27.06.2010

César Luis Menotti über den modernen Fußball

»Ich verstehe es nicht mehr«

César Luis Menotti führte Argentiniens Nationalelf 1978 zum Weltmeistertitel. Vor dem Achtefinale gegen Mexiko sprachen wir mit dem 71-Jährigen über die Kommerzialisierung des Fußballs, den Verlust des Spiels und Lionel Messi.

Interview: Carlos Inrusta Bild: Imago
César Luis Menotti, mag ein Mann wie Sie deutschen Fußball?

Es hieß immer, der deutsche Fußball sei zu schematisch. Völlig übertrieben. Als die Deutschen bei der WM 1974 über die Niederlande triumphierten, gewannen sie nicht allein, weil sie den Gegner vor sich hertrieben, sondern weil sie großartige Spieler hatten. Aber Organisation war ein wichtiger Aspekt ihres Spiels. Eine Nation spielt eben so, wie sie lebt.



Und wie lebt und spielt Argentinien?

Eine Kultur beinhaltet viele Aspekte: von der Musik bis zur Sprache, vom Fußball bis zur Kleidung. In Argentinien durchlebten wir in den Sechzigern eine große kulturelle Krise. Der Fußball blieb davon nicht unbelastet. Hinzu kam, dass wir nicht erfolgreich spielten, also hörten wir auf, an das zu glauben, was unser Spiel besonders macht. Plötzlich schien alles besser zu sein, was von außen kam. Es wurden Dinge eingeführt, die mit unserem Fußball nichts zu tun hatten.

Gibt es dafür eine soziologische Erklärung?

Es gibt eine Initialzündung für diese Fehlentwicklung.

Die da wäre?

Die große Enttäuschung, die unser Team bei der WM 1958 in Schweden erlebte. Damals verloren wir mit sechs Gegentoren gegen die Tschechoslowakei. Die ganze Welt sprach darüber, dass wir rückständig spielen würden und an unserer Athletik arbeiten müssten. In den vierziger Jahren und Anfang der Fünfziger galt unsere Nationalelf als nahezu unschlagbar. Wir hatten so viele gute Spieler, dass wir in der Lage gewesen wären, mehrere Nationalmannschaften aufzustellen.

Was geschah nach 1958?

Mehr als zehn Jahre herrschte Chaos. So sehr, dass wir uns nicht einmal für die WM 1970 qualifizierten. Zu der Zeit begann die Diskussion, ob alles so sein muss wie bei Estudiantes La Plata (dem Sieger der Copa Libertadores von 1968 bis ’70, d. Red.), deren Fußball nur aus Manndeckung, Pressing und Kampf bestand. Wir fragten uns, ob es nicht auch anders ginge. Zu dieser Zeit hatten die Wissenschaftler das Sagen im Fußball. Aber so geht es nun mal nicht, genauso wenig wie einst, als man dachte, die Philosophen könnten alles lösen.

Warum wurde zu dieser Zeit so wenig Fußball gespielt?

Es war die Antwort der spielschwachen Teams. Es war damals Mode, so zu taktieren wie Inter Mailand, wo der Catenaccio zelebriert und mit enger Manndeckung gespielt wurde. Dann kam die WM 1970, die Brasilien im Torrausch gewann. Ich adaptierte ihre Idee vom Fußball, als ich bei CA Huracán anfing.

Was haben Sie geändert?

Als ich den Posten antrat, erklärte ich den Spielern, dass sie besser spielen könnten. Ich nannte ihnen die großen Stars früherer Zeiten. Erst schauten sie mich nur an und sagten: »Schön und gut, aber es gewinnen doch immer dieselben.« Ich versuchte sie davon zu überzeugen, dass Fußball nicht nur auf Leistungsbereitschaft basiert. Bis dahin hatte der Fußball vor allem auf Taktik und Physis beruht. Aber für mich ist Fußball etwas Menschliches. All jene, die nur darauf aus sind, Spiele zu gewinnen, haben den eigentlichen Sinn nicht verstanden. Sie spielen in meinen Augen falsch.

Kann man als Trainer, der vom Erfolg lebt, so argumentieren?


Natürlich. Wenn jemand sagt: »Das Einzige, was mich interessiert, ist gewinnen«, ist er ein Falschspieler. Denn sein Anliegen impliziert auf diese Weise immer die Möglichkeit des Betrugs. So wie jemand, der Poker spielt, um Geld zu machen, aber nicht wegen des Spiels selbst. Kurz: Wir waren in Gefahr, die Bedeutung des Wortes »Spiel« zu entwerten.

Erklären Sie uns Ihre Auffassung davon.

Das Grundprinzip des Spiels ist die Freiheit. Man kann einen Fußballer nicht in ein Schema pressen, das nur vom Erfolg geprägt ist, denn es würde den Tod des Sports bedeuten.

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