Charly Dörfel über Soul und Seeler

»Ich war kein Kussverächter«

In den 60ern galt Charly Dörfel als der beste Linksaußen Europas. Doch wo andere den Nacken haben, hatte Dörfel stets den Schalk. Das kostete ihn die große Karriere. Ein Gespräch über Ungeheuer, den Dicken und Telefonstreiche. Charly Dörfel über Soul und Seeler

Charly Dörfel, draußen schneit es, das Thermometer zeigt minus zwei Grad, der Kaffee ist heiß und Elvis guckt cool aus dem Bilderrahmen. Ein perfekter Morgen zum Schallplattenauflegen und Musikhören.

Wissen Sie was: Wenn wir jetzt anfangen, Schallplatten aufzulegen, dann sitzen wir morgen noch hier. Das geht nicht so nebenher. Kennen Sie die Walker Brothers?

The sun ain't gonna...

...shine anymore. Großartige Band. Meine Lieblingsband!

Wie viele Schallplatten besitzen Sie eigentlich?

Über 23.000. Dazu mehr als 6000 CDs.

Mal ehrlich: Haben Sie alle Platten gehört?

Zumindest einmal. Momentan greife ich manchmal blind in das Regal und ziehe eine Schallplatte raus. Meistens ist es dann eine von den Beatles, von Elvis, von Leonard Cohen oder den Walker Brothers – von denen habe ich alles. Auch die seltenen Sachen.

Bei welcher Platte freuen Sie sich am meisten?

Vor allem bei den raren Schallplatten der unbekannten Rock-n-Roll-Bands aus den 50er und frühen 60er Jahre. Ich bin ja hier nicht die Dudel-Hitparade. 90 Prozent der Songs, die im Regal herumstehen, sind mit Sicherheit in den letzten zehn Jahren nicht einmal im Radio gespielt worden.

Haben Sie mal über eine eigene Radiosendung nachgedacht?

Sollte ich machen, nicht wahr? Als ich Carlo von Tiedemann einst erzählte, dass ich mehr Tonträger habe als alle Radiosender zusammen, sachte der zu mir: »Gib mir die Dinger doch mal, dann spiele ich sie auch.« Aber die ganzen Dinger durch die halbe Stadt zu karren – da hatte ich wenig Lust drauf.

Stöbern Sie heute noch in Plattenläden?

Seltener. Früher waren die Läden mein zweites Zuhause. Ich musste sogar schon Strafe zahlen, weil ich zu lange in einem Plattenladen in New York gestöbert hatte und zu spät zur Mannschaftsbesprechung kam. Ich vergaß in solchen Momenten einfach die Zeit. Außerdem musste ich ja immer stapelweise Singles und LPs für meine Kollegen mitbringen – für Harry Bähre, Horst Schnoor oder Uwe. Kennen Sie eigentlich die Raimondos?

Mal gehört...

Das war in den 50er Jahren eine Rock-n-Roll-Band aus Hamburg-Bergedorf, mit denen bin ich gelegentlich aufgetreten. Ich war ihr Sänger.

Was haben Sie gespielt?

Buddy Holly und ähnliches. Wir waren ganz gut. Kurze Zeit später kam die Plattenfirma Polydor auf mich zu und wollte eine Single mit mir machen. Der berühmte Bobby Schmidt produzierte zwei Stücke mit mir. Der mochte mich, und ich mochte ihn – menschlich verstanden wir uns super. Aber musikalisch kamen wir gar nicht zusammen.

Wieso?

Ich wollte `ne coole Rock-n-Roll-Nummer abliefern, und er wollte, dass ich singe wie ein Schlagerbarde. Schmidt glaubte, dass sich das besser verkauft. Herausgekommen sind die beiden Schmalzlieder »Erst ein Kuss« und »Das kann ich dir nicht verzeih`n«. Das Problem war: Ich habe seit jeher eine sehr hohe Stimme und als ich das Stück einsang, sagte Schmidt zusätzlich noch ständig: »Höher, höher.« Ich gehorchte, denn ich wollte unbedingt Musik machen, die Frauen standen ja auf so etwas. Am Ende klang ich aber wie ein Eunuch.

