BVB-Fanlegende Bruno Reckers über Fanfreundschaften

»Und jetzt alle auf die Dortmunder!«

Kein Wochenende ohne Hauereien und negativer Presse über deutsche Fußballfans. Können wir uns denn nicht mehr lieb haben? Bruno Reckers, seit fast einem halben Jahrhundert Dortmund-Fan und Mitglied unseres Roundtables im »Fan-Spezial« über feucht-fröhliche Abende in Schottland und Türsteher-Schlägereien als Auslöser einer wunderbaren Freundschaft.

Privat

Bruno, Du musst uns helfen!
Was ist los?

Wir verlieren langsam den Glauben daran, dass Fußballfans auch friedlich koexistieren, miteinander feiern oder gar zu Freunden werden können. Geht es nach der öffentlichen Wahrnehmung, dürften Fans dazu gar nicht mehr in der Lage sein.
Wie kann ich euch helfen?

Du bist seit fast 50 Jahren Dortmund-Fan, Dein Foto hängt im BVB-Museum, nur wenige Menschen in Deutschland dürften in den vergangenen Jahrzehnten mit so vielen Fußballfans in Kontakt gekommen sein, wie Du. Wir würden gerne wissen, ob wenigstens Du uns ein paar herzerwärmende Fan-Geschichten erzählen kannst?
Wo soll ich anfangen? Vielleicht mit der Reise nach Schottland?

Schieß los!
Das war beinahe exakt auf den Tag heute vor zehn Jahren. Wir spielten am Samstag in Cottbus, am Dienstag in der Champions League gegen den FC Liverpool. Mit ein paar Freunden fuhr ich im Bulli nach Cottbus, gleich danach weiter Richtung Glasgow zu alten Freunden, für die wir ebenfalls Karten besorgt hatten. Wir also von Glasgow nach Liverpool und wieder zurück nach Glasgow, um Celtic am Mittwoch gegen Juventus Turin zu sehen!

Respekt!
5000 Straßen-Kilometer in acht Tagen! Das Schönste passierte allerdings am Mittwoch in Glasgow. Weil für das Spiel keine Tickets mehr zu bekommen waren, suchten wir eine Celtic-Kneipe auf. Ich denk, ich guck nicht richtig, geh zum Barkeeper und sage: »Kerle, du bist doch Paul!« Und er so: »Jau, und du bist doch Bruno!« Ein alter Kumpel aus Schottland. Wenige Minuten später lernten wir eine Familie kennen, alle Celtic, die extra für dieses Spiel aus Kanada angereist waren. Was soll ich sagen: Wir fünf Besucher aus Deutschland durften anschließend den ganzen Abend lang kein Bier mehr bestellen.

Bitte?
Es hieß nur: »Ihr seid Gäste, ihr bezahlt hier nicht einen Cent!« So ging das den ganzen Abend. Als einzige Gegenleistung wurden Schals, Mützen und Anstecker akzeptiert.

Wie ging es weiter?
Irgendwann mussten wir uns verabschieden, unser Hotel lag etwa 20 Kilometer außerhalb von der City. Aber natürlich verpassten wir den letzten Zug, auf den Schock brauchten wir erstmal ein Pils. Wir marschierten in eine Kneipe gleich am Bahnhof, aber als der Wirt uns sah – gut behangen mit Trikots, Schals und Mützen – schmiss er gleich sein Handtuch über den Zapfhahn. »No football colours!«, rief er. Ich versuchte ihn dennoch zu einem Bier zu überreden, er fragte mich: »Seid ihr Italiener?« »Nein«, rief ich, »Dortmund und Celtic-Supporters!« Da ging das Handtuch wieder runter, wir konnten weiter trinken.



Wo habt Ihr die Nacht verbracht?
Am Tresen lernten wir ein paar Schotten kennen, sie hatten das Spiel gegen Juve gesehen und schenkten uns ihre Eintrittskarten als Souvenir. Als sie hörten, dass wir unseren letzten Zug verpasst hatten, standen ein paar Minuten später zwei Taxen vor der Tür. Die Fahrten bereits bezahlt. So viel zum friedlichen Miteinander unter Fußballfans.

Trotzdem hat man den Eindruck, dass Fan-Freundschaften heute eher eine Seltenheit sind. Selbst die einst so innige Freundschaft zwischen Dortmundern und Hamburgern hat in den vergangenen Jahren arg gelitten. Wie kam diese Beziehung überhaupt zustande?
Wie es meistens bei Fan-Freundschaften ist: So richtig weiß das eigentlich niemand. Der Legende nach soll ein Spiel zwischen Dortmund und dem FC St. Pauli in der Saison 1975/76, damals noch in der 2. Bundesliga Nord, der Auslöser gewesen sein. Drei Mann von uns aus Dortmund bekamen damals ordentlich auf die Fresse. Ganz harmlose Typen, die in einer Disco standen, als der DJ plötzlich ins Mikro brüllte: »Und jetzt alle auf die Dortmunder!« Die wurden fürchterlich verhauen. Das sprach sich in Windeseile rum, eine Stunde später hatten sich Dortmunder mit Hamburgern verbündet, um es den Paulianern heimzuzahlen. Normalo-Fans, Kutten, Türsteher, Boxer – das gab eine riesige Prügelei. Das soll der Beginn einer wunderbaren Freundschaft gewesen sein.

