Chefscout Urs Siegenthaler im Interview

»Es geht um die Liebe zum Detail«

Urs Siegenthaler sieht alles, hört alles, weiß alles. Sagen jedenfalls die Spieler der deutschen Nationalmannschaft. Vor dem Halbfinale gegen Spanien sprachen wir mit dem DFB-Chefscout über Querpässe und Schweden. Chefscout Urs Siegenthaler im Interview

Urs Siegenthaler, Sie spähen seit sechs Jahren die Gegner der deutschen Nationalmannschaft aus. Kann Spanien noch überraschen?

Ich denke, nein. Spanien ist kein Geheimnis mehr. Die Spieler sind bestens bekannt. Wir wissen, was uns erwartet. Wir wissen wie Iniesta spielt, wir kennen Xabi Alonso, Xavi, Torres. Wir sehen sie ja regelmäßig in der Champions League.

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Hat Sie das deutsche Team überrascht?



Das darf jetzt nicht überheblich klingen, aber aufgrund der intensiven Vorbereitung seit Januar muss ich ehrlich sagen: nein. Wenn man gezielt mit einem Konzept arbeitet, wenn man strategisch vorgeht wie der Bundestrainer, kommt es zu diesen Fortschritten. Ich vergleiche das mit einem Englischkurs. Nach acht Wochen spricht man mit größter Wahrscheinlichkeit besser Englisch. Aber man muss eben hingehen und braucht einen guten Lehrer.

Sind die Deutschen so gut wie Spanien?

Ich glaube, Spanien ist im Moment überrascht von Deutschland. Aber: Was Spanien zeigt, ist Löws Idealvorstellung vom Fußball. Wer träumt nicht vom FC Barcelona oder früher von Real Madrid? Das spanische Team ist aber nicht erst seit heute gut. Spanien ist Europameister, Spanien wäre auch bei der WM 2006 ein Titelkandidat gewesen, wären sie nicht so blöd ausgeschieden. Sie sind schon in Jugendbereichen U-17-Weltmeister geworden, U-19-Europameister. Das ist eine goldene Generation. Allein diese Offensive!

Offensivfußball führt bei dieser WM zum Erfolg, das haben Sie schon früh behauptet. Was hat Sie so sicher gemacht?

Es gehört zu meiner Art, mit meinem Beruf umzugehen: auch mal alle Brücken zu sprengen und alles Wissen über Bord zu werfen. Der Bundestrainer und ich haben uns gefragt: Wo beginnt eigentlich das Fußballspiel? Womit kannst du Erfolg haben, was ist wichtig beim Fußball?

Haben Sie eine Antwort gefunden?



Man muss sich neu auf die Reize des Spiels einlassen. Eigentlich sind alle 32 Mannschaften hier in den hinteren beiden Dritteln sehr gut. Aber im letzten Drittel, in der Offensiventwicklung, hatten alle Probleme, mit Ausnahme der Niederlande, Spanien und Deutschland.

Woher kommt das?

Die Trainer haben sich jahrelang mit der Defensive beschäftigt: aufrücken, verschieben, kompakt stehen. Aber wir haben uns zu wenige Gedanken gemacht über die Offensive. Es ist schwer zu unterrichten, wie man in die Offensive geht. Andere Sportarten wie Handball, Basketball oder Hockey sind uns da voraus, weil dort Spielzüge einstudiert werden.

Ist Erfolg also planbar?

Ja, davon bin ich zutiefst überzeugt, sonst würde ich den Job nicht machen.

Um den Fußball herum gibt es inzwischen Ernährungswissenschaftler, Psychologen, Datenerfasser und Leute wie Sie. Geht es im Fußball zu wissenschaftlich zu?

Nein, nur glaube ich, dass sich viele ihr schlechtes Gewissen damit befriedigen. Ich habe meiner Frau geschrieben: Schatz, hier in Afrika hat mich eine Aussage eingeholt: Wir haben wohl alles, aber wir können damit nicht umgehen. Hier hat jeder ein Auto, aber nicht jeder kann damit fahren. Wir sind neulich eineinhalb Stunden ums Stadion herumgefahren, aber der Fahrer hat den Eingang nicht gefunden. Warum ich das erzähle? Die Wissenschaft darf uns begleiten, sie darf uns aber nicht führen.

Früher hieß es, die deutschen Spieler tun sich schwer mit taktischen und theoretischen Vorgaben. Sind die Spieler intelligenter und aufnahmebereiter geworden?

Der Trainerstab lebt das vor. Das hat nichts mit blindem Gehorsam zu tun. Die Trainer denken modern, sie wehren sich nicht gegen Neues. Wenn ich morgen sagen würde, wir reden jetzt alle Schwedisch am Tisch, ist der Trainer offen dafür und wird nach dem Sinn fragen. Das ist eine Fähigkeit von Hansi Flick, Andreas Köpke und Joachim Löw, so etwas aufzunehmen, auch mit Kritik zu begleiten. Was förderlich sein kann. So ungefähr war es auch mit dem Taktiktraining. Vor ein paar Jahren hatte die Mannschaft nicht diese Freude daran. Heute gehört das zum Tagesprogramm wie essen und schlafen.


Jüngere Spieler sind offener für Neues. Ist das neben der Fitness der Grund, weshalb bei dieser WM Jugend Erfahrung schlägt?

Wenn ich sehr persönlich ein Statement abgeben müsste, würde ich sagen: Viele Spieler werden maßlos überschätzt. Will sagen: Manche Spieler haben einen Namen, dem sie nicht mehr gerecht werden.

Mussten darum große Fußballnationen wie Frankreich oder Italien nach Hause fahren?

