16.06.2011

Charly Dörfel über Soul und Seeler

»Ich war kein Kussverächter«

In den 60ern galt Charly Dörfel als der beste Linksaußen Europas. Doch wo andere den Nacken haben, hatte Dörfel stets den Schalk. Das kostete ihn die große Karriere. Ein Gespräch über Ungeheuer, den Dicken und Telefonstreiche.

Interview: Andreas Bock Bild: imago

Charly Dörfel, draußen schneit es, das Thermometer zeigt minus zwei Grad, der Kaffee ist heiß und Elvis guckt cool aus dem Bilderrahmen. Ein perfekter Morgen zum Schallplattenauflegen und Musikhören.

Wissen Sie was: Wenn wir jetzt anfangen, Schallplatten aufzulegen, dann sitzen wir morgen noch hier. Das geht nicht so nebenher. Kennen Sie die Walker Brothers?

The sun ain't gonna...

...shine anymore. Großartige Band. Meine Lieblingsband!

Wie viele Schallplatten besitzen Sie eigentlich?

Über 23.000. Dazu mehr als 6000 CDs.

Mal ehrlich: Haben Sie alle Platten gehört?

Zumindest einmal. Momentan greife ich manchmal blind in das Regal und ziehe eine Schallplatte raus. Meistens ist es dann eine von den Beatles, von Elvis, von Leonard Cohen oder den Walker Brothers – von denen habe ich alles. Auch die seltenen Sachen.

Bei welcher Platte freuen Sie sich am meisten?

Vor allem bei den raren Schallplatten der unbekannten Rock-n-Roll-Bands aus den 50er und frühen 60er Jahre. Ich bin ja hier nicht die Dudel-Hitparade. 90 Prozent der Songs, die im Regal herumstehen, sind mit Sicherheit in den letzten zehn Jahren nicht einmal im Radio gespielt worden.

Haben Sie mal über eine eigene Radiosendung nachgedacht?

Sollte ich machen, nicht wahr? Als ich Carlo von Tiedemann einst erzählte, dass ich mehr Tonträger habe als alle Radiosender zusammen, sachte der zu mir: »Gib mir die Dinger doch mal, dann spiele ich sie auch.« Aber die ganzen Dinger durch die halbe Stadt zu karren – da hatte ich wenig Lust drauf.

Stöbern Sie heute noch in Plattenläden?

Seltener. Früher waren die Läden mein zweites Zuhause. Ich musste sogar schon Strafe zahlen, weil ich zu lange in einem Plattenladen in New York gestöbert hatte und zu spät zur Mannschaftsbesprechung kam. Ich vergaß in solchen Momenten einfach die Zeit. Außerdem musste ich ja immer stapelweise Singles und LPs für meine Kollegen mitbringen – für Harry Bähre, Horst Schnoor oder Uwe. Kennen Sie eigentlich die Raimondos?

Mal gehört...

Das war in den 50er Jahren eine Rock-n-Roll-Band aus Hamburg-Bergedorf, mit denen bin ich gelegentlich aufgetreten. Ich war ihr Sänger.

Was haben Sie gespielt?

Buddy Holly und ähnliches. Wir waren ganz gut. Kurze Zeit später kam die Plattenfirma Polydor auf mich zu und wollte eine Single mit mir machen. Der berühmte Bobby Schmidt produzierte zwei Stücke mit mir. Der mochte mich, und ich mochte ihn – menschlich verstanden wir uns super. Aber musikalisch kamen wir gar nicht zusammen.

Wieso?

Ich wollte `ne coole Rock-n-Roll-Nummer abliefern, und er wollte, dass ich singe wie ein Schlagerbarde. Schmidt glaubte, dass sich das besser verkauft. Herausgekommen sind die beiden Schmalzlieder »Erst ein Kuss« und »Das kann ich dir nicht verzeih`n«. Das Problem war: Ich habe seit jeher eine sehr hohe Stimme und als ich das Stück einsang, sagte Schmidt zusätzlich noch ständig: »Höher, höher.« Ich gehorchte, denn ich wollte unbedingt Musik machen, die Frauen standen ja auf so etwas. Am Ende klang ich aber wie ein Eunuch.

Die Frauen standen dennoch drauf.

Vor allem aber die Männer. Ich bekam badewannenvoll Fanpost. Viele Briefe waren allerdings an Carla Dörfel adressiert. Die dachten ich wäre `ne Olle. Die Single steht übrigens im Regal. Bei Ebay bringt die heute bestimmt 100 Euro.

Wollen wir kurz mal reinhören?

Oh, nein. Ich leihe sie Ihnen aber gerne aus.

Lieber nicht, ich verliere solche Dinge gerne. Reden wir über Ihr zweites großes Hobby: den Fußball. Oder war Fußball für Sie mehr als ein Hobby?

Ich habe während meiner Fußballkarriere als Buchhalter gearbeitet. Fußball war für mich wichtig, doch es war weniger Beruf, sondern tatsächlich vielmehr ein Hobby. Fußball war für mich immer die schönste Nebensache der Welt.

Heute heißt es häufig, Sie hätten viel mehr aus dieser Nebensache machen können.