Wie klein ist die Welt der Fußballfans?
Nicht mehr ganz so klein und überschaubar, aber immer noch für Überraschungen gut. Erst neulich, vor dem Pokalfinale in Berlin, saß ich am Abend vor dem Endspiel in einem Biergarten gleich am Olympiastadion. Kurz zuvor hatte Fortuna Düsseldorf gegen die Hertha in der Relegation gespielt. Ich will mir gerade ein neues Bier bestellen, da sehe ich ein bekanntes Gesicht an einem der Tische: Eine alte Freundin, die ich locker 20 Jahre lang nicht gesehen hatte! Jetzt treffen wir uns ab und an auf einen Umtrunk in der Düsseldorfer Altstadt.

Sind die Fanszenen heute auch noch so vereinsübergreifend miteinander freundschaftlich vernetzt?
Ich glaube, nicht mehr auf dem Niveau wie noch vor 20 oder 30 Jahren. Die Szenen sind viel größer geworden und auch viel fixierter auf den eigenen Klub. Wir sind früher auch gerne mal nach Berlin gefahren, Hertha gucken und bei alten Freunden pennen. Oder Nürnberg! Da war ich ziemlich häufig – bis die irgendwann mit den Blauen befreundet waren, danach wurden meine Besuche doch deutlich seltener...Da fällt mir ein: Einer der Nürnberger von damals soll erst kürzlich wieder in der Heimat aufgetaucht sein – der war nach Kanada ausgewandert, Gold suchen! Jetzt ist er wieder da. Ohne Gold! (lacht). Das ist ja auch das Schöne an der ganzen Sache: Beim Fußball lernst du die verrücktesten Typen kennen.

Zum Beispiel?
Hm, das ist schwierig, jetzt nicht die besten Gestalten zu vergessen... von Monkewitz fällt mir ein, ein echter Graf und natürlich BVB-Fan. Der war von oben bis unten zutätowiert, stammte aber tatsächlich aus altem Landadel. Mit dem waren wir mal zum Auswärtsspiel in Stuttgart, einer aus unserer Gruppe hatte dort ein Mädchen, die ließ uns im Haus ihrer Eltern übernachten. Am nächsten Morgen sitzt Monkewitz nur in Unterhose am Frühstückstisch und kaut an seinem Brötchen, als die Mutter in die Küche kommt und sagt: »So können sie hier aber nicht rumsitzen, wir haben einen echten Graf zu Gast!« Und er so: »Dat macht nix, dat bin ich selba!« Ein irrer Typ. Hat sich leider erst neulich aufgehängt...

Wie viele Liebesbeziehungen zwischen Fußballfans hast Du miterlebt, hast Du miterleben müssen?
Viele! Ich war auch Zeuge einiger Anfänge späterer Ehen. Für die schönste Anekdote sorgte ein Kumpel aus Bielefeld, der sich in eine Lauterin verliebte und die dann auch heiratete. Beide waren Beamte und stellten einen Antrag auf Versetzung in die jeweils andere Stadt, in der Hoffnung, das zumindest einer Erfolg haben würde. Am Ende erhielten beide zeitgleich ihre Versetzung, Bielefeld und Kaiserslautern tauschten einfach die Arbeitsplätze...(lacht).

Bruno, Du bist inzwischen 58. Gibt es auch in Bezug auf Fan-Freundschaften einen Generationenkonflikt zwischen euch Alten und den Ultras?
»Konflikt« würde ich das nicht nennen, eher Unterschiede. Unsere Ultras sind beispielsweise heutzutage mit den Kölnern befreundet, das wäre früher niemals möglich gewesen! Aber das ist auch wohl eher eine Zweckgemeinschaft: Köln gegen Gladbach, Dortmund gegen Blauen – da hilft man sich gegenseitig. Mein Ding ist das nicht. Köln gefällt mir nicht, das Bier ist kein Bier und schmeckt scheiße – ich fahre hin, gucke Fußball und hau wieder ab.

Diese junge Generation ist allerdings dafür verantwortlich, dass sich in Berlin Fans aus ganz Deutschland mit Funktionären und Vereinsvertretern treffen, um über die Probleme in den Kurven zu diskutieren. Gleichzeitig werden Fan-Freundschaften immer seltener. Ist das nicht ein Widerspruch an sich?
Die Fanszene ist professioneller geworden, auch organisierter. Dass sich Fanvertreter zu Konferenzen treffen, ist zwar lobenswert, aber eine ganz andere Geschichte.

Bruno, Königsfrage zum Thema Freundschaften unter Fußballfans: Pflegst Du als Dortmunder auch Kontakte zu Mitmenschen, die eher auf königsblau stehen?
Ich komme aus einer Gegend, da war man entweder für Borussia oder für die Blauen. Was anderes gab es nicht. Deshalb war es leider unvermeidbar in meinem Leben, dass heute auch ein paar Blaue zu meinen Bekannten zählen. Aber da verbindet uns wirklich nur die gemeinsame Herkunft, nicht der Fußball. Ich wiederhole: nicht der Fußball!

Das bedeutet: Mit Schalkern hast Du nur negative Erfahrungen gemacht?
Na gut, eine Ausnahme. Aber da ist 11FREUNDE dran schuld!

Wieso?
Seit dem Interview in eurem Fan-Spezial wurde ich schon von Hunderten wildfremden Fans angesprochen, ob ich nicht der Typ aus 11FREUNDE sei. Beim letzten Derby, wo es ja auch richtig gekracht hat, springt plötzlich ein Blauer auf mich zu. Ich denke: Der will mir ans Leder und hebe schon die Fäuste. Da ruft der: »DICH kenne aus 11FREUNDE! Geiles Interview!«

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