Bundesverdienstkreuz für Benjamin Adrion

Am Anfang war Kuba

Am Montag wurde Benjamin Adrion mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Im Interview spricht der Ex-Profi über Entwicklungshilfe, Fußball in Afrika und warum er so früh seine aktive Karriere beenden musste. Bundesverdienstkreuz für Benjamin Adrion

Glückwunsch, Herr Adrion. Ihr Projekt »Viva con Agua« verfolgt das Ziel, in Entwicklungsländern die Wasserversorgung zu verbessern. Lange Jahre spielten Sie zuvor beim FC St. Pauli. Waren Sie dort auch eher der Wasserträger?

Erstmal Danke. Wasserträger? Zum Ende meiner Karriere St. Pauli spielte ich zentral im Mittelfeld vor der Abwehr. Ich war schon eher der mannschaftsdienliche Spieler und nicht die Diva hinter den Spitzen. Später kamen dann die Verletzungen. Und vor zwei Jahren musste ich meine aktive Laufbahn beenden.

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Sie sind mit 28 Jahren im besten Fußball-Alter. Juckt es nicht noch in den Beinen?

Mehr zum Spaß habe ich kürzlich erst wieder ein paar Trainingseinheiten mit der zweiten Mannschaft von St. Pauli gemacht. Da merkte ich schon, dass ich von diesem leistungsorientierten Training weg bin. Zwei Jahre sind eine lange Zeit. Danach benötigt man unheimlich viel Arbeit, um wieder zurückzukommen.

Wie verlief ihre Karriere bis zur Verletzung?

Ich habe mit zwölf Jahren beim VfB Stuttgart schon sehr früh leistungsorientiert gespielt. Mit 15 war ich Nationalspieler. Später in der U 19 beim VfB verspürte ich allerdings den Drang aufzuhören, erst nach einer kurzen Pause ließ ich mich überreden weiterzumachen. Ich war auch durchaus erfolgreich, war Stammspieler bei VfB II, spielte mit Hleb und Amanatidis zusammen, wir wurden Zweiter in der Regionalliga Süd. Dann folgten drei Jahre Profivertrag beim VfB. Später bei St. Pauli bekam ich chronische Achillessehnenprobleme, mein Körper wollte einfach nicht mehr. Mit 25 war dann Schluss.

Und als das Karriereende abzusehen war, starteten Sie ihr Projekt »Viva con Agua«?

Nicht ganz. Bereits als Aktiver kam ich auf die Idee. Anstoß war ein Trainingslager auf Kuba mit dem FC St. Pauli. Und als ich zurückkam, da wuchs der Gedanke in mir. Ich dachte mir: Was kannst du aufbauen mit Hilfe des Vereins, der Presse, mit den Netzwerken eines ganzen Stadtteils im Rücken. Die Zeichen standen günstig. Das erste Ziel war zunächst die Wasserversorgung auf Kuba zu verbessern. Dass das Ganze dann so eine Dynamik annehmen würde, war damals noch nicht abzusehen.

Wie war das genau vor Ort auf Kuba? Sind Sie abseits der Trainingseinheiten durch das Land gezogen und haben die Zustände erlebt?

Nein, so war es nicht. Es gab jetzt keine konkrete Situation, wo mir die Schuppen von den Augen gefallen wären. Da ich aber vorher schon einige Wochen auf Jamaika war, und nach kurzem Aufenthalt in Deutschland das Trainingslager auf Kuba losging, wurde mir der Kontrast sehr deutlich vor Augen geführt. Was dann dazu geführt hat, etwas auf die Beine zu stellen. In dieser Zeit entstand die Idee, meinen Vertrag bei St. Pauli zu verlängern und nebenbei ein soziales Projekt zu entwickeln.

Warum haben Sie Ihr soziales Engagement nicht mit Fußball verbunden, etwa mit einer Fußballschule?

Das hat sich aufgrund der Recherche ergeben, durch die ich auf ein Wasserprojekt der Welthungerhilfe gestoßen bin. Die hatten bereits ein Projekt mit Kindergärten auf Kuba gemacht und das war dann sozusagen mein Einstieg. Im Nachhinein stellte sich schnell raus, dass Wasserprojekte relativ nachhaltig und kontrollierbar verwirklicht werden können. Später bin ich dann noch zweimal nach Kuba, um mich über die Fortschritte dort selbst zu informieren.