Die Frauen standen dennoch drauf.

Vor allem aber die Männer. Ich bekam badewannenvoll Fanpost. Viele Briefe waren allerdings an Carla Dörfel adressiert. Die dachten ich wäre `ne Olle. Die Single steht übrigens im Regal. Bei Ebay bringt die heute bestimmt 100 Euro.

Wollen wir kurz mal reinhören?

Oh, nein. Ich leihe sie Ihnen aber gerne aus.

Lieber nicht, ich verliere solche Dinge gerne. Reden wir über Ihr zweites großes Hobby: den Fußball. Oder war Fußball für Sie mehr als ein Hobby?

Ich habe während meiner Fußballkarriere als Buchhalter gearbeitet. Fußball war für mich wichtig, doch es war weniger Beruf, sondern tatsächlich vielmehr ein Hobby. Fußball war für mich immer die schönste Nebensache der Welt.

Heute heißt es häufig, Sie hätten viel mehr aus dieser Nebensache machen können.

Vielleicht hätte ich noch mehr erreichen können als Beckenbauer oder Seeler, vom Talent her hätte ich sicherlich 100 Länderspiele machen müssen. Aber ich war eben kein Diplomat, ich hatte zu häufig ein zu lautes Mundwerk. Einen ständigen Schalk im Nacken, der mich allerdings auch gerettet hat.

Inwiefern?

Wenn ich nicht so ein Witzbold gewesen wäre, wenn ich nicht einen solchen Galgenhumor gehabt hätte, wäre ich an den Machenschaften und Klüngeleien im Profifußball vermutlich zerbrochen.

Sie meinen die Seilschaften in den Führungsetagen der Vereine?

Auch auf dem Platz. Beim HSV gab es in jenen Jahren einen unglaublich starken Futterneid. Dass ich so viele Jahre beim HSV gespielt habe, verdanke ich eigentlich nur Uwe Seeler. Einige bezeichnen mich als seine Braut auf dem Platz. Ich sage heute: Ich war Seelers Subunternehmer.

Wie später Kaltz der bananenflankende Subunternehmer von Hrubesch wurde?

Wissen Sie, nichts gegen Manni, aber die Bananenflanke habe ich erfunden. Ich flachs ja auch mit ihm darüber. Letztens traf ich ihn mal wieder und da sach zu ihm: »Du warst der Mann für die kleine Kanarische und ich für die große Chiquita.« Da hat er gelacht, der Manni. Aber es war ähnlich wie mit Manni und dem Ungeheuer, das stimmt. Ich ackerte mich auf links bis zur Grundlinie vor, dann: Flanke, Kopfball vom Dicken, zack, Tor. Und das, obwohl Uwe nicht immer leicht zu finden war.

Waren Sie der Protegé von Seeler?

Seeler war mein Idol. Das war er schon, bevor ich zum HSV kam. Dabei sind wir ganz andere Typen, teilweise total konträr. Aber Gegensätze ziehen sich ja an.

Was machte Sie so unterschiedlich?

Uwe ist ein lustiger Typ, keine Frage, aber mein Humor war ihm oftmals zu derbe. Wir hatten zum Beispiel einmal ein Länderspiel in der DDR. Als wir am Ost-Berliner Flughafen ankamen, herrschte dort eine sehr eisige Stimmung, kaum Leute, nur ein paar Volkspolizisten standen starr herum. An den Wänden hingen riesige Bilder der DDR-Staatsmänner, auch eines von Walter Ulbricht. Wir warteten mit der ganzen Mannschaft vor diesem Bild, die Vopos guckten grimmig. Und dann kam mein Auftritt – ich muss dazu sagen, dass ich ganz gut Stimmen imitieren kann, ich habe etwa zwölf Tierstimmen im Repertoire. Vor diesem Bild fing ich also  unvermittelt an, Ulbricht zu imitieren. Alles im schönsten Sächsisch: »Sööö, hiär, meinäää libään Genössen...« Als ich mich umblickte, waren alle Mannschaftskollegen verschwunden – auch Uwe.

