Carsten Jancker zieht Bilanz

»Es war die harte Schule«

Fast zwei Jahrzehnte ackerte ein 1,93 Meter großer Glatzkopf in den Strafräumen dieser Fußball-Welt, jetzt ist die Karriere von Carsten Jancker beendet. Ein Gespräch über Champions League, Fußball in Österreich und Neonazis. Carsten Jancker zieht Bilanz

Mannschaftskapitän, sieben Tore in der laufenden Saison – eigentlich wollte Carsten Jancker im Spätherbst seiner Karriere noch einmal zur Höchstform auflaufen. Doch Trainer Franz Lederer befand den deutschen Hünen für »zu alt« und stellte Jancker vom Spielbetrieb frei. Obwohl sein Vertrag erst am 31. Juli diesen Jahres endet, ist Carsten Janckers Laufbahn beendet. Er sagt: »Der unschöne Abschied wiegt schwerer, als die erfolgreichen Jahre in Mattersburg.« Den ersten Gesprächstermin muss Jancker noch verschieben, eine seiner Töchter ist krank. Erst als sie versorgt ist kann das Interview beginnen.  

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Carsten Jancker, warum mögen Sie Deutschland nicht?

Das habe ich doch nie gesagt. Aber ich wollte mit meiner Familie sesshaft werden und das haben wir nun auch gemacht: In Österreich.

Warum nicht in Deutschland? Hier sind Sie Champions-League-Sieger geworden, haben den Weltpokal geholt, sind Nationalspieler geworden...


Meine Frau kommt aus Wien und wollte auch dort wohnen bleiben. Jetzt leben wir in Neusiedl, das ist 40 Autominuten von Wien entfernt.

Mit seiner Entscheidung hat Mattersburg-Trainer Franz Lederer Ihre Karriere früher beendet, als angedacht. Wann wäre denn Schluss gewesen, wenn Sie das entschieden hätte?

Ich bin bald 36, im Sommer wäre es also ohnehin so weit gewesen. Langsam spüre ich die Jahre.

Valerien Ismael hat erzählt, dass er irgendwann vor Schmerzen nicht mehr aufstehen konnte.

So schlimm ist es nicht, nur der Rücken zwickt. Aber das tut er eigentlich schon seit ich in Rostock auf das Jugendinternat gegangen bin.

Weil Sie zu viel trainiert haben? Immerhin waren Sie damals erst 12 Jahre alt.

Nein, solche Probleme haben andere auch. Und die sind nicht durch die harte Schule gegangen, die ich durchlaufen habe.

Harte Schule?


Sechs Uhr aufstehen. Sieben Uhr Schulbeginn. Halb elf Training. Mittagessen. Zu Fuß zur Schule. Wieder Training und dann bist du um sechs Uhr zu Hause und musst noch Hausaufgaben machen. Und das alles alleine.

Hört sich nach harter Arbeit an.


Das müssen Sie heute mal mit einem Zwölfjährigen versuchen und den am Wochenende noch motivieren Fußball zu spielen. Dafür braucht man eine gewisse Einstellung.

Warum tut man sich das an?


Ich hatte die einmalige Chance mein Hobby zum Beruf zu machen.

Das ist alles?


Das ist Motivation genug.

Diesen Job haben Sie jetzt fast 17 Jahre lang ausüben können, für einen Fußballer fast schon eine Ewigkeit. Geben Sie mir Recht, wenn ich behaupte, dass Ihre besten Jahre allerdings schon einige Zeit zurückliegen?

Das kann ich unterschreiben. Den besten Fußball meiner Karriere habe ich definitiv bei Rapid Wien und den Bayern gespielt.

2002 verließen Sie München und gingen zu Udinese Calcio. War das der entscheidende Karriereknick?

Vielleicht, aber ich bin ja damals nicht in die dritte portugiesische Liga, sondern in die Serie A gewechselt. Dass es letztlich dort nicht funktioniert hat, lag wahrscheinlich daran, dass die italienische Mentalität nicht zu mir passte und definitiv daran, dass ich beschissen gespielt habe.

Wie geht man damit um, wenn man weiß: Meine beste Phase habe ich wohl hinter mir?

Bei mir ist es die Familie, die mich immer wieder aufgefangen hat. Wenn man drei Frauen im Haushalt hat, haben die kein Verständnis dafür, wenn man schlechte Laune wegen Fußball hat.

Wenn man an den Fußballer Carsten Jancker denkt, dann fallen einem sofort drei Bilder ein: Der Turban im Europapokal-Viertelfinale gegen Dynamo Moskau, der Fallrückzieher im Champions-League-Finale 1999 und der Oben-ohne-Jubel beim 8:0 gegen Saudi-Arabien 2002.

