Charly Körbel über Lajos Detari

»Manchmal hat er fast geheult«

Wenn Karl-Heinz Körbel über Lajos Detari spricht, gerät er ins Schwärmen. Ein Fußballverrückter sei der Ungar gewesen, einer, der Spiele alleine entscheiden kann. Doch Körbel kannte auch die andere Seite des sensiblen Spielmachers. Charly Körbel über Lajos DetariImago

Herr Körbel, wie lange teilten Sie sich mit Lajos Detari ein Zimmer?

Das ganze Jahr, in dem er bei der Eintracht war. Ich bin ja immer der Spezialist gewesen für die neuen Problemfälle (schmunzelt). Ich war eine Art Auslandsbotschafter, hab mich um die neuen Jungs gekümmert, damit sie sich wohl fühlten.

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Was denken Sie: Hat Detari zu wenig aus seinen Fähigkeiten gemacht?

Mit Sicherheit. Lajos war ein Fußballverrückter mit totaler Leidenschaft. Dazu ein typischer Spielmacher mit allen Höhen und Tiefen, der ein Spiel alleine entscheiden konnte – wie es auch oft passiert ist. Und sehr selbstbewusst. Vor dem Pokalendspiel sagte er etwa: »Ich entscheide heute das Spiel.« Was er dann auch tat.

Defensivaufgaben waren ihm allerdings verhasst.

Das stimmt. Deckungsarbeit war bei ihm nicht vorhanden. Gegen ihn war Uwe Bein ein Abwehrweltmeister. (lacht) Aber das war im Grunde egal. Ein solcher Spieler-Typ hat einfach dieses gewisse Etwas und deswegen sind diese Spieler auch so wertvoll. Detari hat in manchen Spielen einfach mal den Ball genommen und ist von der Mittelinie aus allein durchgegangen. Das ist heute in der Bundesliga ja gar nicht mehr machbar. Aber er zeigte mir gegenüber aber auch oft genug seine andere Seite.

Welche Seite war das?

Die des Zweiflers, der oft zu mir gekommen ist und der nicht an sich glaubte. »Pack ich das überhaupt in der Bundesliga?«, fragte er sich häufig.

Obwohl ihm die Bundesliga eigentlich nicht genug war.

Lajos wusste schon damals, dass sein großes Ziel Italien war. Und dann kam diese Anfrage aus Griechenland und ich riet ihm nur: »Lajos, bleib bei uns, das hat doch keinen Sinn.« Aber diese ganze Millionenspielerei, die Berater drum herum, haben ihn verrückt gemacht.

Vor allem von Juventus Turin fühlte er sich beinah magisch angezogen.

Deswegen habe ich ja gesagt: »Bleib noch in Frankfurt, in der Bundesliga, hier kannst du dich entwickeln. Du bist hier ein Held geworden.« Und das war er mit Sicherheit, spätestens nach dem Pokalsieg. Ich habe mir zuletzt erst wieder ein TV-Interview von damals angeschaut, in dem er sagte: »Ich bleibe nicht nur ein Jahr, ich bleibe noch vier Jahre in Frankfurt«

»Manchmal hat er fast geheult.« – Lajos Detari und seine Schuhe >>


Detari behauptet, dass vor allem Berater und das ungarische Sportministerium seinen Weg diktierten. Inwieweit glauben Sie dieser Abhängigkeit und Einflussnahme?

Ob er wirklich nur eine Marionette war, weiß ich natürlich nicht. Aber ich habe oft mitbekommen, wie er abends mit diversen Beratern über Geld und Vereine gesprochen hat. Er hatte ja noch andere Angebote. Aber diese Zahl, egal ob sie stimmt oder nicht, 17- oder 18-Millionen Mark, die war utopisch. Alle haben verrückt gespielt, auch die Eintracht. Noch heute weiß keiner so richtig, wo die Millionen überhaupt hin sind.

In einer »Kicker«-Schlagzeile stand einmal: »Detari leimt Frankfurt.« Haben Sie sich von ihm geleimt gefühlt?

Nein. Lajos ist ein von Grund auf ehrlicher Mensch, den das ganze Theater sehr getroffen hat. Ich glaube schon, dass auch die Eintracht letztendlich einfach nur auf das Geld achtete. Irgendwann war der Punkt erreicht, wo sie sagten: »So viel Geld kriegen wir nie mehr.« Ich behaupte, wenn er das Gefühl gehabt hätte, unbedingt gebraucht zu werden, wäre die Chance da gewesen, ihn zu halten.

Wie wichtig war in dieser Saison der Pokalsieg?

Wir haben ja keine gute Runde gespielt. Eine Seuchensaison. Durch den Pokalsieg wurden die Probleme, die da waren, eigentlich nur übertünscht. Wir waren ziemlich lange ganz weit unten. Die Mannschaft befand sich im Umbruch. Ganz zu Schweigen vom Wechselzirkus um Lajos, der dann losging.

