Über die Treue von Fußballern und Fans!
Dieses Special wird präsentiert von: 
Holsten Pilsener

Charly Körbel im Interview

»Die Eintracht ist mein Leben«

1972 bestritt der damals 17-jährige Charly Körbel sein erstes Spiel als Vorstopper für Eintracht Frankfurt. Bis zu seinem Karriereende 1991 blieb er den Hessen treu – und hält heute einen ewigen Rekord. Heute wird er 56 Jahre. Charly Körbel im Interview

Herr Körbel, Sie fingen in Dossenheim mit dem Fußball spielen an. Wie kam bitteschön der große Hamburger SV auf den jungen Burschen aus der Rhein-Neckar-Provinz?

In dieser Zeit baute der HSV gerade eine Art Internat auf, Manni Kaltz, Caspar Memering oder Rudi Kargus gingen da schon hin. Auf einem Jugendnationalspielerlehrgang wurde ich schließlich auch angesprochen. Der Jugendleiter besuchte dann meine Eltern und konnte mich überzeugen. Ich wollte da zum Probetraining hin und mir alles anschauen. Aufgrund dieser Reise bin ich auch zum ersten Mal in meinem Leben geflogen.

Damals war Klaus-Dieter Ochs Trainer des HSV.

Ich war ja eigentlich für die A-Jugend vorgesehen. Plötzlich stand Klaus Ochs beim Probetraining vor mir und meinte, es käme noch ein Torwart und »einer, gegen den du spielst.« Ich bin zum Umziehen in die Kabine gegangen. Als ich wieder herauskam, stand der Uwe Seeler mit Zipfelmütze vor mir, und ich musste mit ihm über eine Stunde »eins gegen eins« spielen. Das war schon verrückt. Das weiß der Uwe heute auch noch.

Sie spielten nie für den HSV. Hat Uwe Seeler Sie damals um Ihren Vertrag gebracht?

Nein, ganz im Gegenteil. Der HSV wollte mich unbedingt haben und legte mir direkt einen Zweijahresvertrag vor. Ich gab ihnen auch meine Zusage, wollte mich aber gerne noch einmal mit meinen Eltern beraten. Dann habe ich Muffe gekriegt. Der VfB Stuttgart, die Bayern, der KSC oder Waldhof waren ja auch alle an mir interessiert. Das ging mir alles zu schnell! Ich dachte nur: »Nee, jetzt könnt ihr mich alle mal am Buckel lecken.« Ich bleibe noch ein Jahr hier in Dossenheim und dann wird man sehen, was passiert. Im Nachhinein war das die absolut richtige Entscheidung.

Warum haben Sie das Jahr darauf ausgerechnet für die Eintracht entschieden?

Das war ähnlich wie beim HSV. Wolfgang Kraus (damaliger Eintracht-Spieler, später auch Manager des Klubs, Anm. d. Red.) hat mich einfach irgendwann angesprochen und fragte, ob ich nicht mal bei der Eintracht vorbeischauen wolle? Ich dachte: »Eintracht? Hmmm.«

Klingt nicht unbedingt nach Begeisterung.

Ich früher mal mit meinem Vadder bei der Eintracht gewesen - sie verloren gegen den KSC mit 0:7. Ich weiß noch: Ich versicherte meinem Vadder damals, dass ich nie zu so einem Verein gehen würde. (lacht)

Warum haben Sie es schließlich doch gemacht?

Mir gefiel damals, dass die Verantwortlichen der Eintracht nicht diesen Druck machten wie die anderen. Ich wurde zu einem Spiel eingeladen, Erich Ribbeck bemühte sich sehr um mich. Das Ausschlaggebende war, dass ich den Vertrag eines so genannten Olympia-Amateurs bekam. Ich durfte bei der A-Jugend und den Amateuren spielen und konnte bei der ersten Mannschaft mittrainieren. Dieser Vertrag brachte mir damals, glaube ich, 600 Mark ein, dazu noch 300 Mark von der Sporthilfe. Ich war unheimlich stolz.

Haben Sie sich Chancen auf einen Einsatz bei den Profis ausgerechnet?

Als ich zur Eintracht kam, waren noch die alten Giganten wie Friedel Lutz zugegen – ich traute mich erst gar nicht, die überhaupt anzusprechen. Es fing ja schon im ganz Kleinen an: Die Großen lagen auf der Massagebank. Ich bin nie massiert worden. Wenn du in den Massageraum gegangen bist und mal um die Ecke geschaut hast, haben die nur in deine Richtung geguckt und du bist ganz schnell wieder weg. Ich schaute mir das alles aus einer gewissen Entfernung an. Für mich war es wichtig, mittrainieren zu dürfen und zu Olympia fahren zu können.



