Also das, was man im Volksmund »Löcher stopfen« nennt?Sebastian Kehl: Die Beschreibung ist mir zu negativ. Wir sind ja keine Klempner.
Wo wir bei fußballspezifischen Beschreibungen sind – muss man als anständiger Defensivmann eigentlich immer noch »ein Zeichen setzen«, um sich bei den Gegenspielern den nötigen Respekt zu verschaffen?Sebastian Kehl: Die gute alte Fluggrätsche an der Mittellinie ist so gut wie ausgestorben. Würde man heute so in die Zweikämpfe gehen, wie vielleicht noch vor zehn Jahren, bliebe man nicht lange auf dem Feld. Was nicht heißen soll, dass eine entsprechende Stärke im Zweikampf heutzutage nicht mehr nötig wäre. Fußball lebt weiterhin von Zweikämpfen.
Die Meistermannschaft von Borussia Dortmund 2011 war eine der jüngsten Mannschaften der Vereinsgeschichte. Da gehören Sie mit ihren 31 Jahren und der Vereinszugehörigkeit seit 2002 schon zum alten Eisen. Welchen Wandel haben Sie bei der Borussia erkennen können?Sebastian Kehl: Die Philosophie in Dortmund hat sich grundlegend geändert. 2002 sind wir mit einer Mannschaft Deutscher Meister geworden, die sich größtenteils aus routinierten Stars zusammen gesetzt hat, von denen viele im Herbst ihrer Karriere waren. Inzwischen ist das ganz anders: Der BVB setzt auf den Nachwuchs, die Mannschaft ist blutjung. Dadurch hat sich allerdings auch das Mannschaftsgefüge verschoben.
Was meinen Sie damit?Sebastian Kehl: Verstehen Sie mich nicht falsch, ich genieße diesen Wandel des modernen Fußballs. Aber ich bin ein Spieler, der einer vernünftigen Hackordnung und Hierarchie in der Mannschaft eine gewisse Bedeutung zuschreibt. Auch in einer Mannschaft mit jungen Spielern.
Um in einer Fußball-Mannschaft einen entsprechenden Rang in der internen Hierarchie einzunehmen, bedarf es allerdings auch Einsatzminuten. Wann sind Sie wieder fit?Sebastian Kehl: Natürlich steht immer die Leistung im Vordergrund und nie das geleistet in der Vergangenheit. Was meinen Topzustand angeht habe In den vergangenen Jahren eines gelernt: Prognosen für den konkreten Termin der Heilung oder der Rückkehr in die Mannschaft gehen immer in die Hose. Deshalb sage ich auch nicht: Am 6. August bin ich wieder voll einsatzfähig. Ich arbeite jeden Tag hart an mir, habe meinen Urlaub gegen das Training eingetauscht und hoffe, dass ich dafür bald belohnt werde.
Was trauen Sie Ihrer Mannschaft nach dem überraschenden Gewinn der Deutschen Meisterschaft in der neuen Saison zu?Sebastian Kehl: War das so überraschend nach der Vorrunde? Ich denke nicht. Wir sind auch in den Vorjahren Sechster und Fünfter geworden, eine positive Entwicklung war also schon vor dem Start der Meistersaison erkennbar. Jedoch war die Meisterschaft 2010/11 nicht geplant und auch nicht als Ziel aus gegeben, aber sie war am Ende absolut verdient. Für die neue Spielzeit sind wir gut gerüstet, die Mischung in der Mannschaft ist dank der starken Neuzugänge nicht schlechter als im vergangenen Jahr. Trotzdem wird es kein leichtes Jahr, wir müssen uns alles wieder neu erarbeiten.
Als Sie 2002 vom SC Freiburg zu Borussia Dortmund wechselten, wurde der BVB gleich Deutscher Meister – und wäre nur wenige Jahre später beinahe in den Ruin getrieben worden. Haben Sie Angst, dass der BVB von den Fehlern der Vergangenheit nicht gelernt hat?Sebastian Kehl: Nein. Die Vereinsführung der Gegenwart wird diese Fehler sicherlich nicht begehen. Wir haben alle damals daraus gelernt, deshalb wird es solche finanziellen Probleme nicht mehr geben.
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