Auf dem Platz gab es auch manchmal Unstimmigkeiten.

Das fing beim Training an. Jürgen Werner oder Uwe Reuter – die Studenten – spielten gerne mal Hacke-1-2-3, durch die Beine, Tunnel, Übersteiger und so etwas. Das mochte der Trainer nicht – und Uwe erst recht nicht. Der hatte oft keine Lust mehr und rief: »Ihr mit eurem Scheiß, dann kann ich ja in die Kabine gehen.« Und die Trickser riefen zurück: »Du Arsch, geh mal nach vorne und mach deine Torschussübungen.«

Und im Spiel?

Da meckerte der Dicke auch mal. Wenn ich gemeinsam mit meinem Bruder Bernd spielte – er auf Rechts- und ich auf Linksaußen –, schossen wir uns die Bälle hin und her. Wir perfektionierten den Seitenwechsel. Außerdem wollte ich Bernd gerne in Szene setzen. Doch  Uwe schrie meistens: »Dann kann ich ja auch nach Hause gehen.« Ich antwortete umgehend: »Dicker, die nächste Flanke schieße ich drei Zentimeter höher, dann renkst du dir den Hals aus.«

Über was flachsen Sie, wenn Sie sich heute wieder sehen?

Wir hatten über Jahre eine kleine Auseinandersetzung darüber, wer 1960 im Halbfinal-Hinspiel des Landesmeisterpokals gegen den FC Barcelona den Fehlpass gegeben hatte, der das Gegentor einleitete. Seeler gab sich immer scheinheilig: »Datt war ich nich!« In Wahrheit war es aber so: Ich spielte den Ball zu Horst »Hoddel« Dehn, der passte ihn weiter zu Uwe und der Dicke spielte ihn seinem Gegenspieler vor die Füße. Und dann lief der Konter. Das Spiel endete zwar 2:1 für uns, doch dieses Gegentor kostete uns im Rückspiel das Weiterkommen.

Wie lange blieb Seeler stur?

Über 30 Jahre. Vor einiger Zeit kam er aber zu mir und sagte: »Weißt du Charly, es stimmt, die Sache mit Barcelona. Es war mein Fehler!« Da musste ich grinsen.

Sie kamen 1959 vom SV Polizei zum HSV. 1972 – Sie waren gerade 32 Jahre alt – gingen Sie überraschend nach Südafrika. Warum dieser plötzliche Abschied? Kamen Sie mit Seeler nicht mehr zurecht?

Ich hätte beim HSV noch zwei oder drei Jahre weiter auf hohem Niveau spielen können. Doch damals brach mir ein Satz das Genick: Als wir mit unserem neuen Trainer Klaus Dieter Ochs unterwegs waren, sagte der zu mir: »Charly, du bekommst jetzt Konkurrenz!« Zuvor war ich 13 Jahre konkurrenzlos. Ich antwortete daher lapidar: »Dann leg ich mal `nen Zahn zu.« Dummerweise fügte ich noch hinzu: »Im Übrigen, Herr Ochs: Ich habe schon sieben Trainer überlebt.«

Ihr Konkurrent hieß Georg Volkert.

Ganz ehrlich: Volkert war im ersten Jahr unglaublich schlecht. Den hätte man in der Pfeife rauchen können.

Ein paar Spiele machten Sie mit ihm gemeinsam auf der linken Seite. Doch Sie durften in der letzten Saison nur viermal ran. Harmonierten Sie nicht?

In den wenigen Spielen harmonierten wir eigentlich ganz gut. Volkert war ebenfalls ein Dribbler und Fummler, die linke Seite war für ihn gemacht – so wie in den Jahren zuvor für mich. Doch plötzlich sagte Ochs zu mir: »Charly, ab auf rechts!« Das war der Anfang vom Ende.

Dabei galten Sie in den 60er Jahren als bester Linksaußen der Bundesliga. 1964 wurden Sie von der »L’Équipe« gar zum besten Linksaußen Europas gekürt. Was machte Sie so stark?