Solche Reisen kosten viel Zeit. Wie hat sich das mit Ihrem Leben als Profi vereinbart?

Im zweiten Jahr bei St. Pauli war ich viel verletzt und konnte mich mehr um das Projekt kümmern.Als der Erfolg sichtbar wurde, baute sich schnell ein internationales Netzwerk von Leuten auf, die das Projekt unterstützten. Erst dann gründeten wir den Verein »Viva con Agua«, um die Wasserversorgung dort zu verbessern, wo es noch schlechter ist als auf Kuba. Der Abschied vom Profidasein fiel mir also nicht sonderlich schwer.

Bekannt wurde Ihr Projekt durch Festivals mit der Aktion »Gib Viva Con Agua dein Pfand zurück«. Wäre das Einsammeln von Pfandbechern nicht auch ein Konzept für Bundesligastadien?

Auf jeden Fall! Auf St. Pauli gibt es aber noch kein Pfandsystem. Wir haben ein Konzept geschrieben für das Stadion von Werder Bremen – »Werder für Wasser«.  Daraufhin hat Hannover 96 in seiner Fankurve die Aktion gestartet: »Gib uns dein Pfand für sauberes Trinkwasser in Kenia.«

Freut Sie das, das andere Bundesligisten Ihre Idee aufnehmen?

Ich sehe das neutral. Man muss mal sehen, wie lange die das machen. Hannover macht das mit einer anderen Hilfsorganisation. Die Frage ist: Würde 96 auch mit »Viva con Agua« zusammenarbeiten, obwohl dort eine Nähe zum FC St. Pauli besteht? Es ist noch nicht ganz klar, wie andere Fußballvereine auf diesen Hintergrund der Entstehungsgeschichte reagieren.

Wie werden denn die Projekte ausgewählt, was passiert da konkret?

Zu Beginn lief vieles in Zusammenarbeit mit der Welthungerhilfe ab. Die kann durch ihr breites Netzwerk auch dauerhaft sicherstellen, dass unsere Projekte nachhaltig und langfristig gefördert werden und die Mittel nicht einfach in dunkle Kanäle versickern. Natürlich muss alles auch vor unserem kritischen Auge standhalten. Sonst bräuchten wir es nicht zu tun.

Wo engagiert sich der Verein besonders?

Es gibt beispielsweise einige Projekte in Äthiopien, die uns sehr am Herzen liegen. Dort muss man teilweise 80 Meter durch Granit bohren, um an Wasser zu kommen. Das technische Gerät und das Know-how dafür fehlt den Leuten vor Ort. Wir stellen die Rahmenbedingungen, leiten die Bevölkerung an, zeigen ihnen wie die Anlagen funktionieren, damit sie selbst für die Instandhaltung sorgen können. Wir beraten uns natürlich weiterhin mit der Welthungerhilfe, aber wir entscheiden weiterhin selbstständig. Momentan haben wir uns mit Kenia, Burundi und Ruanda einen ostafrikanischen Schwerpunkt gesetzt.

Spielen Sie eigentlich auch Fußball mit den Menschen vor Ort?

Gekickt wird immer. Bei unserer ersten Reise nach Äthiopien hatten wir sogar ein Training mit der Nationalmannschaft. Eine außergewöhnliche Erfahrung war Togo, die sich ja auch für die WM 2006 qualifizieren konnten. Eine Sensation, wenn man bedenkt, dass es sich hier wirklich um ein ganz kleines Land Westafrikas handelt. Dort kann man nicht baden, weil das Wasser zu verschmutzt ist. Man spielt Fußball am Strand, auf große Tore und großem Feld, elf gegen elf über 90 Minuten ohne Pause. Nach fünf Minuten war ich bereits völlig am Ende. Da gibt es dann lokale Spieler, die halten das ohne Probleme durch, machen noch Tricks und Alleingänge auf diesem Boden. Das war schon Wahnsinn. In Deutschland kann man ein solches Krafttraining gar nicht machen.

