Chinedu Obasi über Helden und Vaterfiguren

»Jay-Jay Okocha ist mein ewiges Idol«

Mit seinen 25 Jahren ist der Nigerianer Chinedu Obasi längst ein Routinier bei der TSG Hoffenheim. Im Interview spricht er über seine Vaterfigur Ralf Rangnick, warum John Obi Mikel wie ein Bruder für ihn ist und über sein großes Idol Jay-Jay Okocha. Chinedu Obasi über Helden und Vaterfiguren

Chinedu Obasi, deutsche Fußballfans kennen Sie seit vier Jahren als Spieler der TSG Hoffenheim, über die Jahre vor Ihrem Wechsel nach Deutschland weiß man dagegen eher wenig. Wie sind Sie als kleiner Junge zum Fußball gekommen?

Chinedu Obasi: Ich wuchs in Enugu auf, einer Stadt im Süden von Nigeria. Und an Fußball kommt in meiner Heimat niemand vorbei, Fußball ist omnipräsent. Mein erster Verein waren die Samba Boys, ein Klub, der deswegen so genannt wurde, weil es den Trainern vor allem um Technik und Spaß am Spiel ging. Mit etwa 13 Jahren wechselte ich zu River Lane FC. Gleichzeitig vertrat ich meine Schule beim so genannten Shell-Cup. Ich spielte ein ziemlich gutes Turnier. Und dann bekam ich einen Brief.

>>> Chinedu Obasi – seine Karriere in Bildern

[ad]

Was war das für ein Brief?

Chinedu Obasi: Der Absender war der nigerianische Fußballverband: Eine Einladung für die U17-Nationalmannschaft! Ich war überglücklich. Ein Jahr zuvor saß ich zu Hause vor dem Fernseher, mein Bruder und ich sahen uns ein Match der U17 an. Ich sagte zu ihm scherzhaft: »Da spiele ich auch bald.« Und ich hatte Recht. Die Nominierung brachte dann meine Karriere ins Rollen.

Welche Rolle spielte der Fußball in diesen Jahren in Ihrem Leben?

Chinedu Obasi: Ich lebe nicht nur für Fußball, ich lebe Fußball mit jeder Faser meines Körpers. Das war damals so und das ist heute so. Früher dachte ich den ganzen Tag nur an Fußball, ich vergaß sogar zu essen, wenn ich die Möglichkeit hatte Fußball zu spielen. Bis heute hat sich daran eigentlich nicht viel geändert. Außer, dass man mich heute rechtzeitig ans Essen erinnert.

Es gibt nicht wenige Fans in Deutschland, die sagen: Fußball ist meine Religion. Ist das in Nigeria auch der Fall?

Chinedu Obasi: Ich glaube, dass man Fußball und Religion in Nigeria nicht miteinander vergleichen kann. Religion ist in Nigeria etwas sehr Persönliches, Privates. Teilweise auch sehr spirituell. Fußball... Wie soll man das erklären? Fußball ist sehr sehr groß in Nigeria. Und extrem wichtig. Es bewegt die Menschen, aber auf einer anderen Ebene als Religion.

Wo wir gerade von etwas sehr Großem sprechen: In Deutschland und Europa wird man nigerianischen Fußball wohl auf ewig mit dem Namen Jay-Jay Okocha verbinden. Wie wichtig ist Okocha in Nigeria?

Chinedu Obasi: Jay-Jay? Er ist eine echte Legende, vermutlich ist er sogar bekannter  als der Präsident! (lacht) Als er Nigerias »Dreamteam« 1996 bei den Olympischen Spielen in Atlanta zur Goldmedaille führte, saß das ganze Land vor dem Fernseher. Das war einfach magisch, wie sie erst im Halbfinale Brasilien schlugen und dann im Endspiel Argentinien! Jay-Jay und Nwankwo Kanu werden auf ewig meine Helden bleiben.

1996 waren Sie gerade zehn Jahre alt: Hatten Sie denn auch Okocha- Poster in Ihrem Kinderzimmer hängen?