Hoffentlich auch der Champions-League-Sieg 2001 und die beiden knappen Meisterschaften 2000 und 2001.

Welche Erinnerungen haben Sie eigentlich an das Meisterschafts-Fernduell mit Bayer Leverkusen vor zehn Jahren?

Wir führten schnell mit 3:0 gegen Bremen, ich habe selbst zwei Tore geschossen, musste dann aber wegen Rückenproblemen kurz vor der Pause ausgewechselt werden. In Unterhaching fiel bald das Tor für die Spielvereinigung und ich saß in der Kabine und habe gezittert vor Aufregung...

Moment mal, Sie saßen in der Kabine?


Gerade als ich aus der Dusche kam, fiel das zweite Tor für Unterhaching durch Oberleitner. Da bin ich aus Aberglauben alleine in der Kabine geblieben und habe den Rest der zweiten Halbzeit im Fernseher gesehen.

Sie machen Witze...

Das ist die volle Wahrheit. Als in Unterhaching Schluss war und bei uns das Stadion explodierte, bin ich wieder auf den Rasen gerannt, wo schon alle ganz besoffen vor Glück waren.

Auch ein Jahr später gewannen Sie die Meisterschaft erst am letzten Spieltag.


Diese Saison war ja einfach nur verrückt. Am vorletzten Spieltag verlor Schalke, wir gewannen durch ein Tor kurz vor dem Abpfiff gegen Kaiserslautern und brauchten am letzten Spieltag gegen Hamburg nur ein 0:0 um Deutscher Meister zu werden. Als Barbarez vier Minuten vor dem Ende traf, war alles in mir wie tot. Der Olli (Kahn) schrie zwar immer wieder: »Noch vier Minuten, noch vier Minuten!«, aber eigentlich war mir klar, dass wir die Meisterschaft verspielt hatten.

Und dann gelang Patrick Andersson der legendäre Treffer nach einem indirekten Freistoß...

...und plötzlich durchströmte mich diese unglaubliche Euphorie, die ich dann wieder irgendwie bremsen musste, weil Tage später das Champions-League-Finale gegen Valencia anstand.

Was Ihnen 2001 gelang, war zwei Jahre vorher noch dramatisch gescheitert. Hören Sie eigentlich immer noch das Geräusch, wie der Ball nach Ihrem Fallrückzieher gegen die Latte klatscht?

Nicht mehr. Aber dieses Spiel hat mich noch monatelang verfolgt. Andere konnten damit besser umgehen. Ich nicht.

Man hat Ihnen wegen Ihres äußerlichen Erscheinungsbilds Zeit Ihrer Karriere vorgeworfen Sympathien für Rechtsradikalismus und Neonazis zu hegen. Wenn Sie noch mal die Gelegenheit dazu hätten: Wie würden Sie heute auf diese Vorwürfe reagieren?


Wahrscheinlich würde ich früher versuchen mich in aller Deutlichkeit davon zu distanzieren. Eines würde ich allerdings nie wieder machen.

Was?


Mir die Haare wachsen zu lassen, weil andere es wollen. Nie wieder.

Warum?


Weil das meine persönliche Entscheidung ist und es jedem selbst überlassen sein sollte, wie er sich die Haare wachsen lässt.

Tatsächlich hat auch Ihr berühmter Torjubel, der Ring-Kuss, anfangs Aufsehen erregt...


Allerdings ist die Geschichte immer falsch erzählt worden. Als ich mein allererstes Tor für den FC Bayern schoss, habe ich gejubelt, in dem ich zwei Finger nach oben streckte. Da wurde mir gleich vorgeworfen, das sei ein versteckter Hitler-Gruß. Das ist aber Quatsch.

Die Gelegenheit dazu hatten Sie bei Ihrem kurzen Aufenthalt in China allerdings nicht. Die Statistik weist elf Ligaspiele ohne Torerfolg aus. Wie kam der Wechsel zu Shanghai Shenhua überhaupt zu Stande?

Das können Sie sich doch denken. Es gibt nicht viele Gründe, um nach China zu wechseln. In Kaiserslautern musste ich meine Koffer packen und aus China lag ein ziemlich gutes Angebot. Da fiel die Entscheidung ziemlich leicht.

Ihre Karriere als aktiver Profi-Fußballer ist beendet. Was wird jetzt aus Ihnen?

Ich mache meinen A-Lizenz-Trainerschein, frische meine Englischkenntnisse auf und trainiere eine U-14-Auswahl bei uns im Ort.

Was ist denn Carsten Jancker für ein Trainer?


Schwer zu sagen.

Warum?

Ganz einfach: Ich habe erst zwei Übungseinheiten hinter mir!    

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