Auch wenn Sie anfangs noch kein Anrecht auf Massage hatten - Sie gehörten sofort zum Stamm der ersten Mannschaft. Warum kam Erich Ribbeck trotz Ihres jungen Alters nicht an Ihnen vorbei?


Ich hatte für mein Alter bereits eine große Erfahrung - und vor allem keine Angst. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon über 50 Jugendländerspiele bestritten. Und außerdem wurde ich in eine gestandene Mannschaft gesteckt, in der ich lange einfach nur mitschwimmen musste. Die Alten wussten ja gar nicht, dass ich mitgespielt habe. (lacht) Die ausgefuchsten Kerle haben mich geführt, sich auf dem Platz um mich gekümmert. Ich war ruckzuck in dieser Maschinerie drin.

Wie schafft man es als 17-jähriges Talent sich in dem Haifischbecken Profifußball zu behaupten und sich schließlich durchzusetzen?

Man muss sich den Spaß und die Leidenschaft immer bewahren, sonst kannst du kein guter Fußballer werden. Man muss lernen zu erkennen, wo es nicht weitergehen kann, wo man gegen die Wand läuft und nicht weiterkommt. Und eins muss wissen: Der Körper ist ein Kapital! Als ich 21, 22 Jahre alt war, habe ich gemerkt, dass ich für dieses Kapital auch etwas tun muss. Ich habe mich um meinen Körper gekümmert, bin in Heilquellen gefahren. Es kommt also nicht von ungefähr, warum ich in meiner Karriere kaum verletzt war. Auch jetzt - ich habe keine Probleme, ich habe nichts. Wenn mich jemand fragt, wie ich früher mit Muskelfaserrissen umgegangen bin, kann ich nicht helfen  ich hatte nie einen.

Ein Zitat des jungen Uli Hoeneß besagt: »Dich«, und damit meint er Sie, »hole ich mal nach München.«


(lacht) Ja, das war während der Länderspielreise 1974 nach Ungarn. Solche Sachen vergisst man einfach nicht, und wir lachen immer wieder darüber, wenn wir uns sehen. Uli Hoeneß und Paul Breitner waren schon damals sehr geschäftstüchtig. Die beiden saßen hinter mir im Bus und haben über signierte Buchverkäufe oder über Sponsorenverträge mit der Volksbank philosophiert. Der Uli war ja zu der Zeit noch ein junger Spieler. Das hat mich dermaßen beeindruckt.

Gab es während Ihrer Zeit in Frankfurt einen Moment, in dem Sie die Eintracht verlassen wollten?

1983 schien hier alles den Bach herunter zu gehen. Die Mannschaft war im Begriff sich aufzulösen, ein totaler Umbruch. Ich hatte das Angebot, mit Bruno (Bruno Pezzey, d. Red.) nach Bremen zu gehen, auch Galatasaray Istanbul hatte bei mir angeklopft. Ich bin zum Präsidenten und sagte: »Dann gehe ich auch weg, das hat doch keinen Sinn mehr.« Für mich war klar, dass ich die Eintracht verlasse, wenn wir keine Mannschaft mehr beisammen hätten. Zum ersten Mal dachte ich darüber nach, etwas Neues zu machen. Wir sind dann zusammen mit Bernd Nickel in den Urlaub nach Amerika geflogen. Niemand wusste im Grunde genommen zu diesem Zeitpunkt, wer noch bei der Eintracht spielen würde.

Wie konnten die Verantwortlichen des Vereins Sie schließlich doch überzeugen zu bleiben?

Als ich aus Amerika zurück kam haben sie mich gleich abgefangen und fragten: »Willst du mithelfen, eine neue Mannschaft aufzubauen? Wir haben jetzt wieder die finanziellen Möglichkeiten.« Ich habe mich wieder breit schlagen lassen, weil ich mir dachte: »Das kannst du doch nicht machen, den Verein jetzt im Stich lassen…«

In diesem Moment entschlossen Sie sich, für immer zu bleiben?

Mein Glück – beziehungsweise mein Pech – (lacht) war, dass damals jeder Verein auf eine Liste des DFB zwei Spieler setzen konnte, die unverkäuflich waren. Das wäre ja heute gar nicht mehr denkbar, aber ich stand zu jeder neuen Saison auf dieser Liste. Irgendwann hatte ich das Ganze derart verinnerlicht – es wurde einfach mein Leben.