Chinedu Obasi: Ich glaube nicht, aber das war auch gar nicht nötig. Nach 1996 musste man nur vor die Tür gehen und schon blickte man in das Gesicht von Jay-Jay. Es gab niemanden in meiner Klasse, der nicht seine Schulbücher mit Jay-Jay-Bildern vollgeklebt hatte. Gerade in Enugu: Jay-Jay kommt hierher, er ist sogar im gleichen Stadtteil geboren worden wie ich! Geh in Enugu auf die Straße und frag nach Jay-Jay, die Leute werden ausflippen vor Freude.


Kennen Sie eigentlich das berühmte Okocha-Tor gegen Oliver Kahn in der Bundesliga?

Chinedu Obasi: Dieses Tor werde ich niemals vergessen. Zumal es gegen Oliver Kahn war, das macht es sogar noch besser! (lacht) Die deutsche Nummer eins gegen die nigerianische Nummer eins – und wer hat gewonnen?

Wann haben Sie Jay-Jay Okocha das erste Mal kennengelernt?

Chinedu Obasi: 2005 gab ich mein Debüt in der Nationalmannschaft, es war Jay-Jays letztes Jahr für die Super-Eagles. Ich lief auf den Trainingsplatz, ein junger Kerl, der gerade noch bei der U-20-WM gespielt hatte. Und da stand plötzlich mein Idol. Seit ich denken konnte, hatte ich seine Karriere verfolgt. Ich hatte seine Spiele im Radio gehört, ihn im Fernsehen gesehen und die Berichte über ihn in der Zeitung gelesen. Jetzt waren wir auf einmal Mitspieler und versuchten im Training dieselben Tricks. Ihm auf einmal face-to-face gegenüber zu stehen, war... Mein Gott, ich war so jung und er war Jay-Jay Okocha! Ich konnte es einfach nicht glauben.

Was haben Sie ihm denn als erstes gesagt?

Chinedu Obasi: Ich sagte: »Hallo«. Und er sagte auch etwas.

Und zwar?

Chinedu Obasi: Das kann ich hier nicht sagen (lacht). Auf jeden Fall war er sehr nett, ein toller Typ. Später hat er mich häufig zur Seite genommen, mir gesagt, dass ich Potential hätte und ich es bis ganz nach oben schaffen würde, wenn ich immer hart an mir arbeite. Solche Dinge halt.

Seit diesen Ratschlägen sind sechs Jahre vergangen. Sie sind inzwischen 83-facher Bundesligaspieler und haben 27 Mal für Nigeria gespielt. Können Sie sich mit Okocha vergleichen?

Chinedu Obasi: Jay-Jay ist eine Legende. Ich kann mich doch nicht mit ihm vergleichen! Außerdem sind wir ganz andere Spielertypen, ich bin Stürmer, Jay-Jay war im Mittelfeld zu Hause. Ich glaube, meine Technik ist ganz ok, aber Jay-Jay ist eben der Chef. Für mich ist er einer der besten Fußballer, die je auf diesem Planeten gespielt haben. Wäre er Südamerikaner oder Europäer hätte er vermutlich auch große Titel gewonnen und wäre noch berühmter als er es heute ohnehin schon ist.

Bevor Sie 2007 zur TSG Hoffenheim wechselten, spielten Sie zwei Jahre lang gemeinsam mit Ihrem Freund John Obi Mikel für den norwegischen Klub Lyn Oslo. Nachdem Mikels Wechsel zum FC Chelsea bekannt gegeben wurde, soll er Morddrohungen erhalten haben. In einem Interview mit den Kollegen von »Spox« sagten Sie 2009: »Es gibt viele Dinge, die in Norwegen passiert sind, die ich einfach nur vergessen möchte.« Wie bewerten Sie Ihre Zeit in Oslo heute?

Chinedu Obasi: Es war toll. Ich hatte eine gute Zeit, und ich habe viele nette Menschen kennengelernt. Natürlich auch schlechte Menschen. Aber so ist es doch immer im Leben: Du lernst nette und nicht so nette Menschen kennen. Die große Aufgabe ist es dann, die schlechten Menschen nicht so nah an dich heran zu lassen. Ich versuche immer, die Begegnungen mit schlechten Menschen in positive Energien umzuwandeln.

