen wir mal als Beispiel Delron Buckley: Der Spieler bekam stets schlechte Noten von uns. Meiner Meinung nach zu Recht. Natürlich würde die Bewertung anders ausfallen, wenn wir jedes Mal zehn verschiedene Redakteure nach seiner Leistung befragten. Doch würde er dann besser abschneiden? Ich glaube kaum. Die Tendenz wäre immer dieselbe! Wir haben in den Stadien ja keine Fans sitzen, die berichten, sondern Journalisten, die neutral zum Verein stehen. Und wenn der Spieler über Wochen stetig die Note 5 bekommt, dann sollte er die Fehler vielleicht zunächst bei sich selbst suchen. Doch als Schuldiger wird vom Spieler stets der Andere ausgemacht. Man tritt in einen willkürlichen Presseboykott und schiebt den Journalisten den schwarzen Peter zu. Im Erfolgsfall übrigens, steht man natürlich gerne Rede und Antwort. Dann sonnt man sich nur allzu gerne im Rampenlicht. Ich bin der Meinung, dass die Spieler einfach vergessen haben, was ihre Pflichten sind.

Das war ja auch der allgemeine Tenor in den Medien nach dem Boykott: Eine Verweigerungshaltung gegenüber der Presse wird mit einer schlechten Berufsauffassung gleichgesetzt. Nun hat ja auch der Journalist Pflichten oder besser Kodizes, an die er sich halten sollte. Zuletzt machte das Beispiel Dejagah wieder einmal deutlich, dass auch jene allzu gern vernachlässigt werden. Die BILD-Zeitung enthielt konsequent Informationen vor und bauschte so einen vermeintlichen Skandal auf. Ist vor einem solchen Hintergrund die distanzierte Haltung des Fußballprofis gegenüber Pressevertretern nicht verständlich?

Das sind Einzelfälle. Und eine solche Art der Berichterstattung trifft ja auch nicht auf uns zu.

Dennoch färbt das ab. Der Profi kann im Pressedschungel kaum noch unterscheiden, wem er trauen kann und wem nicht, wem er ohne Bedenken Interviews geben kann und wem nicht. Das Tischtuch scheint auf lange Sicht zerschnitten.

(Pause) Also, ich kann nur von mir berichten: Ich komme mit den meisten Spielern gut aus. Man muss den Spielern einfach das Gefühl geben, dass wirklich nur das geschrieben wird, was gesagt wurde. Dann kommt auch das Vertrauen zurück. Und ich denke auch, dass die Spieler differenzieren können. Diese Boykottaktion der BVB-Profis betrifft uns ja eigentlich nicht, sondern nur die Medien, die wirklich Skandale erfinden, um Auflagen in die Höhe zu treiben. Das ist nicht unser Stil. Deswegen verstehe ich auch nicht, dass die Spieler einen Generalboykott gestartet haben. Denn eigentlich haben wir ein gutes Verhältnis. Ich kann es mir nur so erklären, dass sie längst in anderen Sphären unterwegs sind. Die denken einfach: „Ihr könnt mich alle mal.“

Vielleicht ist das ewige Phrasendreschen auch eine Reaktion auf dieses zerrüttete Verhältnis. Der Spieler lebt in der ständigen Angst, etwas Falsches zu sagen oder falsch zitiert zu werden. Und verliert sich daher in auswendig gelernten Halbsätzen um sich selbst zu schützen.

Sicherlich. Das beste Beispiel ist der MSV Duisburg: Hier gab es in den letzten Jahren immer wieder Spieler, die ihre Telefonnummern partout nicht rausrücken wollten. Das waren zumeist die Spieler, die vorher in großen Städten – etwa in Köln beim FC – gespielt haben und dort tagtäglich mit zwei Boulevard-Zeitungen zu kämpfen hatten. Bei denen war das Vertrauen in die Presse vollkommen zerstört.

Und bekommt der Spieler von jenen Zeitungen erst einen Stempel aufgedrückt, ist es immens schwierig, sich diesen wieder abzuwaschen. Welche Möglichkeiten hat der Fußballprofi überhaupt, um konstruktiv Kritik an den Medien zu üben, um Dinge richtig zu stellen?