Ich war schnell und wendig. Und ich konnte mich sehr gut von hinten heranschleichen, so wie eine Katze, und dem Gegner den Ball vom Fuß stiebitzen. Das habe ich auch mal mit Pelé gemacht – und ihn dabei umgehauen. Dann lag er da, die Spieler protestierten – und ich massierte derweil Pelés Oberschenkel.

Sie liebten die kleine Provokation.

Als wir einmal gegen Real Madrid spielten, rief ich meinen Mannschaftskameraden zu: »Guckt euch die Pinkel an, die riechen ja über den ganzen Platz nach Parfüm! Die hauen wir doch locker weg.« Dabei wäre ich ja auch gerne ein solcher Pinkel gewesen. (lacht)

In manchen Spielen tauchten Sie aber auch unter. Woran lag das?

Oft an der Hitze. Ich konnte bei hohen Temperaturen nicht spielen. 1960 trafen wir im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft auf den 1. FC Köln und es war unfassbar heiß. Ich stellte mich während des Spiels in den Schatten eines Flutlichtmastes, um der Hitze zu entkommen. Das müssen 45 Grad gewesen sein. Es war ein einziger Hitzekessel.  

Wie sehr brauchten Sie das Publikum?

Wir brauchten uns gegenseitig. Aber natürlich spornte es mich sehr an, wenn ich wusste, dass das Publikum hinter mir stand. In manchen Spielen strotzte ich so stark vor Selbstbewusstsein, dass meine Gegenspieler in der eigenen Hälfte Hilfe suchend auf mich warteten. Die Fans sahen das und feuerten mich immer weiter an. In solchen Spielen fühlte ich mich wie Mohammed Ali, der voraussagte, in welcher Runde seine Gegner K.O. gehen. Ich hakte meine Gegenspieler innerlich nach soundsoviel Minuten ab.

Es gab auch unangenenehme Gegenspieler.

Berti Vogts war einer. Der ist immer mit nach vorne gegangen, ich hatte allerdings wenig Lust die ganze Zeit hinter dem her zu rennen. Deshalb hab ich Jürgen Kurbjuhn zu meinem Ausputzer gemacht. In Spielen gegen Borussia Mönchengladbach rief ich die ganze Zeit: »Kubbi, übernehmen Sie!«

Und Sie sind derweil auf die Tribüne.

Das kam ein paar Mal vor. Es gab etwa dieses eine Spiel am Rothenbaum, bei dem ein guter Freund von mir zu Gast war und ich vor dem Spiel mit ihm scherzte: »Ich finde dich im Publikum.« Während des Spiels schaute ich ständig auf die Zuschauerränge, konnte ihn aber nicht finden. Kurz vor der Halbzeit sah ich ihn dann doch. Ich bin also auf die Tribüne, habe ihm inmitten der johlenden Fans die Hand geschüttelt und gerufen: »Ich habe ihn gefunden!« Ihm war das ziemlich unangenehm.

Das Spiel lief währenddessen weiter?

Ja, während ich mit dem Kumpel einen kurzen Klönschnack hielt, rief ein Zuschauer: »Charly, der Ball!« Zack, rannte ich wieder aufs Spielfeld, habe Ball vor der Außenlinie noch angenommen und bin wieder die Linie auf und abgelaufen.

Gab es für solche Aktionen nie Geldstrafen?

Fast nie, die HSV-Verantwortlichen wussten, dass ich für Seeler unverzichtbar war. Ich musste nur ein einziges Mal zum Rapport.

Was war geschehen?

In einer Partie gegen Hildesheim habe ich mit meinem Gegenspieler Doppelpass gespielt. Der passte mir den Ball unabsichtlich vor die Füße. Ich spielte ihn wieder zurück – absichtlich. Und natürlich etwas überheblich. Doch der Hildesheimer nahm plötzlich richtig Fahrt auf und drosch den Ball aufs Tor. Glücklicherweise klatschte der Ball an die Latte.

