Christian Brand übers Business

»Die Vermarktung nervt«

In den schnäuzerverseuchten Neunzigern galt Christian Brand als Alternativer im Fußball-Business. Vor dem kommenden Spieltag sprachen wir mit ihm über »ran«, Beleidigungen von Matthäus und einen Ruf als »ewiger Student«. Christian Brand übers BusinessImago

Christian Brand, nach Ihrer Profikarriere haben Sie sich zunächst als Journalist versucht. Eine schwierige Umstellung?

Schwierig war das nicht. Aber während meines Volontariats bei der »Neuen Luzerner Zeitung« hatte ich jeden Mittag einen Tiefpunkt. Das hat man als Fußballer einfach drin. Dann habe ich die Stühle und die Bänke in meinem Büro zusammengeschoben, mich druntergelegt und eine halbe Stunde geschlafen. Die verlängerte Mittagspause ist nie aufgefallen.

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Hat Ihnen das Fußball-Geschäft also irgendwann doch gefehlt?

Das Geschäft nicht. Der Fußball hingegen sehr. Als Spieler hat mich immer die Vermarktung genervt. Da ging es weniger um die Qualität des Spiels. Ich war müde von diesem ganzen Zeug.

Hat sich denn die Vermarktung des Fußballs seit Ihrem letzten Bundesligaspiel im Jahr 2002 nicht eher verschlimmert?

Man achtet wieder auf die Qualität des Spiels. »ran« empfand ich hingegen eher als befremdlich. Wenn man ein Spiel gemacht hatte und sich das abends bei »ran« in einem Zusammenschnitt angesehen hat, bekam man ein völlig verzehrtes Bild. Ich habe mich häufig gefragt: »Was haben die denn gesehen?« Da ging es nur noch um die Vermarktung und weniger um den Inhalt.

Und heute ist das anders?

Mein Eindruck ist, dass es sich heute wieder mehr um den Fußball selbst dreht. Mitte der Neunziger wurde ja alles gehypt, jede Szene hochstilisiert und aufgebauscht. Spiele, die  schwach waren wurden völlig anders verkauft. Für mich als Fußballer war das nur schwer zu ertragen. Da habe ich in den Achtzigern lieber die etwas spröde, aber dem Spiel näher stehende »Sportschau« mit Ernst Huberty geschaut.

Woher kommt diese neue Sachlichkeit in der Berichterstattung?

Durch das Internet und die neuen Möglichkeiten, sich zu informieren, setzt sich Qualität einfach durch. Heute kann man jeden Tag auf 20 Kanälen Fußball schauen. Und kein Zuschauer will gerne etwas präsentiert bekommen, was nicht der Wirklichkeit entspricht. Er möchte wissen, ob das Spiel gut war oder nicht.


Zu aktiven Zeiten haben Sie den deutschen Fußball »unprofessionell« genannt. Heute wird viel über Taktik geredet. Ein Fortschritt?

Unprofessionell im Bezug auf die Unsummen an Geld, die für Spieler statt für eine Idee oder Philosophie ausgegeben wurden. Die Qualität in der Bundesliga fand ich ziemlich schlecht. Taktisch und spielerisch. Aber seit einigen Jahren findet da schon eine rasante Entwicklung statt. Die Handschriften der Trainer sieht man immer deutlicher, und dass sie versuchen, ihre Idee vom Spiel umzusetzen.

Heute wird der Erfolg also besser geplant?

Es wird wahrscheinlich analytischer gearbeitet und entsprechend trainiert. Früher wurde viel Geld verballert. Man muss nicht jedes Jahr den Trainer rauswerfen und 17 neue Spieler kaufen. Heute hat Bayern München mit Louis van Gaal einen Trainer, der ein klares System hat und eine Idee vom Spiel. Da weiß jeder, wo er stehen muss und die Spieler lernen noch etwas dazu. Zu meiner Zeit gab es keine Korrektur, sondern es hieß immer: »Ein Bundesligaspieler muss dieses oder jenes können.« Aber gerade in taktischer Hinsicht wurde in Deutschland gar nicht ausgebildet.

Ihre Kritik an Vermarktung und Funktionären brachten Ihnen mal das Image eines »politischen Profis« ein.

Das war ja immer nur eine oberflächliche Betrachtung.  Da hat einer lange Haare und liest ein Buch, genau wie 20 Millionen andere Menschen, und schon bin ich im Fußball-Geschäft ein Intellektueller und politisch. Wie krank ist das denn? Heutzutage würde das niemanden mehr interessieren. Man weiß mittlerweile, dass Fußballer auch noch andere Hobbys haben und sich nicht nur für Autos, Mode und teure Uhren interessieren.

Mit Lothar Matthäus sind Sie wegen Ihrer angeblichen politischen Einstellung auch mal aneinander gerasselt. »He, Brand, du - du bist doch politisch, bist du doch, du Grüner, machst auf sozial und hetzt hier den Schiri gegen uns auf« hat er Ihnen an den Kopf geworfen.

Das war in der Saison 99/2000 im Halbfinale des DFB-Pokals. Da haben wir mit Hansa gegen den FCB gespielt und waren wirklich gut. Als die Bayern anfingen aggressiv zu spielen, haben wir halt auch mal zugelangt. Als ich dem Schiri sagte, dass er die Kontrolle über das Spiel verliert, musste Matthäus einfach seine Hausmacht in München verteidigen.

War es für Sie ein Ritterschlag, von Lothar Matthäus beleidigt zu werden?

Ach wo. Der hätte auch jeden anderen angeschnauzt. Ich fand das eher lustig. Und Lothar Matthäus war ein normaler Gegenspieler wie alle anderen auch. 

Ihr Image, ein etwas anderer Profi zu sein, haben Sie noch dadurch gestärkt, dass Sie in Bremen mit dem Fahrrad zum Training gekommen sind.

Ich bin auch oft zu Fuß gegangen. Ich wohnte nur 150 Meter vom Trainingsgelände entfernt. Ich musste nur den Deich hoch und mich wieder runter rollen lassen.

Und schon hatten Sie Ihren Ruf als Fußball spielender Student weg.

Das war natürlich auch konstruiert. Da hat jemand längere Haare und kommt mit dem Fahrrad zum Training wie halt manche Studenten zur Uni. Das wurde dann zusammengebaut. Dass ich direkt am Stadion wohnte, hat nicht in die Geschichte gepasst und deshalb hat es vermutlich damals niemand geschrieben.

Fahren Sie eigentlich immer noch mit dem Fahrrad zur Arbeit?


Natürlich. Aber es sind ja auch nur zwei Kilometer.

Christian Brand, 38, absolvierte zwischen 1996 und 2002 insgesamt 108 Bundesligaspiele für Werder Bremen, den VfL Wolfsburg und Hansa Rostock. Eigentlich wollte er nach seiner aktiven Karriere nicht weiter im Fußballgeschäft bleiben. Trotzdem arbeitet er seit zwei Jahren als U18-Trainer des FC Luzern in der Schweiz.

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