BVB-Kapitän Sebastian Kehl im Interview

»Die Fluggrätsche stirbt aus«

Sebastian Kehl ist einer der wichtigsten Spieler beim Deutschen Meister Borussia Dortmund – wenn da nicht die Verletzungen wären. Während die Kollegen den Urlaub genießen, schuftet Kehl für sein Comeback. Wir sprachen mit ihm. BVB-Kapitän Sebastian Kehl im Interview

Sebastian Kehl, Sie sind und bleiben der Pechvogel der Bundesliga: Wie sieht der momentane Fitnessstand aus?

Sebastian Kehl: Dass ich erneut einen großen Teil der Saison wegen Verletzungen verpasst habe, war sehr frustrierend. Und während meine Mitspieler ihren verdienten Sommerurlaub genossen haben, stand ich auf dem Rasen und habe trainiert. Noch reicht es nicht für das normale Mannschaftstraining, aber ich kämpfe mich Stück für Stück heran.

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Auf Ihrer angestammten Position – dem defensiven Mittelfeld – standen in der abgelaufenen Spielzeit mit Sven Bender und Nuri Sahin zwei junge Herausforderer, die ihre Sache so gut gemacht haben, dass Dortmund am Ende Meister wurde. Wie viele Sorgen machen Sie sich um Ihren Stammplatz?

Sebastian Kehl: Wenn ich fit bin stand ich in der Vergangenheit immer auf dem Platz. Als Kapitän ist das auch in der neuen Saison mein Ziel. Das meine persönliche Saison so frustrierend war, lag zunächst nicht an meinen Konkurrenten sondern an meiner Verletzung.

Wie bewerten Sie die Leistung von Nuri Sahin?

Sebastian Kehl: Er hat viele großartige Spiele abgeliefert, wichtige Tore geschossen und deshalb großen Anteil am Gewinn der Meisterschaft. Mit Real Madrid hat er einen tollen Klub  gefunden und ich freue mich für ihn. Aber ich hätte ihn natürlich auch gerne in der neuen Saison an meiner Seite gesehen – dass wir in der Champions League auf einen Spieler wie Nuri verzichten müssen, ist sicherlich eine Schwächung.

Sahin galt schon mit 16 Jahren als Super-Talent, doch erst jetzt, mit 22, scheint er den Durchbruch geschafft zu haben. Woran liegt das?

Sebastian Kehl: Sicherlich daran, dass er inzwischen einen deutlich defensiveren Part spielt, als noch vor zwei, drei Jahren. Diese Umstellung hat seinem Spiel gut getan. Entscheidend war aber auch, dass er 2007, als er bei uns in einer schwierigen Phase steckte, mutig genug war, zu Feyenoord Rotterdam zu wechseln. In Holland hat er sein Spiel neu erfunden.

Sie sind neun Jahre älter als Nuri Sahin – haben Sie dem jungen Kollegen Ratschläge für die Zukunft gegeben?

Sebastian Kehl: Nicht direkt. Aber nach der Saison, als der Rest der Mannschaft in den Urlaub gefahren ist, haben wir noch gemeinsam trainiert. Natürlich haben wir über Madrid gesprochen, über die Wohnungssuche vor Ort und über seine neuen Mitspieler. Nuri freut sich riesig auf die neue Herausforderung. Aber ich weiß ja am Beispiel meines alten Freundes Christoph Metzelder, wie schwer der Alltag eines Fußballprofis bei Real Madrid sein kann. Dieser Klub ist durchsetzt von Weltklasse-Spielern, die Erwartungen sind noch einmal viel größer als in Dortmund. Daran kann man  scheitern – aber Nuri hat auf jeden Fall die Klasse, sich auch bei Real Madrid durchzusetzen.

Die Rolle des »Sechsers«, des defensiven Mittelfeldspielers, ist in den vergangen Jahren immer wichtiger geworden. Sie können die Entwicklung am ehesten nachvollziehen – was hat sich verändert?

Sebastian Kehl: Grundsätzlich wird die Bedeutung dieser Position noch immer unterschätzt. Die Arbeit während der 90 Minuten ist eben nicht so sichtbar, wie die eines Stürmers oder eines offensiven Mittfeldspielers. Das sind viele taktische Einzelheiten, die Koordination des Defensivspiels, die Rollenverteilung im Mittelfeld und so weiter. Und das geht nur über eine sehr hohe Laufbereitschaft.