Der Spieler kann doch machen, was er will. Er kann sich überall äußern. Er kann an mir vorbeigehen und mir sagen: „Nein, sorry, Brausch, heute geb ich kein Interview!“ Doch er sollte sich stets vernünftig verhalten. Vier Wochen Boykott – das geht einfach nicht.

Eine große Öffentlichkeit erreicht der Spieler mit einer solchen Kritik aber nicht. Will er seine Kritik in der Breite äußern, so braucht er ein mediales Fundament. Die Presse wird ihm jenes Forum aber nicht bieten, wenn er gegen sie schießt: Oder würde ein Rainer Holzschuh eine Kritik an der Berichterstattung im kicker in der Montagsausgabe abdrucken, hätte ein Kai Dieckmann ein Anti-Springer-Pamphlet von Jürgen Klinsmann vor der WM 2006 auf der Titelseite gebracht? Die Journalisten sitzen letztlich doch am längeren Hebel.


Gewiss, der Journalist hat schon die bessere Ausgangsposition. Der Spieler hat immerhin Möglichkeit, sich über Pressekonferenzen zu äußern. So gelangt seine Kritik ja auch in die Öffentlichkeit. Nur meistens nehmen das die attackierten Blätter nicht auf, das ist schon richtig. Aber es geht ja immer noch um diesen konkreten Fall: Und dort war die Kritik an den Medien einfach nicht berechtigt. Die Spieler trauten sich nicht, nur die BILD-Zeitung zu boykottieren, weil sie wussten, dass sie es sich nicht mit der größten deutschen Tageszeitung verscherzen sollten. Die Lösung: Sie boykottierten alle. Ich war übrigens sehr überrascht, dass die BILD nach dem Boykott nicht aggressiv gegen den BVB zu Felde gezogen ist.

In der Tat. Eine bessere Skandalsteilvorlage kann es kaum geben. Dennoch: Kommt die Perspektive der Spieler nicht zu kurz? Müssten beide Seiten bereit sein zu einem Dialog?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass das etwas bringt. Einem Delron Buckley fällt auch nicht am runden Tisch ein, dass die Kritik an seinem Spiel berechtigt war. Die Standpunkte sind auf beiden Seiten viel zu verhärtet.

Der Spieler – sei es nun Buckley oder Kehl – nimmt wohl auch an, dass der gemeine Sportjournalist gar nicht in der Lage ist, zu verstehen, was es heißt, Woche für Woche auf den Platz zu gehen, vor 80.000 Zuschauern zu spielen, täglich Fragen zum Befinden zu beantworten. Hier stehen sich mitunter komplett konträre Welten gegenüber.

Natürlich weiß ich nicht, was es für ein Gefühl ist, vor 80.000 Zuschauern zu spielen. Nun, ich stelle es mir sehr schön vor, vor allem wenn dich davon 60.000 nach vorne peitschen (lacht). Aber ja, vielleicht ist es so, dass die Spieler denken: „Was willst du eigentlich von mir, du hast davon überhaupt keine Ahnung!“

Und nun? Die Spieler haben sich in der Kabine vermutlich über den Boykott der Medien kaputtgelacht. Und mit Verlaub: Es roch wirklich alles zu sehr nach beleidigter Leberwurst, nach einer Kindergartenretourkutsche.


Das kann schon sein. Und ich glaube auch nicht, dass sich die Spieler an der Boykottrevanche gestört haben. Die haben nun vier Wochen geschwiegen, diese fünfte Woche fällt nun auch nicht mehr schwer. Die werden vermutlich auch gar nicht begriffen haben, was eine solche Boykottaktion bewirken kann. Wenn die Presse einen Boykott über Wochen aufrechterhält, dann würden die Spieler eher begreifen, dass ihr Schachzug der falsche war.

In der italienischen Serie A hat es den „Silencio Stampa“ schon mehrfach gegeben. In Deutschland ist der Presseboykott der Schalker Spieler aus der letzten Saison noch in Erinnerung. Nun ist der BVB-Boykott zu Ende gegangen. Folgen weitere?

Das kann sein. Doch eines ist sicher: Wenn so etwas in Mode kommt und dann wirklich nicht mehr berichtet werden kann, dann tragen zuallererst die Vereine und die Spieler den Schaden davon.

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