Sie spielten 20 Jahre auf höchstem Niveau. Nur in der Nationalmannschaft konnten Sie nie richtig Fuß fassen. War die Lobby der Bayern-Spieler zu groß für einen Charly Körbel?


Vor kurzer Zeit traf ich auf einem UNICEF-Turnier auf Dietrich Weise. Er erzählte mir von einem Gespräch mit Helmut Schön. Weise frage Schön damals, warum er mich nicht einsetzen würde. Schön sagte nur, der Körbel sei zwar bedeutend besser – aber gegen die Bayern-Achse konnte er sich nicht stellen.

War es Franz Beckenbauer, der lieber mit Schwarzenbeck spielen wollte als mit Ihnen?


Ich hatte eine andere Spielauffassung als Schwarzenbeck, das passte dem Franz nicht in den Kram. Der Katsche ist immer hinten geblieben und hat Beckenbauer abgesichert. Ich dagegen wollte in meinem jugendlichen Eifer auch nach vorne gehen, da kam ich dem offensiven Beckenbauer natürlich in die Quere. Deswegen saß ich meistens nur auf der Bank. Trotzdem war es eine super Zeit, in der ich mitbekam, wie sie alle groß geworden sind. Netzer, Vogts... Ich habe voller Ehrfurcht zu Ihnen aufgeblickt. Für mich war es damals der Wahnsinn, mit Franz Beckenbauer »fünf gegen zwei« zu spielen. Ich habe immer nur geguckt, was er wohl als nächstes macht. Wer weiß, wozu das gut war.

Gibt es etwas, das Sie vermissen, wenn Sie den heutigen mit dem damaligen Fußball vergleichen?


Die Traditionsvereine 1.FC Köln, Eintracht Frankfurt, Borussia Mönchengladbach und Bayern München hatten über Jahre hinweg nahezu identische Mannschaften, mit denen sie sich jede Spielzeit aufs Neue begegneten. Darin bestand ja auch der Reiz: Breitner gegen Grabowski, Schwarzenbeck gegen Hölzenbein, Müller gegen mich. Das gleiche, wenn Gladbach kam. Diese kontinuierlichen Duelle solcher Persönlichkeiten auf dem Fußballplatz vermisse ich heutzutage. Eintracht Frankfurt gegen Bayern München war damals wie ein Länderspiel. Du wusstest vorher, die werden hier abgezogen. Wir haben 18 Jahre lang zu Hause gegen die Bayern kein einziges Spiel verloren.

Warum hat es nach Ihrer Karriere als Spieler nicht auch als Trainer geklappt?

Mit dem heutigen Abstand kann ich sagen, ich war damals einfach zu jung. Ich hätte noch etwas warten sollen und dann mit ein bisschen mehr Mut und Unterstützung der Eintracht als Trainer durchstarten sollen. Ich hätte in der Bundesliga auch eine Trainerkarriere machen können, da bin ich sicher. Deutscher Meister wären wir natürlich geworden. (lacht)

Können Sie Ihrem Rauswurf 1995 als Trainer bei Eintracht Frankfurt trotzdem etwas positives abgewinnen?

Diese Sache war sehr lehrreich für mich. Ich musste zum ersten Mal von Eintracht Frankfurt weg. Die ersten Monate machten mich fast wahnsinnig, ich durfte nicht mehr zum Riederwald zu fahren. (lacht) Ich lernte in dieser Zeit meine wahren Freunde kennen. Der Abstand tat mir unheimlich gut.

Was bedeutet Ihnen Ihr Verein heute?

Ich bin kein Fanatiker, ich sehe alles sehr realistisch. Was mich immer fasziniert hat, war die Fairness der Leute mir gegenüber, die gesehen haben, dass ich immer alles für den Verein gegeben habe. Es hat sich gelohnt, über eine so lange Zeit bei einem Verein zu bleiben. Das ist mein Kapital geworden. Damals wusste ich das noch nicht, aber heute weiß ich es. Meine neue Passion sind vor allem die Fußballschuhe und die Traditionself. Das ist meine Aufgabe, meine Erfüllung. Ich war an der Lizenz beteiligt, da bin ich stolz. Wir haben die richtigen Leute eingestellt, die Politik auf unsere Seite gebracht, Schickhardt installiert. Viele Leute wissen ja gar nicht, wie wir uns hintern den Kulissen den Arsch aufgerissen haben. Ich war dabei, dass der Verein überhaupt noch existiert. Eintracht Frankfurt – diese Begeisterung, diese Faszination. Ich möchte das mit keinem Geld der Welt missen.