Planen Sie auch Projekte im Zuge der WM 2010 in Südafrika?

Es gibt ein kleines Projekt in Südafrika mit ein paar Wassermanagement-Studenten aus Lüneburg, die dort selbstständig ein halbes Jahr vor Ort sind und mit denen wir auch zusammenarbeiten. Ansonsten werden sich noch viele Organisationen auf Südafrika stürzen. Es gibt zwar ein paar Möglichkeiten, ein größeres Projekt werden wir aber wohl nicht starten. Wir haben aber durchaus gute Kontakte nach Südafrika in Kunst und Kultur. Eine lustige Anekdote: Wir trafen eines Tages den Chef des größten südafrikanischen Sportsenders »Supersport« in Johannesburg. Der hat uns erzählt, er sei großer Fan vom FC St. Pauli. Keine Ahnung wie der dazu kommt.

Glauben Sie, dass die WM dem ganzen Kontinent helfen kann, sich weiter zu entwickeln?

Sicher ist diese zusätzliche Aufmerksamkeit gut. Nichts kann soviel Aufmerksamkeit auf Afrika lenken wie die Fußball-Weltmeisterschaft. Die Vergabe an Südafrika war das Beste, was den Leuten passieren konnte. Und die freuen sich. Das ist doch das Wichtigste. Die FIFA alleine wird Afrika allerdings auch nicht aus der Krise führen. Man kann nur hoffen, dass während des Turniers keine katastrophalen Dinge passieren.

Sie haben viele Länder und Regionen in Afrika gesehen, die von Dürre befallen sind. In Deutschland werden Rasenplätze teilweise vier-, fünfmal am Tag bewässert. Ist das nicht kontrovers?

Schon, aber du kannst das Wasser, was wir hier im Überfluss haben, nicht nach Afrika transportieren. Wir werden in Europa auch in absehbarer Zeit noch keinen Wassermangel haben. Auch in Afrika gibt es genügend Vorkommen, allerdings gibt es eklatante logistische Probleme in der Versorgung. Natürlich ist es gut, Wasser zu sparen und an die Zukunft zu denken. Wir machen diese Projekte ja nicht aufgrund sentimentaler Nächstenliebe, sondern weil wir denken, dass es in diesem Bereich einfach Nachholbedarf gibt. Denn eine Grundversorgung muss gewährleistet sein, damit sich ein Land überhaupt entwickeln kann.

Glauben Sie, dass sich durch die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes auch neue Chancen für »Viva con Agua« ergeben?


Ich denke schon. Wie die dann aussehen, wird man sehen. Vielleicht stößt man auch mal in Kreise vor, die »Viva Con Agua« nicht über Festivals oder Fußball kennen lernen konnten. Sponsoren oder Politiker beispielsweise. Die Wahrnehmung des Preises hilft natürlich dabei, diesen Leuten klar zu machen, dass wir nicht irgendwelchen Quatsch veranstalten. Ich werde allerdings auch nicht mit dem Bundesverdienstkreuz hausieren gehen. Ich stehe ja auch nur stellvertretend für das ganze Projekt. Der Rummel um meine Person war ja ganz lustig, aber irgendwann ist auch wieder gut.

Hand aufs Herz. Wenn Sie nicht diese Verletzungsprobleme gehabt hätten, würden Sie das Bundesverdienstkreuz gegen einen Profivertrag beim FC St. Pauli eintauschen?

Nein, ich glaube nicht. Denn damit hängt ja auch eine persönliche Entwicklung zusammen. Es war eine Art Reifeprozess, dass ich mir selbst die Frage stellte, wie meine Zukunft nach dem Fußball aussieht. Was schließlich darin mündete, dass ich »Viva con Agua« gegründet habe. Bislang läuft es super. Wenn ich damit eines Tages nichts mehr erreiche, würde ich es beenden.

Und reich werden Sie davon ohnehin nicht...

Nein. Aber das ist etwas, was man sich im sozialen Bereich ohnehin abschminken muss. Wenn ich Millionen verdienen wollte, hätte ich was anderes gemacht.

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