Vielleicht hätte ich noch mehr erreichen können als Beckenbauer oder Seeler, vom Talent her hätte ich sicherlich 100 Länderspiele machen müssen. Aber ich war eben kein Diplomat, ich hatte zu häufig ein zu lautes Mundwerk. Einen ständigen Schalk im Nacken, der mich allerdings auch gerettet hat.

Inwiefern?

Wenn ich nicht so ein Witzbold gewesen wäre, wenn ich nicht einen solchen Galgenhumor gehabt hätte, wäre ich an den Machenschaften und Klüngeleien im Profifußball vermutlich zerbrochen.

Sie meinen die Seilschaften in den Führungsetagen der Vereine?

Auch auf dem Platz. Beim HSV gab es in jenen Jahren einen unglaublich starken Futterneid. Dass ich so viele Jahre beim HSV gespielt habe, verdanke ich eigentlich nur Uwe Seeler. Einige bezeichnen mich als seine Braut auf dem Platz. Ich sage heute: Ich war Seelers Subunternehmer.

Wie später Kaltz der bananenflankende Subunternehmer von Hrubesch wurde?

Wissen Sie, nichts gegen Manni, aber die Bananenflanke habe ich erfunden. Ich flachs ja auch mit ihm darüber. Letztens traf ich ihn mal wieder und da sach zu ihm: »Du warst der Mann für die kleine Kanarische und ich für die große Chiquita.« Da hat er gelacht, der Manni. Aber es war ähnlich wie mit Manni und dem Ungeheuer, das stimmt. Ich ackerte mich auf links bis zur Grundlinie vor, dann: Flanke, Kopfball vom Dicken, zack, Tor. Und das, obwohl Uwe nicht immer leicht zu finden war.

Waren Sie der Protegé von Seeler?

Seeler war mein Idol. Das war er schon, bevor ich zum HSV kam. Dabei sind wir ganz andere Typen, teilweise total konträr. Aber Gegensätze ziehen sich ja an.

Was machte Sie so unterschiedlich?

Uwe ist ein lustiger Typ, keine Frage, aber mein Humor war ihm oftmals zu derbe. Wir hatten zum Beispiel einmal ein Länderspiel in der DDR. Als wir am Ost-Berliner Flughafen ankamen, herrschte dort eine sehr eisige Stimmung, kaum Leute, nur ein paar Volkspolizisten standen starr herum. An den Wänden hingen riesige Bilder der DDR-Staatsmänner, auch eines von Walter Ulbricht. Wir warteten mit der ganzen Mannschaft vor diesem Bild, die Vopos guckten grimmig. Und dann kam mein Auftritt – ich muss dazu sagen, dass ich ganz gut Stimmen imitieren kann, ich habe etwa zwölf Tierstimmen im Repertoire. Vor diesem Bild fing ich also  unvermittelt an, Ulbricht zu imitieren. Alles im schönsten Sächsisch: »Sööö, hiär, meinäää libään Genössen...« Als ich mich umblickte, waren alle Mannschaftskollegen verschwunden – auch Uwe.

Auf dem Platz gab es auch manchmal Unstimmigkeiten.

Das fing beim Training an. Jürgen Werner oder Uwe Reuter – die Studenten – spielten gerne mal Hacke-1-2-3, durch die Beine, Tunnel, Übersteiger und so etwas. Das mochte der Trainer nicht – und Uwe erst recht nicht. Der hatte oft keine Lust mehr und rief: »Ihr mit eurem Scheiß, dann kann ich ja in die Kabine gehen.« Und die Trickser riefen zurück: »Du Arsch, geh mal nach vorne und mach deine Torschussübungen.«

Und im Spiel?

Da meckerte der Dicke auch mal. Wenn ich gemeinsam mit meinem Bruder Bernd spielte – er auf Rechts- und ich auf Linksaußen –, schossen wir uns die Bälle hin und her. Wir perfektionierten den Seitenwechsel. Außerdem wollte ich Bernd gerne in Szene setzen. Doch  Uwe schrie meistens: »Dann kann ich ja auch nach Hause gehen.« Ich antwortete umgehend: »Dicker, die nächste Flanke schieße ich drei Zentimeter höher, dann renkst du dir den Hals aus.«

Über was flachsen Sie, wenn Sie sich heute wieder sehen?

Wir hatten über Jahre eine kleine Auseinandersetzung darüber, wer 1960 im Halbfinal-Hinspiel des Landesmeisterpokals gegen den FC Barcelona den Fehlpass gegeben hatte, der das Gegentor einleitete. Seeler gab sich immer scheinheilig: »Datt war ich nich!« In Wahrheit war es aber so: Ich spielte den Ball zu Horst »Hoddel« Dehn, der passte ihn weiter zu Uwe und der Dicke spielte ihn seinem Gegenspieler vor die Füße. Und dann lief der Konter. Das Spiel endete zwar 2:1 für uns, doch dieses Gegentor kostete uns im Rückspiel das Weiterkommen.

Wie lange blieb Seeler stur?

Über 30 Jahre. Vor einiger Zeit kam er aber zu mir und sagte: »Weißt du Charly, es stimmt, die Sache mit Barcelona. Es war mein Fehler!« Da musste ich grinsen.

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