Er spielte mit Schuhen in den ungarischen Landesfarben. Hat er sich in der Rolle des bunten Vogels wohl gefühlt?

Ja, klar. Die Mannschaft hat ihn deswegen auch oft hochgenommen. Es lief bei ihm nicht, dann hat er die Schuhe wieder in die Ecke geworfen, dann hat er wieder die anderen Schuhe genommen. 14 Tage, drei Wochen ging es ja nur um die Schuhe. Er hat fast geheult.

Haben Sie in dieser Zeit mit ihm geredet?

Das hätte ich manchmal gerne, aber er hat sich dann auch völlig verschlossen, weil er so stur und beleidigt war – gerade in der Sache mit der Mannschaft und den Schuhen. Mit niemandem hat er geredet, er war zutiefst beleidigt. Das ist ja auch dieser Stolz, den die Ungarn haben.

Trotz aller Rückschläge – sei es sportlich oder die mit dem Umfeld zu tun hatten – besaß er ein wahnsinniges Selbstvertrauen. Woher nahm er dieses Selbstbewusstsein?

Er hat immer wieder gesagt: »Ich beweise es euch!« Ich weiß noch, dass wir ihn auf seine Einladung mit meiner Familie mal in Budapest besucht haben. Wir haben da eine riesengroße Puppe als Andenken geschmuggelt. Als ich damals zum ersten Mal seine Freunde kennen lernte, und sah, was in seiner Umgebung alles passiert war, habe ich erstmals richtig verstanden, wie er tickt und warum er so tickt.

Sein Charakter spiegelte sich auch auf dem Platz wider.

Ich hab immer gesagt: »Du bist ein richtiger Paprika-Mann.« Einer, der Stur ist wie ein Holzklotz, aber innen genauso sensibel. Bei ihm gab es nie einen Mittelweg. Und das zeigte sich auch auf dem Platz – entweder top oder katastrophal.

Warum konnte er seinen Möglichkeiten nicht gerecht werden?

Er hat sich einfach zu sehr unter Druck gesetzt. Weil er auch einer der wenigen Fußballer war, die es nach der »Goldenen Ära« in Ungarn geschafft haben. Lajos wollte unbedingt in diese riesigen Fußstapfen eines Puskas treten, aber dazu war er einfach nicht robust genug. Vor allem hatte vor allem nicht die Menschen an seiner Seite, die richtigen Berater, die ihm mal sagten: »So, Lajos jetzt ist erstmal genug. Geh mal einen Schritt zurück, um voranzukommen.«

»Wir hatten sofort einen Draht zueinander« – Trotz Sprachbarriere werden Körbel und Detari beste Freunde >>

Zwischen Ihnen und Lajos Detari war das Eis schnell gebrochen?

Ja. Das Menschliche war einfach auch meine Stärke. Ob das vorher beim Bruno Pezzey war oder beim Bum-Kun Cha. Obwohl ich Lajos am Anfang gar nicht verstanden habe, merkten wir sofort, dass wir einen Draht zueinander haben. Heute ist er einer meiner besten Freunde.

Und Sie laden ihn zur Traditionsmannschaft ein.

Da kann man ja auch sehen, wie verrückt er ist. Ich habe ihn einmal drei Tage vor irgendeinem Turnier mit der Traditionself versucht anzurufen. Ich komme tatsächlich zu ihm durch und frage: »Lajos, wo bist du denn?« Da war er gerade wieder irgendwo in Griechenland gelandet. Ich habe ihn eingeladen und er war sofort Feuer und Flamme. Nur gab es ein Problem: Seine Mannschaft hatte am gleichen Tag ein Spiel. Und Lajos unterbrach mich nur: »Aber kein Problem. Ich spreche mit dem Präsidenten. Vielleicht verlegt er das Spiel.« (Lautes Gelächter) Und das hat er ernst gemeint.

Wie verbunden ist die Eintracht noch mit diesen einstigen Größen des Vereins?

Es wird wieder besser. Ich habe etwa Heribert Bruchhagen gesagt, dass man solche Typen nicht aus den Augen verlieren darf, sie einladen muss, Werte schafft, Traditionen erhalten muss. Und von diesen Spielern, die für Traditionen stehen, hatte die Eintracht ja genug.

Zum Beispiel Jay Jay Okocha, der heute immer noch bei Hull City in England spielt.

Der Jay Jay Okocha war ja auch eine Art Ziehsohn von mir. Jay Jay hat mich vor drei Jahren angerufen und wollte zur Eintracht kommen. Aber Friedhelm Funkel hat abgelehnt. Der Jay Jay hätte alleine 10.000 Fans mobilisiert.


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