Die Zuschauer vergötterten Sie trotzdem.

Am Rothenbaum auf jeden Fall. Neben Vogts gab es übrigens noch einen Spieler, gegen den ich sehr ungern spielte. Das war Sepp Piontek. Der konnte einfach kein Fußball spielen, ist nur in die Knochen gegangen. Bei einem Spiel beförderte er mich mit einer harten Grätsche vor die Tribüne des Rothenbaums. Da kam ein Zuschauer und schlug ihm mit dem Regenschirm auf den Kopf. Ich war tatsächlich so etwas wie ein Heiligtum dort.

Sie bedankten sich bei den Fans auf unkonventionelle Art.

Ich steckte den Fans Lutschbonbons zu. Und manchmal schleuste ich die Jugendlichen und Arbeitslosen, die sich den Eintritt nicht leisten konnten an den Ordnern vorbei ins Stadion. Die haben sich dann richtig aufgeregt. Da hab ich nur gesacht: »Du bist still oder du kannst dir morgen einen neuen Job suchen, Freundchen!« Und ich sang gerne, auch während des Spiels: »Horch, was kommt von draußen rein, das kann doch nur der Charly sein.« Und die HSV-Fans sangen mit. Ja, ich hatte zu den Fans eine wahrhaft schöne Beziehung.

Im Gegensatz zu Ihren Nationaltrainern.

Anfangs war ich Herbergers Liebling. Er nominierte mich, als ich 20 war. Und ich revanchierte mich mit zwei Toren im ersten Spiel gegen Island. In der Qualifikation zur WM 1962 schoss ich drei weitere. Dennoch nahm mich Herberger nicht mit nach Chile. Ich war ziemlich perplex. Und die Presse auch.

Ließ er Sie grundlos zu Hause?

Vielleicht nahm er mich nicht mit, weil ich kein Taktikspieler war. Dieses starre Einhalten von Positionen war nichts für mich. Ich brauchte Narrenfreiheit. Herberger aber wollte 1962 defensives Catenaccio spielen lassen. Auf meiner Position durfte dann der Kölner Hans Schäfer ran – und er machte in Chile die schlechtesten Spiele seiner Laufbahn.

In einigen Länderspielen wurden Sie auch von Ihren Nebenleuten gemieden.

Sie sprechen die Länderspiele 1963 gegen die Türkei und Brasilien an. Das waren tatsächlich seltsame Spiele. Konietzka, Schütz und Libuda passten und flankten sich die Bälle zu, während ich wie ein Wahnsinniger in die Gassen sprintete und mich immer wieder anbot. Doch sie ignorierten mich, auch wenn ich viel freier stand. Später behauptete Konietzka, dass er mich in den Situationen nicht gesehen hatte. Ich sagte nur: »Na, na, Timo!« Das war ganz klar Westen-Klüngelei.

Unter Helmut Schön kamen Sie nur noch einmal zum Einsatz. Waren Sie ihm zu unbequem?

Vermutlich. Schön war humorlos. Vielleicht zwickte es mich deswegen bei Gesprächen mit ihm umso mehr im Zwerchfell. Schön kam etwa einmal während der Halbzeitpause eines HSV-Freundschaftsspiels zu mir und fragte: »Na Charly, wie sind Sie in Form?« Da hab ich zu ihm gesagt: »Herr Schön, ganz gut, aber ich habe da auf dem Nebenplatz einen Außenstürmer gesehen, der ist echt super.« Da hat Schön bedröppelt dreingeschaut. Ironie mochte der gar nicht.

Sprachen Sie nach Ihrer Ausbootung noch miteinander?


Durch Zufall. Eines Tages rief Schön in der Geschäftsstelle am Rothenbaum an. Wir saßen nicht weit des Empfangs und aßen zu Mittag. Da die Zentrale nicht besetzt war, eilte ich zum klingelnden Telefon. Am Ende meldete sich der Bundestrainer: »Hallo, hier Helmut Schön, ich möchte mit Trainer Gawliczek sprechen!« – Ich antwortete in einer Art Computerstimme: »Hier ist die telefonische Zeitansage, beim nächsten Ton ist es 17:25 Uhr – tut – tuuut.«

Bereuen Sie es eigentlich manchmal, dass Sie sich solche Scherze nicht verkniffen haben? Angepasster hätten Sie sicherlich mehr Länderspiele gemacht.

