Carsten Jancker über den CL-Triumph 2001

»Der Wille der Bayern erinnert mich an unsere Mannschaft«

Carsten Jancker feierte 2001 mit dem FC Bayern den letzten Titel in der Königsklasse. Im Interview erinnert er sich an das dramatische Finale von Mailand und erklärt den besonderen Stellenwert der Champions League im Vergleich zu einer Weltmeisterschaft. 

Carsten Jancker, ganz Deutschland fiebert schon seit Wochen dem Champions-League-Finale entgegen. Hat es Sie auch schon gepackt?

Dass ich dem Spiel entgegen fiebere, wäre vielleicht zu viel gesagt. Aber ich freue mich natürlich auch drauf.

Sie leben und arbeiten inzwischen schon einige Jahre in Österreich. Wie wird dort das deutsche Duell aufgenommen?

Ganz Europa schaut in diesen Tagen auf das Endspiel, das ist in Österreich nicht anders. Mit David Alaba steht ja auch ein Österreicher in den Reihen der Bayern, deshalb ist es auch hier in den Medien ein großes Thema.

Sie standen selbst zweimal mit den Bayern im Champions-League-Finale und konnten den Henkelpott im Jahr 2001 gewinnen. Wie emotional verfolgen Sie ein solches Spiel?
Ich drücke den Bayern natürlich die Daumen, aber die ganz großen Emotionen sind mittlerweile nicht mehr im Spiel.

Gerade im Vorfeld eines solchen Spiels werden von den Medien immer wieder die Bilder und Geschichten von damals aufgegriffen. Kommen dann auch bei Ihnen die Erinnerungen noch einmal hoch?

Nein, nein. Es waren zwar unvergessliche Momente, an die man sich auch heute immer noch gerne zurückerinnert, aber dass die Bilder gerade jetzt noch einmal besonders präsent sind, könnte ich nicht behaupten. Es ist mehr ein Gefühl wie Stolz, dass man diesen großen Titel schon einmal gewonnen hat.

An welchen Moment denken Sie auch heute noch besonders gerne zurück?
Ähnlich wie 1999 gegen Manchester United, war es auch 2001 gegen Valencia eine unheimlich dramatische Partie. Der emotionalste Moment, an den ich mich erinnere, war wohl der letzte gehaltene Elfmeter von Oli Kahn. Wir hatten es endlich geschafft, unser großes Ziel zu erreichen und wurden in diesem Moment für die bittere Niederlage zwei Jahre zuvor entschädigt.



Dabei hatte die Partie alles andere als positiv begonnen. Ein früher Rückstand und kurz darauf vergab Mehmet Scholl die große Chance zum Ausgleich vom Elfmeterpunkt. Haben Sie nicht gedacht: Jetzt läuft schon wieder alles gegen uns?
Wir wussten ja, dass uns noch jede Menge Zeit bleibt und sind einfach vollkommen fokussiert geblieben. Auch Valencia hatte im Jahr zuvor das Endspiel verloren und hatte dementsprechend genauso großen Druck wie wir. Am Ende gehört aber immer auch das nötige Glück dazu und das hatten wir im Elfmeterschießen auf unserer Seite.

Wenn man sich die Szenen nach dem Abpfiff anschaut, wirkt es fast, als wäre die Erleichterung in den ersten Minuten größer gewesen als die Freude. Täuscht der Eindruck?

Ich glaube, dass es beides war. Diese beiden Emotionen waren in diesem Moment auch nur schwer voneinander zu trennen. Der Moment in dem ich aber wirklich realisiert habe, was wir erreicht haben, kam erst beim Bankett.


Die aktuelle Bayern-Mannschaft hat im vergangenen Jahr das »Finale dahoam« auf ähnlich dramatische Art und Weise verloren, wie Sie damals 1999 in Barcelona. Kann man die Situation beziehungsweise die Mannschaften miteinander vergleichen?

Die Parallelen sind auf jeden Fall vorhanden. Insbesondere das Hinspiel gegen Barcelona hat das deutlich gemacht. Dieser unbedingte Wille und die absolute Fokussierung haben mich schon an unsere Mannschaft von damals erinnert.

Als Sie vor kurzem in der Talkshow von Markus Lanz zu Gast waren, haben Sie gesagt, dass Sie auch lange Zeit nach dem verlorenen Finale 1999 sehr schlecht geschlafen haben. Der Druck vor dem Finale 2001 muss enorm gewesen. Wie haben Sie es geschafft, damit umzugehen?

Im Endeffekt machst du nichts anderes als vor einem Bundesligaspiel. Die Anspannung ist vielleicht ein bisschen größer, weil es ein Endspiel ist und es um diesen großen Titel geht, aber sonst sind die Abläufe identisch.

Das klingt ziemlich abgeklärt. Ihr Teamkollege Michael Tarnat konnte nach eigenen Angaben schon vor dem Finale gegen Manchester United nichts essen und war so aufgeregt, wie noch nie zuvor in seinem Leben.
So ganz genau weiß ich es zwar nicht mehr, wie ich mich damals gefühlt habe, schließlich ist es ja auch schon einige Jahre. Aber so schlimm war es bei mir nicht (lacht).