Es gibt Unterschiede. Mir steht es nicht zu, große Fußballnationen zu kritisieren. Aber ich gehe davon aus, dass Frankreich ein Konzept hat; in der Jugendausbildung, in der Förderung von guten Fußballern. Dort lag das Problem wohl eher in der Führung, im Gegensatz zu Italien. Schon beim Confed Cup 2009 habe ich mich gefragt: Wollen die wirklich immer noch mit acht Weltmeistern agieren? Italien war früher für mich der Inbegriff des guten taktischen Fußballs. Heute haben sie schon im U-Bereich Schwierigkeiten. Die Vereine kaufen sich jeden zweiten Spieler. Ich kenne das aus der italienischen Schweiz, da wechseln Spieler zu italienischen Klubs und werden danach ausgeliehen an Zweit- oder Drittligateams. Die verkümmern alle!

Wie hat sich der deutsche Halbfinale-Gegner Spanien eigentlich seit dem EM-Finale entwickelt?



Wenn man schon fast perfekt Englisch spricht, ist es schwierig, da noch Fortschritte zu erzielen. Das ist mühsam. Die letzten fünf Prozent aus einer Zitrone zu pressen ist hart. Die Spanier haben eine riesengroße Ordnung auf dem Platz, sie sind kaum aus dem Konzept zu bringen, die Mannschaft ist selbstsicher, aber nicht überheblich. Sie weiß, was sie kann.

Wie beobachten Sie ein Spiel von der Tribüne aus?

Früher habe ich alles in ein Diktafon gesprochen. Heute notiere ich mir die Minute einer Szene, die ich mir noch einmal anschauen möchte. Ich vergleiche das mal: Wenn wir hier durch dieses Haus laufen, dann sagen Sie: Das deutsche Team wohnt aber schön. Und dann kommen Sie morgen wieder und wir laufen wieder durchs Haus. Plötzlich sagen sie: Oh, das hier habe ich gestern gar nicht gesehen. Es geht um Details, und dafür braucht es diese Nähe, die Liebe zum Detail.

Dann gucken Sie also ein Fußballspiel mit den Augen eines Architekten?

Insofern ja, als ich einfach die Bereitschaft habe, öfter hinzuschauen. Es ist viel einfacher, gegen einen schwachen Gegner zu spielen, weil man relativ rasch Lösungen sieht. Aber es wird verdammt schwierig, wenn es Spanien ist.

Wie lange brauchen Sie, das Spiel einer Mannschaft zu entschlüsseln?



Das ist Knochenarbeit. Ich saß vor dem Argentinien-Spiel zwölf Stunden am Bildschirm. Und auch vor dem Spanien-Spiel hatte ich viel zu tun.
Weil die Spanier schwierig zu knacken sind?

Spanien macht es uns etwas schwieriger als Argentinien.

Sie sagten mal, Fußballspieler haben Vorlieben; unsere Aufgabe ist es, diese zu ergründen. Welche Vorlieben haben die Spanier?

Schauen Sie sich deren Mentalität an. Wenn ich Spanien besucht habe, ist mir aufgefallen, dass sie sehr korrekt sind. Ich habe 60-, 70-jährige Leute gesehen, die sich an der Hand halten, sie sind sauber gekleidet, sie mögen das Traditionelle, das Königshaus steht noch im Vordergrund. Auch wenn man einen Stierkampf beobachtet: Da geht es viel um ein Gehabe von Stolz. Sie sind nie unfair. Nehmen Sie den FC Barcelona, das gibt es nie ein Skandalspiel, sie spielen, und wenn sie verlieren, dann gehen sie zum Gegner und sagen: Du, wir waren heute nicht gut drauf. Aber dass da mit gestrecktem Fuß reingegangen wird, das sieht man von Spaniern eigentlich nicht. Für Ausraster sind sie zu stolz und zu selbstkritisch.

Das würde also bedeuten: Ein Nationalteam spielt, wie eine Nation tickt?

Ja, das denke ich.

Gibt es Ausnahmen?

Nein. Unter Druck greift jeder darauf zurück, was einen ausmacht. Immer! Denken Sie an die afrikanischen Teams hier. Sie sind alle ausgeschieden. Ich habe das vorausgesagt. Das Problem ist: Sie ertragen gute Spieler, aber sie fallen unter Druck in alte Muster zurück. Dann ist keiner da, der das regelt, und es wird vieles im Spiel unzuverlässig. Ich bin für Afrika, verstehen Sie mich nicht falsch, aber sehr oft stelle ich fest: Da kommen überragende Spieler, aber es fehlt in solchen Momenten einer, der sagt: Hey, spielt einfach Fußball und macht einfach, was ihr könnt!

In welches Muster fällt der Deutsche unter Druck zurück?



Das zu verhindern, ist die große Aufgabe des Bundestrainers. Die Deutschen haben bewiesen, dass sie es können. Aber wenn sie wieder quer spielen und weite Bälle nach vorn spielen, dann ist es so weit.

Deutsches Sicherheitsdenken?

Ja, bringen wir es auf einen Nenner: Das Spiel verwalten, statt es zu spielen.

Gibt es ein Muster, in das die Spanier zurückfallen könnten?

Ich denke, dass ich dem Trainer zwei, drei gute Hinweise geben kann.

Könnten Sie einen Effekt produzieren, wenn der Trainer nicht Löw, sondern, sagen wir, Maradona wäre?



Diese Stelle würde ich nicht mehr antreten.

Aber die Engländer könnten Sie schon besser machen, oder?



Mit Löw zusammen, ja.

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