Einige Dinge würde ich heute vermutlich nicht mehr so machen. Wissen Sie, mein Vadder hat mir noch im Testament Vorwürfe gemacht. Der konnte es bis zuletzt nicht verknusen, dass ich Länderspiele abgesagt habe. Doch ich hatte manchmal einfach keine Lust. Vor einem Länderspiel gegen Jugoslawien dachte ich etwa, dass die Jungs in Belgrad sowieso einen auf den Hut bekommen – da ging ich lieber zur Arbeit.

Sie stammen aus einer großen Fußballfamilie. Ihr Onkel Richard, Ihr Bruder Bernd und Ihr Vater Friedo waren allesamt HSV-Spieler. Spürten Sie schon in frühen Jahren die großen Fußstapfen?

Überhaupt nicht. Ich spielte Fußball, weil es mir Spaß machte, nicht weil ich mir davon das große Geld erwartete. Ich strengte mich ja auch in der Schule an, um später einen guten Beruf erlernen zu können. Ich wollte ein guter Kaufmann werden.

Wie waren Sie in der Schule?

Ganz gut. Es gab allerdings auch eine Zeit, in der ich ein paar Fünfen und Vieren mit nach Hause brachte, da gab es dann richtig Dampf vom Alten. Der wollte mich schon beim Fußball abmelden. Aus Verzweiflung schrieb ich dann nur noch Zweien und Dreien. Und wenn ich mal `ne Eins  schrieb, gab mir Vaddern zur Belohnung fünf Mark.

Und nebenher gab es nichts außer Fußball?

Andere liefen seit Babytagen mit Lollis rum, wir Dörfels liefen seit der Geburt mit einem Ball durch die Gegend. Doch es gab nicht nur Fußball. Es gab die Musik, und es gab die Frauen. Ich war bekanntlich kein Kussverächter. Allerdings konnten meine Freundinnen nie etwas mit Fußball anfangen. Sie wollten romantische Abende im Kerzenschein – und sie wollten heiraten. Ich war aber lange Zeit kein Freund der Ehe.

Hatten Sie Angst Ihre Narrenfreiheit zu verlieren?

Ich glaube einfach, dass wir Fußballer nicht für die Ehe gemacht sind. Ich hatte deswegen stets Freundinnen. Und dennoch bin ich immer anständig und ehrlich geblieben. Ich war ja Subunternehmer.

Und heute sind Sie auch verheiratet.

Das stimmt. Und daher muss ich auch ab und zu mal seriös rüberkommen. (lacht) Mein Sohn Steffen ist übrigens gar kein Freund von dem Clownsgehabe, der sagt immer: »Papa, dafür bist du zu alt.«

Und was sagen Ihre Weggefährten von früher?

Das ist ganz unterschiedlich. Letztens hatte ich eine sehr schöne Begegnung in der Seevetaler Einkaufspassage. Da spricht mich plötzlich ein Mann in meinem Alter an und sagt: »Mensch, Charly! Schön, dass ich dich treffe! Ich wollte mich die ganzen Jahre bei dir bedanken.« Ich schau ihn an und merke, dass er ein ehemaliger Mitspieler von SV Polizei Hamburg ist. Wir lachen und ich frage: »Wieso denn bedanken?« Er antwortet: »Wir haben damals vom HSV 3000 Mark für dich bekommen. Mit dem Geld haben wir den besten Kegelabend gemacht, den ich je erlebt habe.«

Und was haben Sie geantwortet?

Ich sagte: »Ich habe durch den Wechsel ja auch `ne ganz gute Karriere machen können. Auch wenn ich manchmal das Gefühl hatte, in der falschen Zeit und am falschen Ort zu spielen.«

Wo hätten Sie denn spielen wollen?

In Hollywood.

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