Also das, was man im Volksmund »Löcher stopfen« nennt?

Sebastian Kehl: Die Beschreibung ist mir zu negativ. Wir sind ja keine Klempner.

Wo wir bei fußballspezifischen Beschreibungen sind – muss man als anständiger Defensivmann eigentlich immer noch »ein Zeichen setzen«, um sich bei den Gegenspielern den nötigen Respekt zu verschaffen?

Sebastian Kehl: Die gute alte Fluggrätsche an der Mittellinie ist so gut wie ausgestorben. Würde man heute so in die Zweikämpfe gehen, wie vielleicht noch vor zehn Jahren, bliebe man nicht lange auf dem Feld. Was nicht heißen soll, dass eine entsprechende Stärke im Zweikampf heutzutage nicht mehr nötig wäre. Fußball lebt weiterhin von Zweikämpfen.

Die Meistermannschaft von Borussia Dortmund 2011 war eine der jüngsten Mannschaften der Vereinsgeschichte. Da gehören Sie mit ihren 31 Jahren und der Vereinszugehörigkeit seit 2002 schon zum alten Eisen. Welchen Wandel haben Sie bei der Borussia erkennen können?

Sebastian Kehl: Die Philosophie in Dortmund hat sich grundlegend geändert. 2002 sind wir mit einer Mannschaft Deutscher Meister geworden, die sich größtenteils aus routinierten Stars zusammen gesetzt hat, von denen viele im Herbst ihrer Karriere waren. Inzwischen ist das ganz anders: Der BVB setzt auf den Nachwuchs, die Mannschaft ist blutjung. Dadurch hat sich allerdings auch das Mannschaftsgefüge verschoben.

Was meinen Sie damit?

Sebastian Kehl: Verstehen Sie mich nicht falsch, ich genieße diesen Wandel des modernen Fußballs. Aber ich bin ein Spieler, der einer vernünftigen Hackordnung und Hierarchie in der Mannschaft eine gewisse Bedeutung zuschreibt. Auch in einer Mannschaft mit jungen Spielern.

Um in einer Fußball-Mannschaft einen entsprechenden Rang in der internen Hierarchie einzunehmen, bedarf es allerdings auch Einsatzminuten. Wann sind Sie wieder fit?

Sebastian Kehl: Natürlich steht immer die Leistung im Vordergrund und nie das geleistet in der Vergangenheit. Was meinen Topzustand angeht habe In den vergangenen Jahren eines gelernt: Prognosen für den konkreten Termin der Heilung oder der Rückkehr in die Mannschaft gehen immer in die Hose. Deshalb sage ich auch nicht: Am 6. August bin ich wieder voll einsatzfähig. Ich arbeite jeden Tag hart an mir, habe meinen Urlaub gegen das Training eingetauscht und hoffe, dass ich dafür bald belohnt werde.

Was trauen Sie Ihrer Mannschaft nach dem überraschenden Gewinn der Deutschen Meisterschaft in der neuen Saison zu?

Sebastian Kehl: War das so überraschend nach der Vorrunde? Ich denke nicht. Wir sind auch in den Vorjahren Sechster und Fünfter geworden, eine positive Entwicklung war also schon vor dem Start der Meistersaison erkennbar. Jedoch war die Meisterschaft 2010/11 nicht geplant und auch nicht als Ziel aus gegeben, aber sie war am Ende absolut verdient. Für die neue Spielzeit sind wir gut gerüstet, die Mischung in der Mannschaft ist dank der starken Neuzugänge nicht schlechter als im vergangenen Jahr. Trotzdem wird es kein leichtes Jahr, wir müssen uns alles wieder neu erarbeiten.

Als Sie 2002 vom SC Freiburg zu Borussia Dortmund wechselten, wurde der BVB gleich Deutscher Meister – und wäre nur wenige Jahre später beinahe in den Ruin getrieben worden. Haben Sie Angst, dass der BVB von den Fehlern der Vergangenheit nicht gelernt hat?

Sebastian Kehl: Nein. Die Vereinsführung der Gegenwart wird diese Fehler sicherlich nicht begehen. Wir haben alle damals daraus gelernt, deshalb wird es solche finanziellen Probleme nicht mehr geben.

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