07.07.2010

Chefscout Urs Siegenthaler im Interview

»Es geht um die Liebe zum Detail«

Urs Siegenthaler sieht alles, hört alles, weiß alles. Sagen jedenfalls die Spieler der deutschen Nationalmannschaft. Vor dem Halbfinale gegen Spanien sprachen wir mit dem DFB-Chefscout über Querpässe und Schweden.

Interview: Michael Rosentritt Bild: Imago
Urs Siegenthaler, Sie spähen seit sechs Jahren die Gegner der deutschen Nationalmannschaft aus. Kann Spanien noch überraschen?

Ich denke, nein. Spanien ist kein Geheimnis mehr. Die Spieler sind bestens bekannt. Wir wissen, was uns erwartet. Wir wissen wie Iniesta spielt, wir kennen Xabi Alonso, Xavi, Torres. Wir sehen sie ja regelmäßig in der Champions League.



Hat Sie das deutsche Team überrascht?



Das darf jetzt nicht überheblich klingen, aber aufgrund der intensiven Vorbereitung seit Januar muss ich ehrlich sagen: nein. Wenn man gezielt mit einem Konzept arbeitet, wenn man strategisch vorgeht wie der Bundestrainer, kommt es zu diesen Fortschritten. Ich vergleiche das mit einem Englischkurs. Nach acht Wochen spricht man mit größter Wahrscheinlichkeit besser Englisch. Aber man muss eben hingehen und braucht einen guten Lehrer.

Sind die Deutschen so gut wie Spanien?

Ich glaube, Spanien ist im Moment überrascht von Deutschland. Aber: Was Spanien zeigt, ist Löws Idealvorstellung vom Fußball. Wer träumt nicht vom FC Barcelona oder früher von Real Madrid? Das spanische Team ist aber nicht erst seit heute gut. Spanien ist Europameister, Spanien wäre auch bei der WM 2006 ein Titelkandidat gewesen, wären sie nicht so blöd ausgeschieden. Sie sind schon in Jugendbereichen U-17-Weltmeister geworden, U-19-Europameister. Das ist eine goldene Generation. Allein diese Offensive!

Offensivfußball führt bei dieser WM zum Erfolg, das haben Sie schon früh behauptet. Was hat Sie so sicher gemacht?

Es gehört zu meiner Art, mit meinem Beruf umzugehen: auch mal alle Brücken zu sprengen und alles Wissen über Bord zu werfen. Der Bundestrainer und ich haben uns gefragt: Wo beginnt eigentlich das Fußballspiel? Womit kannst du Erfolg haben, was ist wichtig beim Fußball?

Haben Sie eine Antwort gefunden?



Man muss sich neu auf die Reize des Spiels einlassen. Eigentlich sind alle 32 Mannschaften hier in den hinteren beiden Dritteln sehr gut. Aber im letzten Drittel, in der Offensiventwicklung, hatten alle Probleme, mit Ausnahme der Niederlande, Spanien und Deutschland.

Woher kommt das?

Die Trainer haben sich jahrelang mit der Defensive beschäftigt: aufrücken, verschieben, kompakt stehen. Aber wir haben uns zu wenige Gedanken gemacht über die Offensive. Es ist schwer zu unterrichten, wie man in die Offensive geht. Andere Sportarten wie Handball, Basketball oder Hockey sind uns da voraus, weil dort Spielzüge einstudiert werden.

Ist Erfolg also planbar?

Ja, davon bin ich zutiefst überzeugt, sonst würde ich den Job nicht machen.

Um den Fußball herum gibt es inzwischen Ernährungswissenschaftler, Psychologen, Datenerfasser und Leute wie Sie. Geht es im Fußball zu wissenschaftlich zu?

Nein, nur glaube ich, dass sich viele ihr schlechtes Gewissen damit befriedigen. Ich habe meiner Frau geschrieben: Schatz, hier in Afrika hat mich eine Aussage eingeholt: Wir haben wohl alles, aber wir können damit nicht umgehen. Hier hat jeder ein Auto, aber nicht jeder kann damit fahren. Wir sind neulich eineinhalb Stunden ums Stadion herumgefahren, aber der Fahrer hat den Eingang nicht gefunden. Warum ich das erzähle? Die Wissenschaft darf uns begleiten, sie darf uns aber nicht führen.

Früher hieß es, die deutschen Spieler tun sich schwer mit taktischen und theoretischen Vorgaben. Sind die Spieler intelligenter und aufnahmebereiter geworden?

Der Trainerstab lebt das vor. Das hat nichts mit blindem Gehorsam zu tun. Die Trainer denken modern, sie wehren sich nicht gegen Neues. Wenn ich morgen sagen würde, wir reden jetzt alle Schwedisch am Tisch, ist der Trainer offen dafür und wird nach dem Sinn fragen. Das ist eine Fähigkeit von Hansi Flick, Andreas Köpke und Joachim Löw, so etwas aufzunehmen, auch mit Kritik zu begleiten. Was förderlich sein kann. So ungefähr war es auch mit dem Taktiktraining. Vor ein paar Jahren hatte die Mannschaft nicht diese Freude daran. Heute gehört das zum Tagesprogramm wie essen und schlafen.

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