Das klingt extrem schwierig.

Chinedu Obasi: Ist es auch. Aber wenn man im Leben voran kommen möchte, dann muss man dazu in der Lage sein. Vor allem als Fußballprofi. Wenn ich eines im Leben gelernt habe, dann dieses: Lass dich von schlechten Menschen nicht auf deinem Weg aufhalten.

Nach der gemeinsamen Zeit in Oslo gingen Sie und Mikel getrennte Wege. Das war sicherlich nicht einfach.

Chinedu Obasi: Das stimmt. Zumal John Obi für mich mehr als nur ein Freund ist. Er ist mein Bruder. Wir sehen uns auch heute noch regelmäßig, in der Nationalmannschaft oder in den spielfreien Wochen. Und wenn ich Sehnsucht nach ihm habe, setze ich mich ins Flugzeug und besuche ihn in London. Dann erzählen wir uns alles, was uns auf der Seele brennt und haben Spaß – wie es eben so ist unter Brüdern.

Okocha war für sein überaus trickreiches Spiel berühmt, der Bundesliga hat er damit unvergessliche Momente hinterlassen. Dürften Sie solche Tricks überhaupt noch in einem Pflichtspiel ausprobieren oder würde Ihr Trainer Sie zur Strafe gleich auswechseln?

Chinedu Obasi: Ich glaube, dass Holger Stanislawski damit keine Probleme hätte. Stanislawski ist ein sehr toleranter Trainer, er mag es, wenn seine Spieler sich selbst entfalten können. Das macht ihn, wie ich finde, zu einem sehr guten Trainer. Für solche Tricks braucht man als Spieler allerdings enorm viel Selbstvertrauen und das hat man nur, wenn man sich körperlich auf einem Top-Level befindet. Ich habe nach einer langen Verletzung erst wieder meine ersten Spiele gemacht – da verzichte ich lieber auf solche Tricksereien.

Holger Stanislawski ist neu im Verein, er kam als Nachfolger von Ralf Rangnick. Der wiederum hatte Sie 2007 von Lyn Oslo erst nach Hoffenheim geholt. Was macht Stanislawski anders als Rangnick?

Chinedu Obasi: Damit bringen Sie mich in eine schwierige Situation, denn um ehrlich zu sein war Ralf Rangnick mehr als ein Trainer für mich. Rangnick war für mich wie ein Vater. Ich habe großen Respekt vor ihm und seiner Arbeit. Gleichzeitig schätze ich natürlich auch Holger Stanislawski, er ist ebenfalls ein toller Trainer. Seine größte Leistung war es, dass er die Mannschaft wieder rechtzeitig aufgeweckt und motiviert hat. Denn nach dem Weggang von Ralf Rangnick waren wir doch alle ziemlich am Boden. Stanislawski hat das geschafft und deswegen hat er mit dieser Mannschaft auch Erfolg. Das muss man ihm hoch anrechnen.

Am Sonntag spielen Sie mit der TSG gegen den 1. FC Köln. Was wissen Sie über diese Mannschaft?

Chinedu Obasi: Zuerst einmal: Egal, gegen welchen Gegner wir auch spielen – ich habe großen Respekt vor diesen Mannschaften. Die Bundesliga ist so stark, so ausgeglichen, da wäre es tödlich, einen Gegner auf die leichte Schulter zu nehmen. Köln hat einen sehr guten Trainer und eine gefährliche Mannschaft. Vor allem die Offensive wird uns Probleme bereiten. Ich hoffe trotzdem, dass wir Sie schlagen können.

Kölns Superstar heißt Lukas Podolski, wie Jay-Jay Okocha ist auch er ein Idol für viele Jugendliche Fußballfans. Wie berühmt ist Podolski in Nigeria?

Chinedu Obasi: Jeder kennt ihn dort, genau wie Schweinsteiger und all die anderen deutschen Stars. Nigerianer sind fußballverrückt, die kennen jede Liga und natürlich auch die Bundesliga. Podolski ist ein großer Spieler, aber mit Jay-Jay kann ihn nicht vergleichen. Jay-Jay Okocha ist eine absolute Legende, sagte ich das nicht schon mal?

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!