Charly Dörfel über Michael Oenning und die HSV-Krise

»Da muss jetzt einer mit der Peitsche ran!«

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Charly Dörfel, wir möchten mit Ihnen über den HSV sprechen.

Charly Dörfel: Ich weiß nicht, ob das noch was nützt.

Sie machen sich Sorgen?

Charly Dörfel: Mein Herz schlägt doch immer noch für den Verein. Was ich mich momentan wieder und wieder frage: Wie kann man einen Kindergarten vom FC Chelsea verpflichten und dann hoffen, dass man in der Liga eine gute Rolle spielt? Zugleich hat man Spieler wie Frank Rost oder Joris Mathijsen ziehen lassen. Dabei ist es doch keine große Neuigkeit, dass ein Team auch Typen braucht. Ein Gefüge, also erfahrene Profis, an denen sich die jungen Spieler orientieren können.

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Ist also der aktuelle Tabellenstand vornehmlich der Einkaufspolitik geschuldet und weniger dem Trainer?

Charly Dörfel: Ich kenne Michael Oenning, zuletzt habe ich ihn beim »Tag der Legenden« getroffen. Ein höflicher, netter Mann. Und auch wenn ihm immer wieder unterstellt wird, er habe kein Konzept, hat er sicherlich eine Idee wie er den HSV nach oben führen will. Allein, er ist viel zu lieb. Der HSV braucht jetzt einen Schleifer, einen Trainer, der die Peitsche rausholt.

Einen Felix Magath?

Charly Dörfel: Zum Beispiel. Das Problem: Der Markt gibt nicht so viel her.  Vor einiger Zeit dachte ich noch, dass einer wie Horst Hrubesch sich gut beim HSV machen würde. Dazu Spieler, die Gras fressen. Doch was haben wir: Schönspielerei und Angsthasenfußball. Wenn ich das sehe, schalte ich den Fernseher aus.

Wie müsste der HSV momentan denn spielen?

Charly Dörfel: Kick and Rush der ganz alten englischen Schule. Die Leute müssen verstehen, dass der Baum lichterloh brennt. Gucken Sie sich Gladbach an: Die sind spielerisch ja auch nicht besser als wir, aber die sind konditionsstärker, die haben mehr Leidenschaft.

Es fehlt also die viel zitierte Brechstange?

Charly Dörfel: Ein Stürmer und hinten dicht machen – anders geht es nicht! Im Mittelfeld müsste man bestenfalls einen Typen wie Effenberg haben, also einen, der das Spiel lenkt. Diese ganzen Indianer brauchen doch einen Häuptling. Da sind wir aber wieder beim Personalproblem: Denn woher nehmen? In den eigenen Reihen findet sich so einer nicht.

Es wurden vor der Saison keine wirklichen Ziele vonseiten des HSV ausgegeben. Ist das auch ein Problem?

Charly Dörfel: Das mag sein. Es gibt keine Orientierung. Übergangssaison! Wenn ich das schon höre! Dazu wird alles schön geredet. Wenn ich die Interviews nach den Spielen höre, wird mir ganz anders. Da hat man das Gefühl, der HSV spielt aktuell ziemlich großartigen Fußball. Ich frage mich immer: Bei welchem Spiel waren diese Leute?

Michael Oenning wird auch gegen Stuttgart auf der Bank sitzen. Erstaunt Sie das?

Charly Dörfel: Das ehrt eigentlich den Verein. Nach den zahlreichen Trainer-Wechseln in der Vergangenheit versucht man nun auf Kontinuität zu setzen. Doch ganz ehrlich: Ich würde an der Stelle von Oenning selber hinschmeissen. Ansonsten, da bin ich mir ziemlich sicher, wird es nach einer Niederlage in Stuttgart einen unschönen Rausschmiss geben.

War die Situation schon mal so kritisch?

Charly Dörfel: Unter Thomas Doll war es ähnlich. Doch das war eine Momentaufnahme. Jetzt kann man ja schon von einem Geschwür sprechen. Der HSV ist seit 13 Spiele in Folge sieglos.

Es lief allerdings schon mal schlechter.

Charly Dörfel: Wann?

Vor 44 Jahren, als Sie und Uwe Seeler noch aktiv waren.

Charly Dörfel: Ach, ja. Saison 1966/67, damals blieben wir 14 Spiele in Folge sieglos. Wir rutschten vom 3. auf den 14. Platz ab. Alles halb so wild, wir blieben ja in der Liga. (lacht) Und wenn die aktuelle Saison ähnlich endet, können alle zufrieden sein.

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