Wie muss man sich als Außenstehender die Abläufe an einem solchen Finaltag vorstellen?
Man trifft sich morgens zum Frühstück und absolviert noch eine leichte Trainingseinheit. Danach geht es zurück ins Hotel, wo man dann gemeinsam Mittag isst. Anschließend ist Mittagsruhe. Da kann sich jeder Spieler noch einmal zurückziehen und für sich sein. Nachmittags folgt dann die Mannschaftssitzung, ehe es nach Kaffee und Kuchen zum Stadion geht. Es passiert also wirklich nichts Weltbewegendes.

Neben den beiden Champions-League-Finals standen Sie 2002 auch mit der Nationalmannschaft im Endspiel um die Weltmeisterschaft. Gab es einen emotionalen Unterschied?

Das ist schwer zu sagen. Grundsätzlich ist ein Finale ein Finale, bei dem du am Ende entweder den Pokal in den Händen hältst oder eben die Silbermedaille um den Hals gehängt bekommst. Vielleicht ist die Champions League einen Tick besonderer. In diesem Wettbewerb bestreitet man eine ganze Saison zusammen als Mannschaft, während man sich bei der Nationalmannschaft immer nur in größeren Zeitabständen trifft.

Für viele Experten sind die Bayern nach ihrem beeindruckenden Siegen gegen Mannschaften wie Juventus Turin und vor allem gegen den FC Barcelona der große Favorit. Wie sehen Sie dieses Duell aus der Sicht eines Trainers?
Wenn der FC Bayern die Leistungen aus den Spielen gegen Barcelona wieder abrufen kann, wird es sehr schwer für Borussia Dortmund. Über 90 Minuten gegen einen solchen Gegner so zu verschieben, die Bälle zu erobern und schnell umzuschalten, hat mich schon schwer beeindruckt.


Kommt es den Dortmundern zu Gute, dass der große Druck nach dem verlorenen Endspiel im letzten Jahr bei den Münchenern liegt?

Man könnte aus meiner Sicht genauso gut argumentieren, dass es für die meisten Bayern-Spieler ein Vorteil ist, schon einmal in einem Champions-League-Finale gestanden zu haben. Einige waren ja sogar schon zweimal dabei.

Sie haben das bayrische Selbstverständnis »Mia san mia« Jahre lang eingeimpft bekommen und wissen wie es ist, immer an erster Stelle stehen zu müssen. Wären all die Rekorde, der Meistertitel und möglicherweise der Pokalsieg wirklich nichts wert, wenn man das Champions-League-Endspiel verlieren würde?

Nichts wert wäre zu hoch gegriffen, aber alles andere würde sicherlich in den Hintergrund rücken. Wenn man ein Champions-League-Endspiel verliert, überwiegt am Ende immer ein wenig das Negative. Aber ich bin optimistisch, dass die Bayern eine perfekte Saison hinlegen werden.



Auch zu Ihrer aktiven Zeit war der BVB einer der größten Konkurrenten der Bayern. Spätestens seit dem Bekanntwerden des Götze-Transfers scheint die Rivalität zwischen beiden Klubs neue Ausmaße erreicht zu haben.
Es waren schon immer besondere Spiele gegen den BVB. Dass durch den Transfer noch einmal zusätzliche Brisanz hineinkommt, liegt in der Natur der Sache. Im Rückspiel in der Bundesliga war es allerdings schon grenzwertig.

Glauben Sie, dass es am Samstag ähnlich hart zur Sache gehen wird?

Beide Mannschaften wollen und müssen an ihre Grenzen gehen. Ich glaube aber nicht an den in den Medien proklamierten Hassgipfel.

Auch über die mögliche Startaufstellung wird momentan viel diskutiert. Vor allem im Sturm hat Bayern-Coach Jupp Heynckes die Qual der Wahl. Egal ob Mario Mandzukic, Mario Gomez oder Claudio Pizzarro, alle Stürmer scheinen nach Belieben zu treffen. Auf wen würden Sie setzen?

Alle drei Stürmer haben Ihre Qualität bewiesen und sie bewegen sich auf dem gleichen Niveau. Ich denke aber, dass Jupp Heynckes sich für Mandzukic entscheiden wird.

Wie geht ein Stürmer wie Mario Gomez damit um, wenn man in fast in jedem seiner Einsätze trifft und trotzdem in solch einem Spiel zuschauen muss?
Das ist der FC Bayern. Jeder weiß, was ihn dort für eine Konkurrenzsituation erwartet. In dieser Saison haben die Bayern ja in der Kaderplanung genau darauf Wert gelegt, dass jeder Spieler gleichwertig ersetzt werden kann.

Trotzdem gab es auch immer wieder Mannschaften beim FC Bayern in denen der große Konkurrenzkampf zu internen Querelen geführt hat. Ist diese enorme mannschaftliche Geschlossenheit der Verdienst von Jupp Heynckes?
Der Zusammenhalt und die mentale Stärke sind in dieser Saison schon außergewöhnlich. Das alles unter einen Hut bekommen zu haben und dabei jedem Spieler gerecht zu werden, ist sicherlich ein großer Erfolg von Jupp Heynckes.

Carsten Jancker, wer wird am Samstag den Henkelpott in den Londoner Himmel stemmen?
Ich tippe auf ein 3:1 für die Bayern!

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